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Wallenstein – Entstehung des Dramas von Friedrich Schiller

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Die erste Anregung zu diesem in seiner Art einzigen Erzeugnis unserer poetischen Literatur reicht bis in das Jahr 1786 zurück, als Schiller sich in Dresden mit dem Studium der Quellen zu seiner Geschichte des dreißigjährigen Krieges beschäftigte. Es waren Khevenhillers Annalen der Regierung von Kaiser Ferdinand II. und das Theatrum europaeum. Die nächste Frucht dieses Studiums war eine unausgeführt gebliebene Idee: Er wollte Gustav Adolph zum Helden eines epischen Gedichts machen, in dem die ganze Geschichte der Menschheit sich wiederspiegeln sollte. Bald aber wuchs sein Interesse an dem Gegenstand dergestalt, dass er auch den Stoff für eine dramatische Arbeit darin zu finden glaubte. Indessen schob er diesen Gedanken vorläufig noch hinaus. Wohl war sich Schiller der Mängel seiner Jugenddramen bewusst und höchstens mit seinem Don Carlos zufrieden.

Um dem Mittelpunkt des poetischen Lebens näher zu sein, siedelte Schiller 1787 nach Weimar über, wo er sich jedoch vorzugsweise mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte. Besonders das Studium der alten Klassiker Homer, Virgil, Sophokles, Euripides hatte es ihm angetan. Außer diesen Studien wurde er seit 1785 auch durch sein neugewonnenes Amt von poetischen Arbeiten abgezogen. Es war die Professur der Philosophie an der Universität Jena, die ihn auch nötigte, seinen Wohnsitz erneut zu wechseln. Bald aber bekam er wieder Zuversicht zu der Gunst der Musen und Mut, irgendeinen poetischen Plan auszuführen. Er zog deshalb seine Freunde zu Rate, zunächst Dalberg, der nur ausweichend antwortete und Schiller riet, sich selber zu fragen, wie er der Menschheit am nützlichsten werden könne, ihn aber auf das Drama als Form verwies. Auch Wieland stimmte dieser Meinung bei und Johannes Müller äußerte um dieselbe Zeit, wenn irgendeiner, so sei Schiller berufen, Deutschlands Shakespeare zu werden.

Eine lebensgefährliche Brustkrankheit gab Schiller dann die Veranlassung, sich mit dem Schauplatz seiner nächsten poetischen Arbeit bekannt zu machen. Eine Reise nach Karlsbad, die er 1791 unternahm, gewährte ihm einen Blick in das böhmische Land. In Eger sah er Wallensteins Bildnis und das Haus, in dem dieser ermordet worden war. In Karlsbad selbst trat er in näheren Verkehr mit mehreren bedeutenden österreichischen Offizieren. Er ließ also nichts außer Acht, was die Arbeit fördern konnte, die er damals in den Händen hatte. Diese aber war keine andere als die Geschichte des dreißigjährigen Krieges, die ihn von der zweiten Hälfte des Jahres 1790 bis zum September 1792 fast ausschließlich in Anspruch nahm.

War Schiller durch seinen Don Carlos angeregt worden, seine 1788 erschienene Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande zu schreiben, so brachte jetzt umgekehrt die Bearbeitung der Geschichte des dreißigjährigen Krieges seinen längst gefassten Plan zur Reife, Wallenstein zum Helden eines Trauerspiels zu machen. Wie lebhaft ihn dieser Gedanke beschäftigte, leuchtet aus der historischen Arbeit selbst heraus, die besonders in dem vierten Buche weit mehr mit dem Griffel des Dramatikers als mit dem des Historikers geschrieben ist. Was Schiller an seinem neuen Stoffe besonders zusagte, war die Aussicht, dass er hier keine subjektive Idee hineinzutragen brauchte. Der objektive Gehalt der Unternehmungen seines Helden hatte an sich schon etwas Tragisches. Die furchtbare Freiheit, die in seine Hand gelegt war, die Kühnheit, mit der Wallenstein sie missbrauchte, die ehrwürdigen Institutionen, die der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne entgegenstanden, und der erschütternde Ausgang seines verbrecherischen Unternehmens – das alles waren Momente, die einen Dichter wie Schiller zur Darstellung mächtig reizen mussten.

Die erste Anlage zum Wallenstein hatte Schiller bereits 1793 mit nach Schwaben genommen. Einen Anfang der Tragödie hatte er im Frühjahr 1794 mit nach Jena zurückgebracht. Aber einerseits war es seine lebhafte Beschäftigung mit der Kantischen Philosophie, andererseits verschiedene wissenschaftliche und ästhetische Arbeiten, die seine ganze Kraft in Anspruch nahmen. Und wenn der Stoff seit jener Zeit auch nie ganz in seinem Inneren ruhte, rückte bei der großen Mühe, mit der die Details für dieses Trauerspiel zusammenzubringen waren, die Gestaltung des Planes doch nur langsam vorwärts. Außerdem aber hatte sich sein Interesse bereits einem neuen Gegenstand, den Maltesern, zugewendet. 1795 war es so noch vollständig zweifelhaft, ob er sich diese Idee oder den Wallenstein vornehmen würde.

Erst 1796, nachdem Schiller mit Goethe in ein innigeres Verhältnis trat, sollte die Entscheidung für den Wallenstein bringen. Am 18. März schreibt er Goethe: „Ich habe an meinen Wallenstein gedacht, sonst aber nichts gearbeitet. Die Zurüstungen zu einem so verwickelten Ganzen, wie ein Drama, setzen das Gemüth doch in eine gar sonderbare Bewegung. Schon die allererste Operation, eine gewisse Methode für das Geschäft zu suchen, um nicht zwecklos herumzutappen, ist keine Kleinigkeit. Jetzt bin ich erst an dem Knochengebäude, und ich finde, daß von diesem, wie in der menschlichen Structur, auch in der dramatischen Alles abhängt. Ich möchte wissen, wie Sie in solchen Fällen zu Werke gegangen sind. Bei mir ist die Empfindung anfangs ohne bestimmten und klaren Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse musikalische Gemüthsstimmung geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die poetische Idee.“

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