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Schiller an Gottfried Körner, 8. Dezember 1787

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Weimar, 8. December [Sonnabend] 1787.

Mein profundes Schweigen muß Dir ganz seltsam vorgekommen seyn, und ich habe weder Zeit noch Vorsicht gehabe, Dich darauf vorzubereiten. Seit meinem lezten Briefe und dem heutigen war ich nicht in Weimar. Während daß Frau von Kalb in Kalbsrieth sich aufhielt, bekam ich solche Aufforderungen von meiner Schwester und der Dame, auf deren Gut ich war, nach Meiningen zu kommen, daß ich meinen Interims-Wittwerstand in Weimar endlich aufopfern mußte. Du glaubst mir, mein Bester, weil Du gewiß hierin mit mir sympathisirst, daß es einem nicht ganz versteinerten Menschen endlich unmöglich wird, alles abzuschlagen. Die Dame hat sich große Rechte auf meine Dankbarkeit erworben; sie bittet mich in mehr als zwanzig Briefen, solang ich in Weimar bin, unaufhörlich um diesen Besuch, (der ihr in gewissem Betrachte nüzlich war, weil ihre Tochter sich verheirathen soll und ihr Bräutigam eben zugegen war, den ich kennen lernen sollte; denn Du mußt wissen, daß ich hier was gelte, und daß man sich in wichtigen Dingen an mich zu wenden pflegt); ich erhielt die lezte Aufforderung in einer glücklichen Stunde, und entschloß mich, in der That gegen meine Neigung, aus wirklichem Pflichtgefühl zu dieser Reise. In wenig Stunden gings auf den Weg, daß ich keine Minute fand, Dich davon zu unterrichten. Vier Tage war ich auf dem Wege, hin und zurück, und zwölf blieb ich in der Gegend. Dort wurde ich von einem edelmännischen Gute nach dem anderen herumgezogen, daß ich keine Zeit und noch weniger Gelegenheit fand, einen Brief an Dich auf die Post zu bringen. Nicht zu rechnen, daß auf der Welt nichts schwerer ist, als auf der Reise und unter einem Gewühl fremder Menschen mit einiger Sammlung zu schreiben. Ich glaube, daß Ihr mich vollkommen rechtfertigen werdet, denn in der That wirft mein Gewissen mir nichts vor, und das ist gewiß mein strengster Richter.

Ich war also wieder in der Gegend, wo ich von 82 bis 83 als ein Einsiedler lebte. Damals war ich noch nicht in der Welt gewesen, ich stand so zu sagen schwindelnd an ihrer Schwelle, und meine Phantasie hatte ganz erstaunlich viel zu thun. Jezt nach fünf Jahren kam ich wieder, nicht ohne manche Erfahrungen über Menschen, Verhältnisse und mich. Jene Magie war wie weggeblasen. Ich fühlte nichts. Keiner von allen Plätzen, die ehemals meine Einsamkeit interessant machten, sagte mir jezt etwas mehr. Alles hat seine Sprache an mich verloren.

An dieser Verwandlung sah ich, daß eine große Veränderung mit mir selbst vorgegangen war. Und mußte sie nicht? Wie viele neue Gefühle, Schicksale und Situationen lagen nicht in diesem Zwischenraume. Eure Erscheinung, unsere ganze Freundschaft, ganz Mannheim mit seinen Freuden und Leiden, Charlotte, Weimar, eine ganz neue Epoche meines Denkens!

Ich habe in der Gegend einige interessante Familien gefunden. Z. B. da ist auf einem Dorfe Hochheim eine edelmännische Familie von fünf Fräulein und zusammen von zehn Personen, die die alten Patriarchen- oder Ritterzeiten wieder aufleben läßt. Niemand in der Familie trägt etwas, was nicht da gemacht wird. Schuhe, Tuch, Seide, alle Meubles, alle Bedürfnisse des Lebens und fast alle des Luxus werden auf dem Gute erzeugt und fabricirt, vieles von den Händen des Frauenzimmers, wie die Prinzessinnen in der Bibel und in den Zeiten der Chevalerie zu thun pflegten. Die äußerste Reinlichkeit, Ordnung (selbst nicht ohne Glanz und Schönheit) gefällt dem Auge; von den Fräulein sind einige schön, und alle sind einfach und wahr wie die Natur, in der sie leben. Der Vater ist ein wackerer, braver Landjunker, ein vortrefflicher Jäger und ein gutherziger Wirth, auch ein burschikoser Tabakscompagnon. Zwei Stunden von da sieht man auf einem anderen Dorfe just das Gegentheil. Hier wohnt der Kammerherr von Stein, den Ihr in Dresden gesehen habt, mit einer Frau und neun Kindern auf einem hochtrabenden, fürstlichen Fuß. Hier ist statt eines Hauses ein Schloß, Hof statt Gesellschaft, Tafel statt Mittagessen. Die Frau ein vaporöses, falsches, intriguantes Geschöpf, dabei aber häßlich wie die Falschheit und übrigens voll guten französischen Tons. Ein Fräulein ist recht hübsch, aber der Teufel regierte die Mutter, daß sie sie nicht mit uns reisen lassen wollte. Herr von Stein ist ein imposanter Mensch von sehr viel guten und glänzenden Eigenschaften, voll Unterhaltung und Anstand, dabei ein Libertin im hohen Grade. Er ist der Onkel Charlottens und schätzt sie sehr hoch.

