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Philosophie der Physiologie

Bei der Abhandlung »Philosophie der Physiologie« handelt es sich um Schillers erste Dissertation. Er schrieb sie zunächst deutsch und übersetzte sie dann ins Lateinische. Von der deutschen Version sind nur die ersten elf Paragraphen des ersten Kapitels erhalten geblieben. Wie der Plan verrät waren insgesamt fünf Kapitel geplant. Von der Übersetzung ins Lateinische sind nur Fragmente bekannt.

 

Plan.

Erstes Capitel. Das geistige Leben.
Zweites Capitel. Das nährende Leben.
Drittes Capitel. Zeugung.
Viertes Capitel. Zusammenhang dieser drei Systeme.
Fünftes Capitel. Schlaf und natürlicher Tod.

I. Das geistige Leben.

§. 1. Bestimmung des Menschen.

So viel wird, denke ich, einmal fest genug erwiesen sein, daß das Universum das Werk eines unendlichen Verstandes sei und entworfen nach einem trefflichen Plane.

So wie es jetzt durch den allmächtigen Einfluß der göttlichen Kraft aus dem Entwurfe zur Wirklichkeit hinrann, und alle Kräfte wirken und in einander wirken, gleich Saiten eines Instruments tausendstimmig zusammenlautend in einer Melodie: so soll der Geist des Menschen, mit Kräften der Gottheit geadelt, aus den einzelnen Wirkungen Ursache und Absicht, aus dem Zusammenhang der Ursachen und Absichten all den großen Plan des Ganzen entdecken, aus dem Plane den Schöpfer erkennen, ihn lieben, ihn verherrlichen, oder kürzer, erhabner klingend in unseren Ohren: der Mensch ist da, daß er nachringe der Größe seines Schöpfers, mit eben dem Blick umfasse die Welt, wie der Schöpfer sie umfaßt – Gottgleichheit ist die Bestimmung des Menschen. Unendlich zwar ist dies sein Ideal; aber der Geist ist ewig. Ewigkeit ist das Maaß der Unendlichkeit, das heißt, er wird ewig wachsen, aber es niemals erreichen.

Eine Seele, sagt ein Weiser dieses Jahrhunderts, die bis zu dem Grade erleuchtet ist, daß sie den Plan der göttlichen Vorsehung im Ganzen vor Augen hat, ist die glücklichste Seele. Ein ewiges, ein großes, schönes Gesetz hat Vollkommenheit an Vergnügen, Mißvergnügen an Unvollkommenheit gebunden. Was den Menschen jener Bestimmung näher bringt, es sei nun mittelbar oder unmittelbar, das wird ihn ergetzen. Was ihn von ihr entfernt, wird ihn schmerzen. Was ihn schmerzt, wird er meiden, was ihn ergetzt, darnach wird er ringen. Er wird Vollkommenheit suchen, weil ihn Unvollkommenheit schmerzt; er wird sie suchen, weil sie selbst ihn ergetzt. Die Summe der größten Vollkommenheiten mit den wenigsten Unvollkommenheiten ist Summe der höchsten Vergnügungen mit den wenigsten Schmerzen. Dies ist Glückseligkeit. So ist es denn gleichviel, ob ich sage: Der Mensch ist da, um glücklich zu sein; oder – er ist da, um vollkommen zu sein. Nur dann ist er vollkommen, wenn er glücklich ist. Nur dann ist er glücklich, wenn er vollkommen ist.

Aber ein ebenso schönes, weises Gesetz, Nebenzweig des ersten, hat die Vollkommenheit des Ganzen mit der Glückseligkeit des Einzelnen, Menschen mit Menschen, ja Menschen mit Thieren durch die Bande der allgemeinen Liebe verbunden. Liebe also, der schönste, edelste Trieb in der menschlichen Seele, die große Kette der empfindenden Natur, ist nichts Anders als die Verwechslung meiner selbst mit dem Wesen des Nebenmenschen. Und diese Verwechslung ist Wollust. Liebe also macht seine Lust zu meiner Lust, seinen Schmerz zu meinem Schmerz. Aber auch dieser Schmerz ist Vollkommenheit und muß also nicht ohne Vergnügen sein. Was wäre also Mitleiden sonst als ein Affect, gemischt aus Wollust und Schmerz? Schmerz, weil der Nebenmensch leidet, Wollust, weil ich sein Leiden mit ihm theile, weil ich ihn liebe, Schmerz und Lust, daß ich sein Leiden von ihm wende.

Und warum die allgemeine Liebe, warum alle Vergnügungen der allgemeinen Liebe? – Einzig aus dieser letzten Grundabsicht, die Vollkommenheit des Nebenmenschen zu befördern. Und diese Vollkommenheit ist Ueberschauung, Forschung, Bewundrung des großen Plans der Natur. Ja endlich, alle Vergnügungen der Sinne, von denen an seinem Ort die Rede sein soll, neigen sich durch mancherlei Krümmungen und anscheinende Widersprüche dennoch endlich alle zu demselben zurück. Unwandelbar bleibt diese Wahrheit sich immerdar selbst gleich; der Mensch ist bestimmt zur Ueberschauung, Forschung, Bewundrung des großen Plans der Natur.

§. 2. Wirkung der Materie auf den Geist.

Dies zum Grund gelegt, schreite ich weiter. Wenn der Mensch das Ganze aus dem Einzelnen hervorfinden soll, so muß er jede einzelne Wirkung empfinden. Die Welt muß auf ihn wirken. Diese ist nun theils außer ihm, theils in ihm. Was in den innern Labyrinthen meines eigenen Wesens vorgeht, ist mehr der Gegenstand einer allgemeinen Psychologie als einer Physiologie. Wir werden sie bei dem Leser voraussetzen und nur da, wo die Kette des Ganzen es fordert, einen Eingriff in dieselbige wagen.

Die Wirkungen, so außerhalb meinem Selbst vorgehen, sind Bewegungen der Materie. Alle Bewegung der Materie beruht auf der Undurchdringlichkeit, einer Eigenschaft derselben, die sie vom Geist, so viel wir von ihm wissen, besonders unterscheidet. Allein wenn der Geist nicht unduchdringlich ist, wie soll die Materie auf ihn wirken, die doch nur auf das Undurchdringliche wirkt? Todt muß ihm ja die lebenvolle Schöne der Schöpfung sein, todt schlummern seine thätigen Kräfte im unendlich fruchtbaren Wirkungskreis; aber todt schlummert er nicht im unendlich fruchtbaren Wirkungskreis. Todt ist ihm ja die lebenvolle Schöne der Schöpfung nicht. Er ist glücklich. Er ist thätig. So muß entweder der Geist undurchdringlich sein können, ohne Materie zu sein. Aber wer vermag den Begriff der Materie von der Undurchdringlichkeit der Materie zu sondern? – oder muß der Geist selbst Materie sein? Denken wäre also Bewegung. Unsterblichkeit wäre ein Wahn. Der Geist müßte vergehen. Diese Meinung, mit Gewalt ersonnen, die Erhabenheit des Geistes zu Boden zu drücken und die Furcht einer kommenden Ewigkeit einzuschläfern, kann nur Thoren und Böswichter bethören; der Weise verhöhnt sie. – Oder ist all unsere Vorstellung einer Welt ein einzig aus unserem eigenen Selbst hervorgesponnen Gewebe? Wir täuschen uns, wir träumen, so wir glauben, unsere Ideen und Empfindungen von außen zu empfangen. Wir sind unabhängig von der Welt. Sie ist unabhängig von uns. Wir deuten, kraft eines von Ewigkeit festgesetzten Zusammenklangs, wie zwei gleich aufgezogene Uhren auf eine Secunde. – So ist also die Welt ohne Absicht da. Freiheit und moralische Bildung sind Phantome. Meine Glückseligkeit ist Traum. Diese Meinung ist nichts als ein witziger Einfall eines feinen Kopfs, die er selbst nimmermehr glaubte.

Oder ist es der unmittelbare Einfluß der göttlichen Allmacht, der der Materie die Kraft, auf mich zu wirken, giebt? Jede meiner Vorstellungen ist also ein Wunder und widerspricht den ersten Naturgesetzen. – Hat man dadurch den Schöpfer mächtiger vorstellen wollen, so hat man sich erstaunlich geirrt. Wunder verrathen einen Mangel im Plan der Welt. Schwach wie ein menschlicher Künstler, muß der Schöpfer an allen Orten helfen. Noch wäre er groß; aber ich kann mir ihn größer noch denken, noch vortrefflicher sein Werk. Er ist trefflich, aber nicht vollkommen; er ist groß, aber nicht der Unendliche.

Oder endlich muß eine Kraft vorhanden sein, die zwischen den Geist und die Materie tritt und beide verbindet, eine Kraft, die von der Materie verändert werden und die den Geist verändern kann. Dies wäre also eine Kraft, die einestheils geistig, anderntheils materiell, ein Wesen, das einestheils durchdringlich, anderntheils undurchdringlich wäre, und läßt sich ein solches denken? – Gewiß nicht!

Dem sei, wie ihm wolle, es ist wirklich eine Kraft zwischen der Materie (dieser nämlich, deren Wirkungen vorgestellt werden sollen) und dem Geiste vorhanden. Diese Kraft ist ganz verschieden von der Welt und dem Geist. Ich entferne sie: dahin ist alle Wirkung der Welt auf ihn. Und dennoch ist der Geist noch da. Und dennoch ist der Gegenstand noch da. Ihr Verlust hat einen Riß zwischen Welt und Geist gemacht. Ihr Dasein lichtet, weckt, belebt Alles um ihn – Ich nenne sie Mittelkraft.

§. 3. Mittelkraft.

Es mag nun diese Kraft ein von Materie und Geist verschiedenes Wesen sein oder nicht, oder sie mag vielmehr das Einfache von der Materie sein, dies ist jetzt ganz gleichgiltig. Mag sie dann auch selbst Stufe und Kette mehrerer, immer sich von der Masse mehr entfernender, immer dem Geiste verwandterer Kräfte sein, auch dies ist mir gleichgiltig. Auch gestehe ich gern, daß eine Mittelkraft undenkbar sein mag; ich sehe auch ein, warum sie es ist. Wenn ich mir bei jeder Vorstellung nicht die Mittelkraft selbst, sondern nur ihre Veränderungen als Zeichen äußerlicher Veränderungen vorstelle, so ist sie ja von selbst aus dem Kreis meiner Vorstellungen ausgeschlossen. So sind alle meine Ideen eine Stufe unter ihr und also materiell. Die Materie kann ich mir vorstellen, weil sie mittelbar in mich wirkt. Einen Geist sogar kann ich mir leichter vorstellen, selbst vom Schöpfer Begriffe haben, weil ich sie aus den Wirkungen meiner Seele abziehen kann. Sie aber empfinde ich weder mittelbar noch unmittelbar. Und sollte dies der Grund für ihre Unmöglichkeit sein? – Ich bin nicht im Stande, mir eine Veränderung ohne Bewegung vorzustellen, und dennoch bin ich überzeugt, daß das Denken keine Bewegung ist. Wer ist so ungerecht, dies nicht auch von der Mittelkraft gelten zu lassen? Ganz philosophisch unmöglich ist sie also nicht, und wahrscheinlich braucht sie nicht zu sein, wenn sie nur wirklich ist.

