HomeDie Horen1797 - Stück 6II. Über Shakespeare’s Romeo und Julia. [Wilhelm Schlegel]

II. Über Shakespeare’s Romeo und Julia. [Wilhelm Schlegel]

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Man hat viel Gewicht auf den Umstand gelegt, daß Shakespeare die diesem Schauspiel zum Grunde liegende Geschichte sogar in kleinen Besonderheiten ohne alle eigne Erfindung grade so genommen, wie er sie vorfand. Auch mir scheint er merkwürdig, aber in einer andern Hinsicht. Der Dichter, der, ohne auf den Stoff auch nur entfernt Ansprüche zu machen, die ganze Macht seines Genius auf die Gestaltung wandte, setzte ohne Zweifel das Wesen seines Geschäftes einzig in diese, sonst hätte er fürchten müssen, man werde ihm zugleich mit dem Eigenthum des Stoffes alles Verdienst absprechen. Er hatte also feinere, geistigere Begriffe von der dramatischen Kunst, als man gewöhnlich ihm zuzuschreiben geneigt ist. Aber auch von der Bildung der Zuschauer, für die Shakespeare eine so allgemein bekannte und populäre Erzählung (denn dieß war sie damals) dramatisch bearbeitete, erweckt es eine günstige Vorstellung, daß sie nicht durch materielle Neuheit gereizt zu werden verlangten, und daß es ihnen mehr auf das wie als auf das was ankam. Vielleicht liesse es sich aus mancherley Andeutungen wahrscheinlich genug zeigen, daß die Engländer in jenem Zeitalter trotz ihrer Unwissenheit und einer gewissen Rauhheit der Sitten mehr poetischen Sinn und einen freyeren Schwung der Einbildungskraft gehabt haben, als je nachher.

In vielen andern Schauspielen ist Shakespeare, was den Gang der Begebenheiten betrifft, irgend einer alten Chronik, oder einer schlechten Übersetzung des Plutarch, oder einer Novelle mit eben so gewissenhafter Treue gefolgt, als im Romeo. Wo er bloß Winke benutzt, oder unabhängig ersonnen zu haben scheint, ist man vielleicht den rechten Quellen noch nicht auf der Spur, oder sie können auch verlohren gegangen seyn. Über diesen Punkt haben hauptsächlich die letzten Herausgeber, Steevens und Malone, so viele vorher vernachlässigte Entdeckungen gemacht, daß sich noch manche erwarten lassen, wenn mit ihrem forschenden Fleiße fortgefahren wird. Die Geschichte Romeo’s und Juliens war aus des Luigi da Porta ursprünglicher Erzählung von Bandello, Boisteau und Belleforest in ihre Novellensammlungen aufgenommen worden. Auch hatte man vor Shakespeare’s Zeit verschiedne Übertragungen derselben ins Englische. Diejenige, die er, wie nunmehr ausgemacht ist, wo nicht ausschliessend, doch vorzüglich vor Augen gehabt, heißt: The tragicall Hystory of Romeus and Juliet: Contagning in it a rare Example of true Constancie etc., und ist in Versen abgefasst. Ihrer Seltenheit wegen hat Malone sie hinter dem Romeo von neuem abdrucken lassen, so daß nun jeder die Vergleichung anstellen kann. Shakespeare hat sie eben nicht zu fürchten. Gieb es doch nichts gedehnteres, langweiligeres als diese gereimte Historie, welche

His genius, like richest alchymy,
Has chang’d to beanty und to worthiness.

Nur die Freude, diese wundervolle Umwandlung deutlicher einzusehen, kann die Mühseligkeit vergüten, mehr als dreytausend sechs- und siebenfüßige Jamben durchzulesen, die in Ansehung alles dessen, was uns in dem Schauspiele ergötzt, rührt und hinreißt, ein leeres Blatt sind. Mit der trockensten Kürze vorgetragen, werden die unglücklichen Schicksale der beyden Liebenden das Herz und die Phantasie immer noch treffen; aber hier wird unter den breiten, schwerfälligen Anmaßungen einer darstellenden Ausbildung die Theilnahme gänzlich erstickt. Wie viel war nicht wegzuräumen, ehe dieser gestaltlosen Masse Leben und Seele eingehaucht werden konnte! In manchen Stücken verhält sich das Gegebne und das, was Shakespeare daraus gemacht, wie die ungefähre Beschreibung einer Sache zu der Sache selbst. So ist aus folgender Angabe:

A courtier, that eche where was highly had in price,
For he was courteons of his speeche and pleasant of device.
Even as a lyon would emong the lambes be bolde,
Such was emong the basfull maydes Mercutio to beholde.

und dem Zusatze, daß besagter Mercutio von Kindesbeinen an beständig kalte Hände gehabt, eine glänzende, mit Witz verschwenderisch ausgestattete Rolle geworden. Man muß strenge auf dem Begriffe der Schöpfung aus nichts bestehn, um dieß nicht für eine wahre Schöpfung gelten zu lassen. Einer Menge feinerer Abweichungen nicht zu gedenken, finden wir auch einige bedeutende Vorfälle von der Erfindung des Dichters, z. B. das Zusammentreffen und den Zweykampf des Paris und Romeo an Juliens Grabe. Gesetzt aber auch, alle Umstände, bis auf die Klötze, die Capulets Bedienter zur Bereitung des Hochzeitmahles herbeyschleppt, wären ihm fertig geliefert, und ihre Beybehaltung vorgeschrieben worden, so würde es desto bewundernswürdiger seyn, daß er mit so gebundnen Händen Buchstaben in Geist, eine handwerksmäßige Pfuscherey in ein dichterisches Meisterwerk umzuzaubern gewußt.

