HomeBriefeAn Herzog v. AugustenburgSchiller an den Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg, 9. Februar 1793

Schiller an den Prinzen Friedrich Christian von Schleswig-Holstein-Augustenburg, 9. Februar 1793

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Jena, den 9 Februar [Sonnabend] 1793.

Durchlauchtigster Prinz!

Daß ich ein so langes Stillschweigen gegen Sie beobachtet habe, ist eine Beleidigung, die ich mir selbst und nicht Ihnen zufügte und wegen welcher ich eher Ihr Bedauern als Ihren Unwillen verdiene.

Diese ganze Zeit über ein Opfer der Hypochondrie, höchst ungewiß über meine Gesundheit und in meinem Körper- und Geisteskräften wie gelähmt, fühlte ich mich gänzlich ungeschickt, mich zu der heitern Geistesstimmung zu erheben, die ich Ihnen gerne zeigen möchte. Aber in den wenigen hellen Sonneblicken meines bisherigen Lebens habe ich wenigstens daran gearbeitet, Ihrer, mein ewig verehrter Prinz, nicht ganz unwerth zu seyn; und Ihnen sowohl, als ihrem edeln Freunde, eine Probe davon zu geben, dieses war es, was mich diese ganze Zeit über lebhaft interessirte und beschäftigte. Diesen Winter hoffte ich ganz gewiß, diese Arbeit zu vollenden, und sie dann in die Hände derjenigen zu liefern, denen sie mit vollem Rechte zugehört; denn wem sonst als Ihnen beyden, meine Vortrefflichsten, danke ich das lang gewünschte und unschätzbare Glück, dem freien Hange meines Geistes folgen zu können? Aber meine immer wiederkehrenden Zufälle verursachten mir so viele Unterbrechungen, daß ich nun schwerlich vor Ausgang des Sommers die Endigung dieser Arbeit hoffen kann. Da sich indessen meine Gesundheit nach und nach wieder herzustellen scheint, so sehe ich mit froherem Muth der Zukunft entgegen.

Das Unternehmen, gnädiger Prinz, an das ich mich wagte – denn da ich einmal am Bekennen bin, so will ich auch nichts mehr verschwiegen – ist etwas kühn, ich gestehe es, aber ein unwiderstehlicher Hang zog mich dazu hin. Mein jetziges Unvermögen, die Kunst selbst auszuüben, wozu ein frischer und freier Geist gehört, hat mir eine günstige Muße verschafft, über ihre Principien nachzudenken. Die Revolution in der philosophischen Welt hat den Grund, auf dem die Aesthetik aufgeführt war, erschüttert, und das bisherige System derselben, wenn man ihm anders diesen Nahmen geben kann, über den Haufen geworfen. Kant hat schon, wie ich Ihnen, mein Prinz, gar nicht zu sagen brauche, in seiner Kritik der ästhetischen Urtheilskraft angefangen, die Grundsätze der kritischen Philosophie auch auf den Geschmack anzuwenden, und zu einer neuen Kunsttheorie die Fundamente, wo nicht gegeben, doch vorbereitet. Aber so wie es jetzt in der philophischen Welt aussieht, dürfte die Reihe wohl zuletzt an die Aesthetik kommen, eine Regeneration zu erfahren. Unsere vorzüglichsten Denker haben mit der Metaphysik noch alle Hände voll zu thun, und jetzt scheint noch das Naturrecht und die Politik eine nähere Aufmerksamkeit zu erfordern. Der Kunstphilosophie scheint also von dieser Seite wenig Licht aufzugehen, und zu einer Zeit, wo der menschliche Geist alle Felder des Wissens beleuchtet und mustert, scheint sie allein in ihrer gewohnten Dunkelheit verharren zu müssen.

Ich glaube, daß sie ein beßres Schicksal verdient, und habe den verwegenen Gedanken gefaßt, ihr Ritter zu werden. Für jetzt zwar kann ich bloß einige flüchtige Ideen dazu liefern, weil mein Beruf zum Philosophiren noch sehr unentschieden ist, aber ich werde suchen, ihn mir zu geben. Zu Gründung einer Kunsttheorie ist es, däucht mir, nicht hinreichend, Philosoph zu seyn; man muß die Kunst selbst ausgeübt haben, und dieß, glaube ich, gibt mir einige Vortheile über diejenigen, die mir an philosophischer Einsicht ohne Zweifel überlegen seyn werden. Eine ziemlich lange Ausübung der Kunst hat mir Gelegenheit verschafft, der Natur in mir selbst bei denjenigen Operationen, die nicht aus Büchern zu erlernen sind, zuzusehen. Ich habe mehr als irgend ein anderer meiner Kunstbrüder in Deutschland durch Fehler gelernt, und dieß, däucht mir, führt mehr als der sichere Gang eines nie irrenden Genies zur deutlichen Einsicht in das Heiligthum der Kunst. Dieß ist es ohngefähr, was ich zu Rechtfertigung meines Unternehmens im Voraus anzuführen weiß; der Erfolg selbst muß das übrige entscheiden.

