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Friedrich Schiller »Das Eleusische Fest« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Schillers Gedicht Das Eleusische Fest ist ein Lobgesang zu Ehren der Göttin Ceres, der Göttin des Ackerbaus. Es erschien im Jahre 1798 im Musenalmanach auf das Jahr 1799 unter dem Titel: Bürgerlied, weil es die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft thematisiert. Seinen jetzigen Namen erhielt das Gedicht erst später.

Was dich hier über das Gedicht »Das Eleusische Fest« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Entstehung und Einordnung
  3. Idee und Inhaltsangabe
  4. Aufbau und sprachliche Mittel

Bei den Kommentaren kannst du auch Fragen stellen.

Text des Gedichts

Das Eleusische1 Fest

 Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
 Flechtet auch blaue Cyanen2 hinein!
 Freude soll jedes Auge verklären,
 Denn die Königin3 ziehet ein,
5Die Bezähmerin wilder Sitten,
 Die den Menschen zum Menschen gesellt
 Und in friedliche feste Hütten
 Wandelte das bewegliche Zelt.

 Scheu in des Gebirges Klüften
10Barg der Troglodyte4 sich,
 Der Nomade ließ die Triften
 Wüste liegen, wo er strich,
 Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen
 Schritt der Jäger durch das Land,
15Weh dem Fremdling, den die Wogen
 Warfen an den Unglücksstrand5!

 Und auf ihrem Pfad begrüßte,
 Irrend nach des Kindes Spur,
 Ceres die verlaßne Küste,
20Ach, da grünte keine Flur!
 Daß sie hier vertraulich weile,
 Ist kein Obdach ihr gewährt,
 Keines Tempels heitre Säule
 Zeuget, daß man Götter ehrt.

25Keine Frucht der süßen Ähren
 Lädt zum reinen Mahl sie ein,
 Nur auf gräßlichen Altären
 Dorret menschliches Gebein.
 Ja, so weit sie wandernd kreiste,
30Fand sie Elend überall,
 Und in ihrem großen Geiste
 Jammert sie des Menschen Fall.

 »Find ich so den Menschen wieder,
 Dem wir unser Bild geliehn6,
35Dessen schöngestalte Glieder
 Droben im Olympus blühn?
 Gaben wir ihm zum Besitze
 Nicht der Erde Götterschoß,
 Und auf seinem Königsitze
40Schweift er elend, heimatlos?

 Fühlt kein Gott mit ihm Erbarmen,
 Keiner aus der Selgen Chor7
 Hebet ihn mit Wunderarmen
 Aus der tiefen Schmach empor?
45In des Himmels selgen Höhen
 Rühret sie nicht fremder Schmerz,
 Doch der Menschheit Angst und Wehen
 Fühlet mein gequältes Herz.

 Daß der Mensch zum Menschen werde,
50Stift er einen ewgen Bund
 Gläubig mit der frommen Erde,
 Seinem mütterlichen Grund,
 Ehre das Gesetz der Zeiten
 Und der Monde heilgen Gang,
55Welche still gemessen schreiten
 Im melodischen Gesang8

 Und den Nebel teilt sie leise,
 Der den Blicken sie verhüllt,
 Plötzlich in der Wilden Kreise
60Steht sie da, ein Götterbild.
 Schwelgend bei dem Siegesmahle
 Findet sie die rohe Schar,
 Und die blutgefüllte Schale
 Bringt man ihr zum Opfer dar.

65Aber schaudernd, mit Entsetzen
 Wendet sie sich weg und spricht:
 »Blutge Tigermahle netzen
 Eines Gottes Lippen nicht.
 Reine Opfer will er haben,
70Früchte, die der Herbst beschert,
 Mit des Feldes frommen Gaben
 Wird der Heilige verehrt.«

 Und sie nimmt die Wucht des Speeres
 Aus des Jägers rauher Hand,
75Mit dem Schaft des Mordgewehres
 Furchet sie den leichten Sand,
 Nimmt von ihres Kranzes Spitze
 Einen Kern, mit Kraft gefüllt,
 Senkt ihn in die zarte Ritze,
80Und der Trieb des Keimes schwillt.

 Und mit grünen Halmen schmücket
 Sich der Boden alsobald,
 Und so weit das Auge blicket,
 Wogt es wie ein goldner Wald.
85Lächelnd segnet sie die Erde,
 Flicht der ersten Garbe Bund,
 Wählt den Feldstein sich zum Herde,
 Und es spricht der Göttin Mund:

 »Vater Zeus, der über alle
90Götter herrscht in Äthers Höhn9!
 Daß dies Opfer dir gefalle,
 Laß ein Zeichen jetzt geschehn!
 Und dem unglückselgen Volke,
 Das dich, Hoher, noch nicht nennt,
95Nimm hinweg des Auges Wolke,
 Daß es seinen Gott erkennt!«

 Und es hört der Schwester Flehen
 Zeus auf seinem hohen Sitz,
 Donnernd aus den blauen Höhen
100Wirft er den gezackten Blitz.
 Prasselnd fängt es an zu lohen,
 Hebt sich wirbelnd vom Altar,
 Und darüber schwebt in hohen
 Kreisen sein geschwinder Aar10.

105Und gerührt zu der Herrscherin Füßen
 Stürzt sich der Menge freudig Gewühl,
 Und die rohen Seelen zerfließen
 In der Menschlichkeit erstem Gefühl,
 Werfen von sich die blutige Wehre,
110Öffnen den düstergebundenen Sinn
 Und empfangen die göttliche Lehre
 Aus dem Munde der Königin.

 Und von ihren Thronen steigen
 Alle Himmlischen herab,
115Themis11 selber führt den Reigen,
 Und mit dem gerechten Stab
 Mißt sie jedem seine Rechte,
 Setzet selbst der Grenze Stein,
 Und des Styx verborgne Mächte12
120Ladet sie zu Zeugen ein.

 Und es kommt der Gott der Esse13,
 Zeus‘ erfindungsreicher Sohn,
 Bildner künstlicher Gefäße,
 Hochgelehrt in Erzt und Ton.
125Und er lehrt die Kunst der Zange
 Und der Blasebälge Zug,
 Unter seines Hammers Zwange
 Bildet sich zuerst der Pflug.

 Und Minerva14, hoch vor allen
130Ragend mit gewichtgem Speer,
 Läßt die Stimme mächtig schallen
 Und gebeut dem Götterheer.
 Feste Mauren will sie gründen,
 Jedem Schutz und Schirm zu sein,
135Die zerstreute Welt zu binden
 In vertraulichem Verein.

 Und sie lenkt die Herrscherschritte
 Durch des Feldes weiten Plan15,
 Und an ihres Fußes Tritte
140Heftet sich der Grenzgott16 an,
 Messend führet sie die Kette
 Um des Hügels grünen Saum,
 Auch des wilden Stromes Bette
 Schließt sie in den heilgen Raum.

145Alle Nymphen, Oreaden17,
 Die der schnellen Artemis18
 Folgen auf des Berges Pfaden,
 Schwingend ihren Jägerspieß,
 Alle kommen, alle legen
150Hände an, der Jubel schallt,
 Und von ihrer Äxte Schlägen
 Krachend stürzt der Fichtenwald.

 Auch aus seiner grünen Welle
 Steigt der schilfbekränzte Gott,
155Wälzt den schweren Floß zur Stelle
 Auf der Göttin Machtgebot,
 Und die leichtgeschürzten Stunden19
 Fliegen ans Geschäft, gewandt,
 Und die rauhen Stämme runden
160Zierlich sich in ihrer Hand.

 Auch den Meergott20 sieht man eilen,
 Rasch mit des Tridentes21 Stoß
 Bricht er die granitnen Säulen
 Aus dem Erdgerippe los,
165Schwingt sie in gewaltgen Händen
 Hoch wie einen leichten Ball,
 Und mit Hermes22, dem behenden,
 Türmet er der Mauren Wall.

 Aber aus den goldnen Saiten
170Lockt Apoll23 die Harmonie
 Und das holde Maß der Zeiten
 Und die Macht der Melodie.
 Mit neunstimmigem Gesange
 Fallen die Kamönen24 ein,
175Leise nach des Liedes Klange
 Füget sich der Stein zum Stein25.

