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Das ungleiche Ehepaar

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Ich war nicht älter als sechzehn Jahre, als ich den Herrn Roman von Kinglin heiratete. Mein Gemahl hingegen trug schon fünfundsechzig Jahre auf seinem gebeugten Rücken und war stockblind. Dafür aber war er Präsident des Conseil-souverain im Elsaß und besaß große Reichtümer. Was braucht man mehr, um glücklich zu sein, als Geld und Ansehen? Herr von Kinglin konnte mir beides geben. Meine Familie war entschlossen, mich glücklich zu machen. Ich mußte gehorchen. Ich hatte freilich einige andre Betrachtungen, allein sie bewiesen mir, daß ich noch ein Kind sei, das die Güter dieses Lebens nicht nach ihrem wahren Wert zu schätzen wisse.

Herr von Kinglin tat mir nicht einmal die Ehre an, soviel Gefälligkeit gegen mich zu zeigen, als sonst auch der Roheste für eine Frau wenigstens um ihrer Neuheit willen hat. Schon in den ersten Tagen unsrer Ehe äußerte er seine argwöhnische Denkungsart. Ich wurde sogleich der Aufsicht eines alten Bedienten anvertraut, dem er das delikate Amt einer Duenja übertrug.

Picard – dies war der Name meiner männlichen Gouvernante – verrichtete sein Amt mit einer Pünktlichkeit, die keine Grenzen kannte. Er begnügte sich nicht damit, mich außer dem Hause zu begleiten; er folgte mir auch im Hause wie mein Schatten von einem Zimmer ins andere und verließ mich selbst in den Augenblicken nicht, wo die Wohlanständigkeit keine Zeugen gestattet.

Ein solch übertriebenes Mißtrauen, dem ich mich so ganz unvorbereitet unterworfen sah, stürzte mich in eine tiefe Schwermut. Um mich zu erheitern, schilderte mir mein Herr Gemahl den hohen Grad seiner Leidenschaft für mich und beklagte sich sehr zärtlich, daß ich an den lebhaften Beweisen seiner Liebe so wenig Geschmack fände. Es war mir freilich rätselhaft, wie man ein Frauenzimmer, das man nie gesehen hat, so leidenschaftlich lieben könne. Allein ebendeswegen war ich geneigt zum Mitleid mit einem so widernatürlichen Zustande und übte selbst Geduld bei den zärtlichen Äußerungen seiner Leidenschaft, bei denen er sich so kindisch und so lächerlich benahm. Übrigens sah ich vorher, daß das luftige Bild einer durch die vorteilhafte Beschreibung meiner Person erhitzten Einbildungskraft sogleich verschwinden werde, sobald die Sinnlichkeit keinen Reiz mehr finde, sich damit zu täuschen.

In dieser Vermutung hatte ich mich nicht betrogen. Nur zu bald entschlüpfte die Liebe den schwachen Banden, die sie zurückgehalten hatten. Die Sinnlichkeit meines Gemahls war befriedigt, und nun verlor sich mit einemmal all das ungeduldige Feuer, womit er mir bisher seine Zärtlichkeit hatte beweisen wollen. Aber die Eifersucht hatte nicht so schnelle Flügel als die Liebe. Sie blieb mit ihrer ganzen feindseligen Macht zurück und zeigte sich jetzt nur noch unerträglicher. Herr von Kinglin bildete sich ein, alle jungen Wollüstlinge hätten sich verschworen, mich zu bestürmen; er befürchtete, ich würde eine Belagerung von so gefährlichen Verführern nicht aushalten; ich würde endlich den heftigen Bewegungen eines feurigen Temperaments, das er von meinem Alter unzertrennlich glaubte, unterliegen müssen. Schon schien ihm die Gefahr über seinem Haupte zu schweben. Er verdoppelte seine Wachsamkeit. Ich konnte keinen Schritt im Hause, selbst nicht in meinem Zimmer tun, ohne ihm Rechenschaft davon ablegen zu müssen. Er deutete das unschuldigste Wort. Kurz alles, selbst mein Stillschweigen war ihm verdächtig.

Seit unsrer Verheiratung hatten seine Verwandten sich zurückgezogen. Sobald sie Uneinigkeit zwischen uns bemerkten, näherten sie sich wieder. Sie suchten sich bei ihm einzuschmeicheln, um ihren Haß gegen mich mit desto größerem Nachdruck und desto sicherem Erfolg ausbrechen zu lassen. Da ihnen andere Mittel fehlten, nahmen sie ihre Zuflucht zu niederträchtigen Verleumdungen.

Allein, den Herrn von Kinglin wider mich aufzubringen, war nicht ihr letzter Zweck. Sie wußten, daß auch der herzlichste Haß zweier Eheleute nicht immer eine gänzliche Enthaltsamkeit (eine Tugend, zu der sie den Herrn von Kinglin gar zu gern bekehrt hätten) bewirke; sie mußten also noch immer befürchten, das Temperament könnte in einem schwachen Augenblick über allen Widerwillen siegen. Zu weise, um eine so wichtige Sache, als das Entstehen eines ganzen Geschlechts, dem Ungefähr zu überlassen, und zu klug, um die Hoffnung einer reichen Erbschaft dem Zufalle preiszugeben, wußten sie alle ihre Besorgnisse dadurch zu beheben, daß sie meinem Herrn Gemahl eine Magd wieder in die Arme lieferten, die schon drei Kinder von ihm gehabt hatte und darauf abgerichtet war, aus Hymens Tempel die Opfer für den Altar der Knidischen Venus zu stehlen.