Shakespeare’s gewöhnliche Anhänglichkeit an etwas Vorhandnes läßt sich nicht ganz aus der vielleicht von ihm gehegten Meynung erklären, als ob dieß Pflicht sey, noch weniger aus einem blossen Bedürfnisse; denn zuweilen hat er dreist genug durch einander geworfen, was ihm in der ursprünglichen Beschaffenheit untauglich schien, und seine Erfindsamkeit, besonders in komischen Situationen, glänzend bewährt. Welche Fülle und Leichtigkeit er gehabt, weiß man: konnte ihm sein Überfluß nicht das Wählen und anordnen erschweren, wenn er das unermeßliche Gebiet der Dichtung bloß nach Willkühr durchschweifte? Bedurfte er vielleicht einer äussern Umgränzung, um sich der Freyheit seines Genius wohlthätig bewußt zu werden? In der entlehnten Fabel baut er immer noch einen höheren, geistigeren Entwurf, worin sich seine Eigenthümlichkeit offenbart. Sollte nicht eben die Fremdheit des rohen Stoffes zu manchen Schönheiten Anlaß gegeben haben, indem die nur durch gröbere Bande zusammenhängenden Theile desselben durch die Behandlung erst innere Einheit gewannen? Und diese, wo sie sich mit scheinbaren Widersprüchen beysammen findet, bringt eben jene wundervollen Geist hervor, dem wir immer neue Geheimnisse ablocken, und nicht müde werden ihn zu ergründen.

Mit der letzten Bemerkung ziele ich mehr auf einige andre Stücke als auf den Romeo. Dieser ist voll tiefer Bedeutung, aber doch einfach; es sind keine Räthsel darin zu entziffern. Daß Shakespeare sowohl durch die bestimmte und leicht übersehbare Begränzung der Handlung, als durch eine nicht nur die Theilnahme sondern auch die Neugier spannende Verflechtung, den bloß technischen Foderungen an den Mechanismus des Drama’s hier mehr Genüge geleistet hat, als er meistens pflegt, ist ein fremdes und zufälliges Verdienst: denn es lag in der Novelle, und doch war es gewiss nicht diese Beschaffenheit, was sie ihm zur dramatischen Bearbeitung empfahl. Das Zusammendrängen der Zeit, worin die Begebenheiten vorgehn, gehört schon weniger zu den Äusserlichkeiten: sie folgt dem reissenden Strome der Leidenschaften. Das Schauspiel endigt mit dem Morgen des sechsten Tages, da sich in der Erzählung alles in langen Zwischenräumen hinschleppt. Doch sollten wir Shakespeare’s wohl so genau nicht nachrechnen, der diese Dinge mit einer heroischen Nachlässigkeit treibt, und unter andern die Gräfin Capulet, die im ersten Aufzuge eine junge Frau von noch nicht dreyßig Jahren ist, im letzten plötzlich von ihrem hohen Alter reden läßt.

Die Feindschaft der beyden Familien ist der Angel, um welchen sich alles dreht: sehr richtig hebt also die Exposizion mit ihr an. Der Zuschauer muß ihre Ausbrüche selbst gesehen haben, um zu wissen, welch unübersteigliches Hinderniß sie für die Vereinigung der Liebenden ist. Die Erbitterung der Herren hat an den Bedienten etwas plumpe aber kräftige Repräsentanten: es zeigt, wie weit sie geht, daß selbst diese albernen Gesellen einander nicht begegnen können, ohne sogleich in Händel zu gerathen. Romeo’s Liebe zu Rosalinden macht die andre Hälfte der Exposizion aus. Sie ist vielen ein Anstoß gewesen, auch Garrik hat sie in seiner Umarbeitung weggeschafft. Ich möchte sie mir nicht nehmen lassen: sie ist gleichsam die Quvertüre zu der musikalischen Folge von Momenten, die sich alle aus dem ersten entwickeln, wo Romeo Julien erblickt. Das Stück würde, nicht in pragmatischer Hinsicht, aber lyrisch genommen (und sein ganzer Zauber beruht ja auf der zärtlichen Begeisterung, die es athmet) unvollständig seyn, wenn es die Entstehung seiner Leidenschaft für sie nicht in sich begriffe. Sollten wir ihn aber anfangs in einer gleichgültigen Stimmung sehn? Wie wird seine erste Erscheinung dadurch gehoben, daß er, schon von den Umgebungen der kalten Wirklichkeit gesondert, auf dem geweihten Boden der Phantasie wandelt! Die zärtliche Bekümmerniß seiner Eltern, sein unruhiges Schmachten, seine verschlossene Schwermuth, sein schwärmerischer Hang zur Einsamkeit, alles an ihm verkündigt den Günstling und das Opfer der Liebe. Seine Jugend ist wie ein Gewittertag im Frühlinge, wo schwüler Duft die schönsten, üppigsten Blüthen umlagert. Wird sein schneller Wankelmuth die Theilnahme von ihm abwenden? Oder schliessen wir vielmehr von der augenblicklichen Besiegung des ersten Hanges, der schon so mächtig schien, auf die Allgewalt des neuen Eindrucks? Romeo gehörte wenigstens nicht zu den Flatterhaften, deren Leidenschaft sich nur an Hoffnungen erhitzt, und doch in der Befriedigung erkaltet. Ohne Aussicht auf Erwiederung hingegeben, flieht er die Gelegenheit, sein Herz auf andre Gegenstände zu lenken, die ihm Benvolio zu suchen anräth; und ohne ein Verhängniß, das ihn mit widerstrebenden Ahnungen auf den Ball in Capulets Hause führt, hätte er noch lange um Rosalinden seufzen können. Er sieht Julien, das Loos seines Lebens ist entschieden. Jenes war nur willig gehegte Täuschung, ein Gesicht der Zukunft, der Traum eines sehnsuchtsvollen Gemüths. Die zartere Innigkeit, der heiligere Ernst seiner zweyten Leidenschaft, die doch eigentlich seine erste ist, wird unverkennbar bezeichnet. Dort staunt er über die Widersprüche der Liebe, die wie ein fremdes Kleid ihm noch nicht natürlich sitzt; hier ist sie mit seinem Wesen zu sehr eins geworden, als daß er sich noch von ihr unterscheiden könnte. Dort schildert er seien hoffnunglose Pein in sinnreichen Gegensätzen; hier bringt ihn die Furcht vor der Trennung zur wildesten Verzweiflung, ja fast zum Wahnsinne. Seine Liebe zu Julien schwärmt nicht müßig, sie handelt aus ihm mit dem entschlossensten Nachdrucke. Daß er sein Leben wagt, um sie in der Nacht nach dem Balle im Garten zu sprechen, ist ein geringes; der Schwierigkeiten, die sich ihrer Verbindung entgegensetzen, wird nicht gedacht; wenn sie nur sein ist, bietet er allen Leiden Trotz.

