An Frau von Wolzogen.
Werneck, am Morgen des .. Juli 1783.
Eben, meine Theuerste, treffe ich einen Mann, der in Ihre Gegen nach Jüchsen geht und mir diesen Brief an Sie zu bringen verspricht. Ich bin glücklich gereist und schon fünfzehn Stunden näher an Frankfurt. Wir hatten gestern etliche Regengüsse auszustehen, die aber nicht viel für uns zu bedeuten hatten, und nun ist’s das schönste Wetter. O, meine Beste, wie herzlich froh bin ich, daß der Abschied überstanden ist, und wie herzlich vergnügt wäre mir die Nachricht, daß Sie ihn verschmerzt hätten. Liebste, zärtlichste Freundin, der Verdacht, daß ich Sie verlassen könnte, wäre bei meiner jetzigen Gemüthslage Gotteslästerung. Glauben Sie mir’s, meine Theuerste, je tiefer ich die Welt kennen lerne, und je mehr ich unter Menschen gehe, desto tiefer graben Sie sich in mein Herz, und desto theurer werden Sie mir.
Sie werden gestern einen traurigen Tag, und ohne unsre Lotte noch einen traurigeren Abend auszustehen gehabt haben – aber der Tag und Abend meiner Wiederkunft sollen Sie gewiß vollkommen dafür belohnen.
Jetzt leben Sie wohl. Kepp (der Kutscher) wird Ihnen von Frankfurt einen langen Brief bringen. Tausendmal leben Sie wohl, ewig theuer dem Herzen Ihres Freundes
S.
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Frankfurt a. M., den 23. Julius 1783
Eben komme ich hier an, meine Beste, und da ich befürchtete, durch lange Verzögerung und Mangel der Gelegenheit in dieser Stadt viel zu verzehren, so nehm ich kein Bedenken, gleich mit Extrapost abzugehen. Diesen vermehrten Aufwand werde ich durch die Verkürzung meines Aufenthalts in Mannheim wieder einbringen, denn ich freue mich ungleich mehr auf die Ankunft in Bauerbach bei Ihnen, als auf meine Tage zu Mannheim.
Meine Reise ist bis hierher trotz der entsetzlichen Hitze, die durch den heißen Sand der Chaussee noch verstärkt war, und trotz der bösen Abwechslung von Wein, gutem und schlechtem Bier u. dergl. ganz glücklich gewesen. Das Nähere davon (denn Wichtiges ist mir nichts begegnet) wird Ihnen der gute Kepp, mit dem ich ganz zufrieden bin, erzählen.
Da mich gegenwärtig alles bombardiert, der Friseur, der Schwager und andere Commissionen, so bleibe ich Ihnen meine Empfindungen, und was ich sonst noch an Sie zu bestellen habe, bis auf meine Ankunft in Mannheim schuldig. So lange werden Sie doch wohl glauben, daß ich sie in meinem Herzen trage, wie ich mich selbst in der Hand Gottes getragen wünschte.
Alle Augenblicke werde ich abgerufen, ich bin ganz verwirrt – Oh meine beste, liebste Freundin, unter dem erschrecklichen Gewühl von Menschen fällt mir unsre Hütte im Garten ein – wär‘ ich schon wieder dort! Die liebe, gute Lotte grüßen Sie mir herzlich und auch die Mine. In ungefähr sechs Tagen haben Sie alle drei wieder Nachricht von mir. Ich möchte gern morgen im Theater zu Mannheim eintreffen, weil ich da eine Ueberraschung machen kann.
Leben Sie tausendmal wohl.
Ewig Ihr
S.
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Mannheim, den 28. Julius 1783
Endlich bin ich in Mannheim. Matt und erschöpft kam ich gestern Abend hier an, nachdem ich vormittags früh noch in Frankfurt gewesen.
Meier hat eine Wohnung und Kost für mich ausgemacht, welche sehr wohlfeil und gut ist, neben dem Schloßplatz; mein Zimmer hat eine vortreffliche Aussicht. Mein Geld zur Rückreise habe ich beiseite gelegt, und kann indessen drei Wochen hier bleiben. So stehen meine Finanzen.
