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Phädra (Racine) – Fünfter Aufzug. Dritter Auftritt.

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Theseus. Aricia.

Theseus.
Du entfärbst dich, Königin? Du scheinst erschrocken!
Was wollte Hippolyt an diesem Ort?

Aricia.
Er sagte mir ein ewig Lebewohl.

Theseus.
Du wusstest dieses stolze Herz zu rühren,
Und deine Schönheit lehrte ihn die Liebe.

Aricia.
Wahr ist’s, o Herr! Den ungerechten Hass
Hat er von seinem Vater nicht geerbt,
Hat mich nicht als Verbrecherin behandelt.

Theseus.
Ja, ja, ich weiß. Er schwur dir ew’ge Liebe;
Doch baue nicht auf dieses falsche Herz!
Auch andern schwur er eben das.

Aricia.
Er tat es?

Theseus.
Du hättest ihn beständ’ger machen sollen!
Wie ertrugst du diese grässliche Gemeinschaft?

Aricia.
Und wie erträgst du, dass die grässliche
Beschuldigung das schönste Leben schmäht?
Kennst du sein Herz so wenig? Kannst du Schuld
Von Unschuld denn so gar nicht unterscheiden?
Muss ein verhasster Nebel deinem Aug’
Allein die hohe Reinigkeit verbergen,
Die hell in aller Augen strahlt? Du hast
Zu lang ihn falschen Zungen preisgegeben.
Geh’ in dich, Herr! Bereue, widerrufe
Die blut’gen Wünsche! Fürchte, dass der Himmel
So sehr dich hasse, um sie zu gewähren!
Oft nimmt er unser Opfer an im Zorn,
Und straft durch seine Gaben unsre Frevel.

Theseus.
Nein, nein, umsonst bedeckst du sein Vergehn!
Dich blendet Liebe zu dem Undankbaren.
Ich halte mich an zuverläss’e Zeugen,
Ich habe wahre Tränen fließen sehn.

Aricia.
Gib Acht, o Herr! Unzähl’ge Ungeheuer
Vertilgte deine tapfre Hand, doch alles
Ist nicht vertilgt, und leben ließest du
Noch ein – Dein Sohn verwehrt mir fort zu fahren.
Des Vaters Ehre, weiß ich, ist ihm heilig;
Ich würd’ ihm weh tun, wenn ich endete.
Nacheifr’ ich seiner edeln Scham und flieh’
Aus deinen Augen, um nicht mehr zu sagen.

(Sie geht ab.)