Julia durfte nicht an Liebe gedacht haben, ehe sie den Romeo sah: es ist das erste Entfalten der jungfräulichen Knospe. Ihre Wahl ist ebenfalls augenblicklich –

Amore al cor gentil ratto s’apprende –

aber sie gilt für ewig. Es wäre unmöglich, sie für nichts weiter als ein unbesonnenes Mädchen zu halten, die im Gedränge unbestimmter Regungen, deren sie sich zum ersten Mahle bewußt wird, gleichviel auf welchen Gegenstand verfällt. Man glaubt mit den beyden Liebenden, daß hier keine Verblendung Statt finden kann, daß ihr guter Geist sie einander zuführt. In Juliens Hingebung ist noch eine göttliche Freyheit sichtbar. Zürnet nicht mit ihr, daß sie so leicht gewonnen wird: sie ist so jung und ungekünstelt, sie weiß von keiner andern Unschuld, als ohne Falsch dem Rufe ihres innersten Herzens zu folgen. Im Romeo kann nichts ihre Zartheit zurückscheuchen, noch die feinen Foderungen einer wahrhaft von Liebe durchdrungenen Seele verletzen. Sie redet offen mit ihm und mit sich selbst; sie redet nicht mit vorlauten Sinnen, sondern nur laut, was das sittsamste Wesen denken darf. Ohne Rückhalt gesteht sie sich die ungeduldige Erwartung, womit sie am nächsten Abend ihrem Geliebten entgegensieht, denn sie fühlt, daß holde Weiblichkeit ihr auch in den Augenblicken des Taumels zur Seite stehen, und jede Gewährung heiligen wird. Im Gedränge zwischen schüchternen Wallungen und den Bildern ihrer entflammten Phantasie ergießt sie sich in einen Hymnus an die Nacht, und fleht sie an, sowohl diesen als der verstohlnen Vermählung ihren Schleyer zu gönnen.

Der früheste Wunsch der Liebe ist zu gefallen; er beseelt auch die erste Annäherung Romeo’s und Juliens beym Tanze. Es ist unendliche Anmuth über ihre Reden hingehaucht, wie sie nur aus dem reinsten Sittenadel und natürlicher Schönheit der Seele hervorgehen kann. Wie zart weiß Romeo die Kühnheit seiner Bitten unter Bildern der schüchternen Anbetung zu verschleyern! Ein in der Nähe so vieler Zeugen geraubter Kuß darf uns nicht befremden: man führt Beyspiele an, welche zeigen, daß dieß zu Shakespeare’s Zeiten nicht für eine bedeutende Vertraulichkeit galt. Vielleicht dachte er aber auch an die freyere Lebensweise südlicher Länder, die ihm hier oft vorgeschwebt hat, so daß durch das Ganze hin eine Italiänische Luft zu wehen scheint. Ich denke, dem Sinne des Dichters gemäß müßte dieß Gespräch so vorgestellt werden, daß Romeo, wie Julia nach dem Tanze ausruht, sich neben sie setzt. Gröber kann man wohl nicht misverstehen, als der Mahler, der auf einem Bilde der Shakspeare’s-Gallery den Romeo als Pilger verkleidet vor Julien hintreten läßt, weil sie ihn Pilger nennt, indem sie die liebliche Tändeley seiner Anrede fortführt.

Die Unterredung im Garten hat einen romantischen Schwung, und doch ist auch hier das Bildlichste und Phantasiereichste immer mit der Einfalt verschwistert, woran man die unmittelbaren Eingebungen des Herzens erkennt. Welche süssen Geheimnisse verräth uns die Allwissenheit des Dichters! Nur die verschwiegne Nacht darf Zeugin dieser rührenden Klagen, dieser hohen Betheuerungen, dieser Geständnisse, dieses Abschiednehmens und Wiederkommens seyn. Die arme Kleine! Wie sie eilt, den Bund unauflöslich zu knüpfen! – Auch die Szene ist nichts weniger als gleichgültig. Unter dem heitern Himmel, bey dessen Anblick Romeo Juliens Augen wohl mit Sternen vergleichen konnte, von den Bäumen umgeben, deren Wipfel der Mond mit Silber säumt, stehen die Liebenden unter dem näheren Einflusse der Natur, und sind gleichsam von den künstlichen Verhältnissen der Gesellschaft losgesprochen. Eben so wird in der Abschiedsszene durch die Nachtigall, die Nachts auf einem Granatbaum singt, ein südlicher Frühling herbeygezaubert; und nicht etwan ein Glockenschlag, sondern die Stimme der Lerche mahnt sie an die feindliche Ankunft des Tages.

Eine Lage wie die, worein Julien die Nachricht von dem unglücklichen Zweykampfe und von Romeo’s Verbannung versetzt, ließ sich schwerlich ohne alle Härten und Dissonanzen darstellen; indessen will ich nicht leugnen, daß Shakespeare sie weniger gespart habe, als unumgänglich nöthig war. Johnsons Tadel: den Personen dieses Stücks, wie bedrängt sie auch seyen, bleibe in ihrer Noth immer noch ein sinnreicher Einfall übrig, hat vielleicht bey den Ausbrüchen der Verzweiflung Juliens am ersten einigen Schein. Doch glaube ich, bis auf wenige Zeilen, die ich glücklicher Weise in meiner Übersetzung auslassen mußte, weil sie ganz in Wortspielen bestehn, läßt sich mit richtigen Begriffen von der Wahrheit im Ausdrucke der Empfindungen alles retten. Ich behalte mir darüber eine allgemeine Bemerkung vor.

Romeo’s Qual ist noch zerreissender, weil er mit Unrecht, aber doch natürlicher Weise sich als schuldig anklagen muß. Es entehrt ihn nicht, daß er seiner durchaus nicht mehr mächtig ist. Wer wollte dieß von dem Jünglinge fodern? Was dem Manne ziemt, weiß der Mönch wohl, aber auch, daß er in die Luft redet, und nur die Amme erbauen wird. Doch vergehen darüber einige Minuten, während welcher der Verzweifelnde sich sammeln, und dann auf den bündigeren Trost horchen kann, daß ihm eine Julia zugesagt wird, was die Philosophie nicht vermochte. Romeo’s sanfte Männlichkeit giebt sich bey andern Gelegenheiten kund. Auch ohne die Vermittlung der Liebe scheint er über den Haß hinweg zu seyn, und an der Feindschaft der beyden Familien keinen Antheil zu nehmen. Mit Capulets Tochter verbunden, läßt er sich von Tybalt auf das schnödeste reizen, ohne es zu ahnden. Er besitzt Muth genug, um hier feig scheinen zu wollen, und nur der Tod des edlen Freundes waffnet seinen Arm.