 Und der Tore weite Flügel
 Setzet mit erfahrner Hand
 Cybele26 und fügt die Riegel
180Und der Schlösser festes Band.
 Schnell durch rasche Götterhände
 Ist der Wunderbau vollbracht,
 Und der Tempel heitre Wände
 Glänzen schon in Festespracht.

185Und mit einem Kranz von Myrten
 Naht die Götterkönigin27,
 Und sie führt den schönsten Hirten
 Zu der schönsten Hirtin hin.
 Venus28 mit dem holden Knaben29
190Schmücket selbst das erste Paar,
 Alle Götter bringen Gaben
 Segnend den Vermählten dar.

 Und die neuen Bürger ziehen,
 Von der Götter selgem Chor
195Eingeführt, mit Harmonien
 In das gastlich offne Tor,
 Und das Priesteramt verwaltet
 Ceres am Altar des Zeus,
 Segnend ihre Hand gefaltet
200Spricht sie zu des Volkes Kreis:

 »Freiheit liebt das Tier der Wüste,
 Frei im Äther herrscht der Gott,
 Ihrer Brust gewaltge Lüste
 Zähmet das Naturgebot;
205Doch der Mensch, in ihrer Mitte,
 Soll sich an den Menschen reihn,
 Und allein durch seine Sitte
 Kann er frei und mächtig sein.«

 Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
210Flechtet auch blaue Cyanen hinein!
 Freude soll jedes Auge verklären,
 Denn die Königin ziehet ein,
 Die uns die süße Heimat gegeben,
 Die den Menschen zum Menschen gesellt,
215Unser Gesang soll sie festlich erheben,
 Die beglückende Mutter der Welt.

Dieser Beitrag besteht aus 4 Seiten:

Friedrich Schiller »Das Glück« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

In seinem Gedicht Das Glück (1798) feiert Friedrich Schiller die Herrlichkeit des Glücks als ein Geschenk der Götter. Für seine Darstellung bedient sich Schiller fast ausschließlich bei mythologischen Bildern.

Was dich hier über das Gedicht »Das Glück« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Entstehung des Gedichtes
  3. Idee und Inhalt
  4. Sprachliche Mittel

Bei den Kommentaren kannst du auch Fragen stellen.

Text des Gedichts

Das Glück

 Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
 Liebten, welchen als Kind Venus1 im Arme gewiegt,
 Welchem Phöbus2 die Augen, die Lippen Hermes3 gelöset,
 Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!
5Ein erhabenes Los, ein göttliches, ist ihm gefallen,
 Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt.
 Ihm ist, eh er es lebte, das volle Leben gerechnet,
 Eh er die Mühe bestand, hat er die Charis4 erlangt.
 Groß zwar nenn ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer,
10Durch der Tugend Gewalt selber die Parze5 bezwingt,
 Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis
 Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Mut.
 Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren,
 Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab.
15Wie die Geliebte dich liebt, so kommen die himmlischen Gaben,
 Oben in Jupiters Reich herrscht wie in Amors6 die Gunst.
 Neigungen haben die Götter, sie lieben der grünenden Jugend
 Lockigte Scheitel, es zieht Freude die Fröhlichen an.
 Nicht der Sehende wird von ihrer Erscheinung beseligt,
20Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut;
 Gern erwählen sie sich der Einfalt kindliche Seele,
 In das bescheidne Gefäß schließen sie Göttliches ein.
 Ungehofft sind sie da und täuschen die stolze Erwartung,
 Keines Bannes Gewalt zwinget die Freien herab.
25Wem er geneigt, dem sendet der Vater der Menschen und Götter7
 Seinen Adler8 herab, trägt ihn zu himmlischen Höhn,
 Unter die Menge greift er mit Eigenwillen, und welches
 Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand
 Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde;
30Krönte doch selber den Gott nur das gewogene Glück.
 Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger9,
 Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott.
 Vor ihm ebnet Poseidon10 das Meer, sanft gleitet des Schiffes
 Kiel, das den Cäsar führt und sein allmächtiges Glück.
35Ihm zu Füßen legt sich der Leu, das brausende Delphin
 Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Rücken ihm an.
 Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter
 Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt.
 Ihn, den die lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid ich,
40Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick.
 War er weniger herrlich, Achilles11, weil ihm Hephästos12
 Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert,
 Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget?
 Das verherrlichet ihn, daß ihn die Götter geliebt,
45Daß sie sein Zürnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben,
 Hellas‘ bestes Geschlecht stürzten zum Orkus13 hinab.
 Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos
 Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk,
 Laß sie die Glückliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,
50Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.
 Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt,
 Daß der Sänger dir singt, was ihn die Muse gelehrt,
 Weil der Gott ihn beseelt, so wird er dem Hörer zum Gotte,
 Weil er der Glückliche ist, kannst du der Selige sein.
55Auf dem geschäftigen Markt, da führe Themis14 die Wage,
 Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab;
 Aber die Freude ruft nur ein Gott auf sterbliche Wangen,
 Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter zu sehn.
 Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen,
60Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit,
 Aber das Glückliche siehest du nicht, das Schöne nicht werden,
 Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet vor dir.
 Jede irdische Venus ersteht wie die erste des Himmels,
 Eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer;
65Wie die erste Minerva15, so tritt mit der Ägis16 gerüstet
 Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.

Dieser Beitrag besteht aus 3 Seiten:

Friedrich Schiller »Licht und Wärme« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Licht und Wärme (1797) gehört zu den kleineren Gedichten Schillers, das seiner klassischen Schaffensperiode zuzuordnen ist. Hier äußert er den Gedanken, dass der nach Wahrheit strebende Mensch den Blick für das Leben nicht verlieren soll.

Text des Gedichts

Licht und Wärme

 Der beßre Mensch tritt in die Welt
 Mit fröhlichem Vertrauen,
 Er glaubt, was ihm die Seele schwellt,
 Auch außer sich zu schauen,
5Und weiht, von edlem Eifer warm,
 Der Wahrheit seinen treuen Arm.

 Doch alles ist so klein, so eng,
 Hat er es erst erfahren,
 Da sucht er in dem Weltgedräng
10Sich selbst nur zu bewahren,
 Das Herz in kalter stolzer Ruh
 Schließt endlich sich der Liebe zu.

 Sie geben, ach! nicht immer Glut,
 Der Wahrheit helle Strahlen.
15Wohl denen, die des Wissens Gut
 Nicht mit dem Herzen zahlen!
 Drum paart, zu eurem schönsten Glück,
 Mit Schwärmers Ernst des Weltmanns Blick.

Idee und Inhalt

Den Inhalt des Gedichtes bildet die Ausführung des Wunsches, dass der Mensch durch die klare Erkenntnis der die Welt beherrschenden niedrigen Leidenschaften sich nicht abhalten lässt, mit Eifer für die Menschen zu wirken: Wie es in der auffallenden sinnbildlichen Überschrift heißt, besitzen sie Licht und Wärme. Körner hatte einmal an Schiller geschrieben, Licht und Wärme sei das höchste Ideal der Menschen. Beides möglichst im Gleichgewicht zu halten sei der vollkommenste Zustand, ein würdiges Ziel unserer Bestrebungen.

In seiner Rezension der Bürgerschen Gedichte warnte Schiller davor, „über dem Fleiß des Forschens den Preis seiner Anstrengungen zu verlieren“, d.h. über der Wahrheit das Leben. Die Kunst kann dies abwenden, die die Wahrheit in Begleitung von »Licht« und »Wärme« zu vermitteln vermag. Die Strophen 1 und 2 stehen als These und Antithese gegenüber. Strophe 3 verbindet synthetisch beide Gedanken miteinander.

Zusammenfassung

Strophe 1: Wir treten in die Welt mit dem edelsten Eifer, dass Gute zu fördern.
Strophe 2: Aber wenn der Mensch die Niedrigkeit der Welt erkannt hat, wird sein Herz gegen die Menschen kalt.
Strophe 3: Möge die Einsicht doch mit warmem Eifer sich verbinden!

