HomeDie Horen1797 - Stück 8I. Die Geisterinsel. [F. W. Gotter]

I. Die Geisterinsel. [F. W. Gotter]

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Ein Singspiel in drei Akten.

Personen

Prospero, gewesener Herzog von Mayland, Zauberer.
Miranda, seine Tochter.
Fernando, Prinz von Neapel.
Fabio, Edelknabe
Oronzio, Küchenmeister
Stefano, Kellermeister
Ariel, ein Sylfe
Caliban, ein Gnome, Sohn der Sycorax.
Maja, ein Schatten, von der ersten tragischen Actrice zu spielen.
Sycorax, ein Schatten, von dem ersten tragischen Acteur zu spielen.
Ruperto, ein Bootsmann.
Geister und Sylfen.
Matrosen.

(Die Handlung währt von einem Morgen zum andern.)

Bemerkungen, die Decorationen betreffend.

Der Eingang von Prospero’s Zelle ist rechts zwischen der dritten und vierten Kulisse; ein bewegliches Felsenstük tritt vor, wenn die Scene wechselt.

Maja’s Grabmahl steht links, nahe an der zweiten Kulisse; es wird bei Veränderungen ebenfalls durch Wald oder Fels dem Auge des Zuschauers entrükt. In der pantomimischen Scene des dritten Acts, berstet solches mit Geräusch von oben bis unten, und stürzt in die Kulisse hinein. Man sieht den Grabhügel eröffnet; lezterer muß die Versenkung von vorne einfassen, und so eingerichtet seyn, daß die emporsteigende Figur auf dem Rande desselben stehen kann.

Die ganze Tiefe des Theaters ist nur da zu gebrauchen, wo das Meer den Hintergrund ausmacht. Die Felsen des Meer-Ufers müssen Stufen haben, daß man dieselben sichtbar besteigen kann.

Die romantische Gegend im zweiten Act, schließt mit einem Horizont-Vorhange, der hinter dem beweglichen Felsen-Stüke das den Eingang von Prospero’s Zelle verbirgt, niederfällt. Eben dieser Felsen dient in der Folge zum Volkan, aus dem späterhin ein blühender Rosenbusch emporsteigt.

Die rauhe Felsen-Gegend im vierten Auftritt des zweiten Acts, hat einen damit übereinstimmenden Hintergrund, von weniger Tiefe als die romantische Gegend. In der Mitte desselben stehen ein paar Bäume, hinter welchen Ariel sich verbergen und lauschen kann.

Bey der Wald-Decoration, im zwölften Auftritte, steht in der Vertiefung des Theaters ein angefangener Holzstoß von Stöken und starken Ästen: Es muß derselbe so eingerichtet seyn, daß man artificielles Holz, ebenfalls Stöke und Äste vorstellend, darauf legen kann. In der sechsten Scene des zweiten Acts steht in der Vertiefung ein grosser Busch, der in der Folge transparent wird, hierauf verschwindet, und eine artificielle Figur sichtbar werden läßt.

Bemerkungen, die Kleidungen betreffend.

Prospero. Ein weites faltiges schleppendes Gewand, von dunkelrothem Atlaß, mit goldenen Frangen, die Ermel desselben über den Ellbogen zurükgezogen; weisse knappe Ermel darunter. Ein blauer Zaubergürtel, worauf die Himmelszeichen in Gold gestikt sind, und welcher von der rechten Schulten nach der linken Hüfte herab hängt. Das Gewand ist von einer Fingerstarken goldenen Schnur umgürtet, welche den Leib zweimal umschlingt, und rechts eine Schleife bildet; an beiden Enden der Schleife hangen goldne Quasten. Eine pyramidalische Müze, von der Farbe des Gürtels, um die ein Gewinde von schwarzem mit Sternen durchwirktem Flor läuft, dessen beide Enden von der Höhe der Müze längst des Rükens herabfallen. Weisses Haar, und langer weisser Bart. Ein Zauberstab, schwarz und weiß gestreift, und weisse Sandalen.

Miranda. Ein Gewand von weissem Milchflor in griechischen Costum; darunter ein engeres Gewand; von hellblauem Atlaß. Ein hellblauer Gürtel. Das Haar mit Perlen durchflochten, und in fliegenden Loken. Ein dünner Schleier von der Farbe des Gürtels, der glatt auf dem Haar befestigt ist, und längst des Rükens herabfällt. Es ist zu bemerken, daß dieser Schleier im ersten Act verlohren geht, und von Fabio im zweiten Akt gefunden wird.