Die Erfahrung beweist sie; wie kann die Theorie sie verwerfen?

§. 4. Mittelkraft. Mechanische Kraft. Organ.

Da aber der materiellen Kräfte so sehr verschiedene Gattungen sind, deren jede nach andern Gesetzen wirkt, so mußte jedwede Gattung besonders eine eigene Richtung gegen die Mittelkraft haben, die ihren eigenthümlichen Gesetzen entspricht. Und da ferner die Mittelkraft sich gegen jede Gattung anders verhält, so mußte auch sie gegen jede besonders eine eigene Richtung haben. Es wurden also mechanische Kräfte zwischen die Welt und die Mittekraft gestellt, die ich die mechanischen Unterkräfte nenne; und da diese, ja selbst meine Mittelkraft, dem ewigen zerstörenden Einfluß äußerlicher Kräfte und selbst dem Uebermaaße des Objects ausgesetzt ist, so wurden andere mechanische Kräfte ihnen gleichsam zugeordnet, die sie beschützen. Dies sind die Schutzkräfte. Alle diese mechanischen Unter- und Schutzkräfte in Verbindung heißen wir den Bau. Bau und Mittelkraft in Verbindung heißen wir Organ. Es wird also von selbst erhellen, daß die Verschiedenheit der Organe nicht in der Kraft liege, sondern im Bau. Es hat demnach die Veränderung in der Welt zweierlei Wege zu durchlaufen, ehe sie dem Geiste mitgetheilt werden kann; d. h. von der materiellen Natur geht diese Kette von Kräften gegen den Geist innerwärts fort, die ihm zur Vorstellung unumgänglich nothwendig ist. Ohne die Mittelkraft kommt keine Vorstellung in die Seele, ohne den Bau wenigstens keine bestimmte.

Das ganze Werk der Vorstellung nennen wir Sensation, die Veränderung im Bau die Richtung, die Veränderung in der Mittelkraft die materielle Idee, die Veränderung des Geistes auf die Veranlassung der vorigen die Idee im strengsten Verstand.

§. 5. Eintheilung der vorstellenden Organe.

Es sind aber der vorstellenden Organe oder der Sinne zweierlei Hauptclassen. In der ersten wird das Object verändert durch den Bau; in der zweiten kommt es unverändert vor die Mittelkraft. Zu der ersten Classe rechnen wir die Organe nach der Verschiedenheit der äußerlichen Kräfte. Dem zitternden Licht entspricht das Auge, der zitternden Luft das Ohr, den feinsten Flächen der Körper das Organ des Geschmacks. Die zweite Classe enthält wiederum zwei Organe. Dem feinen Dunstkreis der Körper entspricht das Riechorgan oder die Nase, den gröbern Flächen der Körper das Fühlorgan oder die ganze Maschine. Die Summe aller dieser Organe bildet das System der sinnlichen Vorstellung.

System der sinnlichen Vorstellung.
§. 6. Nerve. Nervengeist.

Die Mittelkraft wohnt im Nerven; denn wenn ich diesen verletze, so ist das Band zwischen Welt und Seele dahin. Ob aber dieser Nerve eine elastische Saite sei und durch Schwingungen wirke, oder ob er Canal eines äußerst feinen geistigen Wesens sei und dies allein in ihm wirke, oder ob er ein Aggregat von Kügelchen sei und, ich weiß nicht wie, wirke – das ist eben die Frage. Ich bin in einem Feld, wo schon mancher medicinische und metaphysische Don Quixote sich gewaltig herumgetummelt hat und noch jetzt herumtummelt. Soll ich nun mit den alten Einwürfen die Geister der Todten in ihren Gräbern beunruhigen oder die reizbaren Seelen der Schriftlichtodten wider mich aufreizen oder eine neue Theorie auf die Bahn bringen und den Deum ex machina spielen wollen? Keines von allen Dreien will ich thun und mich begnügen, nur etwas Weniges festzusetzen, das ich zur Grundlage des Ganzen nicht entbehren kann, und das ich mit Ueberzeugung glaube. Ich setze also voraus, jeder meiner Leser kenne alle Theorien, die man bisher zur Erklärung der Nervenphänomene ersonnen hat; ich hoffe, er habe sie alle geprüft, alle auf der Wage der Vernunft und Unparteilichkeit abgewogen, zweifle auch nicht, er werde schon zu einer oder der andern sich neigen. Ich selbst bin durch tausend Zweifel einmal zu der festen Ueberzeugung gekommen, daß die Mittelkraft in einem unendlich feinen, einfachen, beweglichen Wesen wohne, das im Nerven, seinem Canal, strömt, und welches ich nicht elementarisches Feuer, nicht Licht oder Aether, nicht elektrische oder magnetische Materie, sondern den Nervengeist heiße. Und also heiße in Zukunft die Mittelkraft. Ein ewiges Gesetz hat die Veränderungen des Nervengeists zu Zeichen der veränderten Kräfte gemacht.

Der Nervengeist ist eben der in allen Organen, und nur seine Richtung gegen die Objecte ist in jedem verschieden. Diese Richtung bekommt er durch den Nerven, seinen Canal, und selbst das Auge, wenigstens das gewaffnete, kann den Unterschied leichtlich entdecken. Anders nämlich beobachtet man die äußersten Enden des Nerven im Auge, anders im Ohr, anders auf der Zunge. Worinnen aber diese Verschiedenheit liege, ob in der größern oder geringern Anzahl der Geister, oder in der mehreren oder mindern Bloßstellung derselben, oder in der schnellern oder schwächern Bewegung? Dies sind Fragen, zu deren Auflösung die feinste Anatomie noch weit nicht hinreicht.

So viel von der Richtung der Mittelkraft gegen die Objecte. Jetzt noch etwas Weniges von den Richtungen der Objecte gegen die Mittelkraft.

§. 7. Die Richtung.

Unter den Organen, welche das Object verändern, ist das Auge das weiteste, schönste, edelste. Ich sehe die Körper, wenn ich das Zittern des Lichtes auf ihren Flächen gewahr werde. Und da nun meine Nervengeister nicht auf den Flächen dieser Körper existiren können, so mußten die Unterkräfte des Auges das Licht auf jenen ebenso zittern machen, als es auf den Flächen der Körper gezittert hat. Dies ist es, was man das Object malen heißt. Dies geschieht durch die Feuchtigkeiten des Auges. Die Kräfte, die diese Feuchtigkeiten bestimmen und erhalten, werden Hilfskräfte genannt. Es sind die Membranen. Die Schutzkräfte sind die Augenlider, die Augbranen, die Härchen, die Thränen, die Augensalbe, der Stern u. s. w. Durch das Auge erfahre ich ursprünglich die Erleuchtung und Schattirung, die Farbe, die Gestalt der Körper, durch die Vergleichung mit andern Vorstellungen der andern Sinne ihre Größe und Entfernung.

Ich höre einen Schall, wenn ich das Zittern der Luft empfinde; da aber die Schwingungen der Luft immer mehr ermatten, je weiter sie sich von den zitternden Saiten entfernen, daß wir also kaum das Nächste empfinden würden, so mußten Unterkräfte des Ohrs die Schwingungen erhöhen und erhöht an meine Nervengeister bringen. Dazu die Knochen, die Knorpel, die gespannten Häute, die konischen Canäle des Ohrs u. s. w. Die Schutzkräfte des Ohrs sind wieder die Knochen, die Ohrhärchen, die Ohrensalbe, der Dunst. Dieser Dunst, in der Erstarrung des Todes verdickt und wegen der Lähmung der zurückführenden Gefäße nicht mehr eingesogen, wird in Form einer Feuchtigkeit in den Kammern des Ohrs erblickt und hatte den Cotunni zu der irrigen Hypothese verführt, daß die Luft nicht unmittelbar auf den Nervengeist wirke, sondern mittelbar durch die Feuchtigkeiten des Ohrs. Wer wird glauben, daß der Schall, das größte Product der Elasticität, durch das Wasser, das am Wenigsten elastisch ist, der Seele bezeichnet werde? – Durch das Ohr erfahre ich ursprünglich den Schall mit seinen Höhen und Tiefen, durch die Vergleichung mit andern sinnlichen Vorstellungen die Elasticität, Härte, Entfernung der Körper.

Der Geschmack unterrichtet mich von den feinsten Flächen der Körper; dies läßt sich besonders aus der Aehnlichkeit seines Baues mit dem Bau des Fühlorgans schließen. Die Vorstellungen sind von schmackhaft und unschmackhaft, scharf, süß, sauer, bitter u. s. w. Dieser Sinn aber gehört unter ein ganz anderes Capitel, daß ich ihn hier nicht zu zergliedern bedarf. Dort wird man auch einsehen, warum er unter die erste Classe der Sinne gerechnet worden ist.

Der Geruch giebt mir Vorstellungen von den feinsten Atmosphären gewisser Körper. Diese Atmosphären der Körper kommen zwar unverändert vor die Nervengeister des Riechorgans; aber es waren dennoch mechanische Kräfte vonnöthen, die sie denselben entgegenführen. Dies sind die Kräfte des Odems. Die Knochen, die Knorpel, die Membranen der Nase und der Schleim sind die Schutzkräfte. Die Vorstellungen, die wir durch den Geruch erhalten, haben noch keine Namen und werden durch die Namen der des Geschmacks bezeichnet. Auch dieser Sinn hat eine nähere Beziehung auf mich, von welcher anderwärts.

Das Gefühl stellt mir die gröbern Flächen der Körper vor. Es ist das Organ des Gefühls das einfachste von allen, dessen Bau keine andere Bestimmung hat, als die Geister gehörig gegen die Objecte zu bestimmen und vor dem zerstörenden Einfluß äußerer Kräfte zu beschützen. Es giebt mehrere Arten des Gefühls. Entweder ist es allgemeines, stumpferes Gefühl, die ganze Fläche der Haut ist sein Organ, oder, ist es schärferes, besonderes Gefühl, die Fingerspitzen sind sein Organ. Von dem Gefühl der Empfindung und seinen besondern Organen ist hier gar nicht die Rede. Dies ist Gefühl des thierischen, jenes ist Gefühl des geistigen Lebens. Die Vorstellungen, die ich durch dieses erhalte, sind von Kälte und Wärme, Feinheit und Rauhigkeit, Härte und Weiche.

Das materielle Denken.
§. 8. Das Denkorgan. Materielle Phantasie. Theorien.