Entstehung

Das Gedicht entstand vermutlich im Frühjahr 1797 und gehört zu den an Spener am 27. April 1797 gesendete „Kleinigkeiten“. Die „Kleinigkeit“ wurde erstmals im Musenalmanach auf das Jahr 1798 veröffentlicht. Körner bemerkte, das Gedicht gehöre zu der Gattung, die mehr rednerisch als poetisch sei. Er tadelte die zu vielen Konsonanten des Schlussverses, erkannte aber die großen Schwierigkeiten an, die besonders ein deutscher Dichter hier zu überwinden habe. Dem ganzen Gedicht fehlt es nach Ansicht Körners an lebendiger Frische und treffender Klarheit des Ausdrucks.

Versmaß und Reimform

Die Verse von »Licht und Wärme« sind rein jambischer Natur. Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je sechs Versen. Der 1. und der 3. Vers jeder Strophe hat jeweils drei Hebungen, die anderen Verse haben vier Hebungen. Die ersten vier Verse reimen als Kreuzreime, die letzten beiden Verse sind ein Paarreim. Das Reimschema ist zusammengefasst: a-b-a-b-c-c. Die Verse der Reime a und c enden männlich (stumpf). Die Verse von Reim b enden weiblich (klingend).

Friedrich Schiller »Breite und Tiefe« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Breite und Tiefe (1797) gehört zu den kleinen Gedichten Schillers, der hierhin den Gegensatz von theoretischer Erkenntnis und praktischem Handeln beschreibt.

Text des Gedichts

Breite und Tiefe

 Es glänzen viele in der Welt,
 Sie wissen von allem zu sagen,
 Und wo was reizet und wo was gefällt,
 Man kann es bei ihnen erfragen,
5Man dächte, hört man sie reden laut,
 Sie hätten wirklich erobert die Braut.

 Doch gehn sie aus der Welt ganz still,
 Ihr Leben war verloren.
 Wer etwas Treffliches leisten will,
10Hätt gern was Großes geboren,
 Der sammle still und unerschlafft
 Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

 Der Stamm erhebt sich in die Luft
 Mit üppig prangenden Zweigen,
15Die Blätter glänzen und hauchen Duft,
 Doch können sie Früchte nicht zeugen,
 Der Kern allein im schmalen Raum
 Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum.

Idee und Inhalt

Das Gedicht befasst sich mit dem praktischen Handeln des Menschen, auf sein „Leisten“. Anders als der theoretischen Erkenntnis der Welt fordert das praktische Handeln die Konzentration auf den kleinsten Punkt. Praktisches Handeln geht also in die Tiefe(, während der theoretischen Erkenntnis eine breite Betrachtung vorausgeht).

Zusammenfassung

Strophe 1: Viele machen sich durch vielseitige Kenntnis im Leben einen glänzenden Namen.

Strophe 2: Aber ihr Name schwindet mit ihnen, wogegen, wer etwas Tüchtiges schaffen will, seine Kraft auf einen Kernpunkt sammeln muss.

Strophe 3: Der kleine Kern, aus dem der ganze Baum sich entwickelt, ist ein Bild einer auf diese Weise zu gewinnenden mächtigen Wirkung.

Entstehung

Schillers Gedicht „Breite und Tiefe“ entstand vermutlich in den Tagen vor dem 27. April 1797, an dem er einige „Kleinigkeiten“ an Spener schickte. Erstmals veröffentlicht wurde es im Musenalmanach auf das Jahr 1798. Körner bezeichnet das Gedicht etwas sonderbar als eine Fabel und bezieht sich hierbei auf die Allegorie in Strophe 3, die ihre Moral in den vorangehenden Strophen vorausschickt. Die Kritik Körners richtet sich auf das seiner Meinung nach verfehlte Bild in Strophe 3: „Ohne Stamm und Blätter gab es doch noch weder Kern noch Früchte“, schrieb dieser. Wenn Schiller den Baumstamm mit Zweigen und Blättern erwähnt, so musste er bemerken, dass diese, wie stattlich sie auch sich erheben, nicht da sein würden ohne den kleinen im Boden verborgenen Kern, worin der ganze Baum verschollen ruht. Die Erwägung, „doch können sie Früchte nicht zeugen“, passt aber nicht. Sie soll einen Gegensatz zur Schönheit der Blätter bilden. Aber wird bei ihnen auf das Nichttragen von Früchten Gewicht gelegt, so kann man ja doch von den Zweigen des Stammes wohl sagen, dass sie immer wenn auch nur mittelbar, Früchte zeugen.

Versmaß und Reimform

Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils sechs Versen. Die Verse sind jambischer Natur. Anapäste ersetzen mitunter die Jamben. Die ersten vier Verse reimen als Kreuzreim, die beiden letzten Verse bilden einen Paarreim. Das gesamte Reimschema sieht also wie folgt aus: a-b-a-b-c-c. Die Reime a und c sind männlich (stumpf) reimende Verse, enden auf eine betonte Silbe. Die Verse von Reim b sind weiblicher (klingender) Natur, sie enden auf eine unbetonte Silbe.

Friedrich Schiller »Ritter Toggenburg« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Die Ballade vom Ritter Toggenburg gehört zu Schillers lyrisch-idyllischen Werken, wodurch sie sich auch von seinen anderen Balladen unterscheidet. Ende Juli 1797 vollendet stellt er hierin die hingebungsvolle, unerfüllte Liebe des Toggenburgs zu seiner Geliebten dar, für er sein weltliches Leben hinter sich lässt.

Was dich hier über die Ballade »Ritter Toggenburg« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Entstehung und Quellen des Gedichtes
  3. Idee, Inhaltsangabe und Aufbau
  4. Sprachliche Mittel

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Text der Ballade

Ritter Toggenburg

 »Ritter, treue Schwesterliebe
 Widmet Euch dies Herz,
 Fodert keine andre Liebe,
 Denn es macht mir Schmerz.
5Ruhig mag ich Euch erscheinen,
 Ruhig gehen sehn.
 Eurer Augen stilles Weinen
 Kann ich nicht verstehn.«

 Und er hörts mit stummem Harme,
10Reißt sich blutend los,
 Preßt sie heftig in die Arme,
 Schwingt sich auf sein Roß,
 Schickt zu seinen Mannen allen
 In dem Lande Schweiz1,
15Nach dem Heilgen Grab sie wallen,
 Auf der Brust das Kreuz.

 Große Taten dort geschehen
 Durch der Helden Arm,
 Ihres Helmes Büsche wehen
20In der Feinde Schwarm,
 Und des Toggenburgers Name
 Schreckt den Muselmann2,
 Doch das Herz von seinem Grame
 Nicht genesen kann.

25Und ein Jahr hat ers getragen,
 Trägts nicht länger mehr,
 Ruhe kann er nicht erjagen
 Und verläßt das Heer,
 Sieht ein Schiff an Joppes3 Strande,
30Das die Segel bläht,
 Schiffet heim zum teuren Lande,
 Wo ihr Atem weht.

 Und an ihres Schlosses Pforte
 Klopft der Pilger an,
35Ach! und mit dem Donnerworte
 Wird sie aufgetan:
 »Die Ihr suchet, trägt den Schleier,
 Ist des Himmels Braut,
 Gestern war des Tages Feier,
40Der sie Gott getraut.«

 Da verlässet er auf immer
 Seiner Väter Schloß,
 Seine Waffen sieht er nimmer,
 Noch sein treues Roß,
45Von der Toggenburg hernieder
 Steigt er unbekannt,
 Denn es deckt die edeln Glieder
 Härenes Gewand4.

 Und erbaut sich eine Hütte
50Jener Gegend nah,
 Wo das Kloster aus der Mitte
 Düstrer Linden sah;
 Harrend von des Morgens Lichte
 Bis zu Abends Schein,
55Stille Hoffnung im Gesichte,
 Saß er da allein.

 Blickte nach dem Kloster drüben,
 Blickte stundenlang
 Nach dem Fenster seiner Lieben,
60Bis das Fenster klang,
 Bis die Liebliche sich zeigte,
 Bis das teure Bild
 Sich ins Tal herunterneigte
 Ruhig, engelmild.