Caliban. Ein Sclavenkleid von grauer Farbe; eine hellrothe breite Schärpe; ein Überwurf, von dunkelbraunem kurzem Pelzwerk, auf einer Schulter befestigt. Die halbsichtbaren Beine sind tiegerartig, die Füsse aber mit Soken bekleidet. Ein unförmlicher Hinterkopf, mit schwarzem borstigem Haar; ein Bukel, ein Spizbauch; das Gesicht in Karikatur gemahlt.

Ariel. Ein Sylfen-Gewand von Silber-Zindel; ein rosenfarbner Flor, der zugleich den Gürtel ausmacht, wallt von der Schulter den Rüken hinab. Schmetterlings-Flügel von buntgemahltem Flor. Das Haar fliegend mit einem Kranz von Granat-Blüthen und weissen Rosen. Die halbsichtbaren Arme und Beine, mit fleischfarbenem Taft bekleidet; weisse Sandalen, mit einem goldnen Gewinde befestigt.

Fernando. Spanische Tracht, von Kornblumenblauem Atlaß, mit Ponceanfarbigen Puffen, die Schärpe von dem Stoffe der Puffen, das Wehrgehänge von weissem Atlaß; das Haar nachlässig fliegend; weder Hut noch Gewehr. Ein grosser Siegelring.

Fabio. Spanische Tracht; rosenfarb mit Smaragdgrünen Puffen, und mit Silber besezt. Eine Schärpe von der Farbe der Puffen; ein silbernes Achselband. Ein Hut mit Federn um die Figur zu verlängern, da die Rolle durch ein Frauenzimmer gespielt wird.

Oronzio. Spanische Tracht; schwarz mit Feuerfarbnen Puffen; der Mantel wie das Kleid; die Schärpe wie die Puffen. Eine schwarze spanische Perüke. Ein Bauch. Ein volles gleissendes Gesicht.

Stefano. Spanische Tracht, Karmelit mit schwarzen Puffen. Ein hageres Gesicht, Runzeln, und eine kupfrige Nase. Eine weisse runde Perüke. Podagra-Stiefeln.

Ruperto. Braune Jake, schmal mit Silber besezt. Weste und Schiffer-Beinkleider weiß und blau gestreift; blauer Bund. Hut mit einer Tresse.

Die Matrosen. Eben so, nur ohne Silber, und Tressen um den Hut.

Maja. Ein schleppendes Todengewand, von weissem Kreppflor, mit langen runden Ermeln, welche die Hälfte der Hand bedeken; ein dichter Schleier glatt auf den Kopfe befestigt, der das Haar und den obern Theil des Gesichts verhülllt, und rükwärts in zwei langen Enden herabfällt. Eine einfache Glorie in Glanz vergoldet, schwebt über dem Haupte.

Sycorax. Ein schleppendes Gewand, von schwarzem dichtem ungeklänztem Zeugen. Ein rother Zaubergürtel mit schwarzen Charakteren, der von der linken Schulter zur rechten Hüfte herabhängt. Eine Kupferfarbne Larve. Schwarzes wild geloktes Haar; hochrothe Handschuhe. Ein schwarz und roth gestreifter Zauberstab.

Vier Sylfenknaben. In fleischfarbenen Taffent eingenäht. Blaue Schärpe. Rosenguirlanden, die von der Schulter zur Hüfte herabfallen, fliegende Haare.
Erster Akt.
Erster Auftritt.

(Auf einer Seite eine Felsengrotte, deren Eingang mit Muscheln und Korallenzweigen geziert ist; auf der andern ein Wald mit einzelnen Sizen von Rasen, oder abgehauenen Stämmen. Die Aussicht auf das Meer ist von Bäumen und Felsen begrenzt. Weiter vor ein Grabhügel mit einem Denkmal von Bruchsteinen in Form eines Altars.)

Miranda. (ist beschäftigt, Blumen, die sie in ihrem aufgeschürzten Gewande trägt, auf das Grab zu streuen.)

Arie.