Zwar zeigte schon das Äußere dieses Mädchens die auffallendsten Spuren ihres verjährten Dienstes unter Amors Fahne. Allein dies konnte ihr bei Herrn von Kinglin nichts schaden. Er hatte einst ihre Schönheit noch mit seinen leiblichen Augen gesehen, und seine Phantasie wußte ihm jetzt die ehemaligen Eindrücke von ihren Reizen wieder so lebhaft vorzumalen, daß er sich mehr als jemals glücklich fühlte, einen so liebenswürdigen Gegenstand wieder zu besitzen.

Gern möchte ich hier einige Auftritte übergehen und einen Vorhang über Begebenheiten ziehen, denen selbst die strengste Dezenz in der Erzählung das Anstößige nicht ganz nehmen kann. Allein die Verteidigung meiner gerechten Sache erlaubt es nicht, meiner Bedenklichkeit dieses Opfer zu bringen.

Wenige Tage, nachdem Herr von Kinglin sein Verständnis mit Mariannen erneuert hatte, bemerkte ich, daß er morgens und abends einen Bader zu sich kommen ließ. Ich fand es sehr possierlich, daß mein Gemahl einer Person zu Gefallen, die Alter und Ausschweifung fast verstümmelt hatten, eine so ungewöhnliche Sorgfalt für sein Äußeres verwende. Allein ich blieb nicht lange in diesem Irrtum. Mehrere Symptome überzeugten mich bald, daß Marianne an dieser Sorgfalt des Herrn von Kinglin einen ganz andern Anteil hatte. Er schien mir unruhig, und seine Unruhe stieg in kurzem bis zur äußersten Ungeduld. Die gewöhnliche Vergeltung der Gottheit, an deren Altar er geopfert hatte, war ihm auf dem Fuße nachgefolgt, und ihre Priesterin hatte noch eine eigene Gunstbezeugung hinzugefügt. Eine Menge kleiner garstiger Tiere, die sich nur bei schmutzigem Pöbel aufhalten und deren Namen man in guter Gesellschaft nicht einmal nennt, hatten eine Völkerwanderung vorgenommen und waren bei dem Herrn Präsidenten mit einer solchen Wut eingefallen, daß er nicht aufhören konnte, sich bald hier, bald dort zur Wehr zu setzen.

Ein so unangenehmer Zufall brachte Herrn von Kinglin in Verzweiflung, es kam zwischen ihm und Mariannen darüber zu Erklärungen. Der Herr Präsident hielt einen harten Vortrag, von Vorwürfen kam es zu Schimpfreden, und vom Schimpfen zu Schlägen. Das arme Mädchen konnte nicht begreifen, daß es ein so schwarzes Verbrechen sei, den Schlafrock des Liebhabers ein wenig bevölkert zu haben. Sie war also gar nicht geneigt, die ihr zuerkannte Züchtigung mit geziemender Unterwürfigkeit anzunehmen, und widersetzte sich mit frevelnder Hand der Vollstreckung der Strafe. Es entstand ein förmlicher Zweikampf, das Gefecht ward immer hitziger, beide Parteien erhoben ein mörderliches Geschrei. Ich eilte auf den Kampfplatz; das ganze Haus lief herbei. Mit vieler Mühe brachte man die Kämpfer auseinander.

Herr von Kinglin schickte nach der Wache und wollte Mariannen festsetzen lassen. Allein ich machte mirs zur Pflicht, ihn nicht zum Märchen der ganzen Stadt werden zu lassen. Auf mein Bitten legte eine gutmütige Nachbarin eine Leiter am Hinterhause an, und ich ließ die mißhandelte Schöne durch ein Fenster hinabsteigen. Nach diesem Liebeswerke begab ich mich auf das Schlachtfeld zurück, um zu untersuchen, ob mein Herr Gemahl verwundet sei. Das Blut floß in sanften Strömen über sein Antlitz herab. Zu meinem Troste aber fand ich keine seiner Wunden gefährlich. Ein paar Schminkpflästerchen waren der Verband.

Er hatte erwartet, ich würde jetzt die aufgebrachte Frau spielen, ich würde mit Geschrei und Vorwürfen ihn überhäufen und diese Gelegenheit benützen, mich an ihm zu rächen. Ich tat von dem allen das Gegenteil. Mein sanftes Betragen setzte ihn in Verwunderung, er schien sogar davon gerührt zu sein; und um mir einen recht auffallenden Beweis seiner Dankbarkeit zu geben, sagte er zu mir – aber wohlverstanden, mit dem feierlichen Tone des Herrn und Meisters –: »Umarmen Sie mich, meine Gemahlin; von heute an können Sie Ihren Platz in meinem Bett wieder einnehmen.«

Ich fühlte nicht den mindesten Reiz, diese wieder angebotene Gnade zu benutzen; ich fürchtete mich vor dem Bader. So höflich als möglich gab ich meinem Gebieter zu verstehen, ich würde ohne Ungeduld so lange warten, bis er der ungestümen Gäste wieder ledig wäre. Durch diese abschlägige Antwort fand er sich beleidigt; wir waren aufs neue entzweit.

Die Verwandten meines Mannes wurden durch Mariannens Verabschiedung in neue Unruhe versetzt. Sie übernahmen die zwecklose Mühe, eine Wiederaussöhnung zwischen mir und ihm zu verhindern. Seine Eifersucht wurde aufs neue erregt, seine böse Laune durch allerhand Erdichtungen gereizt. Meine gleichgültigsten Handlungen wurden durch boshafte Folgerungen verdächtig gemacht, mein zurückgezogenes Leben als Folge geheimer Pläne gedeutet, und mein Bestreben, mich vernünftig zu betragen, als eine Politik zum Deckmantel verborgener Liebesgeschichten erklärt. Bei meiner Jugend und Schönheit (ich rede hier die Sprache meiner Feinde) sei ich unaufhörlichen Versuchungen ausgesetzt, und es sei unmöglich, daß ich, beinahe noch ein Kind, der Gefahr so vieler reizenden Lockungen mit Unschuld entgehen könne. So schmückten sie das Opfer, um es zur Schlachtbank zu führen.