65Und dann legt‘ er froh sich nieder,
 Schlief getröstet ein,
 Still sich freuend, wenn es wieder
 Morgen würde sein.
 Und so saß er viele Tage,
70Saß viel Jahre lang,
 Harrend ohne Schmerz und Klage,
 Bis das Fenster klang.

 Bis die Liebliche sich zeigte,
 Bis das teure Bild
75Sich ins Tal herunterneigte,
 Ruhig, engelmild.
 Und so saß er, eine Leiche,
 Eines Morgens da,
 Nach dem Fenster noch das bleiche,
80Stille Antlitz sah.

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Friedrich Schiller »Nänie« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Friedrich Schillers Gedicht Nänie behandelt den Tod des Schönen in der Wirklichkeit, das in idealisierter Form in der Kunst weiterlebt. Es gehört zu den schönsten deutschen Gedichten. Nach Schillers eigener Angabe hat er Nänie wahrscheinlich 1799 Anfang Oktober gedichtet. Es erschien aber erst im August 1800 im ersten Teil der gesammelten Gedichte Schillers. Scheinbar hatte es weder von ihm selbst, noch von seinen Freunden und Bekannten eine besondere Wertschätzung erhalten.

Was dich hier über das Gedicht »Nänie« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Inhalt und Interpretation
  3. Aufbau und sprachliche Mittel

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Text des Gedichtes

Nänie1

 Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
 Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus2.
 Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher3,
 Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
5Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben4 die Wunde,
 Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
 Nicht errettet den göttlichen Held5 die unsterbliche Mutter,
 Wann er, am skäischen Tor6 fallend, sein Schicksal erfüllt.
 Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus7,
10Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
 Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
 Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
 Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
 Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus8 hinab.

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Friedrich Schiller »Die Kraniche des Ibykus« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Friedrich Schillers Ballade Die Kraniche des Ibykus ist ein Paradebeispiel für Schillers Gedankenlyrik. 1797 gedichtet, stellt sie die scheinbar übernatürliche Macht der Poesie und ihre Wirkung auf den Menschen in den Mittelpunkt. Der Dichter Ibykus, der auf seinem Weg nach Korinth heimtückisch ermordet wird, trägt den über ihn hinziehenden Kranichen die Sühnung seines Todes auf. Die Rache erfüllt sich im Theater, wo sich die Mörder durch das wundersame Erscheinen der Kraniche selbst verraten.

Text der Ballade

Die Kraniche des Ibykus

 Zum Kampf der Wagen und Gesänge1,
 Der auf Korinthus‘ Landesenge2
 Der Griechen Stämme froh vereint,
 Zog Ibykus, der Götterfreund.
5Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
 Der Lieder süßen Mund Apoll3,
 So wandert‘ er, an leichtem Stabe,
 Aus Rhegium4, des Gottes voll.

 Schon winkt auf hohem Bergesrücken
10Akrokorinth5 des Wandrers Blicken,
 Und in Poseidons Fichtenhain6
 Tritt er mit frommem Schauder ein.
 Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
 Von Kranichen begleiten ihn,
15Die fernhin nach des Südens Wärme
 In graulichtem Geschwader ziehn.

 »Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
 Die mir zur See Begleiter waren,
 Zum guten Zeichen nehm ich euch,
20Mein Los, es ist dem euren gleich.
 Von fernher kommen wir gezogen
 Und flehen um ein wirtlich Dach.
 Sei uns der Gastliche7 gewogen,
 Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!«

25Und munter fördert er die Schritte
 Und sieht sich in des Waldes Mitte,
 Da sperren, auf gedrangem8 Steg,
 Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
 Zum Kampfe muß er sich bereiten,
30Doch bald ermattet sinkt die Hand,
 Sie hat der Leier zarte Saiten,
 Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

 Er ruft die Menschen an, die Götter,
 Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
35Wie weit er auch die Stimme schickt,
 Nichts Lebendes wird hier erblickt.
 »So muß ich hier verlassen sterben,
 Auf fremdem Boden, unbeweint,
 Durch böser Buben Hand verderben,
40Wo auch kein Rächer mir erscheint!«

 Und schwer getroffen sinkt er nieder,
 Da rauscht der Kraniche Gefieder,
 Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
 Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
45»Von euch, ihr Kraniche dort oben!
 Wenn keine andre Stimme spricht,
 Sei meines Mordes Klag erhoben!«
 Er ruft es, und sein Auge bricht.

 Der nackte Leichnam wird gefunden,
50Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
 Erkennt der Gastfreund in Korinth
 Die Züge, die ihm teuer sind.
 »Und muß ich so dich wiederfinden,
 Und hoffte mit der Fichte Kranz9
55Des Sängers Schläfe zu umwinden,
 Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!«

 Und jammernd hörens alle Gäste,
 Versammelt bei Poseidons Feste,
 Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
60Verloren hat ihn jedes Herz.
 Und stürmend drängt sich zum Prytanen10
 Das Volk, es fodert seine Wut,
 Zu rächen des Erschlagnen Manen11,
 Zu sühnen mit des Mörders Blut.

65Doch wo die Spur, die aus der Menge,
 Der Völker flutendem Gedränge,
 Gelocket von der Spiele Pracht,
 Den schwarzen Täter kenntlich macht?
 Sinds Räuber, die ihn feig erschlagen?
70Tats neidisch ein verborgner Feind?
 Nur Helios12 vermags zu sagen,
 Der alles Irdische bescheint.

 Er geht vielleicht mit frechem Schritte
 Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
75Und während ihn die Rache sucht,
 Genießt er seines Frevels Frucht.
 Auf ihres eignen Tempels Schwelle
 Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
 Sich dreist in jene Menschenwelle,
80Die dort sich zum Theater drängt.

 Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
 Es brechen fast der Bühne Stützen13,
 Herbeigeströmt von fern und nah,
 Der Griechen Völker wartend da,
85Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
 Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
 In weiter stets geschweiftem Bogen
 Hinauf bis in des Himmels Blau14.

 Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
90Die gastlich hier zusammenkamen?
 Von Theseus‘ Stadt15, von Aulis Strand16,
 Von Phokis17, vom Spartanerland,
 Von Asiens entlegner Küste,
 Von allen Inseln kamen sie
95Und horchen von dem Schaugerüste
 Des Chores grauser Melodie,

 Der streng und ernst, nach alter Sitte,
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Hervortritt aus dem Hintergrund18,
100Umwandelnd des Theaters Rund19.
 So schreiten keine irdschen Weiber,
 Die zeugete kein sterblich Haus!
 Es steigt das Riesenmaß der Leiber
 Hoch über menschliches hinaus20.

105Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
 Sie schwingen in entfleischten Händen
 Der Fackel düsterrote Glut,
 In ihren Wangen fließt kein Blut.
 Und wo die Haare lieblich flattern,
110Um Menschenstirnen freundlich wehn,
 Da sieht man Schlangen hier und Nattern
 Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

 Und schauerlich gedreht im Kreise
 Beginnen sie des Hymnus21 Weise,
115Der durch das Herz zerreißend dringt,
 Die Bande um den Sünder schlingt.
 Besinnungraubend, herzbetörend
 Schallt der Erinnyen Gesang,
 Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
120Und duldet nicht der Leier Klang:

 »Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
 Bewahrt die kindlich reine Seele!
 Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
 Er wandelt frei des Lebens Bahn.
125Doch wehe, wehe, wer verstohlen
 Des Mordes schwere Tat vollbracht,
 Wir heften uns an seine Sohlen,
 Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

 Und glaubt er fliehend zu entspringen,
130Geflügelt sind wir da, die Schlingen
 Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
 Daß er zu Boden fallen muß.
 So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
 Versöhnen kann uns keine Reu,
135Ihn fort und fort bis zu den Schatten,
 Und geben ihn auch dort nicht frei.«

 So singend, tanzen sie den Reigen,
 Und Stille wie des Todes Schweigen
 Liegt überm ganzen Hause schwer,
140Als ob die Gottheit nahe wär.
 Und feierlich, nach alter Sitte
 Umwandelnd des Theaters Rund
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Verschwinden sie im Hintergrund.

145Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
 Noch zweifelnd jede Brust und bebet
 Und huldiget der furchtbarn Macht,
 Die richtend im Verborgnen wacht,
 Die unerforschlich, unergründet
150Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
 Dem tiefen Herzen sich verkündet,
 Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

 Da hört man auf den höchsten Stufen22
 Auf einmal eine Stimme rufen:
155»Sieh da! Sieh da, Timotheus,
 Die Kraniche des Ibykus!« –
 Und finster plötzlich wird der Himmel,
 Und über dem Theater hin
 Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
160Ein Kranichheer vorüberziehn.

 »Des Ibykus!« – Der teure Name
 Rührt jede Brust mit neuem Grame,
 Und, wie im Meere Well auf Well,
 So läufts von Mund zu Munde schnell:
165»Des Ibykus, den wir beweinen,
 Den eine Mörderhand erschlug!
 Was ists mit dem? Was kann er meinen?
 Was ists mit diesem Kranichzug?« –

 Und lauter immer wird die Frage,
170Und ahnend fliegts mit Blitzesschlage
 Durch alle Herzen. »Gebet acht!
 Das ist der Eumeniden Macht!
 Der fromme Dichter wird gerochen,
 Der Mörder bietet selbst sich dar!
175Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
 Und ihn, an dens gerichtet war.«

 Doch dem war kaum das Wort entfahren,
 Möcht ers im Busen gern bewahren;
 Umsonst, der schreckenbleiche Mund
180Macht schnell die Schuldbewußten kund.
 Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
 Die Szene23 wird zum Tribunal24,
 Und es gestehn die Bösewichter,
 Getroffen von der Rache Strahl.

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Friedrich Schiller »Der Graf von Habsburg« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Schillers Ballade Der Graf von Habsburg entstand 1803 und gehört zu seinen spätestens lyrischen Arbeiten. Auf den Stoff stieß er bei den Vorarbeiten zu Wilhelm Tell, als er sich mit der Geschichte der Schweiz befasste. Für Schiller eher eigentümlich setzt er hierin ganz auf die christliche Anschauung, dass ein tugendhaftes, gottesfürchtiges Leben noch auf Erden Belohnung findet.

Text der Ballade

Der Graf von Habsburg

 Zu Aachen1 in seiner Kaiserpracht2,
 Im altertümlichen Saale,
 Saß König Rudolfs3 heilige Macht
 Beim festlichen Krönungsmahle.
5Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
 Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
 Und alle die Wähler, die sieben4,
 Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
 Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
10Die Würde des Amtes zu üben.

 Und rings erfüllte den hohen Balkon
 Das Volk in freudgem Gedränge,
 Laut mischte sich in der Posaunen Ton
 Das jauchzende Rufen der Menge.
15Denn geendigt nach langem verderblichen Streit
 War die kaiserlose, die schreckliche Zeit5,
 Und ein Richter war wieder auf Erden.
 Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
 Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr,
20Des Mächtigen Beute zu werden.

 Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal
 Und spricht mit zufriedenen Blicken:
 »Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
 Mein königlich Herz zu entzücken;
25Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Lust,
 Der mit süßem Klang mir bewege die Brust
 Und mit göttlich erhabenen Lehren.
 So hab ichs gehalten von Jugend an,
 Und was ich als Ritter gepflegt und getan,
30Nicht will ichs als Kaiser entbehren.«

 Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis
 Trat der Sänger im langen Talare6,
 Ihm glänzte die Locke silberweiß,
 Gebleicht von der Fülle der Jahre.
35»Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,
 Der Sänger singt von der Minne7 Sold,
 Er preiset das Höchste, das Beste,
 Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt,
 Doch sage, was ist des Kaisers wert
40An seinem herrlichsten Feste?«

 »Nicht gebieten werd ich dem Sänger«, spricht
 Der Herrscher mit lächelndem Munde,
 »Er steht in des größeren Herren Pflicht,
 Er gehorcht der gebietenden Stunde:
45Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
 Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,
 Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
 So des Sängers Lied aus dem Innern schallt
 Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,
50Die im Herzen wunderbar schliefen.«

 Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
 Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
 »Aufs Weidwerk hinaus ritt ein edler Held,
 Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
55Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß,
 Und als er auf seinem stattlichen Roß
 In eine Au kommt geritten,
 Ein Glöcklein hört er erklingen fern,
 Ein Priester wars mit dem Leib des Herrn,
60Voran kam der Meßner8 geschritten.

 Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
 Das Haupt mit Demut entblößet,
 Zu verehren mit glaubigem Christensinn,
 Was alle Menschen erlöset.
65Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
 Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
 Das hemmte der Wanderer Tritte,
 Und beiseit legt jener das Sakrament9,
 Von den Füßen zieht er die Schuhe behend,
70Damit er das Bächlein durchschritte.

 ›Was schaffst du?‹ redet der Graf ihn an,
 Der ihn verwundert betrachtet.
 ›Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
 Der nach der Himmelskost10 schmachtet.
75Und da ich mich nahe des Baches Steg,
 Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
 Im Strudel der Wellen gerissen.
 Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,
 So will ich das Wässerlein jetzt in Eil
80Durchwaten mit nackenden Füßen.‹

 Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
 Und reicht ihm die prächtigen Zäume,
 Daß er labe den Kranken, der sein begehrt,
 Und die heilige Pflicht nicht versäume.
85Und er selber auf seines Knappen Tier
 Vergnüget noch weiter des Jagens Begier,
 Der andre die Reise vollführet,
 Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick,
 Da bringt er dem Grafen sein Roß zurück,
90Bescheiden am Zügel geführet.

 ›Nicht wolle das Gott‹, rief mit Demutsinn
 Der Graf, ›daß zum Streiten und Jagen
 Das Roß ich beschritte fürderhin,
 Das meinen Schöpfer getragen!
95Und magst dus nicht haben zu eignem Gewinst,
 So bleib es gewidmet dem göttlichen Dienst,
 Denn ich hab es dem ja gegeben,
 Von dem ich Ehre und irdisches Gut
 Zu Lehen11 trage und Leib und Blut
100Und Seele und Atem und Leben.‹

 ›So mög Euch Gott, der allmächtige Hort,
 Der das Flehen der Schwachen erhöret,
 Zu Ehren Euch bringen hier und dort,
 So wie Ihr jetzt ihn geehret.
105Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
 Durch ritterlich Walten im Schweizerland12,
 Euch blühn sechs liebliche Töchter13.
 So mögen sie‹, rief er begeistert aus,
 ›Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus
110Und glänzen die spätsten Geschlechter!‹«

 Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
 Als dächt er vergangener Zeiten,
 Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
 Da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
115Die Züge des Priesters erkennt er schnell
 Und verbirgt der Tränen stürzenden Quell
 In des Mantels purpurnen Falten.
 Und alles blickte den Kaiser an
 Und erkannte den Grafen, der das getan,
120Und verehrte das göttliche Walten.

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Friedrich Schiller »Der Kampf mit dem Drachen« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Schiller wollte in seiner Ballade Der Kampf mit dem Drachen die Vereinigung von ritterlicher und christlicher Demut zur Anschauung bringen. Trotz des Verbotes des Ordens-Großmeisters kämpft Ritter Gozon gegen einen gefürchteten Drachen und wird trotz seines heroischen Sieges für diesen Frevel bestraft. Diese längste von Schillers Balladen entstand im August 1798 und war erstmals im Musenalmanach auf das Jahr 1799 zu finden.

Text der Ballade

Der Kampf mit dem Drachen

 Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
 Die langen Gassen brausend fort?
 Stürzt Rhodus1 unter Feuers Flammen?
 Es rottet sich im Sturm zusammen,
5Und einen Ritter, hoch zu Roß,
 Gewahr ich aus dem Menschentroß,
 Und hinter ihm, welch Abenteuer!
 Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
 Ein Drache scheint es von Gestalt,
10Mit weitem Krokodilesrachen,
 Und alles blickt verwundert bald
 Den Ritter an und bald den Drachen.

 Und tausend Stimmen werden laut:
 »Das ist der Lindwurm2, kommt und schaut!
15Der Hirt und Herden uns verschlungen,
 Das ist der Held, der ihn bezwungen!
 Viel andre zogen vor ihm aus,
 Zu wagen den gewaltgen Strauß3,
 Doch keinen sah man wiederkehren,
20Den kühnen Ritter soll man ehren!«
 Und nach dem Kloster geht der Zug,
 Wo Sankt Johanns des Täufers Orden4,
 Die Ritter des Spitals, im Flug
 Zu Rate sind versammelt worden5.