Sterbt auf meiner Maja Grabe,
Blumen, meine ganze Haabe,
Blumen, ihr zur frommen Gabe
Von der Wehmuth hingestreut!
Ach! und du, zu der in Thränen
Meine Blike sich erheben,
Maja! höre, wie mein Sehnen,
Deinem Fluge nachzustreben,
Jeden Morgen sich erneut!

(sie stürzt sich weinend auf das Denkmahl.)

Geisterchor. (unsichtbar.)
Wolken verschweben;
Tiefer ins Leben
Hoffend zu schauen,
Lindert den Schmerz;
Stilles Vertrauen
Heilet das Herz.

Miranda. (die sich während dieses Gesanges wieder aufgerichtet und in sanfter Begeistrung zugehört hat.)
Ich danke euch, ihr mitleidigen Geister! Eure Lehre sey mir heilig! Ich will meine Thränen abtroknen. Ich bin es einem Vater schuldig, der mich liebt. Er hat eignen Kummers genug. Er kömmt! O daß es mir gelänge, ihn aufzuheitern!
Zweiter Auftritt.

Prospero. Miranda.

Miranda. (ihm entgegen gehend)
Hab’ ich euch beleidigt, lieber Vater? (küsst ihm die Hand.)

Prospero. (ernsthaft)
Wie kommst du auf die Frage?

Miranda.
Weil ihr heute meinen Morgengruß verschmäht habt.

Prospero.
Du schlummertest noch so sanft, als ich die Zelle verließ!

Miranda.
Warum eilt ihr auch dem Tage zuvor?

Prospero.
Die Morgenluft war so einladend – und ich konnte nicht länger schlafen.

Miranda.
Eure Miene sagt mir, daß euch abermals Sorgen gewekt haben.

Prospero.
Du irrst, Miranda.

Miranda.
Ich irre nicht. Zu auffallend ist die Veränderung, die ich seit einiger Zeit an euch bemerke. Heiterkeit und Ruhe sind von Euch gewichen. Ihr bringt den Tag in finsterm Nachdenken zu, und Nachts windet ihr euch seufzend auf eurem Lager. – Was fehlt euch?

Prospero. (wendet sich schwermüthig gegen Maja’s Grabmahl.)
Ach!

Miranda.
Ist es der Verlust unserer Freundin, der euch zu Boden drükt?

Prospero. (sich gegen sie kehrend und seine Hand auf ihre Schulter legend.)
Um deinetwillen. – Ich bin alt, und werde ihr bald folgen.

Miranda.
O, denkt doch daran nicht!

Prospero.
Arme Verlassene? was wird dann aus dir werden?

Miranda.
Was der Himmel will. – War sie, die wir beweinen, war nicht Maja einst auch von der ganzen Welt verlassen? Schmachtete sie hier nicht viele Jahre unter der Gewalt der alten, bösen Sycorax? und sandte euch nicht endlich der Himmel hierher, ihren Zauber zu lösen?

Prospero.
Sie hat mir diesen Dienst tausendfältig vergolten. Sie hat den Saamen des Guten in dein Herz gelegt. Sie liebte dich, wie ihr Kind.

Miranda.
Ich liebte sie, wie meine Mutter.

Prospero.
Sie war eine Heilige, – durch Leiden ohne Zahl geprüft, und reif zur Vollendung. – Diese Insel glich einer Wildniß. Sie betete Gedeihen auf meinen Fleiß herab, und die Wildniß ward ein Garten.

Miranda.
Ihr Segen ruht auf uns und dieser Einöde. Wohl mir, die ich nichts kenne, als ihre stillen Freuden! – Mein Fürstenthum ist hier. Für mich ist Mayland auf unsrer Insel.

Arie.

Hier, wo wir, geborgen
Vor Stürmen und Sorgen
In einsamer Zelle
Des Lebens uns freun,
Flößt jegliche Stelle
Ergözen mir ein.
Es rauschet die Quelle
Mir Labung entgegen:
Es athmet der Hain
Balsamische Düfte.
Ein Genien Chor,
Zum Wohlthun verbunden,
Bewohnet die Lüfte,
Bezaubert mein Ohr;
Und stärket, und hebet,
In muthlosen Stunden,
Mit Trost mich empor.
Und ewiger Seegen
Der holden Natur
Umschwebet
Belebet
Die lachende Flur.