Vermittelst dieser fünf Organe hat die ganze materielle Natur freien, offenen Zugang zu der geistigen Kraft. Die äußeren Veränderungen werden durch sie zu innern. Durch sie wirft die äußere Welt ihr Bild in der Seele zurück. Und dies ist nun der erste Grundpfeiler des geistigen Lebens: Vorstellung. Vorstellung ist nichts Anders als eine Veränderung der Seele, die der Weltveränderung gleich ist, und wobei die Seele ihr eigenes Ich von der Veränderung unterscheidet. Ich bin also in dem Augenblick ganz dasselbe, was ich mir vorstelle, und nur die Persönlichkeit trennt mein Ich von demselben und lehrt mich, daß es eine äußere Veränderung ist. Vorstellung aber ist noch nicht Ueberschauung, Forschung der Kräfte, der Absichten; sie ist nur der Grund, worauf dieses Geschäft ruht, der Stoff, worin der Verstand wirkt und schafft. Das zweite, das Hauptgeschäft, wäre also die Thätigkeit des Verstandes in diesem dargebotenen sinnlichen Stoff, nämlich das Denken.

Da aber Vorstellung nichts als ein einziger Actus einer einfachen Kraft ist, auf Veranlassung einer Veränderung des Nervengeistes bei der Sensation (siehe Garve’s Abhandlung von den Neigungen in den Acten der Berliner Akademie, pag. 110, 111) – da die letzere nichts Anders als die Folge einer Veränderung in den sinnlichen Organen, dieser das Resultat einer Veränderung in der materiellen Welt, diese aber vorübergehend und flüchtig ist, so würde die Vorstellung eines Gegenstandes ebenso schnell verschwinden, als ihre Ursache nimmer ist, und wenn ich mit diesem beschäftigt wäre, würde jener dahin sein. So wäre mir dennoch der Verstand, der nur durch Gegeneinanderhaltung wirkt, ebenso unnütz, als er es ohne Mittelkraft, ohne Organ, ohne Welt nur immer würde gewesen sein.

Darum mußten neue Mittelkräfte vorhanden sein, jene sinnlichen Veränderungen des Nervengeistes bei der Sensation zu fesseln und bleibend zu machen, wenn auch ihre Ursachen, die Veränderungen in den sinnlichen Organen, lange schon aufgehört haben zu wirken. Ich komme also auf ein neues Organ, das weder Sinn noch Seele ist, man nennt es gemeiniglich das allgemeine Sensorium; ich nenne es besser das Denkorgan oder das Instrument des Verstandes. In diesem Organ muß die große Welt, insofern sie nämlich schon den Weg der sinnlichen gegangen ist, im Kleinen bezeichnet ruhen und dem Verstande gegenwärtig sein. Ist es nun nicht zu vermuthen, daß selbst die Veränderung des Nervengeistes bei der Sensation an der Seele vorübergehe, und erst diese gleichartige Veränderung im Denkorgan auf sie wirke? daß also die Seele, wenn Rahmen sie einschließen, in diesem Organ wohne?

Fragt sich nun, was sind die materiellen Ideen des Denkorgans oder der Phantasie, und wie werden sie von den materiellen Ideen der Sensation erzeugt? Es sind darüber mancherlei Theorien erdacht worden, die ich jetzt genauer prüfen werde.

I. Sind sie Eindrücke in dem Canal des Nervengeistes, den Nerven, von des Nervengeistes Andrang verursacht? Dies wäre also eine Veränderung im gröbern Theil des Nerven im Bau. Für was also ein so feines, unmaterielles Wesen wie der Nervengeist, wenn doch die plumpe materielle Masse auf sie wirken soll? Aber ein Eindruck? Wer wird die erstaunliche Mannichfaltigkeit der Ideen, wer ihre unmeßbaren Abstechungen von Lebhaftigkeit zu Mattigkeit aus der Form oder der Tiefe des Eindrucks erklären? Wer begreift es, wie ein Eindruck, ein leidender, todter, ruhender Eindruck etwas Verneinendes auf die Seele wirkt? Ich muß mir ja schlechterdings alle Einwirkung als Bewegung vorstellen, und hier nehme ich gerade das Gegentheil an. Ferner: wie kommt es, daß nicht der Strom der Geister, der unaufhörlich an den Wänden der Nerven hinauf-und hinabeilt, diese Eindrücke nicht bald ausgelöscht hat? Entweder müssen sie so fein, und hingegen der Nervengeist so erstaunlich grob sein, daß er sie nicht auslöschen kann, oder muß umgekehrt der Nervengeist so außerordentlich sein, sie aber so grob gegen ihn sein, daß er sie darum nicht auslöschen kann. Im ersten Fall ist die Theorie vom Nervengeist umgestoßen; seine Geschwindigkeit, seine Wirksamkeit, seine geistige Natur ist nicht mehr. Selbst Haller wird das nicht zugeben. Im andern Fall – aber das Monstrum mag ich nicht aushecken. Noch mehr. Da auch die Nervencanäle von ihren Bestandtheilen verlieren, und neue Theile an der verlornen Stelle treten, so frage ich also: Sind diese Theile des Verlustes größer als der Umfang des Eindrucks, oder sind sie unendlich kleiner? Ist das Erste, so würde jeder Pulsschlag mehrere Ideen losreißen, Ideen wegschwemmen der Harn, Ideen wegdünsten der Schweiß. Ist das Zweite, so muß der Eindruck wieder erstaunlich grob angenommen werden, weil die Theile des Verlustes und des Ersatzes nicht mehr Elemente sind. Wird man sagen, die Narben erhalten sich ja auch, trotz Verlust und Ersatz, bis ins späteste Alter: sollten nicht auch die Eindrücke? Ohne Anstand; wer sich den Eindruck als Narben vorstellen kann; aber wehe Dir dann, schöner Organismus des Denkens, wehe Deiner Natur, einfacher Geist! Diese Meinung wird in der Folge noch mehr verlieren, wenn von der Association die Rede sein wird. Sie ist indeß ein Geschenk des Himmels für Leute, die sich lieber am Handgreiflichen halten, als die Sache selbst nach gesunden Begriffen wägen; denn diesen Vorzug muß ich dieser Theorie einmal lassen, daß sie sich mit Händen greifen läßt.

Vernünftiger schon denken Die, so die materielle Idee der Phantasie II. in Bewegungen des Nervengeistes setzen, harmonisch mit jenen ursprünglichen in den sinnlichen Geistern. So bleibt doch der gesunde Begriff von Nervengeist und Seele unangetastet und wird gerade da gewonnen, wo die erste verloren. Nämlich die Erfahrung lehrt, daß die Phantasie rascher und lebendiger ist, wenn das Blut mit Fluges Eile durch seine Adern eilt, daß unter heftigen Fieberwallungen Ideen oft bis zur Furie lebhaft werden, da im Gegentheil beim trägen Puls der Phlegmatischen die Folge der Ideen äußerst matt und langsam ist. Bestünden nun die materiellen Ideen in Eindrücken, so müssen sie um so matter sein, je schneller die Säfte wallen, weil sie dann ausgelöscht würden; ist aber die materielle Idee Bewegung, so ist Alles bewiesen. Zugleich kann ich mir doch einen thätigen Einfluß dabei denken; bei dem todten Eindruck konnte ich es nicht. Ich kann mir bei der Bewegung des Nervengeistes eine Einwirkung auf ein materielles Wesen denken; bei dem Eindruck in den Canal konnte ich es ohne Schamröthe nicht. Aber auch diese Theorie reicht nicht hin, alle Einwürfe wegzuräumen, alle Erscheinungen des materiellen Denkens zu erschöpfen. Auch sie wird uns im Artikel von der Association im Stiche lassen, wo wir ihrer doch am Meisten bedürfen.

Oder sind vielleicht die materiellen Ideen der Phantasie III. Schwingungen saitenartig gespannter Fibern, deren Summe und Zusammenhang das Denkorgan ausmacht? Wer wird glauben, daß die mehrere oder mindere Spannung dieser Fibern mit jener unbeschreiblichen Mannichfaltigkeit der sinnlichen und abstracten Ideen mit ihren mannichfaltigen Graden in Vergleichung komme? Die erstaunliche Mannichfaltigkeit der elastischen Körper giebt uns doch nur wenige wesentlich verschiedene Töne; die erstaunliche Mannichfaltigkeit von Körpern, die das Licht zittern machen, giebt uns doch nur sieben verschiedene Farben. Und doch sollen diese Denkfibern alle Töne, alle Farben, alle anderen unendlich mannichfaltigen sinnlichen und geistigen Vorstellungen bezeichnen können; auch hat die Zergliederungskunst und die Analogie und nichts im ganzen Bau des Menschen nur einen Wink zu dieser Theorie gegeben. Der Zergliederer hat das Denkorgan unter allen Theilen des Körpers am Wenigsten elastisch, am Weichsten gefunden. Sie ist lediglich nichts als nackte Theorie und wird im Artikel von den Associationen vollends ihr Haupt sinken lassen.

Aus der ungefähren Combination der drei Theorien, so ungefähr, wie sich die Elemente des Epicurus ergriffen haben mochten, ist des Herrn Bonnet’s Hypothese entstanden. Mit unverzeihlichem Leichtsinn hüpft der französische Gaukler über die schwersten Punkte dahin, legt Dinge zum Grund, die er niemals beweisen kann, zieht Folgen daraus, die kein Mensch, ausgenommen ein Franzose, wagen kann. Seine Theorie mag seinem Vaterland gefallen; der schwerfällige Deutsche entrüstet sich, wenn er den Goldstaub weggeblasen und unten nichts als Luft sieht.

§. 9. Association. Anwendung der Theorien.

Sind aber die materiellen Ideen der Phantasie immer in demjenigen Zustand der Lebhaftigkeit, daß sie der Seele Vorstellungen machen können, oder sind sie es nicht? Das Erste kann nicht sein, sonst müßten wir ja schlafend und wachend ununterbrochen denken, so könnten wir nicht mit Ordnung denken. Ist das Zweite, so müßten zukommende Ursachen sein, die die gleichsam schlummernden erwecken und vor die Seele bringen.

Und das sind nun neue, sinnliche oder durch diese anderen belebte Phantasie-Ideen, welche kraft einer Verwandschaft von Zeit oder Ort oder Wirkung einen Bezug auf die schlummernden haben und durch die innere Mechanik des Denkorgans an dieselben geordnet werden. Es soll z. E. die materielle Idee einer Quelle im Denkorgan schlummern. Jetzt lassen wir durch den Weg der Sinne den Namen Quelle in das Denkorgan gelangen, so wird diese Veränderung in demselben auf Veranlassung des Namens Quelle durch die Mechanik desselben an die schlummernde materielle Idee der Quelle geordnet werden. Diese wird jetzt erweckt, wirkt auf die Seele und giebt ihr die Vorstellung einer Quelle, aber freilich schwächer, als die ursprünglich sinnliche gewesen. Aber die neu auflebende materielle Idee der Quelle wird jetzt die nächst an sie grenzende, meinetwegen eines Menschen, der damals am Baume stand, oder eines Schalles, der damals gehört ward, ebenso erwecken, als sie selbst von der sinnlichen erweckt ward, und die Seele wird eine Vorstellung von jenem Menschen oder jenem Schalle bekommen. Diese auflebende Idee wird ihre Nachbarin erwecken, diese wieder, die Seele wird wiederum Vorstellungen bekommen u. s. f., so unaufhörlich nach allen Seiten fort, bis wiederum eine neue sinnliche Idee anderer Art dieses Kettensystem unterbricht und ein neues beginnt. Und das ist nun die Reihe der Vorstellungen, gegründet auf die Association; diese aber ist auf die Verwandtschaft nach Zeit und Ort oder Wirkung gebaut. Jetzt wollen wir obige Theorien darauf anwenden und untersuchen, welche von allen uns am Meisten befriedigt.