25Und vor den edeln Meister tritt
 Der Jüngling mit bescheidnem Schritt,
 Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen,
 Erfüllend des Geländers Stufen.
 Und jener nimmt das Wort und spricht:
30»Ich hab erfüllt die Ritterpflicht,
 Der Drache, der das Land verödet,
 Er liegt von meiner Hand getötet,
 Frei ist dem Wanderer der Weg,
 Der Hirte treibe ins Gefilde,
35Froh walle auf dem Felsensteg
 Der Pilger zu dem Gnadenbilde.«

 Doch strenge blickt der Fürst ihn an
 Und spricht: »Du hast als Held getan,
 Der Mut ists, der den Ritter ehret,
40Du hast den kühnen Geist bewähret.
 Doch sprich! Was ist die erste Pflicht
 Des Ritters, der für Christum ficht,
 Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen6
 Und alle ringsherum erbleichen.
45Doch er, mit edelm Anstand, spricht,
 Indem er sich errötend neiget:
 »Gehorsam ist die erste Pflicht,
 Die ihn des Schmuckes würdig zeiget.«

 »Und diese Pflicht, mein Sohn«, versetzt
50Der Meister, »hast du frech verletzt,
 Den Kampf, den das Gesetz versaget,
 Hast du mit frevlem Mut gewaget!« –
 »Herr, richte, wenn du alles weißt«,
 Spricht jener mit gesetztem Geist,
55»Denn des Gesetzes Sinn und Willen
 Vermeint ich treulich zu erfüllen,
 Nicht unbedachtsam zog ich hin,
 Das Ungeheuer zu bekriegen,
 Durch List und kluggewandten Sinn
60Versucht ichs, in dem Kampf zu siegen.

 Fünf unsers Ordens waren schon,
 Die Zierden der Religion,
 Des kühnen Mutes Opfer worden,
 Da wehrtest du den Kampf dem Orden.
65Doch an dem Herzen nagte mir
 Der Unmut und die Streitbegier,
 Ja selbst im Traum der stillen Nächte
 Fand ich mich keuchend im Gefechte,
 Und wenn der Morgen dämmernd kam
70Und Kunde gab von neuen Plagen,
 Da faßte mich ein wilder Gram,
 Und ich beschloß, es frisch zu wagen.

 Und zu mir selber sprach ich dann:
 Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann,
75Was leisteten die tapfern Helden,
 Von denen uns die Lieder melden?
 Die zu der Götter Glanz und Ruhm
 Erhub das blinde Heidentum?
 Sie reinigten von Ungeheuern
80Die Welt in kühnen Abenteuern,
 Begegneten im Kampf dem Leun7
 Und rangen mit dem Minotauren8,
 Die armen Opfer zu befrein,
 Und ließen sich das Blut nicht dauren.

85Ist nur der Sarazen9 es wert,
 Daß ihn bekämpft des Christen Schwert?
 Bekriegt er nur die falschen Götter?
 Gesandt ist er der Welt zum Retter,
 Von jeder Not und jedem Harm
90Befreien muß sein starker Arm,
 Doch seinen Mut muß Weisheit leiten,
 Und List muß mit der Stärke streiten.
 So sprach ich oft und zog allein,
 Des Raubtiers Fährte zu erkunden,
95Da flößte mir der Geist es ein,
 Froh rief ich aus: Ich habs gefunden!

 Und trat zu dir und sprach dies Wort:
 ›Mich zieht es nach der Heimat fort.‹
 Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten,
100Und glücklich war das Meer durchschnitten.
 Kaum stieg ich aus am heimschen Strand,
 Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand,
 Getreu den wohlbemerkten Zügen,
 Ein Drachenbild zusammenfügen.
105Auf kurzen Füßen wird die Last
 Des langen Leibes aufgetürmet,
 Ein schuppigt Panzerhemd umfaßt
 Den Rücken, den es furchtbar schirmet.

 Lang strecket sich der Hals hervor,
110Und gräßlich wie ein Höllentor,
 Als schnappt‘ es gierig nach der Beute,
 Eröffnet sich des Rachens Weite,
 Und aus dem schwarzen Schlunde dräun10
 Der Zähne stacheligte Reihn,
115Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze,
 Die kleinen Augen sprühen Blitze,
 In einer Schlange endigt sich
 Des Rückens ungeheure Länge,
 Rollt um sich selber fürchterlich,
120Daß es um Mann und Roß sich schlänge.

 Und alles bild ich nach genau
 Und kleid es in ein scheußlich Grau,
 Halb Wurm erschiens, halb Molch und Drache,
 Gezeuget in der giftgen Lache.
125Und als das Bild vollendet war,
 Erwähl ich mir ein Doggenpaar,
 Gewaltig, schnell, von flinken Läufen,
 Gewohnt, den wilden Ur11 zu greifen.
 Die hetz ich auf den Lindwurm an,
130Erhitze sie zu wildem Grimme,
 Zu fassen ihn mit scharfem Zahn,
 Und lenke sie mit meiner Stimme.

 Und wo des Bauches weiches Vlies12
 Den scharfen Bissen Blöße ließ,
135Da reiz ich sie, den Wurm zu packen,
 Die spitzen Zähne einzuhacken.
 Ich selbst, bewaffnet mit Geschoß,
 Besteige mein arabisch Roß,
 Von adeliger Zucht entstammet,
140Und als ich seinen Zorn entflammet,
 Rasch auf den Drachen spreng ichs los
 Und stachl es mit den scharfen Sporen
 Und werfe zielend mein Geschoß,
 Als wollt ich die Gestalt durchbohren.

145Ob auch das Roß sich grauend bäumt
 Und knirscht und in den Zügel schäumt,
 Und meine Doggen ängstlich stöhnen,
 Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen.
 So üb ichs aus mit Emsigkeit,
150Bis dreimal sich der Mond erneut,
 Und als sie jedes recht begriffen,
 Führ ich sie her auf schnellen Schiffen.
 Der dritte Morgen ist es nun,
 Daß mirs gelungen, hier zu landen,
155Den Gliedern gönnt ich kaum zu ruhn,
 Bis ich das große Werk bestanden.

 Denn heiß erregte mir das Herz
 Des Landes frisch erneuter Schmerz,
 Zerissen fand man jüngst die Hirten,
160Die nach dem Sumpfe sich verirrten,
 Und ich beschließe rasch die Tat,
 Nur von dem Herzen nehm ich Rat.
 Flugs unterricht ich meine Knappen,
 Besteige den versuchten Rappen,
165Und von dem edeln Doggenpaar
 Begleitet, auf geheimen Wegen,
 Wo meiner Tat kein Zeuge war,
 Reit ich dem Feinde frisch entgegen.

 Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch
170Auf eines Felsenberges Joch,
 Der weit die Insel überschauet,
 Des Meisters kühner Geist erbauet.
 Verächtlich scheint es, arm und klein,
 Doch ein Mirakel13 schließt es ein,
175Die Mutter mit dem Jesusknaben,
 Den die drei Könige begaben.
 Auf dreimal dreißig Stufen steigt
 Der Pilgrim14 nach der steilen Höhe,
 Doch hat er schwindelnd sie erreicht,
180Erquickt ihn seines Heilands Nähe.

 Tief in den Fels, auf dem es hängt,
 Ist eine Grotte eingesprengt,
 Vom Tau des nahen Moors befeuchtet,
 Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet,
185Hier hausete der Wurm und lag,
 Den Raub erspähend, Nacht und Tag.
 So hielt er wie der Höllendrache
 Am Fuß des Gotteshauses Wache,
 Und kam der Pilgrim hergewallt
190Und lenkte in die Unglücksstraße,
 Hervorbrach aus dem Hinterhalt
 Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.

 Den Felsen stieg ich jetzt hinan,
 Eh ich den schweren Strauß begann,
195Hin kniet ich vor dem Christuskinde
 Und reinigte mein Herz von Sünde,
 Drauf gürt ich mir im Heiligtum
 Den blanken Schmuck der Waffen um,
 Bewehre mit dem Spieß die Rechte,
200Und nieder steig ich zum Gefechte.
 Zurücke bleibt der Knappen Troß,
 Ich gebe scheidend die Befehle
 Und schwinge mich behend aufs Roß,
 Und Gott empfehl ich meine Seele.