Prospero. (steht auf.)
Umarme mich, mein Kind! der Himmel erhalte dir diese glükliche Stimmung! (er drükt sie an seine Brust.)

Miranda.
Bester Vater! – lernt vergessen, und ihr werdet eben so glüklich seyn, als ich. Woran mangelt es euch hier? kann euer Herz noch an einem Lande hangen, wo euer eigner Bruder an euch zum Verräther ward? könnt ihr euch noch nach falschen Höflingen, und treulosen Unterthanen zurük sehnen? Hier, wo die ganze Natur willig eurem Stabe gehorcht, und liebreiche Geister mit euch im Bunde stehen!

Prospero.
Ich traure nicht um das Vergangene. Die Zukunft allein schwebt vor meiner Seele.

Miranda.
Die Zukunft? O, die Zukunft ist noch ferne, unvermerkt kettet sich ein Tag an den andern –

Prospero. (einfallend.)
Unvorbereitet überrascht den Sichern das Unglük.

Miranda.
Hoffen und Vertrauen haben mich die Schuzgeister gelehrt.

Prospero.
Und mich lehrt Caliban zittern.

Miranda.
Caliban, sagt ihr? – Daß mich schaudert, wenn ich ihn erblike, das begreife ich; denn er ist hässlich, wie die Sünde. – Aber Ihr? Wie vermag er euch Furcht einzujagen? Ihr habt seine Mutter, die weyland furchtbare Zauberin Sycorax, überwältigt; habt ihm die Macht, euch zu Schaden, genommen, habt ihn neun volle Jahre geduldet, und –

Prospero. (ihr in die Rede fallend.)
Woher weißt du, daß die neun Jahre voll sind?

Miranda.
Ich weiß nicht – es fiel mir so ein – hab’ ichs getroffen? sind sie voll?

Prospero. (bestürzt.)
Sonderbare Eingebung! – Getroffen! – Heute geht das neunte zu Ende. – Eben heute!

Miranda.
Warum legt ihr so viel Nachdruk auf diese Worte?

Prospero.
Weil unser Schiksal an diesem Tage hängt.

Miranda.
Erklärt euch deutlicher!

Prospero.
Ich kann nicht.

Miranda.
Habt ihr Geheimnisse vor eurer Tochter?

Prospero.
Nein, aber du hast keine Aufmerksamkeit für deinen Vater.

Miranda.
Könnt ihr mir das vorwerfen? Ich höre euch so gern erzählen; und behalte ich nicht alles bis auf den kleinsten Umstand? –

Prospero.
Meine Erzählungen haften in deinem Gedächtnisse, meine Warnung schwebt an deinem Ohre vorüber.

Miranda.
Ich will alle meine Sinne anstrengen.

Prospero.
Wenn es bey dir stünde, dich des Schlafs zu erwehren?

Miranda. (erstaunt.)
Des Schlafs? was sagt ihr?

Prospero.
Er ist die Wirkung des Fluches, den die wüthende Sycorax dir zurükließ. Sobald ich dich der sorglosen Unbefangenheit entreissen will, in der du der Gefahr entgegen taumelst – fallen dir die Augen zu.

Miranda.
Laßt mich versuchen, sie offen zu erhalten! – theilt mir eure Warnung mit! Redet!

Prospero.

Duo.

Vernimm die Schreken, die uns drohn,
So bald, vom Horizont entflohn,
Der Sonne Strahlen heut erblassen!

Miranda.
Was für Gefahren uns auch drohn,
Ich spreche jedem Schreken Hohn,
Wenn mich des Vaters Arm’ umfassen.

Prospero.

Recitativ.

Neun Jahre schon
Von diesem Strand,
Durch meine Kunst, zur Unterwelt gebannt,
Kehrt heute – Hörst du mich?

Miranda. (mit dem Schalfe kämpfend.)
Ich hör’, ich wache.

Prospero.
Kehrt heute Sycorax – Sobald den Sternen-Thron
Die Nacht besteigt – zu ränkevoller Rache
– Hieher zurük; und ihr, und ihrem Sohn
– Muß ich – (faßt die schlummernde Miranda bei der Hand)
Du schläfst? Erwache!
Vernimm die Schreken, die uns drohn,
Sobald, vom Horizont entflohn
Der Sonne Strahlen heut erblassen!