Nun, meine Beste, werden Sie wissen wollen, wie ich die Sachen bei meiner Ankunft gefunden – nicht gar zum besten. Dalberg ist von einer Reise nach Holland noch nicht zurück, wird aber erwartet. Iffland ist nach Hannover, soll aber in etlichen Tagen auch wieder ankommen. Also bin ich einige Zeit wenigstens ganz ohne Nutzen hier. Meinen Freunden habe ich durch meine Ankunft viele Freude gemacht, ihnen aber sehr klar merken lassen, daß ich nichts als mein Vergnügen bei meinem hiesigen Aufenthalt zur Absicht habe. Bis also Dalberg zurück ist, kann ich Ihnen nicht das Geringste von Aussichten sagen. Und ich würde sie schwerlich benutzen, meine Theuerste, wenn sie mir auch in die Hände liefen, sobald mein Aufenthalt bei Ihnen im geringsten dadurch litte. Gestehen muß ich Ihnen, daß alles, was mir hier vorkommt und noch vorkommen kann, bei der Vergleichung mit unsrem stillen, glücklichen Leben entsetzlich verliert.
Sie haben mich einmal verwöhnt – verdorben sollte ich sagen – daß ich den lebhaftesten Eindrücken der größeren Welt beinahe verschlossen bin.
Wenn ich es möglich machen kann, daß ich, ohne einen Schritt in die Welt zu tun, 600 fl. jährlich ziehe, so begräbt man mich noch in Bauerbach.
So leer und verdächtig ist mir alles, seit ich von Ihnen bin, und so wenig Geschmack kann ich einer Lebensart abgewinnen, die Sie nicht mit mir genießen. Wie froh will ich sein, wenn ich mit einigen guten Ausschichten und Geld in der Tasche die Rückreise antreten kann, und wie sehr wird meine Glückseligkeit bei Ihnen durch diesen Ausflug gewonnen haben!
Aber wie bringen Sie jetzt Ihre Tage zu, theurste Freundin? Traurig, fürcht’ ich, und wünsche es gewissermaßen doch; denn es ist etwas Tröstendes und Süßes in der Vorstellung, daß zwei getrennte Freunde ohne einander nicht lustig sind. O, es soll mich spornen, bald, bald wieder bei Ihnen zu sein; und unterdessen will ich bei meinen größten Zerstreuungen an Sie, meine Wertheste, denken; ich will mich oft aus dem Cirkel der Gesellschaft losreißen und auf meinem Zimmer schwermüthig nach Ihnen mich hinträumen und weinen. Bleiben Sie, meine Liebe, bleiben Sie, was sie mir bisher gewesen sind, meine erste und theuerste Freundin, und lassen Sie ohne Zeugen uns ein Beispiel unverfälschter Freundschaft sein. Wir wollen uns beide besser und edler machen, wir wollen durch wechselseitigen Antheil und den zärtesten Bund schöner Empfindungen die Glückseligkeit dieses Lebens erschöpfen und am Ende stolz auf dieses untadelhafte Bündniß sein.
Nehmen Sie keinen Freund mehr in Ihrem Herzen auf. Das meinige bleibt Ihnen bis in den Tod, und womöglich noch über diesen hinaus.
Heute werde ich auch meinen Eltern und Ihrem Wilhelm nach Stuttgart schreiben. Grüßen Sie mir unsre liebe Lotte, welcher ich das nächste Mal schreiben will, und wenn Sie der Tante schreiben, so sagen Sie ihr, daß ich oft an sie denke und sie recht sehr lieb habe. Alle die Ihrigen, meine Beste, sind so gut und bleiben mir ewig werth.
Schreiben Sie mir doch mit dem bäldesten, wie Sie leben, ob Sie mich noch lieben. Zwar das hoffe ich gewiß. Schreiben Sie mir Ihre ganze Lebensart von Morgen bis in die Nacht, und was Ihnen Neues sonst begegnet – auf diese Weise überzeugen Sie mich doch, daß Sie mich im Herzen tragen, wie ich Sie in dem meinigen.
Die liebe gute Lotte küssen Sie in meinem Namen (wenn’s erlaubt ist). Ihr
Fr. Schiller
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An Wilhelm von Wolzogen.