Und bei Ihnen, mein Verehrungswürdigster Prinz, werde ich wohl keine Apologie dafür nöthig haben, daß ich die wirksamste aller Triebfedern des menschlichen Geistes, die Seelenbildende Kunst, zum Rang einer philosophischen Wissenschaft erhoben wünsche. Wenn ich der Verbindung nachdenke, in der das Gefühl des Schönen und Großen mit dem edelsten Theil unsers Wesens steht, so kann ich sie unmöglich für ein bloßes subjektives Spiel der Empfindungskraft halten, welches keiner andern als empirischer Regeln fähig ist. Auch die Schönheit, dünkt mir, muß wie die Wahrheit und das Recht auf ewigen Fundamenten ruhn, und die ursprünglichen Gesetze der Vernunft müssen auch die Gesetze des Geschmacks seyn. Der Umstand freilich, daß wir die Schönheit fühlen und nicht erkennen, scheint alle Hoffnung, einen allgemein geltenden Grundsatz für sie zu finden, niederzuschlagen, weil alles Urtheil aus dieser Quelle bloß ein Erfahrungsurtheil ist. Gewöhnlich hält man eine Erklärung der Schönheit nur darum für gegründet, weil sie mit dem Ausspruch des Gefühls in einzelnen Fällen übereinstimmend ist, anstatt daß man, wenn es wirklich eine Erkenntniß des Schönen aus Principien gäbe, dem Ausspruch des Gefühls nur deswegen trauen sollte, weil er mit der Erklärung des Schönen übereinstimmend ist. Anstatt seien Gefühle nach Grundsätzen zu prüfen und zu berichtigen, prüft man die ästhetischen Grundsätze nach seinen Gefühlen.

Dies ist der Knoten, dessen Auflösung leider selbst Kant für unmöglich hält. Was werden Sie also, Gnädigster Prinz, zu dem Einfall eines Anfängers sagen, der erst seit gestern in das Heiligthum der Philosophie hineinblickte, nach der Erklärung eines solchen Mannes noch eine Auflösung dieses Problems zu versuchen? In der That würde ich nie den Muth dazu gehabt haben, wenn nicht Kants Philosophie selbst mir die Mittel dazu verschaffte. Diese fruchtbare Philosophie, die sich so oft nachsagen lassen muß, daß sie nur immer einreiße und nichts aufbaue, giebt, nach meiner gegenwärtigen Ueberzeugung, die festen Grundsteine her, auch ein System der Aesthetik zu errichten, und ich kann es mir blos aus einer vorgefaßten Idee ihres Schöpfers erklären, daß er ihr nicht auch noch dieses Verdienst erwarb. Weit entfernt, mich für denjenigen zu halten, dem dieses vorbehalten ist, will ich wenigstens versuchen, wie weit der entdeckte Pfad mich führt. Führt er mich gleich nicht zum Ziel, so ist doch keine Reise ganz verlohren, auf der die Wahrheit gesucht wird.

Dies leitet mich auf eine Bitte, von der ich wünschte, mein Vortrefflichster Prinz, daß sie Eingang bei Ihnen finden möchte. Ich wünschte meine Ideen über die Philosophie des Schönen, ehe ich sie dem Publikum selbst vorlege, in einer Reihe von Briefen an Sie richten und Ihnen Stückweise zusenden zu dürfen. Diese freiere Form wird dem Vortrage derselben mehr Individualität und Leben, und der Gedanke, daß ich mit Ihnen rede und von Ihnen beurtheilt werde, mir selbst ein höheres Interesse an meiner Materie geben. Reiner und lichter Sinn für Wahrheit, mit warmer Empfänglichkeit für Alles, was Schön und Gut und Groß ist, verbunden, ist das Eigenthum weniger Sterblichen, und unsere mehresten Gelehrten besonders sind so ängstlich in ihre Systeme eingeschnallt, daß eine etwas ungewohnte Vorstellungsart ihre mit dreifach Erz umpanzerter Brust nicht durchdringen kann. Wenige sind es, in denen das zarte Schönheitsgefühl durch Abstraktion nicht erstickt wird, und noch weit wenigere halten es der Mühe werth, über ihre Empfindungen zu philosophiren. Ich muß es durchaus vergessen, daß ich von solchen Menschen beurtheilt werde, und nur für freye und heitre Geister, die über den Staub der Schulen erhaben sind, und den Funken reiner und edler Menschheit in sich bewahren, kann ich meine Ideen und Gefühle entfalten.

Um so eher werden Sie es mir zu gute halten, mein ewig Hochgeschätzter Prinz, daß ich mir ein so seltenes Geschenk, als mir die Grazien in Ihnen zugeführt haben, zu versichern, und mich des edeln Bandes zu bemächtigen suche, welches Philosophie und Geschmack, alles Anstandes der Verhältnisse ungeachtet, zwischen den Freunden der Weisheit und Schönheit weben. Diese beiden Gottheiten werden mir auch die Grenzen vorzeichnen, innerhalb deren ich mich dieser Freiheit bedienen darf, und mir nie erlauben, meine Wünsche weiter zu erstrecken, als einige Augenblicke Ihres zum Gluck der Welt gewidmeten Lebens mit meinen philosophisch-poetischen Visionen zuweilen beschäftigen zu dürfen. Mit der respektvollsten Verehrung und Liebe nenne ich mich

Eurer Durchlaucht
Verbundenster Diener

F. Schiller.