Wenn der Dichter uns von dem stürmischen Schmerze der Liebenden nichts erließ, so ist es dagegen himmlisch zu sehen, wie sich der Ungestüm desselben am Morgen darauf in den Entzückungen der Liebe besänftig that, wie diese bey dem wehmüthigen Abschiede zugleich vertrauensvoll und Unglück-ahnend aus ihnen spricht. Nachher ist Romeo, obschon in der Verbannung, nicht mehr niedergeschlagen; die Hoffnung, die blühende, jugendliche Hoffnung hat sich seiner bemeistert; fast fröhlich wartet er auf Nachricht. Ach! es ist nur ein letzter Lebensblitz, wie er selbst nachher solche Aufwallungen nennt. Was er nun von seinem Bedienten hört, verwandelt auch wie ein Blitz sein Innres: zwey Worte und er ist entschlossen zum Tode in die Erde hinabzusteigen, die ihn eben noch so schwebend trug.

Nach dieser unerschütterlichen Entscheidung ist eine Rückkehr in sich selbst nicht am unrechten Orte. Die Berathschlagung, wie er sich Gift verschaffen soll, und seine Bitterkeit gegen die Welt in dem Gespräche mit dem Apotheker hat etwas vom Tone des Hamlet. Daß Romeo den Paris an Juliens Grabe treffen muß, ist eine von den vielen Zusammenstellungen des gewöhnlichen Lebens mit dem ganz eignen, selbstgeschaffnen Daseyn der Liebenden, wodurch Shakespeare den unendlichen Abstand des letzten von jenem anschaulich macht, und zugleich das Wunderbare der Geschichte beglaubigt, indem er es mit dem ganz bekannten Laufe der Dinge umgiebt. Der gutgesinnte Bräutigam, der Julien recht zärtlich geliebt zu haben glaubt, will ein ausserordentliches thun: seine Empfindung wagt sich aus ihrem bürgerlichen Kreise, wiewohl furchtsam, bis an die Gränze des Romanhaften hin. Und doch, wie anders ist seine Todtenfeyer als die des Geliebten! Wie gelassen streut er seine Blumen! Ich kann daher nicht fragen: war es nöthig, daß diese redliche Seele noch hingeopfert wird? daß Romeo zum zweyten Male wider Willen Blut vergießt? Paris gehört zu den Personen, die man im Leben lobpreist, aber im Tode nicht unmäßig betrauert; im Augenblicke des Sterbens interessirt er zu allererst durch die Bitte in Juliens Grab gelegt zu werden. Romeo’s Edelmuth bricht auch hier wie ein Strahl aus düstern Wolken hervor, da er über dem durch Unglück mit ihm verbrüderten die letzten Segensworte spricht.

Wie Juliens ganzes Wesen Liebe, so ist Treue ihre Tugend. Von dem Augenblicke an, da sie Romeo’s Gattin wird, ist ihr Schicksal an das seinige gefesselt; sie hat den tiefsten Abscheu gegen alles, was sie von ihm abwendig machen will, und fürchtet in gleichem Grade die Gefahr entweihet oder ihm entrissen zu werden. Die tyrannische Heftigkeit ihres Vaters, das Gemeine im Betragen beyder Eltern ist sehr anstössig; allein es rettet Julien von dem Kampfe zwischen Liebe und kindlicher Gesinnung, der hier gar nicht an seiner Stelle gewesen wäre: denn jene soll hier nicht als aus sittlichen Verhältnissen abgeleitet, und mit Pflichten im Streit, sondern in ihrer ursprünglichen Reinheit als das erste Gebot der Natur vorgestellt werden. Nach einer solchen Begegnung konnte Julia ihre Eltern nicht sehr achten; da sie gezwungen wird, sich zu verstellen, thut sie es daher mit Festigkeit und ohne Gewissenszweifel.

Daß zu ihrem furchtbaren Selbstgespräch, ehe sie den Trank nimmt, die Anlage in der Erzählung schon vorhanden war, gereicht wieder zu Shakespeare’s Ruhme. Diese oberflächliche Ähnlichkeit des Gemeinsten mit dem Höchsten ist der Triumph der Kunst. Mit welcher Überlegenheit hat er ein solches Wagestück von Darstellung bestanden! Erst Juliens Schauer sich allein zu fühlen, fast schon wie im Grabe; das Ermannen, der so natürliche Verdacht, und wie sie ihn mit einer über alles Arge erhabnen Seele von sich weist, grösser als jener Held, der wohl nicht ohne seine Zuversicht zur Schau zu tragen die angeblich vergiftete Arzeney austrank; wie dann die Einbildung in Aufruhr geräth, so viele Schrecken das zarte Gehirn des Mädchens verwirren, und sie den Kelch im Taumel hinunterstürzt, den gelassen auszuleeren eine zu männliche Entschlossenheit beweisen hätte.

Ihr Erwachen im Grabe und die wenigen Augenblicke nachher schliessen sich, eben durch den Gegensatz, auf das schönste hier an. Der Schlummer, der ihre Lebensgeister so lange gefesselt hielt, hat den Tumult ihres Blutes gestillt. Sie schlägt die Augen auf wie ein Kind, dem die Mutter etwas versprach und dem davon geträumt hat, mit voller Besinnung sich selbst zurechtweisend über das Grauenvolle um sie her. Sie läßt sich nicht hinreissen von der Stätte zu weichen, wo sie ihren Geliebten todt sieht, sie fragt nicht, sie weiß damit genug.