Ihre Verfolgungen wurden täglich grausamer, sie hatten mich endlich so völlig unglücklich gemacht, daß ich wirklich ihre Wut nun gänzlich erschöpft glaubte. Allein noch ruhten sie nicht, denn noch war ihr letzter Zweck nicht erreicht. Ein Zufall brachte sie ihrem Ziele näher.

Herr von Kinglin erlitt in acht Tagen zwei Schlaganfälle. Dieser Umstand gab seinen Verwandten eine sehr natürliche Veranlassung, sich in seinem Hause festzusetzen. Madame Poireau, seine Schwester, kam vom Lande und bezog ein Zimmer in unserm Hause; ihre Zärtlichkeit erlaubte es nicht, die Pflege des kranken Bruders jemand anderm zu überlassen. Laufen, Rennen, Wachen, ängstliches Fragen, Tränen, kurz alle die Grimassen, womit die Heuchelei Schmerz und Kummer affektiert, wurden in Tätigkeit gesetzt und verfehlten ihren Zweck nicht. Herr von Kinglin ward von der zärtlichen Zuneigung seiner Verwandten (er vergaß, daß sie seine Erben waren) durch ihre nassen Augen vollkommen überzeugt und nahm nun jede Verunglimpfung, die sie sich auf Rechnung meiner Ehre erlaubten, für baren Beweis ihres Diensteifers.

Sie beschlossen nun über mich im Rat des Verderbens, durch die Beschuldigung einer Liebesgeschichte, die sie erfunden und nach ihrer Art ausgeschmückt hatten, mich zu stürzen. Der Held dieses Romans war eines von den honigsüßen aufgeblasenen Herrchen, die sich immer wie eine Windmühle um sich selbst drehen und mit dem hohlen Köpfchen, das über einer grenzenlosen Krawatte sitzt, sich die Miene geben, als ob wir ihnen großen Respekt schuldig wären, die wir aber auch nicht eines Blickes würdigen würden, wenn es nicht bisweilen geschähe, um uns an ihrer überschwenglichen Lächerlichkeit zu amüsieren. Man muß bekennen, daß diese Wahl kaum unglücklicher hätte ausfallen können. Die Geschichten selbst waren nicht weniger schlecht erfunden. Es gab gar keinen Umstand, der die harte Beschuldigung auch nur wahrscheinlich hätte machen können. Das, was man als Hauptbeweis eines begangnen Ehebruchs wider mich anführte, war die wichtige Begebenheit, daß der besagte Ritter einst am hellen Vormittag um neun Uhr seinen Mantel in meinem Vorgemach hatte suchen lassen. Hieraus zog man den Schluß, wir müßten die vorhergegangne Nacht miteinander zugebracht haben. Man denke doch, wenn ein Verdacht dieser Art bei dem Publikum etwas gelten sollte, so würde die Ehre der Weiber künftig vom Regen oder Sonnenschein abhängen! Die Tatsache war offenbar so unverdächtig, daß auch die zügelloseste Lästerungssucht Anstand hätte nehmen sollen, ihr eine so gehässige Auslegung zu geben. Nichtsdestoweniger schlürfte Herr von Kinglin dies wirklich sehr schlecht bereitete Gift mit langen Zügen ein. Vermutlich war folgende Geschichte, die sich bald nachher zutrug, schon eine planmäßige Wirkung seiner aufs neue erhitzten Eifersucht.

Er gab vor (oder drang ihm etwa sein böses Gewissen die wirkliche Furcht auf?), von der Krankheit angesteckt zu sein, welche der Ausschweifung gewöhnliche Gefährtin ist. Der Arzt wurde gerufen und mußte eine Untersuchung in forma mit ihm vornehmen. Dieser fand nun zwar nicht die geringste Spur von einer solchen Krankheit, hielt es aber doch für gut, den Herrn Präsidenten wie den eingebildeten Kranken zu behandeln. Er gab ihm unter dem Namen eines schweißtreibenden Mittels einen unschädlichen Trank, der wenigstens den Magen des Kranken wieder in Ordnung bringen konnte, den er sich durch zu häufigen Genuß des Weins und der Liköre verdorben hatte. Mein Herr Gemahl war indes fest überzeugt, daß er auf die angegebne Krankheit kuriert werde. Um aber ganz sicher zu gehen, wollte er mit den Rezepten des Doktors auch noch die Hand des Wundarztes verbinden. Der Wundarzt, den er rufen ließ, erklärte geradezu, der Patient habe entweder Erscheinungen oder man suche ihn zu hintergehen. Die Arznei kam ihm verdächtig vor, weil er nicht wissen konnte, wogegen sie eigentlich wirken sollte. Er tadelte daher mit großer Heftigkeit das Benehmen des Arztes und ging selbst zu ihm, um ihn darüber ernstlich zur Rede zu stellen. Der Arzt machte den Wundarzt mit der Sachlage bekannt, erklärte ihm seine Bewegungsgründe, und nun hatte dieser nichts mehr wider den Trank einzuwenden. Der Herr von Kinglin bemühte sich aber selbst, den ungläubigen Wundarzt zu überzeugen und verriet ebendamit seine Absicht. Er ließ den Wundarzt noch einmal kommen, machte ihm eine ganz unwahre Beschreibung seiner Krankheit und versicherte ihm zuletzt, daß ich mich selbst einer Kur unterzöge und das Gift ihm eingeimpft habe. Er trug dem Wundarzt auf, mich auf der Stelle zu untersuchen. Der Schimpf eines so abscheulichen Verdachts brachte mich beinahe zur Verzweiflung, meine Schamhaftigkeit empörte sich wider die schändliche Zumutung. Allein die Betrachtung, daß ich meine Unschuld beweisen müsse, überwand alles – ich verhielt mich leidend. Der Wundarzt bezeugte, er habe an mir nichts gefunden, als leichte Spuren einer Unpäßlichkeit, die bei dem andern Geschlechte ganz gewöhnlich sei und woraus man auf nichts weniger als auf einen unordentlichen Lebenswandel schließen könne.