Mannheim, den 28. Julius 1783
Gestern, mein lieber Freund, kam ich hier an und setze mich jetzt gleich nieder, Ihnen von der Mama und Ihrer Schwester die besten Versicherungen zu geben. Was mich die Trennung von den Ihrigen, die doch nur 5-6 Wochen dauert, empfinden läßt, darf ich Ihnen nicht erst gestehen. Ich trage mich mit der Hoffnung, auch Sie, mein Bester, während der Zeit, daß ich Ihnen so nahe bin, von Angesicht zu Angesicht zu sehen, und wenn Sie vom Obrist v. Nicolai auf drei Tage Urlaub nach Heilbronn bekommen können, so wollen wir uns da ein Rendezvous geben. Schreiben Sie mir das bald und bleiben Sie mein Freund, wie ich der Ihrige bin.
F. S.
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An Frau von Wolzogen.
Mannheim, den 11. August 1783
Aus einem Tumult von Zerstreuungen fliege ich an Ihr Herz, beste Freundin, denke mich zu Ihnen in Ihr neues Stübchen hinein, wo auch ich vielleicht jetzt Ihr Gedanke bin, und erzähle Ihnen mein jetziges Schicksal. Vor allem andern tausendfachen Dank für Ihren lieben, zärtlichen Brief. Also weiß ich gewiß, daß Ihr Herz noch für mich das vorige ist. – Womit beweise ich Ihnen doch, daß es auch das meinige bleiben wird!
Die vierzehn Tage, die ich jetzt in Mannheim zugebracht, sind beinahe ganz furchtlos für mich gewesen. Dalberg war abwesend, einige Schauspieler in Urlaub, die mehrsten Familien auf’s Land ausgeflogen, und eine unerträgliche Hitze verdarb mir beinah allen Genuß des Lebens. Das Theater hat mir wenig genützt, weil des Sommers wenige Stücke gegeben werden, die wichtig sind, auch ohne Schaden nicht gegeben werden können. Zudem war die Anwesenheit der Kurfürstin und des Zweibrücker Herzogs schuld, daß meistens Alltags-Komödien vorkamen, wovon diese Liebhaber sind. Viel habe ich auch nicht gearbeitet, weil Zerstreuung und Hitze es mir unmöglich machten. Also die Summe von ganzen ist: Ich habe diese Zeit über wenig gewonnen.
Dalbergs Ankunft aber scheint sehr viel für mich verändern zu wollen. Gestern traf er hier ein und wurde gleich von meinem Hiersein benachrichtigt, das ihm höchst angenehm war. Ich traf ihn auf dem Theater, wo er mir auf die verbindlichste Art zuvorkam und mich mit großer Achtung behandelte. Von meiner Abreise will er nichts wissen und läßt sich sonst noch allerlei gegen mich merken, wofür ich, gottlob! keine Ohren habe. Ich war heute bei ihm, und zwar sehr lange. Der Mann ist ganz Feuer, aber leider nur Pulverfeuer, das plötzlich losgeht und ebenso schnell wieder verpufft. Indeß glaub’ ich ihm herzlich gern, daß ihm mein hiesiger Aufenthalt lieb wäre, wenn er nichts aufopfern dürfte. Mein Fiesco soll hier gegeben werden, und man ist wirklich daran, mit Anmerkungen über das Stück bei mir einzukommen. Vielleicht arbeite ich ihn um und setze die Vorstellung durch. Morgen (Mittwoch am 13.) wird meine Luise Millerin in großer Gesellschaft gelesen, wobei Dalberg den Vorsitz hat, du dann wird’s sich entscheiden, ob sie hier vorgestellt wird. Dalberg versprach, mir zu Gefallen meine Räuber und einige große Stücke spielen zu lassen, um die Stärke der Schauspieler daraus zu beurtheilen und mich in Feuer zu setzen. Meine Räuber sollten mich freuen.