Wie eine milde sorgsame Vorsehung, die jedoch nicht mächtig genug ist, um dem feindseligen Zufalle vorzubeugen, steht vom Anfange an Bruder Lorenzo – amante autico e faggio – in der Mitte der beyden Liebenden. Kein Heiliger aber ein Weiser in der Mönchskutte, ein würdiger, sanft nachdenkender Alter, fast erhaben in seiner vertrauten Beschäftigung mit der leblosen Natur, und äusserst anziehend durch seine eben so genaue Kenntniß des menschlichen Herzens, die mit einer fröhlichen, ja witzigen Laune gefärbt ist. So liebenswüridg er sich zeigt, lassen uns doch seine naivsten Äusserungen noch eine achtungswürdige Gewalt in seinem Wesen fühlen. Er hat einen schnellen Kopf, sich in den Augenblick zu finden und ihn zu nutzen; muthig in Anschlägen und Entschlüssen, fühlt er ihre Wichtigkeit mit menschenfreundlichem Ernst, und setzt sich ohne Bedenken Gefahren aus, um gutes zu stiften. Wenn er thut, was seine junge Freunde von ihm verlangen, so giebt er nicht leidend ihrem Ungestüme nach, sondern seiner eignen Überzeugung, seiner Ehrerbietung vor einer Leidenschaft wie diese, welche sein Herz erräth, wenn er gleich ihre Herrschaft nie an sich selbst erfuhr, oder wenigstens die geläuterte Atmosphäre seines Daseyns längst nicht mehr von Stürmen getrübt wird. Er thut an Julien eine Foderung wie an eine Heldin, ermahnt sie zur Standhaftigkeit in der Liebe wie an eine Tugend, und scheint vorher zu wissen, daß er sich in ihr nicht betrügen wird. Von seinem Orden hat er nichts an sich, als ein wenig Verstellungskunst und physische Furchtsamkeit. Indessen muß die letzte wohl auch auf Rechnung des Alters kommen. Sie übermannt und verwirrt ihn so, daß er in der unglücklichen Nacht auf dem Kirchhofe Julien in dem Grabmahle allein läßt, was freylich bey ruhiger Besonnenheit gar nicht zu entschuldigen wäre. Doch ist er gleich darauf in einer Gefahr, der er nicht mehr entrinnen kann, freymüthig und Herr seiner selbst. Es ist sonderbar, daß diesem Mönche bey allen Gelegenheiten religiöse Vorstellungsarten eben so weit aus dem Wege liegen, als ihm sittliche Betrachtungen geläufig sind. Wie er den verzweifelnden Romeo zu trösten sucht, bietet er ihm

Der Trübsal süsse Milch, Philosophie,

und in der That ist die vortreffliche Rede, die er kurz darauf an ihn hält, eine Predigt aus der blossen Vernunft. Ein einziges Mal theilt er Anweisungen auf den Himmel aus, nämlich wie er den trostlosen Eltern über Juliens vermeynten Tod zuspricht, also bey einem Anlasse, wo es ihm nicht Ernst damit ist. Man sieht hieraus, mit welchem dumpfen Sinne Johnson den Dichter muß gelesen haben, da er meynt, Shakespeare habe an Julien ein Beyspiel der bestraften Heucheley aufstellen wollen, weil sie ihre Streiche meistens unter dem Vorwande der Religion spiele. Was für Nahmen soll man einer so dickhäutigen Fühllosigkeit geben?

Mercutio ist nach dem äussern Bau der Fabel eine grosse Nebenperson. Das Einzige, wodurch er auf eine bedeutende Art in die Handlung eingreift, ist, daß er durch seinen Zweykampf mit Tybalt den des Romeo herbeyführt, (ein Umstand, den Shakespeare nicht einmal in der Erzählung vorfand) und dazu bedurfte es keines so hervorstechenden und reichlich begabten Charakters. Aber da es im Geiste des Ganzen liegt, daß die streitenden Elemente des Daseyns, in ihrer höchsten Energie zu einander gemischt, ungestüm aufbrausen,

– wie Feu’r und Pulver
Im Kusse sich verzehrt;

da das Stück, könnte man sagen, durchhin eine grosse Antithese ist, wo Liebe und Haß, das Süsseste und das Herbeste, Freudenfeste und düstre Ahnungen, liebkosende Umarmungen und Todtengrüfte, blühende Jugend und Selbstvernichtung unmittelbar beysammen stehen, so wird auch Mercutio’s fröhlicher Leichtsinn der schwermüthigen Schwärmerey des Romeo in einem grossen Sinne zugesellt und entgegengesetzt. Mercutio’s Witz ist nicht die kalte Geburt von Bestrebungen des Verstandes, sondern geht aus der unruhigen Keckheit seines Gemüths unwillkührlich hervor. Eben das reiche Maaß von Phantasie, das im Romeo mit tiefem Gefühle gepaart, einen romantischen Hang erzeugt, nimmt im Mercutio unter den Einflüssen eines hellen Kopfes eine genialische Wendung. In beyden ist ein Gipfel der Lebensfülle sichtbar, in beyden erscheint auch die vorüberrauschende Flüchtigkeit des Köstlichsten, die vergängliche Natur aller Blüthen, über die das ganze Schauspiel ein so zartes Klagelied ist. Eben so wohl wie Romeo ist Mercutio zu frühzeitigem Tode bestimmt. Er geht mit seinem Leben um, wie mit einem perlenden Weine, den man auszutrinken eilt, ehe der rege Geist verdampft. Immer aufgeweckt, immer ein Spötter, ein grosser Freund der Schönen, wie es scheint, obgleich ein verstockter Ketzer in der Liebe, so muthig als muthwillig, so bereit mit dem Degen als mit der Zunge zu fechten, wird er durch eine tödliche Wunde nicht aus seiner Laune gebracht, und verläßt mit einem Spasse die Welt, in der er sich über alles lustig gemacht hat.