Zuerst also von den Saitenschwingungen. Ich will einen analogischen Beweis von den Tönen und Farben entlehnen, der ihnen außerordentlich günstig scheint. Wenn ich in ein dunkles Zimmer allerlei Farben bringe und durch einen schwachen Ritz auf eine derselben, als z. E. die rothe ist, Licht einlasse, so werden alle rothen Farben im Zimmer sichtbar werden, die anderen alle unsichtbar bleiben. Wenn ich zwei Klaviere neben einander stelle und auf einem derselben eine Saite rühre und einen Ton angebe, so wird auf dem andern Klavier die nämliche Saite und keine andere ohne mein Zuthun zittern und eben den Ton, freilich matter, angeben.

Wir könnten also sagen: die Stelle des ersten Klaviers vertritt die Welt, so wie sie sich in den sinnlichen Organen befindet, die Stelle der Luft der Nervengeist, die Stelle des zweiten Klaviers das Denkorgan. So viel Saiten sind in der sinnlichen Welt als Objecte, so viel Fibern im Denkorgan als Saiten in der sinnlichen Welt, und beide, die Welt und das Denkorgan, und die Saiten in jener und die Fibern in dieser sich ebenso genau entsprechend, als die beiden Klaviere, als ihre Saiten sich entsprochen haben.

Es sollen also gewisse Saiten in den sinnlichen Organen zittern. Dieses Zittern pflanzt der Nervengeist bis an das Denkorgan fort. Die Seele empfindet es, das ist die sinnliche Idee. Jetzt, welche Fibern werden zittern? Keine andere als die, welche den Weltfibern gleich sind in Allem. Welche Idee wird die Seele bekommen? Keine andere als die nämliche, so wie die Saite des zweiten Klaviers nur den Ton des ersten angegeben hat. Die rothe Farbe wird mich nur an die rothe erinnern, so wie die rothe Farbe im dunkeln Zimmer nur die rothe wieder sichtbar macht. Ist das nun Association? Das ist nichts als ein Echo der nämlichen Idee, das zu nichts nütze ist.

Gesetzt aber, es fände wirklich eine Association bei dieser Mechanik statt, was folgt weiter? Man muß annehmen, daß alle Gegenstände entsprechende Fibern schon vorher im Denkorgan haben, ehe sie sinnlich empfunden werden. Gesetzt also, ich sehe das Meer; das Meer erinnert mich an ein Schiff, das Schiff an den amerikanischen Krieg. Die Fibern dieser verschiedenen Ideen müssen also sich irgendwo gleich sein, daß die eine die andere in Bewegung setzt. Gesetzt aber, ich hätte noch kein Schiff gesehen, ich hätte noch von keinem amerikanischen Kriege gehört, so müßte ich mich also, wenn die Meerfiber in Bewegung kommt, an ein Schiff, an den amerkanischen Krieg erinnern, ehe ich sie sinnlich empfunden habe. Was Bonnet zur Beantwortung dieses Einwurfs vorbringt, findet hier gar nicht statt.

Von monströsern Folgen dieser Theorie will ich nichts mehr sagen; denn Jeder wird nun wol von ihrem Ungrund überzeugt worden sein. Ich habe nicht nöthig gefunden, sie anders als mit ihren eigenen Waffen anzugreifen, und meine Absicht ist erreicht.

Ich nehme also meine Zuflucht zu der zweiten; diese führt mich in eben den Labyrinth. Ich muß nothwendig annehmen, daß jede Idee, auch die einfachste, ihren eigenen Geistern, ihren eigenen Canälen entspreche. Diese Canäle haben einen bestimmten Platz, den sie so wenig verändern als die Blutadern den ihrigen. Zudem, so muß ich nach der schärfsten Beobachtung des Herrn von Haller’s zugleich annehmen, daß kein Canal mit dem andern anastomosire, sondern jeder einzeln von der äußersten Spitze im sinnlichen Organ bis an das Ende der sondernden Ader fortlaufe. Nun aber sind die Associationen äußerst willkürlich, unendlich zufällig und mancherlei, und doch haben die Canäle nur einen bestimmten Platz, und doch anastomiren die Geister nicht.

Eben diese Schwierigkeit und noch mehr finden sich bei der Theorie von den Eindrücken. Hier ist noch das Unbegreifliche, wie ein Eindruck in Bewegung kommt, daß er der Seele eine Vorstellung macht. Ein Eindruck in Bewegung? Ich kann dies nicht weiter auseinandersetzen, wenn ich meinem Leser nicht das Denken absprechen will. Freilich ist es wahr, daß Mancher vermeiden wird, darüber zu denken, um die Blöße seiner Meinung nicht sehen zu dürfen und den Anker seines Verstandes in diesem sternlosen Meer nicht vollends zu verlieren. – Aber wie Haller so auf der Oberfläche schweben konnte, das begreife ich nicht. Haller ist zu groß, als daß er durch diesen Irrthum verlöre. Quandoque bonus dormitat Hallerus.

Da ich nun die materielle Association nicht aus der Mechanik des Denkorgans erklären kann, weil diese bestimmt und ewig, jene aber unendlich mannichfaltig und veränderlich ist, soll ich die Seele zum ordnenden Principio machen, soll ich annehmen, daß sie bei jeder sinnlichen Idee das ganze Heer der schlummernden im Denkorgan durchlaufe, um die ähnliche zu finden? So müßte sie sich also alle vorstellen, so müßte sie alle mit der sinnlichen vergleichen, sie müßte das ganze Werk des Denkens vollenden, um eine einzige Vorstellung zu bekommen. Nein, die Association muß schlechterdings in den materiellen Ideen ihren Grund haben, wenn wir sie schon nicht nach unseren mechanischen Gesetzen erklären können. Aber es verräth einen kranken Verstand, nur ein Bestreben zu äußern, diesen Mechanismus zu finden; ihm aber wirklich weiter nachzuhängen, wäre der nächste Weg, ihn vollends zu verlieren. In der That, ich habe den Kitzel nicht und finde es meiner Absicht gemäßer, Theorien umzustoßen, als neuere und bessere zu schaffen oder schaffen zu wollen. Thäte ich das, so wäre nicht erst ein Abdera nöthig, um mir mit Nießwurz aufzuwarten.

§. 10. Wirkung der Seele auf das Denkorgan.

Die materielle Association ist der Grund, auf welchem das Denken ruht, der Leitfaden des schaffenden Verstandes. Durch sie allein kann er Ideen zusammensetzen und sondern, vergleichen, schließen und den Willen entweder zum Wollen oder zum Verwerfen leiten. Diese Behauptung dürfte vielleicht der Freiheit gefährlich scheinen. Denn wenn die Folge der materiellen Ideen durch den Mechanismus des Denkorgans, der Verstand aber durch die materiellen Ideen, der Wille durch den Verstand bestimmt wird, so folgte, daß zuletzt der Wille mechanisch bestimmt würde. Aber man höre weiter.

Die Seele hat einen thätigen Einfluß auf das Denkorgan. Sie kann die materiellen Ideen stärker machen und nach Willkür darauf haften, und somit macht sie auch die geistigen Ideen stärker. Dies ist das Werk der Aufmerksamkeit. Sie hat also Macht auf die Stärke der Beweggründe, ja, sie selbst ist es, die sich Beweggründe macht. Und jetzt wäre es ziemlich entschieden, was Freiheit ist. Nur die Verwechslung des ersten und zweiten Willens hat den Streit darüber verursacht. Der erste Wille, der meine Aufmerksamkeit bestimmt, ist der freie; der letzte, der die Handlung bestimmt, ist ein Sklave des Verstandes; die Freiheit liegt also nicht darin, daß ich das wähle, was mein Verstand für das Beste erkannt hat (denn dies ist ein ewiges Gesetz), sondern daß ich das wähle, was meinen Verstand zum Besten bestimmen kann. Alle Moralität des Menschen hat ihren Grund in der Aufmerksamkeit, d. h. im thätigen Einfluß der Seele auf die materiellen Ideen im Denkorgan.

Wird nun eine materielle Idee kraft dieses thätigen Einflusses öfters in starke Lebhaftigkeit gesetzt, so wird sie endlich eine gewisse Stärke auch nachher noch beibehalten und gleichsam deuteropathisch vor allen hervorstechen. Sie wird die Seele treffender rühren. Sie wird in allen Associationen dem Verstand heftiger sich aufdringen, ihn mächtiger bestimmen; sie wird die Tyrannin des zweiten Willens werden, da der erste Wille gar nicht ausgeübt war. So kann es Leute geben, die zuletzt mechanisch Gutes oder Böses thun. Anfangs hatten sie es frei, moralisch gethan, da nämlich ihre Aufmerksamkeit noch unbestimmt war. Jetzt aber ist die Idee auch ohne Aufmerksamkeit die lebhafteste, sie fesselt die Seele an sich, sie herrscht über den Verstand und Willen. Hierin liegt der Grund aller Leidenschaften und herrschenden Ideen und zugleich der Fingerzeig, beide zu entnerven.

Wenn die Seele ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Ideen heftet und solche in andere Associationen bringt, so sagt man: sie erdichtet. Wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf einzelnen Bestimmungen mehrerer Ideen ruhen läßt und solche aus ihren Associationen heraus denkt, so sagt man: sie sondert ab. Jene durch Erdichtung in neue Associationen hineingedachten, diese durch Absonderung aus ihren Associationen herausgedachten Ideen fesselt sie besonders im Denkorgan wieder, ja selbst das Bewußtsein ihrer selbst bei diesen Wirkungen scheint sie in materiellen Formen zu fesseln, weil sie dies Bewußtsein zugleich wieder mit den alten Ideen zurückbringt. In diesem Fall sagen wir: sie erinnert sich wieder. Wenn die Seele kraft ihrer Aufmerksamkeit eine materielle Idee stärker erschüttert, so wird diese die nächst angrenzende auch stärker erschüttern. Die Association wird also rascher, lebhafter werden. Dies thun wir, wenn wir uns auf etwas besinnen oder unsere Phantasie spielen lassen. Die Aufmerksamkeit also ist es, durch die wir phantasiren, durch die wir uns besinnen, durch die wir sondern und dichten, durch die wir wollen. Es ist der thätige Einfluß der Seele auf das Denkorgan, der dies Alles vollbringt.