An Schwan habe ich mich am meisten attachiert, und Sie meine Theuerste, schätzen ihn ja auch. Ihm allein habe ich meine Millerin vorgelesen, und er ist äußerst damit zufrieden. Von Wieland hat er mir Briefe gezeigt, die beweisen, daß Wieland sehr warm für mich fühlt und groß von mir urtheilt. Dieses letztere ist mir wegen vieler Umstände nicht gleichgültig. Bei Schwan habe ich auch sonst gute Bekanntschaften gemacht.
Noch dato war ich nirgends als in Oggersheim, wo die Kurfürstin wirklich residiert und man mir das Schloß und den Garten gezeigt hat. In dem Wirthshaus, wo ich im vorigen Jahr sieben Wochen gewohnt habe, bin ich auf eine Art empfangen worden, die mich sehr gerührt hat. Es ist etwas Freudiges, von fremden Leuten nicht vergessen zu werden. Die nächste Woche will ich in Gesellschaft nach Heidelberg und Schwetzingen fahren. Mein Vater schreibt mir heute, daß er sich Hoffnung mache, ein Rendezvous in Bretten zu veranstalten. Von Wilhelm erwarte ich alle Tage Briefe, vorzüglich aber von Ihnen, meine Beste.
In Absicht auf meine Aussichten mit dem hiesigen Theater und meine Stücke kann Ihnen dieser Brief nicht das Geringste bestimmen; aber in acht Tagen erfahren Sie etwas mehr und vielleicht auch die Zeit meiner Abreise von hier; denn nichts in der Welt wird mich fesseln. Schwan rät mir an, wenn meine Stücke zum Theater gebracht werden sollten, mit Dalberg um den Preis der ersten Vorstellung bei jedem zu akkordieren, weil ich dann aus beiden zusammen genommen 4 – 500 fl. würde zu ziehen haben und dann in einem halben Jahr das Stück zum Drucken verkaufen könnte. Auch rät er mir, beide abschreiben zu lassen und nach Wien, Berlin und Hamburg Exemplare davon zu versenden, wo mir vielleicht die Theater einen preis zuerkennen würden. Sie wissen, meine Beste, wie mißtrauisch mich das widrige Glück gegen die glänzendsten Offerten gemacht hat, und werden mir also glauben, daß ich nimmermehr darauf baue. Ich bin froh, wenn ich 200 fl. aus beiden Stücken vom Theater gewiß habe; doch will ich Schwans Rath sehr gern befolgen.
Das ist also alles, was ich Ihnen jetzt von meine Angelegenheiten schreiben kann. Es steht noch dahin, ob Dalberg und ich in der Hauptsache einig werden. Aber, meine beste, liebste Freundin, wie froh will ich den Augenblick erwarten, der mich wieder zu Ihnen zurückbringt! Wie sehr haben Sie in meinen Augen neben diesen neuen Connaissancen gewonnen! Ich will und kann auch recht fleißig bei Ihnen arbeiten. Mein Aufenthalt in B. soll mir von allen Seiten der vortheilhafteste bleiben und weder Ihnen noch mir jemals zum Vorwurf gereichen. – Wie viel, wie unendlich viel haben Sie nicht schon an meinem Herzen verbessert; und diese Verbesserung, freuen Sie sich, hat schon einige gefährliche Proben ausgehalten. Fühlen Sie ihn ganz, den Gedanken, denjenigen zu einem guten Menschen gebildet zu haben und noch zu bilden, der, wenn er schlecht wäre, Gelegenheit hätte, Tausend zu verderben.