Man sieht schon aus dieser einzigen Erzählung, wie weit der Haß meines Mannes ging und wie viel ich von seiner wütenden Eifersucht zu fürchten hatte. Bald darauf ereignete sich eine andre Begebenheit, welche die letzte Szene eröffnete und meinen Feinden einen vollen Triumph bereitete.

Mein Gemahl hatte von jeher an Gespenster geglaubt und sich oft die abenteuerlichsten Einbildungen darüber gemacht. Seit ihn der Schlag gerührt hatte, war seine Geistesschwäche überhaupt und also auch seine panische Gespensterfurcht um einen merklichen Grad gestiegen. Das abgeschmackteste Märchen, das je eine Amme statt der Rute gebrauchen konnte, war jetzt ein furchtbares Schreckbild seiner Phantasie. Eines Tages begab ich mich auf den Oberboden des Hauses und besah zum Zeitvertreib das dort liegende Obst. Ich fand einige angefaulte Äpfel und warf sie zum Fenster hinaus. Von ungefähr traf einer den Draht der Klingel, die in dem Zimmer des Herrn von Kinglin hing, und schellte an. Mein Gemahl hatte eben einen Augustinermönch bei sich, und ein Bedienter war im Zimmer. Er fragte, wer die Schelle anziehe? Beide versicherten, keiner habe sie angerührt. Dies war schon genug, ihn in Furcht und Schrecken zu setzen, und auf der Stelle beschloß er, ein Haus zu verlassen, wo ein Kobold spuke. Unmittelbar nach diesem Auftritte, den ich ganz zufällig veranlaßt hatte, kam ich in sein Zimmer und hörte eine lange Erzählung von der vorgefallenen Wundergeschichte, die Herr von Kinglin mit der Erklärung schloß, er werde das Haus räumen. Ich wünschte mir Glück, so von ungefähr ein Mittel gefunden zu haben, das Herrn von Kinglin nötigte, ein so unbequemes und trauriges Haus zu verlassen.

Meine Freude war vergeblich. Da der Kobold nicht mehr spukte, so verschwand auch nach und nach wieder die Begierde zum Ausziehen. Meine Lust war aber einmal gereizt und wollte sich um so weniger leicht abweisen lassen, da ich das Mittel, sie zu erfüllen, in Händen hatte. Mein Kammermädchen erinnerte mich, daß noch mehr faules Obst auf dem Boden liege. Offenherzig gestanden, zielte ich nunmehr nach der Schelle. Das Gespenst siegte, wir räumten das Haus.

Zum Unglück war Madame Poireau nicht so leichtgläubig. Einige Monate nachher besuchte sie ihren Bruder und suchte auch diesen eines Besseren zu belehren. Sie erklärte die ganze Begebenheit für ein betrügerisches Possenspiel und wollte durch eigne Untersuchung beweisen, daß nichts daran sei. Sie mochte mich wohl schon im Verdacht haben. Ihr Heldenmut kannte also ebensowenig Grenzen als ihr Haß. Sie erbot sich, selbst eine Nacht in dem Hause zuzubringen.

Ich ging mit meiner Vertrauten über diesen unerwarteten Vorfall zu Rate. Es war uns beiden klar, daß der Aufklärungseifer meiner Schwägerin seinen Sitz in der schwarzen Galle und daß sie die Furcht der eignen Gefahr nur durch die Hoffnung besiegt habe, durch die wahre Aufklärung des Vorganges, den sie für mein Werk hielt, mich ohne Rettung zu stürzen. Wir beschlossen, durch eine neue Erscheinung ihren Plan zu vereiteln und sie selbst durch ein erschreckendes Schauspiel für ihres Herzens Härtigkeit empfindlich büßen zu lassen.

Mein Kammermädchen übernahm es, die Rollen auszuteilen. Sie wählte zwei von unsern Bedienten. Wir gaben ihnen die nötige Ausstattung: Leinentücher, einen ausgehöhlten Kürbis, die Kette vom Ziehbrunnen und für die Zwischenpausen einige Flaschen guten Wein.

Während wir auf diese Art unsre Zurüstungen machten, fühlte Madame Poireau bei Annäherung der Gefahr doch einige Beängstigung. Sie suchte indes ihren sinkenden Mut durch Vernunftgründe wieder zu heben und bereitete sich vor, ihre Standhaftigkeit auch bei den schauerlichsten Proben nicht zu verlieren. Endlich bestimmte sie die Nacht, in welcher das fürchterliche Abenteuer bestanden werden sollte. Sie verließ sich auf die Herzhaftigkeit ihres Sohnes. Beide begaben sich an Ort und Stelle, und nur unser Kutscher und ein großer Kettenhund waren ihre Begleiter.