205Kaum seh ich mich im ebnen Plan,
 Flugs schlagen meine Doggen an,
 Und bang beginnt das Roß zu keuchen
 Und bäumet sich und will nicht weichen,
 Denn nahe liegt, zum Knäul geballt,
210Des Feindes scheußliche Gestalt
 Und sonnet sich auf warmem Grunde.
 Auf jagen ihn die flinken Hunde,
 Doch wenden sie sich pfeilgeschwind,
 Als es den Rachen gähnend teilet
215Und von sich haucht den giftgen Wind
 Und winselnd wie der Schakal heulet.

 Doch schnell erfrisch ich ihren Mut,
 Sie fassen ihren Feind mit Wut,
 Indem ich nach des Tieres Lende
220Aus starker Faust den Speer versende,
 Doch machtlos wie ein dünner Stab
 Prallt er vom Schuppenpanzer ab,
 Und eh ich meinen Wurf erneuet,
 Da bäumet sich mein Roß und scheuet
225An seinem Basiliskenblick15
 Und seines Atems giftgen Wehen,
 Und mit Entsetzen springts zurück,
 Und jetzo wars um mich geschehen –

 Da schwing ich mich behend vom Roß,
230Schnell ist des Schwertes Schneide bloß,
 Doch alle Streiche sind verloren,
 Den Felsenharnisch16 zu durchbohren,
 Und wütend mit des Schweifes Kraft
 Hat es zur Erde mich gerafft,
235Schon seh ich seinen Rachen gähnen,
 Es haut nach mir mit grimmen Zähnen,
 Als meine Hunde wutentbrannt
 An seinen Bauch mit grimmgen Bissen
 Sich warfen, daß es heulend stand,
240Von ungeheurem Schmerz zerrissen.

 Und eh es ihren Bissen sich
 Entwindet, rasch erheb ich mich,
 Erspähe mir des Feindes Blöße
 Und stoße tief ihm ins Gekröse17
245Nachbohrend bis ans Heft den Stahl,
 Schwarzquellend springt des Blutes Strahl,
 Hin sinkt es und begräbt im Falle
 Mich mit des Leibes Riesenballe,
 Daß schnell die Sinne mir vergehn.
250Und als ich neugestärkt erwache,
 Seh ich die Knappen um mich stehn,
 Und tot im Blute liegt der Drache.« –

 Des Beifalls lang gehemmte Lust
 Befreit jetzt aller Hörer Brust,
255Sowie der Ritter dies gesprochen,
 Und zehnfach am Gewölb gebrochen
 Wälzt der vermischten Stimmen Schall
 Sich brausend fort im Widerhall,
 Laut fodern selbst des Ordens Söhne,
260Daß man die Heldenstirne kröne,
 Und dankbar im Triumphgepräng
 Will ihn das Volk dem Volke zeigen,
 Da faltet seine Stirne streng
 Der Meister und gebietet Schweigen.

265Und spricht: »Den Drachen, der dies Land
 Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand,
 Ein Gott bist du dem Volke worden,
 Ein Feind kommst du zurück dem Orden,
 Und einen schlimmern Wurm gebar
270Dein Herz, als dieser Drache war.
 Die Schlange, die das Herz vergiftet,
 Die Zwietracht und Verderben stiftet,
 Das ist der widerspenstge Geist,
 Der gegen Zucht sich frech empöret,
275Der Ordnung heilig Band zerreißt,
 Denn der ists, der die Welt zerstöret.

 Mut zeiget auch der Mameluck18,
 Gehorsam ist des Christen Schmuck;
 Denn wo der Herr in seiner Größe
280Gewandelt hat in Knechtes Blöße,
 Da stifteten, auf heilgem Grund,
 Die Väter dieses Ordens Bund,
 Der Pflichten schwerste zu erfüllen:
 Zu bändigen den eignen Willen!
285Dich hat der eitle Ruhm bewegt,
 Drum wende dich aus meinen Blicken,
 Denn wer des Herren Joch nicht trägt,
 Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken.«

 Da bricht die Menge tobend aus,
290Gewaltger Sturm bewegt das Haus,
 Um Gnade flehen alle Brüder,
 Doch schweigend blickt der Jüngling nieder,
 Still legt er von sich das Gewand
 Und küßt des Meisters strenge Hand
295Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke,
 Dann ruft er liebend ihn zurücke
 Und spricht: »Umarme mich, mein Sohn!
 Dir ist der härtre Kampf gelungen.
 Nimm dieses Kreuz19: es ist der Lohn
300Der Demut, die sich selbst bezwungen.«

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Friedrich Schiller »Der Gang nach dem Eisenhammer« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

In seiner Ballade Der Gang nach dem Eisenhammer (1797) bringt Schiller die fromme christliche Lebensart des Dieners Fridolin zum Ausdruck, über den Gott schützend seine Hand auszustrecken scheint. Der, der ihm eine Falle grub, fiel selbst hinein. Erstmals veröffentlicht wurde die Ballade im Musenalmanach auf das Jahr 1798 am Ende des Entstehungsjahres.

Text der Ballade

Der Gang nach dem Eisenhammer1

 Ein frommer Knecht war Fridolin
 Und in der Furcht des Herrn2
 Ergeben der Gebieterin,
 Der Gräfin von Savern3.
5Sie war so sanft, sie war so gut,
 Doch auch der Launen Übermut
 Hätt er geeifert zu erfüllen,
 Mit Freudigkeit, um Gottes willen.

 Früh von des Tages erstem Schein,
10Bis spät die Vesper4 schlug,
 Lebt‘ er nur ihrem Dienst allein,
 Tat nimmer sich genug.
 Und sprach die Dame: »Mach dirs leicht!«
 Da wurd ihm gleich das Auge feucht,
15Und meinte seiner Pflicht zu fehlen,
 Durft er sich nicht im Dienste quälen.

 Drum vor dem ganzen Dienertroß
 Die Gräfin ihn erhob,
 Aus ihrem schönen Munde floß
20Sein unerschöpftes Lob.
 Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht,
 Es gab sein Herz ihm Kindesrecht,
 Ihr klares Auge mit Vergnügen
 Hing an den wohlgestalten Zügen.

25Darob entbrennt in Roberts5 Brust,
 Des Jägers, giftger Groll,
 Dem längst von böser Schadenlust
 Die schwarze Seele schwoll.
 Und trat zum Grafen, rasch zur Tat
30Und offen des Verführers Rat,
 Als einst vom Jagen heim sie kamen,
 Streut‘ ihm ins Herz des Argwohns Samen.

 »Wie seid Ihr glücklich, edler Graf«,
 Hub er voll Arglist an,
35»Euch raubet nicht den goldnen Schlaf
 Des Zweifels giftger Zahn.
 Denn Ihr besitzt ein edles Weib,
 Es gürtet Scham den keuschen Leib,
 Die fromme Treue zu berücken6,
40Wird nimmer dem Versucher glücken.«

 Da rollt der Graf die finstern Brau’n:
 »Was redst du mir, Gesell?
 Werd ich auf Weibestugend baun,
 Beweglich wie die Well?
45Leicht locket sie des Schmeichlers Mund,
 Mein Glaube steht auf festerm Grund,
 Vom Weib des Grafen von Saverne
 Bleibt, hoff ich, der Versucher ferne.«

 Der andre spricht: »So denkt Ihr recht.
50Nur Euren Spott verdient
 Der Tor, der, ein geborner Knecht,
 Ein solches sich erkühnt
 Und zu der Frau, die ihm gebeut7,
 Erhebt der Wünsche Lüsternheit.« –
55»Was?« fällt ihm jener ein und bebet,
 »Redst du von einem, der da lebet?«

 »Ja doch, was aller Mund erfüllt,
 Das bärg sich meinem Herrn?
 Doch, weil Ihrs denn mit Fleiß verhüllt,
60So unterdrück ichs gern.« –
 »Du bist des Todes, Bube, sprich!«
 Ruft jener streng und fürchterlich.
 »Wer hebt das Aug zu Kunigonden?«
 »Nun ja, ich spreche von dem Blonden.