Und also ist das Denkorgan das wahre Tribunal des Verstandes, ebenso diesem unterworfen, als dieser ihm unterworfen ist. Ganz ist er dann abhängig bis auf die Aufmerksamkeit. Darum kann die Verwirrung der Geister in der Krankheit, wenn sie bis in dieses Organ hinein fortgepflanzt wird (und wie leicht wird sie das), den Weisesten zum lächerlichsten Thoren, den Denker zum Einfaltspinsel, den Sanftmüthigsten zu einer Furie umkehren. Ganz ist es abhängig von dem Verstand, bis auf den Einfluß der Sensation; darum kann ein richtiger Verstand das richtigste Gedächtniß hervorbringen, darum kann ein immer thätiger Verstand es durch Ueberspannung zerstören; Beides beweisen die Beispiele großer Denker, der Garves, der Mendelssohns, der Swifts, die das Instrument ihres Verstandes verstimmt haben, daß es keinen rechten Laut mehr von sich giebt. Und weil es denn so genau mit der Denkkraft zusammenhängt, so habe ich es Denkorgan genannt, und nicht, als ob ich das Denken als eine Folge des Mechanismus betrachtete.

§. 11. Empfindungen des geistigen Lebens.

Meine Seele ist nicht allein ein denkendes, sie ist auch ein empfindendes Wesen. Dies allein macht sie glücklich, jenes allein macht sie des Letzern fähig. Wir werden sehen, wie genau der Menschen-Schöpfer Denken an Empfinden gebunden hat. Empfindung ist derjenige Zustand meiner Seele, wo sie sich einer Verbesserung oder Verschlimmerung bewußt ist; darin also von der Vorstellung unterschieden, daß sie hier nur den Zustand ihres äußern Wesens, dort aber ihren eigenen empfindet.

Ich sehe den Sonnenhimmel, den Sternenhimmel; ich sehe einen verwirrten Haufen Steine; ich höre eine Quelle murmeln, ein Saitenspiel erschallen; ich höre Gekrächz eines Raben. In allen diesen Verwandlungen meines Zustandes ist etwas Allgemeines, die Vorstellung eines äußern Gegenstandes. Aber wie sehr verschieden ist nicht auf der andern Seite mein Zustand bei jeder dieser Vorstellungen? Den Sonnenhimmel sehe ich gern, den Sternenhimmel sehe ich noch gerner. Von dem Steinhaufen kehre ich mein Auge weg. So höre ich auch der Quelle Gemurmel gern, noch gerner das tönende Saitenspiel. So wünsche ich mein Ohr vor dem Gekrächz des Raben zu verstopfen. Was mich ergetzt, nenne ich melodisch und schön; häßlich und unmelodisch, was mich verdrießt.

Aber kraft des ersten Gesetzes, das an der Spitze dieser Darstellung des Menschen steht, darf mich nichts ergetzen, als was mich vollkommner macht, nichts verdrießen, als was mich unvollkommner macht. Machte mich nun das Melodische, das Schöne vollkommener als das Unmelodische, das Häßliche? Oder mit andern Worten, ist es mein eigener Zustand, der verbessert oder verschlimmert wird? –

 

———

Wir bedanken uns bei Herrn Bernd Neumann für die Transkription der Schrift. Quelle: Schiller’s Werke. Nach den vorzüglichsten Quellen revidirte Ausgabe. Vierzehnter Theil. Kleine prosaische Schriften. Verlag Gustav Hempel, Berlin, 1869/70.

 

Briefe über Don Carlos

Friedrich Schiller »Das Eleusische Fest« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Schillers Gedicht Das Eleusische Fest ist ein Lobgesang zu Ehren der Göttin Ceres, der Göttin des Ackerbaus. Es erschien im Jahre 1798 im Musenalmanach auf das Jahr 1799 unter dem Titel: Bürgerlied, weil es die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft thematisiert. Seinen jetzigen Namen erhielt das Gedicht erst später.

Was dich hier über das Gedicht »Das Eleusische Fest« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Entstehung und Einordnung
  3. Idee und Inhaltsangabe
  4. Aufbau und sprachliche Mittel

Bei den Kommentaren kannst du auch Fragen stellen.

Text des Gedichts

Das Eleusische1 Fest

 Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
 Flechtet auch blaue Cyanen2 hinein!
 Freude soll jedes Auge verklären,
 Denn die Königin3 ziehet ein,
5Die Bezähmerin wilder Sitten,
 Die den Menschen zum Menschen gesellt
 Und in friedliche feste Hütten
 Wandelte das bewegliche Zelt.

 Scheu in des Gebirges Klüften
10Barg der Troglodyte4 sich,
 Der Nomade ließ die Triften
 Wüste liegen, wo er strich,
 Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen
 Schritt der Jäger durch das Land,
15Weh dem Fremdling, den die Wogen
 Warfen an den Unglücksstrand5!

 Und auf ihrem Pfad begrüßte,
 Irrend nach des Kindes Spur,
 Ceres die verlaßne Küste,
20Ach, da grünte keine Flur!
 Daß sie hier vertraulich weile,
 Ist kein Obdach ihr gewährt,
 Keines Tempels heitre Säule
 Zeuget, daß man Götter ehrt.

25Keine Frucht der süßen Ähren
 Lädt zum reinen Mahl sie ein,
 Nur auf gräßlichen Altären
 Dorret menschliches Gebein.
 Ja, so weit sie wandernd kreiste,
30Fand sie Elend überall,
 Und in ihrem großen Geiste
 Jammert sie des Menschen Fall.

 »Find ich so den Menschen wieder,
 Dem wir unser Bild geliehn6,
35Dessen schöngestalte Glieder
 Droben im Olympus blühn?
 Gaben wir ihm zum Besitze
 Nicht der Erde Götterschoß,
 Und auf seinem Königsitze
40Schweift er elend, heimatlos?

 Fühlt kein Gott mit ihm Erbarmen,
 Keiner aus der Selgen Chor7
 Hebet ihn mit Wunderarmen
 Aus der tiefen Schmach empor?
45In des Himmels selgen Höhen
 Rühret sie nicht fremder Schmerz,
 Doch der Menschheit Angst und Wehen
 Fühlet mein gequältes Herz.

 Daß der Mensch zum Menschen werde,
50Stift er einen ewgen Bund
 Gläubig mit der frommen Erde,
 Seinem mütterlichen Grund,
 Ehre das Gesetz der Zeiten
 Und der Monde heilgen Gang,
55Welche still gemessen schreiten
 Im melodischen Gesang8

 Und den Nebel teilt sie leise,
 Der den Blicken sie verhüllt,
 Plötzlich in der Wilden Kreise
60Steht sie da, ein Götterbild.
 Schwelgend bei dem Siegesmahle
 Findet sie die rohe Schar,
 Und die blutgefüllte Schale
 Bringt man ihr zum Opfer dar.

65Aber schaudernd, mit Entsetzen
 Wendet sie sich weg und spricht:
 »Blutge Tigermahle netzen
 Eines Gottes Lippen nicht.
 Reine Opfer will er haben,
70Früchte, die der Herbst beschert,
 Mit des Feldes frommen Gaben
 Wird der Heilige verehrt.«

 Und sie nimmt die Wucht des Speeres
 Aus des Jägers rauher Hand,
75Mit dem Schaft des Mordgewehres
 Furchet sie den leichten Sand,
 Nimmt von ihres Kranzes Spitze
 Einen Kern, mit Kraft gefüllt,
 Senkt ihn in die zarte Ritze,
80Und der Trieb des Keimes schwillt.

 Und mit grünen Halmen schmücket
 Sich der Boden alsobald,
 Und so weit das Auge blicket,
 Wogt es wie ein goldner Wald.
85Lächelnd segnet sie die Erde,
 Flicht der ersten Garbe Bund,
 Wählt den Feldstein sich zum Herde,
 Und es spricht der Göttin Mund:

 »Vater Zeus, der über alle
90Götter herrscht in Äthers Höhn9!
 Daß dies Opfer dir gefalle,
 Laß ein Zeichen jetzt geschehn!
 Und dem unglückselgen Volke,
 Das dich, Hoher, noch nicht nennt,
95Nimm hinweg des Auges Wolke,
 Daß es seinen Gott erkennt!«

 Und es hört der Schwester Flehen
 Zeus auf seinem hohen Sitz,
 Donnernd aus den blauen Höhen
100Wirft er den gezackten Blitz.
 Prasselnd fängt es an zu lohen,
 Hebt sich wirbelnd vom Altar,
 Und darüber schwebt in hohen
 Kreisen sein geschwinder Aar10.

105Und gerührt zu der Herrscherin Füßen
 Stürzt sich der Menge freudig Gewühl,
 Und die rohen Seelen zerfließen
 In der Menschlichkeit erstem Gefühl,
 Werfen von sich die blutige Wehre,
110Öffnen den düstergebundenen Sinn
 Und empfangen die göttliche Lehre
 Aus dem Munde der Königin.

 Und von ihren Thronen steigen
 Alle Himmlischen herab,
115Themis11 selber führt den Reigen,
 Und mit dem gerechten Stab
 Mißt sie jedem seine Rechte,
 Setzet selbst der Grenze Stein,
 Und des Styx verborgne Mächte12
120Ladet sie zu Zeugen ein.

 Und es kommt der Gott der Esse13,
 Zeus‘ erfindungsreicher Sohn,
 Bildner künstlicher Gefäße,
 Hochgelehrt in Erzt und Ton.
125Und er lehrt die Kunst der Zange
 Und der Blasebälge Zug,
 Unter seines Hammers Zwange
 Bildet sich zuerst der Pflug.

 Und Minerva14, hoch vor allen
130Ragend mit gewichtgem Speer,
 Läßt die Stimme mächtig schallen
 Und gebeut dem Götterheer.
 Feste Mauren will sie gründen,
 Jedem Schutz und Schirm zu sein,
135Die zerstreute Welt zu binden
 In vertraulichem Verein.

 Und sie lenkt die Herrscherschritte
 Durch des Feldes weiten Plan15,
 Und an ihres Fußes Tritte
140Heftet sich der Grenzgott16 an,
 Messend führet sie die Kette
 Um des Hügels grünen Saum,
 Auch des wilden Stromes Bette
 Schließt sie in den heilgen Raum.

145Alle Nymphen, Oreaden17,
 Die der schnellen Artemis18
 Folgen auf des Berges Pfaden,
 Schwingend ihren Jägerspieß,
 Alle kommen, alle legen
150Hände an, der Jubel schallt,
 Und von ihrer Äxte Schlägen
 Krachend stürzt der Fichtenwald.

 Auch aus seiner grünen Welle
 Steigt der schilfbekränzte Gott,
155Wälzt den schweren Floß zur Stelle
 Auf der Göttin Machtgebot,
 Und die leichtgeschürzten Stunden19
 Fliegen ans Geschäft, gewandt,
 Und die rauhen Stämme runden
160Zierlich sich in ihrer Hand.