Wir ließen ihnen Zeit, das Haus von oben bis unten zu untersuchen und sich durch unnötige Runden zu ermüden. Als wir aber endlich glaubten, daß sie eingeschlafen sein könnten, begaben sich meine Leute durch eine kleine Hintertür, zu der ich mit Wissen meines Mannes den Schlüssel hatte, in das Haus. Allein die Gespenster spielten ihre Rollen mit so geringer Vorsicht, daß sie sich kaum einige Minuten auf dem Schauplatz erhalten konnten. Der Hund schlug an, der Kutscher erwachte, sprang heraus und schrie: »Diebe!« Die beiden Geister verloren sogleich alle Fassung und suchten zu verschwinden. Kutscher und Hund setzten ihnen nach. Sie waren so glücklich, der Heugabel des einen und den Zähnen des andern zu entwischen. Allein zu ihrem Unglück begegnete ihnen vier Schritte von dem Hause die Nachtwache, hielt sie an und führte sie auf die Wache. In der Eile hatten sie den Schlüssel an der Hintertür stecken lassen. Da ich allein diesen Schlüssel in Verwahrung hatte, so war das ganze Spiel verraten.

Madame Poireau gab diesem Abenteuer die allergefährlichste Auslegung. Sie schrie gewaltig über meine Frechheit, so etwas wider sie zu unternehmen, und gab meinem Manne zu verstehen, dieser nächtliche Auftritt sei bloß ein Versuch, wodurch ich erfahren hätte wollen, wie weit die Gefälligkeit meiner Bedienten gehe, um sie in der Folge zu weit wichtigern Unternehmungen zu seinem Schaden, ja vielleicht gar zu Anfällen auf sein Leben zu gebrauchen. Furcht und Wut zugleich bemächtigten sich des Herrn von Kinglin, und es entfuhren ihm einige Drohworte, die mir wieder hinterbracht wurden. Ich flüchtete zu einem meiner Verwandten, um hier in Sicherheit das Gewitter vorüberziehen zu lassen.

Am folgenden Tage ließ mein Herr Gemahl diesen Verwandten zu sich bitten und sagte ihm: es sei von mir gar nicht klug gehandelt, daß ich so voreilig Lärm gemacht hätte. Er denke schon jetzt an alles Vorgefallene gar nicht mehr, ich könne zu ihm zurückkommen, wann ich wolle, er bitte mich sogar recht von Herzen darum.

Ich freute mich über diese glückliche Wendung der Sache und war schon im Begriff, mich in mein Haus zurückzubegeben, als unsre Köchin atemlos, blaß und zitternd zu mir ins Zimmer trat. »Wo wollen Sie hin, Madame,« rief sie; »wenn sie einen Schritt in das Haus tun, so sind Sie des Todes. Ich habe es gestern abend heimlich gehört, daß Herr von Kinglin einen schrecklichen Anschlag auf ihr Leben vorhat. ›Nach allen den Streichen, die sie Ihnen gespielt hat,‹ sagte seine Schwester zu ihm, ›wollen Sie sie doch wieder aufnehmen? Warum wollen Sie eine Frau wieder ins Haus bringen, die Sie tödlich haßt und selbst fähig ist, Sie zu vergiften?‹ ›Dazu werde ich ihr nicht Zeit lassen,‹ antwortete er; ›ich stelle mich nur besänftigt, um meine Rolle desto besser zu spielen. Aber sie muß von meiner Hand sterben, und wenn ich mein Leben auf dem Schafott verlieren sollte. Mögen die Folgen für mich auch sein, welche sie wollen, das kümmert mich nicht, wenn sie nur stirbt und wenn gerade ich es bin, der das Vergnügen hat, ihr den tödlichen Stoß beizubringen.‹ ›Aber wie wollen Sie das machen?‹ erwiderte seine Schwester; ›Sie sind ja blind?‹ ›Das tut nichts,‹ antwortete Herr von Kinglin; ›ich werde mich verstellen können; ich werde sie bitten, mich in mein Kabinett zu führen, werde die Türe wie gewöhnlich verschließen, sie in meine Arme fassen und dann gewiß nicht fehlen.‹«

Schauder und Entsetzen ergriffen mich bei dieser Erzählung. So nahe war ich der schrecklichsten Gefahr gewesen, und ich wäre ganz ruhig ihr selbst entgegengegangen. Der Schrecken hatte mich fast aller Besinnung beraubt; ich wußte mir gar nicht zu helfen. Endlich fiel mir doch ein, es könnte sehr wichtig für mich werden, wenn diese Erzählung in Gegenwart einer Person wiederholt würde, deren Zeugnis Gewicht haben müßte. In dieser Absicht ließ ich den Gouverneur von Kolmar, Herrn von Chavigny bitten, wegen einer sehr dringenden Angelegenheit zu mir zu kommen. Er hatte die Güte, meine Bitte zu erfüllen, und das Mädchen wiederholte in seiner Gegenwart die Erzählung des abscheulichen Anschlags. Er riet mir, mich nicht wieder zu meinem Manne zu begeben. Ich hatte den Vorsatz, mich in ein Kloster zu flüchten, und da so lange zu bleiben, bis man Gelegenheit fände, uns entweder wiederzuvereinigen oder auf eine gute Art ganz zu trennen. Allein mein Schicksal wollte, daß mir jeder Weg zur Ruhe verschlossen sein sollte. Die Nonnen zu Kolmar konnten mich nicht aufnehmen, denn ihre Regel untersagt ihnen, Kostgängerinnen zu haben.

Herr von Kinglin hörte von meinem Vorhaben und fand selbst dieses Mittel sehr bequem, meine verhaßte Gegenwart und seine Eifersucht zugleich auf eine gute Art loszuwerden. Er übergab also aus eignem Antrieb dem Conseil eine Bittschrift, um einen Befehl an die Nonnen auszuwirken, daß sie mich aufnehmen sollten. Madame Poireau wußte diesen Einfall trefflich zu benutzen, um ihren Bruder zum letzten entscheidenden Schritt zu bereden. Sie stellte ihm vor, er werde diesen weise ausgedachten Plan, seine Frau von sich zu entfernen, nicht ausführen können, wenn er sie nicht wegen ihrer Vergehungen peinlich bei Gericht belange; denn nur durch eine peinliche Anklage würden die Richter bewogen werden, auf Unterbringung der Beklagten in einem Kloster zu erkennen.

