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Schiller an Gottfried Körner, 15. April 1786

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Dresden d. 15. April [Sonnabend] 1786.

Ich möchte Dir heute so gerne viel schreiben, meine Gedanken sind Dir so nahe, und doch wird es, fürchte ich, bei mir eintreffen, was Du neulich gelesen hast:

„Schlimm, daß der Gedanke
erst in die Elemente trockner Silben
zersplittern muß, die Seele zum Gerippe
verdorren muß, der Seele zu erscheinen.“

Das Wetter war so schön, ich bin spazieren gewesen und habe mir Abts Schrift vom Verdienste bei Dir gehohlt, um meinen Kopf in Bewegung zu sezen. Du schienst neulich unbefriedigt von diesem Buch zu sein aber ich glaube, Du warst zu schnell und hast Dich an einem gewisen Chaos des Ausdrucks, an einer Unbestimmtheit einiger Sätze gestoßen. Mir ligt wahres ächtes Gold des Genies darin, noch mehr, ich glaube, wer in die Ideen des Verfaßers hineinginge und gewiße hingeworfene Gedanken verarbeiten wollte, würde eine große Provinz in der speculativen-Praktischen Psychologie aufklären. Vorzüglich Deine und meine Lieblings-Materien von den Quellen der Handlungen, von der Menschenschäzzung und Prüfung der Moralischen Erscheinungen, vorzüglich diese haben mich nachdenken gemacht. Ich wünschte daß wir beide das Buch miteinander läsen. Es hat auch noch das Verdienst für unsre gemeinschaftliche Lecture, daß der Stoff die Form überwiegt, daß es roher Demant ist, an dem wir uns die angenehme Mühe des Schleifens geben können. Wenn ich mich selbst kenne und über mich urtheilen kann, so wäre unter allen Köpfen, die mir in der weitläuftigen Schriftstellerischen Welt sind bekannt geworden Abt just derjenige, zu dem ich einige Verwandtschaft fühle. Eine solche Mischung ohngefähr von Speculation und Feuer, Phantasie und Ingenium, Kälte und Wärme, meine ich zuweilen an mir zu beobachten. Uebrigens auch diese Dunkelheit diese Anarchie der Ideen, welche, wie ich fast glaube, durch eine Zusammengerinnung der Ideen und des Gefühls, durch eine Ueberstürzung der Gedanken erzeugt wird, und die Du selbst schon bei mir gefunden hast, auch diese finde ich bei Abt, nur daß er sich mehr dem scharfsinnigen Philosophen ich hingegen mich dem Dichter dem sinnlichen Schwärmer mehr nähere.

Unendlich viel anziehendes hat diese Gattung von Philosophie. Ich glaube, wenn Du und ich Muße hätten zu brüten und unsere Ideen gleichsam zu droguieren, so wäre eine solche Materie die schönste gemeinschaftliche Beschäftigung. Untersuchen über die Klaßification der Menschen, Abwägung der Größen und Tugenden – welcher schöne Stoff für uns beide!

Ich muß ganz andre Anstalten treffen mit dem Lesen. Ich fühle es schmerzlich, daß ich noch so erstaunlich viel lernen muß, säen muß um zu Aerndten. Im besten Erdreich wird der Dornstrauch keine Pfirsiche tragen, aber eben so wenig kann der Pfirsichbaum in einer leeren Erde gedeihen. Unsre Seelen sind nur Destillationsgefäße, aber Elemente müssen ihnen Stoff zutragen, um in vollen saftigen Blättern ihn auszuschwellen.

Täglich wird mir die Geschichte theurer. Ich habe diese Woche eine Geschichte des dreißigjährigen Kriegs gelesen, und mein Kopf ist mir noch ganz warm davon. Daß doch die Epoche des höchsten Nationen-Elends auch zugleich die glänzendste Epoche menschlicher Kraft ist! Wie viele große Männer giengen aus dieser Nacht hervor! Ich wollte daß ich zehen Jahre hintereinander nichts als Geschichte studiert hätte. Ich glaube ich würde ein ganz anderer Kerl sein. Meinst Du, daß ich es noch werde nachhohlen können?

In der Continuation unserer philosophischen Briefe wollen wir das Thema aufs Tapet bringen, welche Thätigkeit – bei gleichen Kräften – die vorzüglichere ist, politische oder idealische, bürgerliche oder gelehrte? Ich weiss keinen schönern Stoff als diesen, und in welchem sich Geschichte, Philosophie und Beredsamkeit mehr vereinigen ließen.

Ostersontag früh.

Nun sind schon 8 Tage seit unsrer Trennung verfloßen, und ich habe kaum eine Seite am Karlos gearbeitet. War mir schlechterdings unmöglich, Wärme und Laune für ihn bei mir hervorzubringen. Der Vorfall mit der Censur hat mich gleich zu Anfang verstimmt, und unterdessen habe ich viel gelesen. Vielleicht gehts die nächste Woche beßer, woran ich zwar zweifle.

Ich bin die ganze Zeit über nirgends als spazieren gewesen. Gestern Mittag aß ich bei Beker. Er hatte einen Fremden von Gotha bei sich und bat mich mit Oeser, welches ich nicht wol abschlagen konnte. Sonst bin ich nach dem Eßen entweder bei Gosels oder im großen Garten gewesen. Der Mömpelgardter, den ich an Döbbelin empfohlen hat mich aus lauter Erkenntlichkeit so sehr in der Welt herum empfohlen, daß mich alle Kinder des Elends zu ihrer Instanz machen wollen, welches ich mir am Ende doch verbitten würde. Vor drei Tagen bekam ich wieder eine solche Gelegenheit, und weil ich entsezlich verstimmt war, so habe ich Punsch machen laßen, und meine Clienten mir dadurch vom Hals geschaft.

Bek hat mir geschrieben; durch ihn erfahre ich die Bestätigung von Charlottens beschloßener Abreise, er meint daß sie uns überraschen würde. Jetzt hat auch Er Lust aus Mannheim zu gehen. Schade daß er Schauspieler ist und es sein muß. Wie schön würde er sich zu unserm Bunde schicken!

(an die Weiberchen.)

O lieben Kinder wie sehne ich mich nach euch. Wie sehr verstimmt mich diese freundelose Einsamkeit. In einer Wüste wolt ich mirs noch eher gefallen lassen, dort hätte ich wenigstens mehr Raum, euch in Gedanken um mich her zu versammeln. Möchtet Ihr so vergnügt sein, als ich es nicht bin. Uebermorgen ist es ein Jahr, daß wir uns zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht sahen. Warum müßt ihr gerade jetzt ferne von mir sein. Ich würde einen so schönen Tag feiern können. Aber Ihr – Ihr werdet über lauter Zerstreuungen kaum daran denken wieviele Ursache ich habe frölich zurückzusehen.

Ich umarme euch in Gedanken tausendmal und wünsche herzlich, daß Ihr wieder hier sein möchtet.

Schiller.

P. S. Sonst ist nichts an Dich eingelaufen als dieser Brief. Das Hauß steht noch; ich habe also meine Schlüßel nicht gebraucht.

Verzeiht mir diesen seelenlosen Brief. Er ist nicht hübsch wird unsere Doris sagen, aber ich kann nicht helfen.