In Meiningen habe ich mit dem Herzoge Bekanntschaft gemacht, es war mir aber nicht möglich, sie fortzusetzen, denn der Mensch ist gar auf der Welt nichts. Mit Reinhardt war ich oft zusammen, er ist noch ganz der alte und brave Kerl. Jezt geht all sein Dichten und Trachten auf Italien. – Er hat mich gezeichnet und ziemlich getroffen. Wir haben uns hier noch genauer kennen lernen, ich bin ihm recht gut. Mit dem Herzoge lebt er en bon ami, ohne sich zu geniren, sonst wäre es auch nicht auszuhalten. Er malt jetzt eine große Landschaft in Öl zu dem et ego in Arcadia. Mir wird er die kleinere Anlage, auch in Oel, zum Geschenk machen.

In Rudolstadt habe ich mich auch einen Tag aufgehalten, und wieder eine recht liebenswürdige Familie kennen lernen. Eine Frau von Lengenfeld lebt da mit einer verheiratheten und einer noch ledigen Tochter. Beide Geschöpfe sind (ohne schön zu seyn) anziehend und gefallen mir sehr. Man findet hier viel Bekanntschaft mit der neuen Literatur, Feinheit, Empfindung und Geist. Das Clavier spielen sie gut, welches mir einen recht schönen Abend machte. Die Gegend um Rudolstadt ist außerordentlich schön. Ich hatte nie davon gehört, und bin sehr überrascht worden. Man gelangt durch einen schönen Grund von 2½ Stunden dahin, und wird von dem weißen, großen Schlosse auf dem Berge angenehm überrascht.

Hier in Weimar habe ich Charlotte und ihren Mann wiedergefunden. Er ist ganz der alte, wie ich aus dem ersten Anblick urtheilen konnte; denn ich habe ihn nur einmal gesprochen. Sie ist gesund und sehr aufgeweckt. (Ich weiß nicht, ob die Gegenwart des Mannes mich lassen wird, wie ich bin. Ich fühle in mir schon einige Veränderung, die weiter gehen kann. Wielands Haus besuche ich jetzt am fleißigsten, und ich glaube, es wird so bleiben. Laß diese Stelle unsere Weiber nicht lesen.)

Wegen Wielands hast Du, wie ich sehe, viel zu consequent geschlossen. Es war ein hingeworfener Gedanke, ich gab ihn Dir für nichts mehr. Es ist möglich, daß ein interessanteres Mädchen mir aufgehoben seyn kann, aber das Schicksal läßt es mich vielleicht in sechs oder acht Jahren finden. Nach meinem dreißigsten Jahre heirathe ich nicht mehr. Schon jezt habe ich die Neigung dazu nicht mehr; ich habe nach Gründen der Nothwendigkeit dafür gesprochen. Eine Frau, die ein vorzügliches Wesen ist, macht mich nicht glücklich, oder ich habe mich nie gekannt. Doch über diesen Artikel wollen wir einander noch mehr schreiben.

Deine Neuigkeit von Goethe ist ungegründet. Huber sage, daß ich sein heimliches Gericht morgen oder übermorgen Wieland geben werde. Meine Abwesenheit entschuldigt mich, daß es nicht früher geschehen ist. Ueber das Stück schreib ich ihm mit nächstem Posttag selbst.

Deine Vorwürfe wegen meiner Briefe haben einigen Grund, ob ich gleich mich nicht ganz schuldig fühle. Hab ich denn auch mein Wesen hier selbst gekannt? Trat ich nicht aus mir selbst heraus? Wie konnte ich in Briefen seyn, was ich im Leben nicht war!

Ich werde unterbrochen. Ein andermal will ich diesen Artikel fortsetzen. Adieu. Grüße Alles hunderttausendmal.

Ewig Dein

S.