Herrn von Kinglins Präsidentenweisheit reichte gerade so weit, diesen klugen Einfall vortrefflich zu finden. Einige andre seiner hoffnungsvollen Erben boten ihre Hilfe zur Ausführung an. Wer war froher als mein Herr Gemahl, der durch die glückliche Vereinigung so günstiger Umstände hoffte, seine Ruhe bald ganz hergestellt und seine Rache wenigstens zum Teil befriedigt zu sehen. Er ließ sogleich eine Anklageschrift aufsetzen, zu welcher die sinnreichen Verleumdungen seiner würdigen Verwandten die species facti lieferten. Sie ließen darin mich selbst auch so reden, wie es ihren Absichten am bequemsten war. Allein ebendie Worte, die sie mir in den Mund legten, beweisen augenscheinlich, daß auch alles übrige falsch ist.

Die Hauptanklagen waren: daß ich ihm boshafterweise Gespensterfurcht eingejagt und in sträflicher Absicht durch Hilfe zweier Bedienten Geistererscheinungen in seinem Hause veranstaltet hätte; zweitens aber, daß ich ihn mit einer von jenen Krankheiten angesteckt hätte, womit gewöhnlich die Töchter der Wollust ihre Liebhaber vergiften. Herr von Kinglin beschreibt die letztere Beschuldigung in Ausdrücken, die ich nicht nachsagen mag. Aber den Umstand, worauf er seinen Beweis gründete, muß ich ihm doch nacherzählen. Unter andern Vorwürfen wegen meiner schlechten Aufführung – heißt es in seiner Klageschrift – hätte er auch zu mir gesagt: ich sei dem schlechten Dank schuldig, der mir dies unglückliche Geschenk gemacht und mir dadurch selbst den Beweis meiner Strafbarkeit hinterlassen habe. Und darauf hätte ich geantwortet: ein Hauptmann von der Garnison müsse daran schuld sein.

Man könnte in der Tat den Grund der Beschuldigung nicht unglücklicher wählen. Ich frage jeden ganz dreist, ob es wohl wahrscheinlich ist, daß eine Frau, sie sei schuldig oder unschuldig, sich selbst einer so ungeheuren Niederträchtigkeit zeihen werde, wenn ihr nicht wenigstens der Dolch an der Kehle steht? Und dann möchte ich in bezug auf den ersten Klagepunkt wohl wissen, welche Strafe einer Frau von achtzehn Jahren durch die Gesetze bestimmt wäre, die eines so schwarzen Verbrechens überwiesen ist?

Nichtsdestoweniger gründete Herr von Kinglin auf diese und einige noch unwichtigere Klagepunkte sein Gesuch, daß das Conseil ihm erstens gestatte, über seine Anklagen Zeugen verhören zu lassen; zweitens den Befehl erteile, die Bedienten, welche die Gespenster gespielt hatten, in Haft zu nehmen; drittens durch einige Wundärzte meinen Gesundheitszustand untersuchen lasse; und viertens, mich bis zur Entscheidung meiner Sache in ein Kloster sperre, »um zu verhüten,« wie er sich ausdrückt, »daß ich meinen Leib nicht mißbrauche und zu des Klägers größtem Verdruß und zum Nachteil seiner gesetzmäßigen Erben ihm einen unechten Nachkommen aufbürde.«

Man müßte sehr kurzsichtig sein, um zu übersehen, daß hier eigentlich die Erben das Wort führen. Mein Herr Gemahl mußte durch seinen wütenden Zorn viel zu sehr außer sich sein, als daß er jetzt auf etwas andres als auf sein wertes Ich denken, daß er auf einen andern als auf seinen Vorteil hätte Rücksicht nehmen können. Und doch will er hier ganz ohne Not den Vorteil seiner Erben im voraus sichern? Ist dies nicht ein klarer Beweis, daß die ganze Anklageschrift das Werk dieser Erben war? Und welch ein Werk? In jedem Worte desselben findet man Spuren ihrer Feindschaft, ihres Eigennutzes und ihrer geheimen Absichten.

Diese Klageschrift wurde bei einer Gerichtsstelle übergeben, wo mein Mann großen Einfluß hat. Meines Mannes Geist belebte auch die ausübende Gerechtigkeit; ihre sonst langsam schleichenden Priester schienen jetzt Flügel zu haben. Noch an demselben Tage erschien folgender Urteilsspruch:

»Wir gestatten dem Kläger, zum Beweis seiner angebrachten Klagen Zeugen verhören zu lassen, und haben dazu einige Räte ernannt. Die Angeklagte, Anne Christine von Gomes, soll von den drei Wundärzten Marquis, Michel und Vergues untersucht und hernach ad interim bis zur Entscheidung der Streitsache in dem Nonnenkloster zu Unterlinden untergebracht werden. Der Kläger ist verbunden, indes das Kostgeld für sie zu bezahlen. Den Nonnen geben wir den Auftrag, sie ohne Weigerung aufzunehmen und sicher zu verwahren, bei Strafe der Verkümmerung ihrer weltlichen Güter. Die zwei Bedienten endlich, La Roix und Imhof, sollen ins Gefängnis gebracht werden, damit man ihnen nach der Strenge der Gesetze den Prozeß machen könne usw.«

Ich bin noch sehr glücklich, daß es Herrn von Kinglin nicht eingefallen ist, mich auf Leben und Tod anzuklagen; ich glaube gewiß, er würde auch erhalten haben, daß mir ad interim und bis auf weiteren Bescheid der Kopf abgeschlagen werden sollte.