Miranda.
Was für Gefahren uns auch drohn,
Ich spreche jedem Schreken Hohn,
Wenn mich des Vaters Arm’ umfassen.

Prospero.
Ich muß der Feinde frechen Hohn
Dich ohne Beystand überlassen.

Miranda. (wach, aber betäubt)
Ich lausche bang auf jeden Ton,
Doch deiner Worte Sinn zu fassen,
Streb’ ich vergebens.

Prospero.
Dich umwallen
Des Zauberschlafes Düfte schon.

Miranda.
Ich höre nur ein fernes Lallen,
Auf deiner Lippe stirbt der Ton.

Prospero.
Und ließ ich ihn, wie Donner, schallen;
Dein Zauberschlaf –

Miranda. (sich ermunternd)
Er ist entflohn.

Prospero.
Er spräche selbst dem Donner Hohn.

Miranda.
Er soll mich nicht mehr überfallen.
Versuchs noch einmahl!

Prospero.
Wohl, gieb Acht!

Arie.

Zurük, zu schwarzer Rache,
Kehrt Sycorax bei Nacht;
Gelähmt ist meine Macht,
Kein Geist, der dich bewache!
Und Caliban –

(die Musik bricht rasch ab.)

Miranda. (im Träume.)
Ja, ja doch – gute Nacht! (schläft ganz ein.)

Prospero.
Es ist über uns beschlossen! Sie schläft am offnen Abrunde, und ich kann sie nicht ermuntern! – O du, deren fromme Gebeine unter diesem stillen Hügel schlummern, Maja, Maja, laß den Schuz deines Gebets über ihr walten, wenn die entscheidende Nacht beginnt, wenn Kraft und Bewußtseyn von mir weichen, und die treuen Geister dieses Eilandes den Einflüssen ihrer alten Tyrannin erliegen!

(man hört eine sanfte Musik.)
Dritter Auftritt.

Ariel. (auf einer Wolke.) Prospero. Miranda. (schlafend.)

Prospero.
Ha! diese lieblichen Töne verkündigen mir die Ankunft meines Sylfen.

Ariel. (ruft.)
Prospero!

Prospero.
Ariel!

Ariel.
Frohe Botschaft, guter Meister! ich habe ein Schiff entdekt.

Prospero. (freudig)
Ein Schiff? wie nahe?

Ariel.
Mit untergehender Sonne kann es hier seyn.

Prospero.
Gütiger Himmel! willst du uns retten? (zu Ariel.) Wo kömmt es her?

Ariel.
Von nördlicher Küste, und scheint seinen Lauf vorwärts zu lenken.

Prospero.
Ändre seine Richtung, guter Ariel! Eile, fliege, und geleite es sicher in die Bucht der Insel!

Ariel.
Was Ariel seine Richtung, guter Ariel! Eile, fliege, und geleite es sicher in die Bucht der Insel!

Arie.

Mein Eifer kann
Dem Schiksal nur erliegen.
Den Steuermann
Gewisser zu betrügen,
Will ich aus Wolken ihn,
Durch sanfte Melodien,
In leichte Träume wiegen.
Froh will ich dann
Mit meinem Raub entfliegen.
Mein Eifer kann
Dem Schiksal nur erliegen. (ab.)

Prospero. (fasst Miranda bei der Hand.)
Miranda! Miranda! Theile die Hofnung deines Vaters! – Sie hört mich nicht! (er erblikt Caliban.) Ha! da kömmt der Unhold, dessen Stimme den Schlaf zu jeder Stunde von ihren Augenliedern scheucht!
Vierter Auftritt.

Caliban. Prospero. Miranda.

Caliban. (erblikt Miranden, und eilt auf sie zu.)
Noch nicht ausgeschlafen, sprödes Liebchen?

Miranda. (fährt erschroken auf und schreyt.)
Caliban! (flieht in die Zelle.)

Caliban.
Sachte, sachte, scheue Gemse! Nimm wenigstens ein Küsschen mit auf den Weg! (will ihr nach.)

Prospero. (vertritt ihm den Weg.)
Verwegner, wo du dich unterstehst! –

Caliban. (drohend.)
Ho! Ho! Nicht so laut, Herr! oder ich rede auch aus dem Tone. – Die neun Jahre sind um. Die Weissagung trift ein. Eure Herrschaft hat ein Ende. – Her mit der Insel.