 Auch den Meergott20 sieht man eilen,
 Rasch mit des Tridentes21 Stoß
 Bricht er die granitnen Säulen
 Aus dem Erdgerippe los,
165Schwingt sie in gewaltgen Händen
 Hoch wie einen leichten Ball,
 Und mit Hermes22, dem behenden,
 Türmet er der Mauren Wall.

 Aber aus den goldnen Saiten
170Lockt Apoll23 die Harmonie
 Und das holde Maß der Zeiten
 Und die Macht der Melodie.
 Mit neunstimmigem Gesange
 Fallen die Kamönen24 ein,
175Leise nach des Liedes Klange
 Füget sich der Stein zum Stein25.

 Und der Tore weite Flügel
 Setzet mit erfahrner Hand
 Cybele26 und fügt die Riegel
180Und der Schlösser festes Band.
 Schnell durch rasche Götterhände
 Ist der Wunderbau vollbracht,
 Und der Tempel heitre Wände
 Glänzen schon in Festespracht.

185Und mit einem Kranz von Myrten
 Naht die Götterkönigin27,
 Und sie führt den schönsten Hirten
 Zu der schönsten Hirtin hin.
 Venus28 mit dem holden Knaben29
190Schmücket selbst das erste Paar,
 Alle Götter bringen Gaben
 Segnend den Vermählten dar.

 Und die neuen Bürger ziehen,
 Von der Götter selgem Chor
195Eingeführt, mit Harmonien
 In das gastlich offne Tor,
 Und das Priesteramt verwaltet
 Ceres am Altar des Zeus,
 Segnend ihre Hand gefaltet
200Spricht sie zu des Volkes Kreis:

 »Freiheit liebt das Tier der Wüste,
 Frei im Äther herrscht der Gott,
 Ihrer Brust gewaltge Lüste
 Zähmet das Naturgebot;
205Doch der Mensch, in ihrer Mitte,
 Soll sich an den Menschen reihn,
 Und allein durch seine Sitte
 Kann er frei und mächtig sein.«

 Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
210Flechtet auch blaue Cyanen hinein!
 Freude soll jedes Auge verklären,
 Denn die Königin ziehet ein,
 Die uns die süße Heimat gegeben,
 Die den Menschen zum Menschen gesellt,
215Unser Gesang soll sie festlich erheben,
 Die beglückende Mutter der Welt.

Dieser Beitrag besteht aus 4 Seiten:

Friedrich Schiller »Das Glück« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

In seinem Gedicht Das Glück (1798) feiert Friedrich Schiller die Herrlichkeit des Glücks als ein Geschenk der Götter. Für seine Darstellung bedient sich Schiller fast ausschließlich bei mythologischen Bildern.

Was dich hier über das Gedicht »Das Glück« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Entstehung des Gedichtes
  3. Idee und Inhalt
  4. Sprachliche Mittel

Bei den Kommentaren kannst du auch Fragen stellen.

Text des Gedichts

Das Glück

 Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
 Liebten, welchen als Kind Venus1 im Arme gewiegt,
 Welchem Phöbus2 die Augen, die Lippen Hermes3 gelöset,
 Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!
5Ein erhabenes Los, ein göttliches, ist ihm gefallen,
 Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt.
 Ihm ist, eh er es lebte, das volle Leben gerechnet,
 Eh er die Mühe bestand, hat er die Charis4 erlangt.
 Groß zwar nenn ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer,
10Durch der Tugend Gewalt selber die Parze5 bezwingt,
 Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis
 Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Mut.
 Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren,
 Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab.
15Wie die Geliebte dich liebt, so kommen die himmlischen Gaben,
 Oben in Jupiters Reich herrscht wie in Amors6 die Gunst.
 Neigungen haben die Götter, sie lieben der grünenden Jugend
 Lockigte Scheitel, es zieht Freude die Fröhlichen an.
 Nicht der Sehende wird von ihrer Erscheinung beseligt,
20Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut;
 Gern erwählen sie sich der Einfalt kindliche Seele,
 In das bescheidne Gefäß schließen sie Göttliches ein.
 Ungehofft sind sie da und täuschen die stolze Erwartung,
 Keines Bannes Gewalt zwinget die Freien herab.
25Wem er geneigt, dem sendet der Vater der Menschen und Götter7
 Seinen Adler8 herab, trägt ihn zu himmlischen Höhn,
 Unter die Menge greift er mit Eigenwillen, und welches
 Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand
 Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde;
30Krönte doch selber den Gott nur das gewogene Glück.
 Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger9,
 Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott.
 Vor ihm ebnet Poseidon10 das Meer, sanft gleitet des Schiffes
 Kiel, das den Cäsar führt und sein allmächtiges Glück.
35Ihm zu Füßen legt sich der Leu, das brausende Delphin
 Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Rücken ihm an.
 Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter
 Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt.
 Ihn, den die lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid ich,
40Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick.
 War er weniger herrlich, Achilles11, weil ihm Hephästos12
 Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert,
 Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget?
 Das verherrlichet ihn, daß ihn die Götter geliebt,
45Daß sie sein Zürnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben,
 Hellas‘ bestes Geschlecht stürzten zum Orkus13 hinab.
 Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos
 Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk,
 Laß sie die Glückliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,
50Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.
 Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt,
 Daß der Sänger dir singt, was ihn die Muse gelehrt,
 Weil der Gott ihn beseelt, so wird er dem Hörer zum Gotte,
 Weil er der Glückliche ist, kannst du der Selige sein.
55Auf dem geschäftigen Markt, da führe Themis14 die Wage,
 Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab;
 Aber die Freude ruft nur ein Gott auf sterbliche Wangen,
 Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter zu sehn.
 Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen,
60Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit,
 Aber das Glückliche siehest du nicht, das Schöne nicht werden,
 Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet vor dir.
 Jede irdische Venus ersteht wie die erste des Himmels,
 Eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer;
65Wie die erste Minerva15, so tritt mit der Ägis16 gerüstet
 Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.

Dieser Beitrag besteht aus 3 Seiten:

Friedrich Schiller »Licht und Wärme« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Licht und Wärme (1797) gehört zu den kleineren Gedichten Schillers, das seiner klassischen Schaffensperiode zuzuordnen ist. Hier äußert er den Gedanken, dass der nach Wahrheit strebende Mensch den Blick für das Leben nicht verlieren soll.

Text des Gedichts

Licht und Wärme

 Der beßre Mensch tritt in die Welt
 Mit fröhlichem Vertrauen,
 Er glaubt, was ihm die Seele schwellt,
 Auch außer sich zu schauen,
5Und weiht, von edlem Eifer warm,
 Der Wahrheit seinen treuen Arm.

 Doch alles ist so klein, so eng,
 Hat er es erst erfahren,
 Da sucht er in dem Weltgedräng
10Sich selbst nur zu bewahren,
 Das Herz in kalter stolzer Ruh
 Schließt endlich sich der Liebe zu.

 Sie geben, ach! nicht immer Glut,
 Der Wahrheit helle Strahlen.
15Wohl denen, die des Wissens Gut
 Nicht mit dem Herzen zahlen!
 Drum paart, zu eurem schönsten Glück,
 Mit Schwärmers Ernst des Weltmanns Blick.

Idee und Inhalt

Den Inhalt des Gedichtes bildet die Ausführung des Wunsches, dass der Mensch durch die klare Erkenntnis der die Welt beherrschenden niedrigen Leidenschaften sich nicht abhalten lässt, mit Eifer für die Menschen zu wirken: Wie es in der auffallenden sinnbildlichen Überschrift heißt, besitzen sie Licht und Wärme. Körner hatte einmal an Schiller geschrieben, Licht und Wärme sei das höchste Ideal der Menschen. Beides möglichst im Gleichgewicht zu halten sei der vollkommenste Zustand, ein würdiges Ziel unserer Bestrebungen.

In seiner Rezension der Bürgerschen Gedichte warnte Schiller davor, „über dem Fleiß des Forschens den Preis seiner Anstrengungen zu verlieren“, d.h. über der Wahrheit das Leben. Die Kunst kann dies abwenden, die die Wahrheit in Begleitung von »Licht« und »Wärme« zu vermitteln vermag. Die Strophen 1 und 2 stehen als These und Antithese gegenüber. Strophe 3 verbindet synthetisch beide Gedanken miteinander.

Zusammenfassung

Strophe 1: Wir treten in die Welt mit dem edelsten Eifer, dass Gute zu fördern.
Strophe 2: Aber wenn der Mensch die Niedrigkeit der Welt erkannt hat, wird sein Herz gegen die Menschen kalt.
Strophe 3: Möge die Einsicht doch mit warmem Eifer sich verbinden!

Entstehung

Das Gedicht entstand vermutlich im Frühjahr 1797 und gehört zu den an Spener am 27. April 1797 gesendete „Kleinigkeiten“. Die „Kleinigkeit“ wurde erstmals im Musenalmanach auf das Jahr 1798 veröffentlicht. Körner bemerkte, das Gedicht gehöre zu der Gattung, die mehr rednerisch als poetisch sei. Er tadelte die zu vielen Konsonanten des Schlussverses, erkannte aber die großen Schwierigkeiten an, die besonders ein deutscher Dichter hier zu überwinden habe. Dem ganzen Gedicht fehlt es nach Ansicht Körners an lebendiger Frische und treffender Klarheit des Ausdrucks.

Versmaß und Reimform

Die Verse von »Licht und Wärme« sind rein jambischer Natur. Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je sechs Versen. Der 1. und der 3. Vers jeder Strophe hat jeweils drei Hebungen, die anderen Verse haben vier Hebungen. Die ersten vier Verse reimen als Kreuzreime, die letzten beiden Verse sind ein Paarreim. Das Reimschema ist zusammengefasst: a-b-a-b-c-c. Die Verse der Reime a und c enden männlich (stumpf). Die Verse von Reim b enden weiblich (klingend).

Friedrich Schiller »Breite und Tiefe« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Breite und Tiefe (1797) gehört zu den kleinen Gedichten Schillers, der hierhin den Gegensatz von theoretischer Erkenntnis und praktischem Handeln beschreibt.

Text des Gedichts

Breite und Tiefe

 Es glänzen viele in der Welt,
 Sie wissen von allem zu sagen,
 Und wo was reizet und wo was gefällt,
 Man kann es bei ihnen erfragen,
5Man dächte, hört man sie reden laut,
 Sie hätten wirklich erobert die Braut.

 Doch gehn sie aus der Welt ganz still,
 Ihr Leben war verloren.
 Wer etwas Treffliches leisten will,
10Hätt gern was Großes geboren,
 Der sammle still und unerschlafft
 Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

 Der Stamm erhebt sich in die Luft
 Mit üppig prangenden Zweigen,
15Die Blätter glänzen und hauchen Duft,
 Doch können sie Früchte nicht zeugen,
 Der Kern allein im schmalen Raum
 Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum.