Man stellte nun diesem weisen Urteilsspruche gemäß Zeugenverhöre an, um die Wahrheit der Anklagen zu untersuchen. Die Zeugen waren aber alle entweder bestochen oder durch Drohungen furchtsam gemacht; und ihre Aussagen betrafen meist die unbedeutendsten Kleinigkeiten. Die einzigen Zeugen, welche Vorgänge gesehen haben sollten, aus welchen man auf einen von mir begangnen Ehebruch hätte schließen können, waren ebendie beiden Bedienten, die Herr von Kinglin wegen ihrer Gespensterrolle peinlich angeklagt hatte.

Die Art, wie diese zwei Hauptzeugen angeworben wurden, zeigt hinreichend, wie geschickt das ganze Zeugenverhör gewesen sei, die Wahrheit zu entdecken. Da ich gerichtliche Beweise in Händen habe, wie edelmütig meine Feinde gehandelt haben, so kann ich mich nicht enthalten, ihnen hier ein Denkmal dafür zu errichten.

Der Leser wird sich erinnern, daß diese beiden Bedienten in der Gespensternacht auf ihrer Flucht vor dem Kutscher der Nachtwache in die Hände fielen und auf die Wache geführt wurden. Sie taugten beide zu Soldaten. Man bediente sich ihrer Verlegenheit und stellte ihnen vor, es sei das einzige Mittel, sie vor den unangenehmen Folgen dieses Vorfalls zu schützen, wenn sie sich anwerben ließen. Sie nahmen Handgeld und wurden nach Breisach abgeführt. Sobald mein Mann die Anklage wider mich erhob, war er auch entschlossen, diese beiden Leute, es sei um welchen Preis es wolle, wieder in seine Gewalt zu bekommen, denn er glaubte durch das Versprechen, ihnen ihre Freiheit wiederzuverschaffen, würde er sie leicht bewegen, wider mich zu zeugen. Es war aber keine so leichte Sache, sich ihrer zu Breisach zu versichern. Er nahm indes seine Zuflucht zu dem Gouverneur und erreichte die Erfüllung seines Wunsches. Der Gouverneur schrieb ihm darüber folgenden Brief, dessen kostbares Original ich in Händen habe:

»Breisach, den 2. Februar 1711.

Hier überschicke ich Ihnen, mein Herr, die zwei Bedienten, deren Sie bei Ihrem Prozesse wider Ihre Frau Gemahlin benötigt sind. Der Offizier, der Ihnen diesen Brief einhändigen wird, hat Befehl, sie nach Kolmar zu führen und sie da zu übergeben, wo sie nach Ihrer Anzeige hingebracht werden sollen. Ich habe dabei die Rolle gespielt, die ich für dienlich hielt, diese jungen Leute in Furcht zu setzen und sie zu bewegen, alles, was sie wissen, auszusagen. Ich gab ihnen zu verstehen, daß, wenn sie nichts verheimlichen würden, ich mir alle Mühe geben wollte, sie aufs beste aus der Sache zu ziehen, sollten sie aber bei ihren Verhören Winkelzüge machen, so würde ich sie ihrem unglücklichen Schicksale ganz überlassen. Übrigens, mein Herr, muß ich Ihnen sagen, daß, wenn ich den nachteiligen Gerüchten, die bisher herumgeschwirrt sind, sowie alldem, was man mir von Kolmar geschrieben hat, hätte glauben wollen, ich mich niemals mit dieser Sache abgegeben haben würde, die ich ohnehin bloß Ihnen zu Gefallen übernommen habe. Selbst die leichtgläubigsten Offiziere hatten nicht Lust, sich auf Ihr Ehrenwort zu verlassen; sie trauten auch mir nicht, weil sie fest glaubten, man wolle sie hintergehen. Endlich überwand ich aber doch alle diese Schwierigkeiten, und man überließ mir die beiden Leute. Ich tue bei dieser Gelegenheit etwas für Sie, was ich für keinen andern tun möchte. Allein Leute von Ehre müssen zur Genugtuung eines Mannes in Ihrem jetzigen Falle alles beitragen, was sie können. Ich bin mit dem wesentlichsten Diensteifer usw.«

Ich enthalte mich aller Bemerkungen die sich so leicht bei diesem Schreiben machen ließen. Man darf nur lesen, um sich zu überzeugen, welcher Mittel man sich bedient hat, diese wichtigen Personen zu gewinnen. Wäre noch irgendein andrer Beweis meiner Behauptung nötig, so sind es die Belohnungen selbst, mit denen mein Herr Gemahl, der nie ohne den entschiedensten Gewinn solche Gunstbezeugungen zu verteilen pflegte, jetzt zwei seiner Leute beehrte, die er selbst erst wegen ihres Mutwillens hatte gerichtlich anklagen müssen. Er nahm nun nicht nur seine Anklage gegen sie zurück, sondern kaufte auch beide wieder vom Dienst los.

Solche Mittel, verbunden mit der Überlegenheit, die der Herr Präsident durch seinen öffentlichen Einfluß hatte, hätten ihn und seine Freunde wegen des Fortgangs ihrer Verfolgungen wider mich sehr sicher machen können. Demunerachtet waren sie nicht ruhig. Sie fürchteten, es möchten sich noch unvorhergesehene Hilfsmittel zu meiner Rechtfertigung finden, und sie möchten alsdann zu einer sehr nachdrücklichen Genugtuung genötigt werden. Sie hielten es also für ratsamer, einen gelinderen Weg einzuschlagen, auf dem sie doch auch ihre Absicht zu erreichen hofften. Sie boten meinem Vater einen Vergleich an und versprachen, die wider mich erhobene Untersuchung niederzuschlagen, wenn er in eine Scheidung von Tisch und Bett willigen wolle.