Aber wie bringen denn Sie jetzt Ihre Tage zu? Sehr düster, sagt mir Ihr letzter Brief. Hoffentlich ist die Lotte wieder bei Ihnen gewesen, oder wirklich noch bei Ihnen. Sollten Sie bei dieser lieben, vortrefflichen Tochter eine Freude vermissen? Beste Freundin, Sie haben das seltene große Glück, so gute Kinder, so liebe Geschwister und einen (wenigstens einen) recht reuen und zärtlichen Freund zu haben; und doch sollte eine Melancholie bei Ihnen einwurzeln können? Sollten Sie – eine Christin – die es fühlt, daß der Faden unsrer Schicksale durch die Hand Gottes geht, an wahren Glückseligkeiten des Lebens verzweifeln? Nein, meine Theuerste, ich weiß, das tun Sie nicht; und wenn das Ihre Beruhigung vermehren kann, ich hafte Ihnen für ewige Freundschaft. Daß Sie mich hunderttausendmal der lieben Lotte empfehlen, versteht sich; und sagen Sie ihr auch, daß ich schon einen Brief an sie angefangen, aber wieder zerrissen habe, weil ich ihr unmöglich kalt schreiben und die Amtmännin keinen warmen sehen kann. Reinwald grüßen Sie, und beide Pfarrer. Auch die Judith lasse ich schön grüßen, und es freut mich, daß sie mich noch lieb hat. Grüßen Sie mir alle Plätze in Bauerbach und lassen Sie mich jetzt Gebrauch von dem Titel machen, den Sie mir gegeben haben und der von keinem stolzern verdrängt werden soll. Lassen Sie mich, beste Mama, mich Ihren zärtlichen Sohn nennen.
Schiller.
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Mannheim, den 11. September 1783.
„Endlich kann ich mich wieder zu Ihnen wenden, meine Theuerste. Wie viel tausend Besorgnisse wegen meinem monatlangen Stillschweigen in Ihrem zärtlichen Herzen aufgestiegen sein mögen, kann ich mir leicht einbilden, und ich fürchte, Sie haben den wahren Grund davon errathen. Schon 3 Wochen liege ich krank, meine Beste. Ohne Lebensgefahr, Gottlob; aber ein kaltes Fieber, davon ich täglich einen Anfall auszustehen hatte, hat mich entsetzlich mitgenommen, und ob ich gegenwärtig schon, bis auf Mattigkeit und Schwäche des Kopfs, wieder genesen bin, so werde ich dennoch vor 14 Tagen nicht aus dem Hause können. Schon die 8 Wochen, die ich in Mannheim zubringe, wütet eine gallichte Seuche in der Stadt, die so allgemein ist, daß unter 20.000 Menschen 6000 krank nieder liegen. Meyer ist während meines Hierseins daran gestorben; ein Freund, dem ich viel schuldig war. Jetzt – Gott sei Dank! – Ist die Epidemie im Sinken. Für mich befürchten Sie nichts mehr. Ich war in den besten Händen und wurde wie ein Kind des Hauses gepflegt, und wurde sogar, weil mein Kopf sehr angegriffen war, einem andern Doctor übergeben.
Ich hatte mir vorgesetzt, Ihnen, meine Liebe, Schritt vor Schritt, alles, was sich für mich Schlimmes und Gutes hier ereignen würde, zu wissen zu thun; meine Krankheit hat dieses nichtig gemacht, und ich muss Ihnen nunmehr kurz und summarisch Bericht von allem Vergangenen und Künftigen abstatten und meine Sachen in die möglichste Kürze zusammenziehen.
Ihr letzter Brief, der ich nothwendig traurig machen mußte, da er aus einem so traurigen Herzen floß, hat gewissermaßen den Ausschlag in meinen Zweifeln gegeben. Eben als ich ihn erhielt, hatte Dalberg Angriffe auf meinen Entschluß gethan. Sie erinnern sich, meine Beste, daß ich Ihnen mein Ehrenwort gegeben, mich nicht selbst anzubieten und in keinem Fall den ersten schritt zu einem Engagement zu thun. Ich gebe Ihnen jetzt mit aller Freudigkeit eines reinen Gewissens dieses mein Ehrenwort wieder, daß ich mein Versprechen gehalten. Dalberg selbst kam mir mit dem Antrag entgegen, daß ich hier bleiben sollte. Er stellte mir frei, auf wie lang ich mit dem Theater akkordieren und was ich für meine Verwendungen fordern wollte. Ob ich Ihnen gleich bei meiner Abreise die Erklärung gethan, daß ich vielleicht den Winter hier zubringen wollte, so zweifelte ich doch heftig bei mir selber, und ein allmächtiger Hang zu unsrem stillen, herrlichen Leben behielt schon die Oberhand, als Ihr Brief anlangte und ich erfuhr, daß Winkelmann zwei Monate bei Ihnen zubringen würde. Sie wissen, meine Beste, daß mich die Ankunft dieses Herrn selbst aus Bauerbach vertrieben haben würde, wenn ich noch dort gewesen wäre; wie viel mehr mußte sie mich jetzt von meiner Reise zurückhalten? Ich entschied also für die Anerbietungen Dalbergs, und vor ungefähr 3 Wochen, wo ich bei ihm an Tafel war, wurden wir richtig. Ich bleibe bis auf den Mai 1784 hier, und folgende Punkte sind unter uns festgesetzt:
- bekommt das Theater von mir drei neue Stücke – den Fiesco – meine Luise Millerin – und noch ein drittes, das ich innerhalb meiner Vertragszeit noch machen muß.