Die Rolle der Amme hat Shakespeare unstreitig mit Lust und Behagen ausgeführt: alles an ihr hat eine sprechende Wahrheit. Wie in ihrem Kopfe die Ideen nach willkührlichen Verknüpfungen durch einander gehen, so ist in ihrem Betragen nur der Zusammenhang der Inkonsequenz, und doch weiß sie sich eben so viel mit ihrem schlauen Verstande als mit ihrer Rechtlichkeit. Sie gehört zu den Seelen, in denen nichts fest haftet als Vorurtheile, und deren Sittlichkeit immer von dem Wechsel des Augenblicks abhängt. Sie hält eifrig auf ihre Reputation, hat aber dabey ein uneigennütziges Wohlgefallen an Sünden einer gewissen Art, und verräth nicht verwerfliche Anlagen zu einer ehrbaren Kupplerin. Es macht ihr eigentlich unendliche Freude, eine Heirathsgeschichte, das unterhaltendste, was sie im Leben weiß, wie einen verbotnen Liebeshandel zu betreiben. Darum rechnet sie auch Julien die Beschwerden der Bothschaft so hoch an. Wäre sie nicht so sehr albern, so würde sie ganz und gar nichts taugen. So aber ist es doch nur eine sündhafte Gutmüthigkeit, was ihr den Rath eingiebt: Julia solle, um der Bedrängniß zu entgehn, den Romeo verläugnen, und sich mit Paris vermählen. Daß ihre Treue gegen die Liebenden die Prüfung der Noth nicht besteht, ist wesentlich, um Juliens Seelenstärke vollkommner zu entfalten, da sie nun bey denen, die sie zunächst umgeben, nirgends einen Halt mehr findet, und bey der Ausführung des vom Lorenzo ihr angegebnen Entschlusses ganz sich selbst überlassen bleibt. Wenn auf der andern Seite diese Abtrünnigkeit aus wahrer Verderbtheit herrührte, so liesse sich nicht begreifen, wie Julia sie je zu ihrer Vertrauten hätte machen können. Das kauderwelsche Gemisch von Gutem und Schlechtem im Gemüth der Amme ist also ihrer Bestimmung völlig gemäß, und man kann nicht sagen, daß Shakespeare den bey ihr aufgewandten Schatz von Menschenkenntniß verschwendet habe. Allerdings hätte er mit Wenigerem ausreichen können, allein Freygebigkeit ist überhaupt seine Art, Freygebigkeit mit allem, ausser mit dem, was nur bey einem sparsamen Gebrauche wirken kann. Das Verhältniß seiner Kunst zur Natur erfodert nicht jene strenge Sonderung des Zufälligen vom Nothwendigen, welche ein unterscheidendes Merkmahl der tragischen Poesie der Griechen ausmacht. Das obige gilt auch vom alten Capulet (bey dem die Zugabe von Lächerlichkeit uns zum Theil des ernsteren Unwillens überhebt, den sein Betragen gegen Julien sonst verdient) und von den übrigen komischen Nebenrollen Peters, der Bedienten und Musikanten. Der gesellige, wohlmeynende, redliche Benvolio, der rohe Tybalt, der feine, gesittete Graf Paris, sind bloß nach dem Gesetze der Zweckmäßigkeit mit wenigen aber bestimmten Zügen gezeichnet. Der Prinz ist grade, wie man ihn sich wünschen möchte, ehrenvest und stattlich. Daß ihn der Augenblick des Bedürfnisses immer so auf den Punkt herbeyruft, ist eine theatralische Freyheit, die nicht nach kleinen Wahrscheinlichkeiten berechnet werden darf, und den Vortheil gewährt, daß diese unerwartete Dazwischenkunft unter dem heftigsten Sturme feindseliger Leidenschaften wie die eines Wesens aus einer höheren Ordnung der Dinge wirkt. Die letzte Erscheinung des Prinzen wird groß und feyerlich, weniger durch seine persönlichen Eigenschaften, als durch seine Stellung, der eben vollendeten tragischen Begebenheit und den dabey betroffenen Personen gegenüber. Nicht bloß mit dem Ansehen eines irdischen Richters, sondern als Wortführer der Weisheit und Menschlichkeit, versammelt er das Leiden, die Schuld und die Theilnahme um sich her, und redet auf eine dieses ernsten Berufes würdige Art. Die betrachtende Stille, welche sein Nachforschen auf den Sturm der Entscheidungen folgen läßt, ordnet und bekräftigt den verwirrten Schmerz, und sein letzter Ausspruch drückt ihn, gleichsam zur ewigen Grabschrift der beyden Unglücklichen, mit ehernem Griffel in die Tafel des Gedächtnisses.

Lorenzo’s Erzählung hat den Kunstrichtern Anstoß gegeben, weil sie nur das wiederhohle, wovon der Zuschauer schon unterrichtet ist. „Es ist sehr zu beklagen,“ sagt Johnson, „daß der Dichter den Dialog nicht zugleich mit der Handlung beschloß.“ Ey ja, sobald die Katastrophe da ist, das heißt, sobald die gehörige Anzahl Personen zum Tode befördert worden, darf der Vorhang nur ohne weitere Umstände fallen. Ist es ein Wunder, daß man bey so groben körperlichen Begriffen von der Vollständigkeit einer tragischen Handlung nichts von Befriedigungen des Gefühls weiß? Hat uns denn der Mönch so gar nicht interessirt, daß es uns gleichgültig seyn könnte, ob die Reinheit seiner Gesinnungen verkannt wird. Noch mehr: die Aussöhnung der beyden Familienhäupter über den Leichen ihrer Kinder, der einzige Balsamtropfe für das zerrissne Herz, wird nur durch ihre Verständigung über den Hergang der Begebenheit möglich. Das Unglück der Liebenden ist nun doch nicht gänzlich verlohren; aus dem Hasse entsprungen, womit das Stück anhebt, wendet es sich im Kreislaufe der Dinge gegen seine Quelle und verstopft sie. Aber nicht bloß als nothwendiges Mittel sind die Aussagen des Mönchs und der beyden Bedienten gerechtfertigt: sie haben an sich Werth, indem sie die zerstreuten Eindrücke des Geschehenen auf der traurigen Wahlstatt in einen einfachen Bericht zusammenfassen.