65Er ist nicht häßlich von Gestalt«,
 Fährt er mit Arglist fort,
 Indems den Grafen heiß und kalt
 Durchrieselt bei dem Wort.
 »Ists möglich, Herr? Ihr saht es nie,
70Wie er nur Augen hat für sie?
 Bei Tafel Eurer selbst nicht achtet,
 An ihren Stuhl gefesselt schmachtet?

 Seht da die Verse, die er schrieb
 Und seine Glut gesteht –«
75»Gesteht!« – »Und sie um Gegenlieb,
 Der freche Bube! fleht.
 Die gnädge Gräfin, sanft und weich,
 Aus Mitleid wohl verbarg sies Euch,
 Mich reuet jetzt, daß mirs entfahren,
80Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren8

 Da ritt in seines Zornes Wut
 Der Graf ins nahe Holz,
 Wo ihm in hoher Öfen Glut
 Die Eisenstufe schmolz.
85Hier nährten früh und spat9 den Brand
 Die Knechte mit geschäftger Hand,
 Der Funke sprüht, die Bälge blasen,
 Als gält es, Felsen zu verglasen10.

 Des Wassers und des Feuers Kraft
90Verbündet sieht man hier,
 Das Mühlrad, von der Flut gerafft,
 Umwälzt sich für und für.
 Die Werke klappern Nacht und Tag,
 Im Takte pocht der Hämmer Schlag,
95Und bildsam von den mächtgen Streichen
 Muß selbst das Eisen sich erweichen.

 Und zweien Knechten winket er,
 Bedeutet11 sie und sagt:
 »Den ersten, den ich sende her,
100Und der euch also fragt:
 ›Habt ihr befolgt des Herren Wort?‹
 Den werft mir in die Hölle dort,
 Daß er zu Asche gleich vergehe
 Und ihn mein Aug nicht weiter sehe«.

105Des freut sich das entmenschte Paar
 Mit roher Henkerslust,
 Denn fühllos wie das Eisen war
 Das Herz in ihrer Brust.
 Und frischer mit der Bälge Hauch
110Erhitzen sie des Ofens Bauch
 Und schicken sich mit Mordverlangen,
 Das Todesopfer zu empfangen.

 Drauf Robert zum Gesellen spricht
 Mit falschem Heuchelschein:
115»Frisch auf, Gesell, und säume nicht,
 Der Herr begehret dein.«
 Der Herr, der spricht zu Fridolin:
 »Mußt gleich zum Eisenhammer hin,
 Und frage mir die Knechte dorten,
120Ob sie getan nach meinen Worten.«

 Und jener spricht: »Es soll geschehn«,
 Und macht sich flugs bereit.
 Doch sinnend bleibt er plötzlich stehn:
 »Ob sie mir nichts gebeut?«
125Und vor die Gräfin stellt er sich:
 »Hinaus zum Hammer schickt man mich,
 So sag, was kann ich dir verrichten?
 Denn dir gehören meine Pflichten.«

 Darauf die Dame von Savern
130Versetzt mit sanftem Ton:
 »Die heilge Messe hört ich gern,
 Doch liegt mir krank der Sohn.
 So gehe denn, mein Kind, und sprich
 In Andacht ein Gebet für mich,
135Und denkst du reuig deiner Sünden,
 So laß auch mich die Gnade finden.«

 Und froh der vielwillkommnen Pflicht
 Macht er im Flug sich auf,
 Hat noch des Dorfes Ende nicht
140Erreicht im schnellen Lauf,
 Da tönt ihm von dem Glockenstrang
 Hellschlagend des Geläutes Klang,
 Das alle Sünder, hochbegnadet,
 Zum Sakramente12 festlich ladet.

145»Dem lieben Gotte weich nicht aus,
 Findst du ihn auf dem Weg!« –
 Er sprichts und tritt ins Gotteshaus,
 Kein Laut ist hier noch reg.
 Denn um die Ernte wars, und heiß
150Im Felde glüht‘ der Schnitter Fleiß,
 Kein Chorgehilfe13 war erschienen,
 Die Messe kundig zu bedienen.

 Entschlossen ist er alsobald
 Und macht den Sakristan14.
155»Das«, spricht er, »ist kein Aufenthalt,
 Was fördert himmelan.«
 Die Stola15 und das Zingulum16
 Hängt er dem Priester dienend um,
 Bereitet hurtig die Gefäße17,
160Geheiliget zum Dienst der Messe.

 Und als er dies mit Fleiß getan,
 Tritt er als Ministrant18
 Dem Priester zum Altar voran,
 Das Meßbuch in der Hand,
165Und knieet rechts und knieet links
 Und ist gewärtig jedes Winks,
 Und als des Sanktus19 Worte kamen,
 Da schellt er dreimal bei dem Namen.

 Drauf als der Priester fromm sich neigt
170Und, zum Altar gewandt,
 Den Gott, den gegenwärtgen, zeigt
 In hocherhabner Hand,
 Da kündet es der Sakristan
 Mit hellem Glöcklein klingend an,
175Und alles kniet und schlägt die Brüste,
 Sich fromm bekreuzend vor dem Christe.

 So übt er jedes pünktlich20 aus
 Mit schnell gewandtem Sinn,
 Was Brauch ist in dem Gotteshaus,
180Er hat es alles inn,
 Und wird nicht müde bis zum Schluß,
 Bis beim Vobiscum Dominus21
 Der Priester zur Gemein sich wendet,
 Die heilge Handlung segnend endet.

185Da stellt er jedes wiederum
 In Ordnung säuberlich,
 Erst reinigt er das Heiligtum22,
 Und dann entfernt er sich
 Und eilt in des Gewissens Ruh
190Den Eisenhütten heiter zu,
 Spricht unterwegs, die Zahl zu füllen,
 Zwölf Paternoster23 noch im stillen.

 Und als er rauchen sieht den Schlot
 Und sieht die Knechte stehn,
195Da ruft er: »Was der Graf gebot,
 Ihr Knechte, ists geschehn?«
 Und grinzend zerren sie den Mund
 Und deuten in des Ofens Schlund:
 »Der ist besorgt und aufgehoben,
200Der Graf wird seine Diener loben.«

 Die Antwort bringt er seinem Herrn
 In schnellem Lauf zurück.
 Als der ihn kommen sieht von fern,
 Kaum traut er seinem Blick.
205»Unglücklicher! wo kommst du her?«
 »Vom Eisenhammer.« – »Nimmermehr!
 So hast du dich im Lauf verspätet?«
 »Herr, nur so lang, bis ich gebetet.

 Denn als von Eurem Angesicht
210Ich heute ging, verzeiht,
 Da fragt ich erst, nach meiner Pflicht,
 Bei der, die mir gebeut.
 Die Messe, Herr, befahl sie mir
 Zu hören, gern gehorcht ich ihr
215Und sprach der Rosenkränze24 viere
 Für Euer Heil und für das ihre.«

 In tiefes Staunen sinket hier
 Der Graf, entsetzet sich:
 »Und welche Antwort wurde dir
220Am Eisenhammer? Sprich!«
 »Herr, dunkel war der Rede Sinn,
 Zum Ofen wies man lachend hin:
 ›Der ist besorgt und aufgehoben,
 Der Graf wird seine Diener loben.‹«

225»Und Robert?« fällt der Graf ihm ein,
 Es überläuft ihn kalt,
 »Sollt er dir nicht begegnet sein?
 Ich sandt ihn doch zum Wald.«
 »Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur
230Fand ich von Robert eine Spur.« –
 »Nun«, ruft der Graf und steht vernichtet,
 »Gott selbst im Himmel hat gerichtet!«

 Und gütig, wie er nie gepflegt,
 Nimmt er des Dieners Hand,
235Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt,
 Die nichts davon verstand.
 »Dies Kind, kein Engel ist so rein,
 Laßts Eurer Huld empfohlen sein,
 Wie schlimm wir auch beraten waren,
240Mit dem ist Gott und seine Scharen.«

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