Mein Vater sah wohl ein, wie gefährlich und langweilig es sei, vor einem Gerichtshof, wo die Gegenpartei ein großes Gewicht hat, Prozeß zu führen und gegen Schikanen zu kämpfen. Er betrachtete also die gemachten Vergleichsvorschläge als einen günstigen Zufall, den man nicht zurückweisen müsse.

Nachdem die Präliminarpunkte, nämlich die Scheidung von Tisch und Bett und die Aufhebung des Untersuchungsprozesses in Ordnung gebracht waren, verglich man sich auch wegen der übrigen Artikel. Mein Vater bewilligte für mich, denn ich war noch minderjährig, eine Entsagung aller der Vorteile, die ich nach dem Ehekontrakt fordern konnte, sogar bis auf die Hochzeitsgeschenke, die ich erhalten hatte, und machte sich verbindlich, mich auf seine Kosten, solange mein Mann lebe, in einem Kloster zu unterhalten, und im Fall er selbst zuerst sterben sollte, die Erfüllung dieses Versprechens seinen Erben zu übertragen. Er übernahm es auch, meine Einwilligung zur Vollziehung des Vergleichs längstens innerhalb dreier Wochen auszuwirken; eine Bedingung, ohne deren Erfüllung der Vergleich für ungültig gehalten werden sollte.

Da mein Vater, wie ich oben gesagt habe, das Aufsehen und die Verlegenheiten, die der Prozeß erregen konnte, ebensosehr als den Einfluß des Herrn von Kinglin scheute, so glaubte er, nichts Nützlicheres für mich tun zu können, als wenn er das Glück, dem er mich ehemals selbst aufgeopfert hatte, meiner Ruhe wieder aufopferte. Er zwang mich also, den Vergleich einzugehen.

Ich war damals nur achtzehn Jahre alt und konnte auf keinen Fall etwas zu meinem Nachteile rechtsgültig unternehmen. Allein da ein mit Gewalt abgenötigter Vergleich schon an sich selbst ungültig, da ein gezwungener Wille kein Wille ist, so glaube ich jetzt, da ich volljährig bin, hinlänglichen Grund zu haben, diesen mir abgepreßten Vergleich zu verwerfen. Der schlichte Menschenverstand zeigt mir, daß eine solche widernatürliche Urkunde vor keinem unparteiischen Richterstuhle Beifall finden könne. Eine minderjährige Frau von ihrem Manne von Tisch und Bett zu scheiden, sie ihren Ehepakten gänzlich entsagen zu lassen, ihr die Einwilligung abzunötigen, daß sie sich auf ihre Kosten in ein Kloster einsperren lasse – was hätte ich Härteres und Schimpflicheres erwarten können, wenn ich des Verbrechens, dessen man mich fälschlich angeklagt hatte, wirklich überführt worden wäre?

Dies alles beweist die Nichtigkeit des besagten Vergleichs, jener verabscheuungswürdigen Ausgeburt der Verwandten meines Mannes. Allein wo soll ich Recht finden? Kann ich vor dem Richterstuhle des höchsten Gerichts im Elsaß die schuldige Gerechtigkeit wohl erwarten? Hier, wo sowohl die Verwandten des Herrn von Kinglin, die meine Unterdrückung so sehr interessiert, als auch er selbst den stärksten Einfluß haben? Was habe ich nicht bei solchen Verhältnissen von ihnen zu befürchten, da sie auf eine bloße Anklage schon ein Verdammungsurteil wider mich erwirkt haben, da sie sichs erlauben durften, eine Scheidung von Tisch und Bett durch einen bloßen Notar aussprechen zu lassen, ohne wegen einer Anmaßung, die so nachteilige Folgen haben kann, vom Conseil zur Verantwortung gezogen zu werden?

Ich kann mich jetzt im Elsaß nicht sehen lassen. Man würde mich in ein Kloster schleppen und mich von dem Umgang und von der Hilfe jedes vernünftigen Mannes trennen. Überdies sind mir alle die Einkünfte entzogen, die ich nach meinem Ehevertrag zu fordern hätte; ich würde mich also dort nicht erhalten können.

Da nun alle diese Umstände, da meine Rechte für mich sprechen, da die Unregelmäßigkeit des ganzen Prozesses, da selbst die Ungerechtigkeit des richterlichen Urteils vor Augen liegt, so kann ich von der Gnade des Königs hoffen, daß Se. Majestät mir das Parlament in Paris zum Richter geben werden; zumal da ich mich jetzt in dieser Stadt bei einem Verwandten aufhalte, dessen Haus der einzige Zufluchtsort ist, den ich habe finden können.

Frau von Kinglin übergab diese Schutzschrift und fand sogleich günstiges Gehör. Ohne Zweifel würde ihr der Königliche Staatsrat Gerechtigkeit haben widerfahren lassen, wenn sie den Prozeß fortgesetzt hätte. Allein kurz darauf starb ihr Gemahl. Ihre Schönheit und ihr Verstand zogen bald viele würdige Männer herbei, die ihr ihre Hand anboten. Sie wählte glücklich und vergaß bald in ihrer zweiten Ehe alles Ungemach und alle zurückgelassenen Vorteile der ersten. Ihr zweiter Gatte wollte es auch nicht zugeben, daß sie einen Prozeß fortsetze, in dem sie nicht obsiegen konnte, ohne eine Menge anstößiger Dinge nachzuweisen, die das Andenken ihres ersten Mannes mit Schande bedecken mußten.