Idee und Inhalt

Das Gedicht befasst sich mit dem praktischen Handeln des Menschen, auf sein „Leisten“. Anders als der theoretischen Erkenntnis der Welt fordert das praktische Handeln die Konzentration auf den kleinsten Punkt. Praktisches Handeln geht also in die Tiefe(, während der theoretischen Erkenntnis eine breite Betrachtung vorausgeht).

Zusammenfassung

Strophe 1: Viele machen sich durch vielseitige Kenntnis im Leben einen glänzenden Namen.

Strophe 2: Aber ihr Name schwindet mit ihnen, wogegen, wer etwas Tüchtiges schaffen will, seine Kraft auf einen Kernpunkt sammeln muss.

Strophe 3: Der kleine Kern, aus dem der ganze Baum sich entwickelt, ist ein Bild einer auf diese Weise zu gewinnenden mächtigen Wirkung.

Entstehung

Schillers Gedicht „Breite und Tiefe“ entstand vermutlich in den Tagen vor dem 27. April 1797, an dem er einige „Kleinigkeiten“ an Spener schickte. Erstmals veröffentlicht wurde es im Musenalmanach auf das Jahr 1798. Körner bezeichnet das Gedicht etwas sonderbar als eine Fabel und bezieht sich hierbei auf die Allegorie in Strophe 3, die ihre Moral in den vorangehenden Strophen vorausschickt. Die Kritik Körners richtet sich auf das seiner Meinung nach verfehlte Bild in Strophe 3: „Ohne Stamm und Blätter gab es doch noch weder Kern noch Früchte“, schrieb dieser. Wenn Schiller den Baumstamm mit Zweigen und Blättern erwähnt, so musste er bemerken, dass diese, wie stattlich sie auch sich erheben, nicht da sein würden ohne den kleinen im Boden verborgenen Kern, worin der ganze Baum verschollen ruht. Die Erwägung, „doch können sie Früchte nicht zeugen“, passt aber nicht. Sie soll einen Gegensatz zur Schönheit der Blätter bilden. Aber wird bei ihnen auf das Nichttragen von Früchten Gewicht gelegt, so kann man ja doch von den Zweigen des Stammes wohl sagen, dass sie immer wenn auch nur mittelbar, Früchte zeugen.

Versmaß und Reimform

Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils sechs Versen. Die Verse sind jambischer Natur. Anapäste ersetzen mitunter die Jamben. Die ersten vier Verse reimen als Kreuzreim, die beiden letzten Verse bilden einen Paarreim. Das gesamte Reimschema sieht also wie folgt aus: a-b-a-b-c-c. Die Reime a und c sind männlich (stumpf) reimende Verse, enden auf eine betonte Silbe. Die Verse von Reim b sind weiblicher (klingender) Natur, sie enden auf eine unbetonte Silbe.

Friedrich Schiller »Ritter Toggenburg« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Die Ballade vom Ritter Toggenburg gehört zu Schillers lyrisch-idyllischen Werken, wodurch sie sich auch von seinen anderen Balladen unterscheidet. Ende Juli 1797 vollendet stellt er hierin die hingebungsvolle, unerfüllte Liebe des Toggenburgs zu seiner Geliebten dar, für er sein weltliches Leben hinter sich lässt.

Was dich hier über die Ballade »Ritter Toggenburg« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Entstehung und Quellen des Gedichtes
  3. Idee, Inhaltsangabe und Aufbau
  4. Sprachliche Mittel

Bei den Kommentaren kannst du auch Fragen stellen.

Text der Ballade

Ritter Toggenburg

 »Ritter, treue Schwesterliebe
 Widmet Euch dies Herz,
 Fodert keine andre Liebe,
 Denn es macht mir Schmerz.
5Ruhig mag ich Euch erscheinen,
 Ruhig gehen sehn.
 Eurer Augen stilles Weinen
 Kann ich nicht verstehn.«

 Und er hörts mit stummem Harme,
10Reißt sich blutend los,
 Preßt sie heftig in die Arme,
 Schwingt sich auf sein Roß,
 Schickt zu seinen Mannen allen
 In dem Lande Schweiz1,
15Nach dem Heilgen Grab sie wallen,
 Auf der Brust das Kreuz.

 Große Taten dort geschehen
 Durch der Helden Arm,
 Ihres Helmes Büsche wehen
20In der Feinde Schwarm,
 Und des Toggenburgers Name
 Schreckt den Muselmann2,
 Doch das Herz von seinem Grame
 Nicht genesen kann.

25Und ein Jahr hat ers getragen,
 Trägts nicht länger mehr,
 Ruhe kann er nicht erjagen
 Und verläßt das Heer,
 Sieht ein Schiff an Joppes3 Strande,
30Das die Segel bläht,
 Schiffet heim zum teuren Lande,
 Wo ihr Atem weht.

 Und an ihres Schlosses Pforte
 Klopft der Pilger an,
35Ach! und mit dem Donnerworte
 Wird sie aufgetan:
 »Die Ihr suchet, trägt den Schleier,
 Ist des Himmels Braut,
 Gestern war des Tages Feier,
40Der sie Gott getraut.«

 Da verlässet er auf immer
 Seiner Väter Schloß,
 Seine Waffen sieht er nimmer,
 Noch sein treues Roß,
45Von der Toggenburg hernieder
 Steigt er unbekannt,
 Denn es deckt die edeln Glieder
 Härenes Gewand4.

 Und erbaut sich eine Hütte
50Jener Gegend nah,
 Wo das Kloster aus der Mitte
 Düstrer Linden sah;
 Harrend von des Morgens Lichte
 Bis zu Abends Schein,
55Stille Hoffnung im Gesichte,
 Saß er da allein.

 Blickte nach dem Kloster drüben,
 Blickte stundenlang
 Nach dem Fenster seiner Lieben,
60Bis das Fenster klang,
 Bis die Liebliche sich zeigte,
 Bis das teure Bild
 Sich ins Tal herunterneigte
 Ruhig, engelmild.

65Und dann legt‘ er froh sich nieder,
 Schlief getröstet ein,
 Still sich freuend, wenn es wieder
 Morgen würde sein.
 Und so saß er viele Tage,
70Saß viel Jahre lang,
 Harrend ohne Schmerz und Klage,
 Bis das Fenster klang.

 Bis die Liebliche sich zeigte,
 Bis das teure Bild
75Sich ins Tal herunterneigte,
 Ruhig, engelmild.
 Und so saß er, eine Leiche,
 Eines Morgens da,
 Nach dem Fenster noch das bleiche,
80Stille Antlitz sah.

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Friedrich Schiller »Nänie« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Friedrich Schillers Gedicht Nänie behandelt den Tod des Schönen in der Wirklichkeit, das in idealisierter Form in der Kunst weiterlebt. Es gehört zu den schönsten deutschen Gedichten. Nach Schillers eigener Angabe hat er Nänie wahrscheinlich 1799 Anfang Oktober gedichtet. Es erschien aber erst im August 1800 im ersten Teil der gesammelten Gedichte Schillers. Scheinbar hatte es weder von ihm selbst, noch von seinen Freunden und Bekannten eine besondere Wertschätzung erhalten.

Was dich hier über das Gedicht »Nänie« erwartet

  1. Text des Gedichtes mit Worterklärungen und Verszählung
  2. Inhalt und Interpretation
  3. Aufbau und sprachliche Mittel

Bei den Kommentaren kannst du auch Fragen stellen.

Text des Gedichtes

Nänie1

 Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
 Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus2.
 Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher3,
 Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
5Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben4 die Wunde,
 Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
 Nicht errettet den göttlichen Held5 die unsterbliche Mutter,
 Wann er, am skäischen Tor6 fallend, sein Schicksal erfüllt.
 Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus7,
10Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
 Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
 Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
 Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
 Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus8 hinab.

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Friedrich Schiller »Die Kraniche des Ibykus« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Friedrich Schillers Ballade Die Kraniche des Ibykus ist ein Paradebeispiel für Schillers Gedankenlyrik. 1797 gedichtet, stellt sie die scheinbar übernatürliche Macht der Poesie und ihre Wirkung auf den Menschen in den Mittelpunkt. Der Dichter Ibykus, der auf seinem Weg nach Korinth heimtückisch ermordet wird, trägt den über ihn hinziehenden Kranichen die Sühnung seines Todes auf. Die Rache erfüllt sich im Theater, wo sich die Mörder durch das wundersame Erscheinen der Kraniche selbst verraten.

Text der Ballade

Die Kraniche des Ibykus

 Zum Kampf der Wagen und Gesänge1,
 Der auf Korinthus‘ Landesenge2
 Der Griechen Stämme froh vereint,
 Zog Ibykus, der Götterfreund.
5Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
 Der Lieder süßen Mund Apoll3,
 So wandert‘ er, an leichtem Stabe,
 Aus Rhegium4, des Gottes voll.

 Schon winkt auf hohem Bergesrücken
10Akrokorinth5 des Wandrers Blicken,
 Und in Poseidons Fichtenhain6
 Tritt er mit frommem Schauder ein.
 Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
 Von Kranichen begleiten ihn,
15Die fernhin nach des Südens Wärme
 In graulichtem Geschwader ziehn.

 »Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
 Die mir zur See Begleiter waren,
 Zum guten Zeichen nehm ich euch,
20Mein Los, es ist dem euren gleich.
 Von fernher kommen wir gezogen
 Und flehen um ein wirtlich Dach.
 Sei uns der Gastliche7 gewogen,
 Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!«

25Und munter fördert er die Schritte
 Und sieht sich in des Waldes Mitte,
 Da sperren, auf gedrangem8 Steg,
 Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
 Zum Kampfe muß er sich bereiten,
30Doch bald ermattet sinkt die Hand,
 Sie hat der Leier zarte Saiten,
 Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

 Er ruft die Menschen an, die Götter,
 Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
35Wie weit er auch die Stimme schickt,
 Nichts Lebendes wird hier erblickt.
 »So muß ich hier verlassen sterben,
 Auf fremdem Boden, unbeweint,
 Durch böser Buben Hand verderben,
40Wo auch kein Rächer mir erscheint!«

 Und schwer getroffen sinkt er nieder,
 Da rauscht der Kraniche Gefieder,
 Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
 Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
45»Von euch, ihr Kraniche dort oben!
 Wenn keine andre Stimme spricht,
 Sei meines Mordes Klag erhoben!«
 Er ruft es, und sein Auge bricht.

 Der nackte Leichnam wird gefunden,
50Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
 Erkennt der Gastfreund in Korinth
 Die Züge, die ihm teuer sind.
 »Und muß ich so dich wiederfinden,
 Und hoffte mit der Fichte Kranz9
55Des Sängers Schläfe zu umwinden,
 Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!«

 Und jammernd hörens alle Gäste,
 Versammelt bei Poseidons Feste,
 Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
60Verloren hat ihn jedes Herz.
 Und stürmend drängt sich zum Prytanen10
 Das Volk, es fodert seine Wut,
 Zu rächen des Erschlagnen Manen11,
 Zu sühnen mit des Mörders Blut.