Prospero.
Elender Gnome! du trozest auf die ohnmächtige Drohung deiner Mutter?

Caliban.
Ohnmächtig? Und doch erblasst ihr vor Furcht, so oft ich euch daran erinnere! Mein Mütterchen hält Wort; sie ist mir diese Nacht im Träume erschienen: Söhnchen Caliban, sprach sie, morgen komm ich unter Bliz und Donner wieder! Morgen sez’ ich dich in dein Erbtheil ein, und führe Mirandchen in deine Arme.

Prospero.
Sohn einer Furie, du lügst, wie sie.

Caliban.
Ich lüge nicht, und mein Mütterchen ist keine Furie. Aber ihr seyd ein Räuber. – Hört nur! wir wollen uns vergleichen. Gebt mir eure Tochter im Guten, so will ich euch aus Grosmuth die Insel noch ein Weilchen lassen. Wo nicht, so macht euch gefaßt, hundert Klaftern tief bey Schlagen und Eidexen zu wohnen.

Prospero.
Schweig, Undankbarer! wird es mir nie gelingen, dir sanftere Gesinnungen einfzuflössen? Wie viel Mühe hab’ ich nicht verschwendet, dich der thierischen Roheit zu entreissen, in der ich dich fand! du krochst auf allen Vieren, ich lehrte dich den Gang des Menschen. Du belltest wie ein Hund, ich verlieh dir die Sprache.

Caliban.
O! dafür bin ich euch allerdings verbunden; denn ohne Sprache, könnt’ ich euch nicht fluchen.

Prospero.
Von nun an zieh ich meine Hand von dir ab. Ich will meine Wohlthaten nicht länger mit Füssen treten sehen.

Caliban.
Ha ha ha! über die Wohlthaten! Mir meine Insel zu nehmen! mich zum Sklaven zu machen! Mein armes Mütterchen ins Meer zu stürzen!

Prospero. (ergreift ihn.)
Hab’ ich Hand an deine Mutter gelegt? Hab’ ich sie ins Meer gestürzt? –

Caliban. (schnell und bittend.)
Nein, nein! – Sie sprang von selbst hinein. – Laßt mich nur loß! (windet sich loß, und fährt hämisch fort) Aber daß ihr Sie in den Bauch einer bezauberten Fichte bannen wolltet, das könnt ihr doch nicht leugnen, he?

Prospero.
Ich wollte nichts, als ihr Gleiches mit Gleichem vergelten. In eben diesem Kerker ward von ihr die fromme Maja zwanzig Jahre lang gepeinigt.

Caliban.
Das sind alte Geschichten; die wollen wir heute nicht aufrühren. Ich habe lustigere Dinge im Kopfe. – Sagt indessen eurer Tochter, daß diese Nacht unsre Brautnacht ist.

Prospero. (spöttisch.)
Geh, Ungeheuer, und spiegle dich erst in der Quelle!

Caliban.
O, dafür ist gesorgt! Wißt ihr nicht, daß ich Prinz Wunderschön werde? daß ich eine Gestalt annehmen kann, was ich für eine will?

Prospero. (drohend.)
Wenn du dich meiner Tochter auf hundert Schritte näherst, so will ich –

Caliban.
Was willst du? Prahler! – Hast du vergessen, daß du verdammt bist, die Nacht meines Triumphs zu verschlafen? – Schlafe! Träume! – ich will schon mit Prinzessin Mirandchen fertig werden.

Arie.

Ein schlaues Blendwerk dieser Nacht
Soll sie an meine Seite ketten.
Vergebens strebet deine Macht,
Die Stolze von der Schmach zu retten! –
Wie soll ihr schauderndes Entsetzen,
Wie soll mich ihre Wuth ergözen,
Wenn sie getäuscht, verlacht –
In meinem Arm erwacht!

(Prospero, der in tiefen Gedanken stand, geht ab in die Zelte; Caliban verfolgt ihn mit folgendem Gesange bis an den Eingang.)

Als redende Zeugen,
Wie ganz sie mein eigen,
Beim festlichen Schweigen
Der Wundernacht, ward –
Erscheinen,
Im kleinen,
Zwey süsse Gestalten
Von Calibans Art.
Sie schreken,
Sie neken,
Dich grämlichen Alten;
Sie spotten der Falten;
Sie rupfen,
Sie zupfen
Am Zottelbart. (ab.)
Fünfter Auftritt.