Man hat gefunden, Shakespeare habe die Gelegenheit zu einer sehr pathetischen Szene versäumt, indem er Julien nicht vor Romeo’s Tode, in dem Augenblicke wie er das Gift genommen, erwachen läßt. Grosse Erfindung hätte nicht zu dieser Abänderung gehört, eben so wenig als zu dem entgegengesetzten Auswege, daß Julia erwacht, ehe er noch seinen Tod entschieden hat, und alles glücklich endigt. Indessen schient mir Shakespeare, sey es aus Treue gegen die Erzählung, welche er zunächst vor sich hatte, oder aus überlegter Wahl, das Bessere getroffen zu haben. Es giebt ein Maaß der Erschütterung, über welches hinaus alles Hinzugefügt entweder zur Folter wird, oder von dem schon durchdrungnen Gemüthe wirkungslos abgleitet. Bey der grausamen Wiedervereinigung der Liebenden auf einen Augenblick hätte Romeo’s Reue über seinen vorschnellen Selbstmord, Juliens Verzweiflung über die erst genährte, dann zernichtete Täuschung, als sey sie am Ziele ihrer Wünsche, in Verzerrungen übergehen müssen. Niemand zweifelt wohl, daß Shakespeare diese mit angemeßner Stärke darzustellen vermochte; aber hier war alles Mildernde willkommen, damit man aus der Wehmuth, der man sich willig hingiebt, nicht durch allzu peinliche Misklänge aufgeschreckt würde. Warum bürdet man dem schon so schuldigen Zufalle noch mehr auf? Warum soll der gequälte Romeo nicht ruhig „das Joch feindseliger Gestirne von dem lebensmüden Liebe schütteln?“ Er hält seine Geliebte im Arm, und labt sich sterbend mit einem Wahne ewiger Vermählung. Auch sie sucht den Tod im Kusse auf seinen Lippen. Diese letzten Augenblicke müssen ungetheilt der Zärtlichkeit angehören, damit wir den Gedanken recht fest halten können, daß die Liebe fortlebt, obgleich die Liebenden untergehn.

Garrick hat diese Szene nach dem Glauben: je mehr Jammer, je besser! wirklich umgearbeitet; allein seine Auführung wird eben niemanden unglücklich machen: sie ist äusserst schwach. Auch das Erwachen Juliens hat er ganz verdorben. Sie erinnert sich nicht an Logenzo’s Verheißungen, sondern glaubt, man wolle sie mit Gewalt dem Paris vermählen, und erkennt den Romeo nicht, der darüber ausruft: „Sie ist noch nicht wieder bey sich – Der Himmel helfe ihr!“ – Ja wohl! und behüte sie vor ungeschickten Umarbeitern! Nachher, wie der Mönch hereintritt, schilt sie heftig auf ihn, und will ihn gar mit ihrem Dolche erstechen. Es ist nur gut, daß sie sich bald darauf entleibt, denn da sie so ungebährdig um sich ficht, so weiß man nicht, wie viel Unheil sie sonst noch angerichtet hätte. Sonderbar, daß ein grosser Schauspieler dem Dichter, den er anbetete, den er sein halbes Leben hindurch studirt hatte, auf eine so verkehrte Art etwas anheften konnte!

Noch verdächtiger wird Garricks Sinn für das Höchste im Shakespeare dadurch, daß er es für nöthig hielt, das Stück von dem unnatürlichen, tändelnden Witze zu reinigen, der darin nach seiner Meynung dem Ausdrucke der Empfindung untergeschoben war. Zwar behauptet Johnson ebenfalls: die pathetischen Reden seyen immer durch unerwartete Verfälschungen entstellt; und das Ansehn dieser Kunstrichter mag viele verführt haben, besonders da ihr Urtheil der allgemeinen Fassungskraft so herablassend entgegenkömmt. Ächte Poesie wird ja sehr selten verstanden, und jeder Gebrauch der Einbildungskraft erscheint demjenigen unnatürlich, der keinen Funken davon besitzt. Man vergißt, daß, wenn uns ein Gegenstand in einer bestimmten Form der Darstellung gezeigt wird, jeder Theil desselben durch dieß Medium gefärbt seyn muß. Man nimmt das Dichterische im Drama historisch, da es doch eine Bezeichnungsart ist, deren Unwahrheit gar nicht verhehlt wird, die aber dennoch das Wesentlich der Sache richtiger und lebendiger zur Anschauung zu bringen dient, als das gewissenhafteste Protokoll. Eben dadurch führt uns der Dichter mehr in das Innre der Gemüther, daß er seinen Personen ein vollkommneres Organ der Mittheilung leiht, als sie in der Natur haben; und da oft die Gewalt der Leidenschaft ihren Ausdruck hemmt, und das Vermögen der Äusserung fesselt, wie lebhaft auch das Verlangen darnach seyn mag, so darf er dieß Hinderniß aus dem Wege räumen. Nur den wesentlichen Unterschied zwischen beredten und stummen, nach aussen hin strebenden oder auf den innern Menschen sich konzentrirenden Gefühlen hebe er nicht auf. Nie hat Shakespeare’n der reiche Strom seiner Bilder über diese Gränze hinweggerissen. Wie Romeo den vermeynten Tod Juliens erführt, sagt er nichts weiter als:

Ist es denn so? Ich biet’ euch Trotz, ihr Sterne! –

Eben so antwortet Julia nach ihrem Erwachen dem Mönche, der ihr das ganze vorgefallne Unglück in der Eil gemeldet, und sie zu fliehn beredet hat:

Geh nur, entweich! Denn ich will nicht von hinnen. –

Beyde Male verräth sich die Stärke des Gefühls nur in dem Entschlusse, wodurch sich die Freyheit dagegen auflehnt.

Wenn die Liebe sich der Liebe offenbart, so ist es das einzige Anliegen des Herzens, die Überzeugung von seiner Innigkeit dem andern einzuflössen, gleichsam das Bewußtseyn bis zu ihm zu erweitern. Er verschmäht dabey die Pracht der Rede, worein hohle Bezeugungen nicht gefühlter Anhänglichkeit sich eben sowohl kleiden können, und wagt sich nicht an das Unaussprechliche; aber es versteht das Geheimniß, dem einfältigen, ja dem bescheidensten Ausbruch eine höhere Seele einzuhauchen. Sollte man diese rührende Herzlichkeit in den Geständnissen, den Betheuerungen, dem holden Liebesgeflüster Romeo’s und Juliens übersehn können? Julia giebt sich mit eben so kindlicher Offenheit hin, wie Miranda im Sturm, und was sie sagt,

Is silly sooth,
And dallies with the innocence of love.

