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Schiller an Ferdinand Huber, 1. Mai 1786

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Dresden d. 1. Mai [Montag] 86.

Allerdings – sagt Oeser – hast Du Ursache, nicht gar zu sehr mit mir zufrieden zu sein; aber Du kennst ja Deinen Mann – wäre es anders, so müßte die Zeit aus ihren Fugen gekommen sein. Uebrigens was hätte ich Dir auch zu schreiben gehabt? Die frohe Zusammenkunft mit Körners – diese zu erfahren hast Du denk ich einen beßern Kanal offen, und sonst ist in meiner einförmigen Existenz keine Veränderung hervorgegangen.

Du schreibst, daß Dirs in Leipzig nicht so ganz vorzüglich behagte. Es wundert mich, daß ich das jetzt erst begreife. Ich hätte Dir es billig vorher sagen sollen wenn ich weniger rasch geurtheilt hätte. Aber in den Ursachen könnten wir uns irren. – Ich getraute mir aus sehr guten Quellen herzuleiten, was Du vielleicht eine anomalie nennst. Doch davon mündlich.

Vielleicht treibt Dich Überdruß an den Schreibpult. Diß wäre, ich gesteh es eine sehr beschämende Erscheinung, aber vermuthlich nichts desto weniger natürlich. Hoffentlich wirst Du alsdann einen bescheideneren Einzug in den Thoren von Dresden halten als im Oktober des vorigen Jahres. Aber es mußte so kommen.

Ich bin jetzt fast unthätig. Warum? wird mir schwer zu sagen. Ich bin mürrisch und sehr unzufrieden. Kein Pulsschlag der vorigen Begeisterung. Mein Herz ist zusammengezogen, und die Lichter meiner Phantasie sind ausgelöscht. Sonderbar, fast jedes Erwachen und jedes Niederlegen nähert mich einer Revolution einem Entschluße um einen Schritt mehr, den ich beinahe als ausgemacht vorher sehe. Ich bedarf einer Krisis. – Die Natur bereitet eine Zerstörung, um neu zu gebähren. Kann wohl seyn, daß Du mich nicht verstehst, aber ich verstehe mich schon. Ich könnte des Lebens müde seyn, wenn es der Mühe verlohnte zu sterben. –

Doch warum dringe ich Dir meine Hipochondrie auf? Laß uns von etwas anderm reden. –

Bist Du noch nicht entschloßen den Paysan parvenu zu übersezen? Oder stößt sich die Sache nur am Verleger? Ich wünschte Dich gerne in etwas weitläuftigeres verwikkelt, unterdeßen daß Du übersezest entwikkeln sich vielleicht eigene Ideen in Deinem Kopfe und die Brükke ist gebaut. Du willst mir Deine Briefe in die Thalia geben? Recht gut, schreibe mir aber wenn Du fertig bist, denn ich muß meine Einrichtung darnach treffen. Salzmann ist jezo hier, Du wirst ihn bald in Leipzig sprechen, und vielleicht einen Kauf mit ihm schließen können.

Gestern Abend war Soupee bei Körners; Neumanns, die Dykin, die Wagnern und s. f. machten die Gesellschaft. Die Dykin misfällt nicht auf den ersten Anblik, ohnerachtet man in der schöneren Form denselben Stoff nicht verkennen kann, woraus die plastische Natur eine Ninni und eine Neumann geschaffen hat! Es ist immer nur Töpferton, mit mehr Fleiße gedreht. Mit der Wagnern bin ich etwas versöhnt, ich glaube wenigstens eine bildende Hand würde an ihr nicht verloren gehen. Wo Herz und Geist zum Grunde liegen, wie hier, verlohnte es sich der Mühe, nach dem Maisel zu greifen.

Lebe wol, und laß bald etwas von Dir hören.

Schiller.

 

P. S.

Treibe doch Goeschen, daß ich meine Thalia erhalte.

Grüße Kunzen und sage ihm, daß er uns seine Frau noch recht lange hier laßen soll.

Adieu.