(Meerufer. Auf einer Seite hohe Felsen, auf der andern Wald. Das Ufer selbst schroff und voll Klippen.

Final.

Miranda. (tritt auf.)
Schmachtend floh ich aus der Zelle;
Welche nie erlebte Schwühle!
Bänglich seufzt die träge Welle;
Tiefes Schweigen herrscht im Hain.
Hoch auf Felsen wohnet Kühle;
In das weite Meer zu bliken;
Wird den matten Geist erquiken,
Und die Burst von Angst befreyn.

(steigt den Felsen hinan, und verliert im Gehen ihren Schleier.)

Caliban. (tritt auf.)
Rüket schneller, träge Stunden! –
Wo verweilst du, Nacht der Wonne? –
Dehnet schadenfroh die Sonne,
Mir zur Marter, ihren Lauf? –
Still! – ein Mittel ist gefunden;
Schlaf soll meine Sehnsucht kühlen. –
Zu den süssesten Gefühlen
Wecke dann, o Nacht, mich auf!

(legt sich unter die Bäume und schläft ein.)

Prospero. (tritt auf.)
Welche Stille! Welche Schwüle!
Welche bangen Vorgefühle!
Ausgerüstet zum Verderben,
Lauert dort ein Wolkenheer.
Wie die Fluthen schon sich kräuseln!
Dumpfer schon die Wipfel säuseln!
Schwärzer sich die Klippen färben!
Und Miranda schweift umher!

Ach! wenn sie zu lange weilte?
Wenn der Sturmwind sie ereilte? –
Wo erruft sie meine Stimme?
wie entdek’ ich ihre Spur?

Seh’ ich recht? – mir däucht, sie klimme
Hoch auf jenes Felsen Rüken,
Und verliere voll Entzüken
Sich im Anschaun der Natur.

(steigt den Felsen hinan, und verliert sich aus den Augen, der Sturm nähert sich.)

Ariel. (erscheint auf einer Wolke.)
Vor des nahen Sturmes Grimme
Kehr’ ich, arm an Hilfe wieder.
Eines Sylfen schwacher Stimme
Ist das Meer nicht unterthan.
Geist der Welten, schau hernieder
Auf der bleichen Schiffer Streben!
Rette der Bedrängten Leben,
Und Vertraue sie mir an!

(Das Theater verfinstert sich. Unter Bliz und Donner beginnt der Sturm. Das Meer fängt an zu wogen.)

Caliban. (erwacht und fährt erschroken in die Höhe.)

Recitativ.

Wo bin ich? – Was erblik ich?

Arie.

Tod und Aufruhr gatten
Sich im Graun der Nacht! –
Ha! Der Mutter Schatten
Ist im Sturm erwacht! –
Mit des Orkus Heeren,
Fährt sie stolz daher;
Ihrem Zepter ehren
Himmel, Erd und Meer!
Caliban ist Meister;
Sein Triumph hebt an!
Auf, ihr Rachegeister!
Zeiget ihm die Bahn! (ab.)

(Sturm, Bliz und Donner nehmen zu. Man hört von Weitem ein Chor von Schiffern.

Chor der Schiffer. (in der Ferne.)

Wehe! Wehe!
Weh uns Armen! –
Gott der Hilfe, hab’ Erbarmen! –
Brich des Sturmes Wuth! –
Bändige die Fluth! –

(näher, indem man das nothleidende Schiff erblikt; einzelne Stimmen.)

Standhaft! – Ringet! – Kämpfet! – Strebet!
Schöpfet neuen Muth! –
Der auf Wolken schwebet,
Euer Vater lebet!
Laßt nicht ab zu flehn! –

(Alle Stimmen.)

Hab’, o Vater! Hab’ Erbarmen!
Laß uns nicht vergehn!
Eile beizustehn!

(Der Sturm wächst, das Schiff verschwindet.)

Keine Rettung! Kein Erbarmen! –
Ach, wir scheitern – sinken – vergehn –

(der Sturm nimmt ab; einzelne Stimmen der Ertrinkenden.)

Weh uns Armen! –
Wehe! – Wehe!

Ende des ersten Akts.

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