Allein die Bewunderung, die Vergötterung des Geliebten kann nicht bildlos sprechen; sie muß sich zu den kühnsten Vergleichungen aufschwingen. Mit dem Zauberschlage, der das Eine, was ihr vorschwebt, isolirt und über die ganze übrige Welt erhebt, hat sie den Maaßstab des Wirklichen verlohren, und kann bis an die Gränze der Dinge schwärmen, so weit die Flügel der Phantasie sie nur tragen wollen, ohne sich einer Verirrung bewußt zu werden. Liebe ist die Poesie des Lebens: wie sollte sie über ihren Gegenstand nicht dichten? Je entferntere und ungleichartigere Bilder sie herbeyruft, desto sinnreicher müssen ihre Gleichnisse scheinen, und was der müßige Witz mühsam sucht, um zu glänzen, darein verfällt die ausschweifende Leidenschaft unwillkührlich. Unbegriffne Widersprüche liegen im Wesen der Liebe; sie kann sich auch bey der schönsten Erwiederung nicht in vollkommne Harmonie auflösen, und ist daher schon an sich geneigt, sich antithetisch zu äussern. Noch natürlicher ist ihr dieß, sobald äusserliche Verhältnisse sie drängen. Ein Wortspiel ist ein Gegensatz oder eine Vergleichung zwischen dem Sinne der Wörter und ihrem Klange; und wie in der Liebe überhaupt das Geistige und das Sinnliche sich innigst zu verschmelzen strebt, sie sie zartesten Anspielungen des einen auf das andre wahrnimmt und sich daran weidet, so kann sie auch mit Ähnlichkeiten der Töne ahnungsvoll spielen. Man verwirft gewöhnlich alle Wortspiele als etwas kindisches und unnatürliches. Ist das erste gegründet, so kann das zweyte nicht seyn; und die Erfahrung zeigt allerdings, daß Kinder sich gern mit den sinnlichen Bestandtheilen der Wörter zu schaffen machen, und sie auf andre Bedeutungen wenden. Die Liebe aber in ihrer unbefangensten Hingegebenheit versetzt die Seele bey entwickelten Organen und blühender Lebensfülle auf gewisse Weise in den Stand der Kindheit zurück. Ohne es zu wollen, habe ich Petrarca’s Apologie gemacht, dessen wunderbare Bilder und Gleichnisse, immer wiederkehrende Gegensätze und leise mystische Anspielungen auch so vielen Lesern und Kunstrichtern von Ärgerniß gegeben haben. Seine idealische, ätherische, im Entsagen schwelgende Anbetung Laura’s hat nichts mit der jugendlichen Kraft und Glut der Liebe gemein, die Romeo’n und Julien für einander zu leben und zu sterben treibt: aber der Styl seiner Poesie hat viel Ähnlichkeit mit dem Kolorit des zärtlichen Ausdrucks in unserm Schauspiele.

Ich möchte noch weiter gehen und behaupten, nicht nur den Freuden und der süssen Pein einer Leidenschaft, wie die hier dargestellte ist, welche die äusserste Entzündbarkeit der Phantasie voraussetzt, sey kühne Bildlichkeit und antithetische Wortfülle eigen; auch das niederwerfendste Leiden, das aus ihr herfließt, der herbeste Schmerz über Verlust oder Tod des Geliebten, verläugne in der Art sich zu äussern seinen Ursprung nicht ganz. Aus diesem Gesichtspunkte, dessen Richtigkeit sich durch mancherley Erfahrungen bestätigen liesse, betrachte man die Szenen, wo die beyden Liebenden über Romeo’s Verbannung ausser sich sind und Romeo’s letzte Rede, und sie sind gerechtfertigt.

Immerhin mag der dramatisirende Rhetor bey den frostigen Deklamationen, die er an die Stelle der Ergiessungen entflammter Leidenschaft setzt, sich ähnlicher Mittel bedienen: wer irgend Empfänglichkeit hat, oder bey wem Vorurtheile ihr nicht in den Weg treten, der wird nicht in Gefahr seyn, jene mit diesen zu verwechseln; er hat an der Wirkung einen untrüglichen Prüfstein. Es lassen sich auch Kennzeichen angeben, allein ihre Anwendung auf den bestimmten Fall erfodert immer noch einen Sinn, den man niemanden geben kann. Das wesentlichste Kennzeichen ist die Natur der dargestellten Empfindungen selbst, ihre Tiefe, ihre Eigenthümlichkeit, ihre Konsequenz. Ferner wird durch allen deklamatorischen Pomp das Bildlose und Abstrakte häufig nur schlecht verkleidet, denn nur eine arme Phantasie, die nicht durch das Bedürfniß des Gefühls in Schwung gesetzt wird, braucht zu dem Vorsatze, geschmückt zu erschienen, ihre Zuflucht zu nehmen; jedoch es ist ein vergebliches Bemühen durch den Umweg des todten Begriffs in das Leben zurückkehren zu wollen. Auch wird der Dichter, der auf Kosten der Wahrheit und Schicklichkeit zu glänzen strebt, die vertrauliche Nachlässigkeit in Reden, den Schein der augenblicklichen Entstehung eher vermeiden als suchen. Er wird besorgen, das Unbewußtseyn der redenden Personen, daß sie etwas ausserordentliches sagen, weil es für ihre Lage höchst natürlich ist, möchte den Zuhörer täuschen, und das Gesuchte seinen einzigen Werth verlieren, indem es für leicht gefunden gilt. Im Romeo bietet sich das Dialogische, Freye, aus der Quelle Strömende selbst der bildlichsten und im höchsten Grade antithetischen Reden überall dar; es im einzelnen zu entwickeln, würde mich zu weit führen.

Da ich dem Tadel so angesehener Englischer Kunstrichter habe widersprechen müssen, so freut es mich dagegen, den Ausspruch eines Deutschen aufstellen zu können, der gewiss unbestechlich durch falschen Schimmer und ein Antipode alles Phantastischen und Überspannten war. Lessing erklärte Romeo und Julia für das einzige Trauerspiel, das er kenne, woran die Liebe selbst arbeiten helfen. Ich weiß nicht schöner zu schliessen, als mit diesen einfachen Worten, in denen so viel liegt. Ja man darf dieß Gedicht ein harmonisches Wunder nennen, dessen Bestandtheile nur jene himmlische Gewalt so verschmelzen konnte. Es ist zugleich bezaubernd süß und schmerzlich, rein und glühend, zart und ungestüm, voll elegischer Weichheit und tragisch erschütternd.

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