65Doch wo die Spur, die aus der Menge,
 Der Völker flutendem Gedränge,
 Gelocket von der Spiele Pracht,
 Den schwarzen Täter kenntlich macht?
 Sinds Räuber, die ihn feig erschlagen?
70Tats neidisch ein verborgner Feind?
 Nur Helios12 vermags zu sagen,
 Der alles Irdische bescheint.

 Er geht vielleicht mit frechem Schritte
 Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
75Und während ihn die Rache sucht,
 Genießt er seines Frevels Frucht.
 Auf ihres eignen Tempels Schwelle
 Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
 Sich dreist in jene Menschenwelle,
80Die dort sich zum Theater drängt.

 Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
 Es brechen fast der Bühne Stützen13,
 Herbeigeströmt von fern und nah,
 Der Griechen Völker wartend da,
85Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
 Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
 In weiter stets geschweiftem Bogen
 Hinauf bis in des Himmels Blau14.

 Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
90Die gastlich hier zusammenkamen?
 Von Theseus‘ Stadt15, von Aulis Strand16,
 Von Phokis17, vom Spartanerland,
 Von Asiens entlegner Küste,
 Von allen Inseln kamen sie
95Und horchen von dem Schaugerüste
 Des Chores grauser Melodie,

 Der streng und ernst, nach alter Sitte,
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Hervortritt aus dem Hintergrund18,
100Umwandelnd des Theaters Rund19.
 So schreiten keine irdschen Weiber,
 Die zeugete kein sterblich Haus!
 Es steigt das Riesenmaß der Leiber
 Hoch über menschliches hinaus20.

105Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
 Sie schwingen in entfleischten Händen
 Der Fackel düsterrote Glut,
 In ihren Wangen fließt kein Blut.
 Und wo die Haare lieblich flattern,
110Um Menschenstirnen freundlich wehn,
 Da sieht man Schlangen hier und Nattern
 Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

 Und schauerlich gedreht im Kreise
 Beginnen sie des Hymnus21 Weise,
115Der durch das Herz zerreißend dringt,
 Die Bande um den Sünder schlingt.
 Besinnungraubend, herzbetörend
 Schallt der Erinnyen Gesang,
 Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
120Und duldet nicht der Leier Klang:

 »Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
 Bewahrt die kindlich reine Seele!
 Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
 Er wandelt frei des Lebens Bahn.
125Doch wehe, wehe, wer verstohlen
 Des Mordes schwere Tat vollbracht,
 Wir heften uns an seine Sohlen,
 Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

 Und glaubt er fliehend zu entspringen,
130Geflügelt sind wir da, die Schlingen
 Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
 Daß er zu Boden fallen muß.
 So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
 Versöhnen kann uns keine Reu,
135Ihn fort und fort bis zu den Schatten,
 Und geben ihn auch dort nicht frei.«

 So singend, tanzen sie den Reigen,
 Und Stille wie des Todes Schweigen
 Liegt überm ganzen Hause schwer,
140Als ob die Gottheit nahe wär.
 Und feierlich, nach alter Sitte
 Umwandelnd des Theaters Rund
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Verschwinden sie im Hintergrund.

145Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
 Noch zweifelnd jede Brust und bebet
 Und huldiget der furchtbarn Macht,
 Die richtend im Verborgnen wacht,
 Die unerforschlich, unergründet
150Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
 Dem tiefen Herzen sich verkündet,
 Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

 Da hört man auf den höchsten Stufen22
 Auf einmal eine Stimme rufen:
155»Sieh da! Sieh da, Timotheus,
 Die Kraniche des Ibykus!« –
 Und finster plötzlich wird der Himmel,
 Und über dem Theater hin
 Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
160Ein Kranichheer vorüberziehn.

 »Des Ibykus!« – Der teure Name
 Rührt jede Brust mit neuem Grame,
 Und, wie im Meere Well auf Well,
 So läufts von Mund zu Munde schnell:
165»Des Ibykus, den wir beweinen,
 Den eine Mörderhand erschlug!
 Was ists mit dem? Was kann er meinen?
 Was ists mit diesem Kranichzug?« –

 Und lauter immer wird die Frage,
170Und ahnend fliegts mit Blitzesschlage
 Durch alle Herzen. »Gebet acht!
 Das ist der Eumeniden Macht!
 Der fromme Dichter wird gerochen,
 Der Mörder bietet selbst sich dar!
175Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
 Und ihn, an dens gerichtet war.«

 Doch dem war kaum das Wort entfahren,
 Möcht ers im Busen gern bewahren;
 Umsonst, der schreckenbleiche Mund
180Macht schnell die Schuldbewußten kund.
 Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
 Die Szene23 wird zum Tribunal24,
 Und es gestehn die Bösewichter,
 Getroffen von der Rache Strahl.

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Friedrich Schiller »Der Graf von Habsburg« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Schillers Ballade Der Graf von Habsburg entstand 1803 und gehört zu seinen spätestens lyrischen Arbeiten. Auf den Stoff stieß er bei den Vorarbeiten zu Wilhelm Tell, als er sich mit der Geschichte der Schweiz befasste. Für Schiller eher eigentümlich setzt er hierin ganz auf die christliche Anschauung, dass ein tugendhaftes, gottesfürchtiges Leben noch auf Erden Belohnung findet.

Text der Ballade

Der Graf von Habsburg

 Zu Aachen1 in seiner Kaiserpracht2,
 Im altertümlichen Saale,
 Saß König Rudolfs3 heilige Macht
 Beim festlichen Krönungsmahle.
5Die Speisen trug der Pfalzgraf des Rheins,
 Es schenkte der Böhme des perlenden Weins,
 Und alle die Wähler, die sieben4,
 Wie der Sterne Chor um die Sonne sich stellt,
 Umstanden geschäftig den Herrscher der Welt,
10Die Würde des Amtes zu üben.

 Und rings erfüllte den hohen Balkon
 Das Volk in freudgem Gedränge,
 Laut mischte sich in der Posaunen Ton
 Das jauchzende Rufen der Menge.
15Denn geendigt nach langem verderblichen Streit
 War die kaiserlose, die schreckliche Zeit5,
 Und ein Richter war wieder auf Erden.
 Nicht blind mehr waltet der eiserne Speer,
 Nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr,
20Des Mächtigen Beute zu werden.

 Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal
 Und spricht mit zufriedenen Blicken:
 »Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl,
 Mein königlich Herz zu entzücken;
25Doch den Sänger vermiß ich, den Bringer der Lust,
 Der mit süßem Klang mir bewege die Brust
 Und mit göttlich erhabenen Lehren.
 So hab ichs gehalten von Jugend an,
 Und was ich als Ritter gepflegt und getan,
30Nicht will ichs als Kaiser entbehren.«

 Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis
 Trat der Sänger im langen Talare6,
 Ihm glänzte die Locke silberweiß,
 Gebleicht von der Fülle der Jahre.
35»Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,
 Der Sänger singt von der Minne7 Sold,
 Er preiset das Höchste, das Beste,
 Was das Herz sich wünscht, was der Sinn begehrt,
 Doch sage, was ist des Kaisers wert
40An seinem herrlichsten Feste?«

 »Nicht gebieten werd ich dem Sänger«, spricht
 Der Herrscher mit lächelndem Munde,
 »Er steht in des größeren Herren Pflicht,
 Er gehorcht der gebietenden Stunde:
45Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
 Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust,
 Wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
 So des Sängers Lied aus dem Innern schallt
 Und wecket der dunkeln Gefühle Gewalt,
50Die im Herzen wunderbar schliefen.«

 Und der Sänger rasch in die Saiten fällt
 Und beginnt sie mächtig zu schlagen:
 »Aufs Weidwerk hinaus ritt ein edler Held,
 Den flüchtigen Gemsbock zu jagen.
55Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß,
 Und als er auf seinem stattlichen Roß
 In eine Au kommt geritten,
 Ein Glöcklein hört er erklingen fern,
 Ein Priester wars mit dem Leib des Herrn,
60Voran kam der Meßner8 geschritten.

 Und der Graf zur Erde sich neiget hin,
 Das Haupt mit Demut entblößet,
 Zu verehren mit glaubigem Christensinn,
 Was alle Menschen erlöset.
65Ein Bächlein aber rauschte durchs Feld,
 Von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,
 Das hemmte der Wanderer Tritte,
 Und beiseit legt jener das Sakrament9,
 Von den Füßen zieht er die Schuhe behend,
70Damit er das Bächlein durchschritte.

 ›Was schaffst du?‹ redet der Graf ihn an,
 Der ihn verwundert betrachtet.
 ›Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann,
 Der nach der Himmelskost10 schmachtet.
75Und da ich mich nahe des Baches Steg,
 Da hat ihn der strömende Gießbach hinweg
 Im Strudel der Wellen gerissen.
 Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,
 So will ich das Wässerlein jetzt in Eil
80Durchwaten mit nackenden Füßen.‹

 Da setzt ihn der Graf auf sein ritterlich Pferd
 Und reicht ihm die prächtigen Zäume,
 Daß er labe den Kranken, der sein begehrt,
 Und die heilige Pflicht nicht versäume.
85Und er selber auf seines Knappen Tier
 Vergnüget noch weiter des Jagens Begier,
 Der andre die Reise vollführet,
 Und am nächsten Morgen, mit dankendem Blick,
 Da bringt er dem Grafen sein Roß zurück,
90Bescheiden am Zügel geführet.

 ›Nicht wolle das Gott‹, rief mit Demutsinn
 Der Graf, ›daß zum Streiten und Jagen
 Das Roß ich beschritte fürderhin,
 Das meinen Schöpfer getragen!
95Und magst dus nicht haben zu eignem Gewinst,
 So bleib es gewidmet dem göttlichen Dienst,
 Denn ich hab es dem ja gegeben,
 Von dem ich Ehre und irdisches Gut
 Zu Lehen11 trage und Leib und Blut
100Und Seele und Atem und Leben.‹

 ›So mög Euch Gott, der allmächtige Hort,
 Der das Flehen der Schwachen erhöret,
 Zu Ehren Euch bringen hier und dort,
 So wie Ihr jetzt ihn geehret.
105Ihr seid ein mächtiger Graf, bekannt
 Durch ritterlich Walten im Schweizerland12,
 Euch blühn sechs liebliche Töchter13.
 So mögen sie‹, rief er begeistert aus,
 ›Sechs Kronen Euch bringen in Euer Haus
110Und glänzen die spätsten Geschlechter!‹«

 Und mit sinnendem Haupt saß der Kaiser da,
 Als dächt er vergangener Zeiten,
 Jetzt, da er dem Sänger ins Auge sah,
 Da ergreift ihn der Worte Bedeuten.
115Die Züge des Priesters erkennt er schnell
 Und verbirgt der Tränen stürzenden Quell
 In des Mantels purpurnen Falten.
 Und alles blickte den Kaiser an
 Und erkannte den Grafen, der das getan,
120Und verehrte das göttliche Walten.

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