- Der Kontrakt dauert eigentlich ein Jahr, nämlich vom 1. September dieses Jahrs bis zum letzten August des nächsten; ich habe aber die Erlaubnis heraus bedungen, die heißeste Sommerzeit wegen meiner Gesundheit anderswo zuzubringen.
- Ich erhalte für dieses eine fixe Pension von 300 fl., wovon mir schon 200 ausbezahlt sind. – Außerdem bekomme ich von jedem Stück, das ich auf die Bühne bringe, die ganze Einnahme einer Vorstellung, die ich selbst bestimmen kann, und welche nach Verhältnis 100 bis 300 fl. betragen kann. Dann gehört das Stück dennoch mein, und ich kann es nach Gefallen, wohin ich will, verkaufen und drucken lassen. Nach diesem Anschlag habe ich bis zu Ende Augusts 1784 die unfehlbare Aussicht auf 12 – 1400 Gulden, wovon ich doch 4 – 500 auf Tilgung meiner Schulden verwenden kann.
Danken Sie mit mir Gott, meine Beste, daß er mir hier einen Ausweg eröffnet hat, durch Verbesserung meiner Umstände mich aus dem Wirrwarr meiner Schulden zu reißen und der ehrliche Mann zu bleiben. Dieser Gesichtspunkt allein, ich gestehe es, kann mich über die lange Trennung von Ihnen und über den Aufschub meiner angenehmen Entwürfe trösten und gibt mir jetzt auch den Muth und die ruhige Festigkeit, Ihnen zu sagen, daß wir uns vor 8 oder 9 Monaten nicht sehen werden. Bis dahin, meine geliebteste Freundin, übergebe ich Sei dem Arm des unendlichen Gottes, der uns einander in der bestimmten Stunde glücklich wieder geben wird. Gedenken Sie meiner in Ihren einsamen Augenblicken, nennen Sie mich in Ihrem Gebete mit Ihren Kindern Gott und flehen Sie ihn um Schutz für mein Herz und meine Jugend. Meine Freundschaft – wenn der Gedanke Ihnen Freude gewähren kann – bleibt Ihnen unwandelbar und gewiß und soll mein allmächtiges Gegengift gegen alle Verführung sein. – Sie waren die erste Person, an welcher mein Herz mit reiner unverfälschter Zuneigung hing, und eine solche Freundschaft ist über allen Wechsel der Umstände erhaben. Fahren Sie fort, meine Theuerste, mich Ihren Sohn zu nennen, und seien Sie versichert, daß ich das Herz einer solchen Mutter zu schätzen weiß. Unsre Trennung, deren Nothwendigkeit ich Ihnen nicht erst beweisen darf, wird meine Gemüthsruhe wieder herstellen, eine Ruhe, die ich schon so lange nicht mehr genossen habe, weil die Unbestimmtheit meiner Aussichten und der nagende Gedanke meiner Schulden mich unaufhörlich verfolgten. Mein hiesiger Aufenthalt wird mich auch in meiner Wissenschaft vollkommener machen und mir desto gerechtere Ansprüche auf ein künftiges Glück verschaffen. Ich war also diesen Schritt mir selbst und meinem ehrlichen Namen schuldig, und Gott wird mich weiter führen.
Übrigens, meine Beste, kann ich Ihnen von meiner hiesigen Lebensart nichts andres als Gutes melden, und vieles vereinigt sich, mir Nutzen und Vergnügen zu machen. Fremde und Einheimische suchen mich auf und bemühen sich um meine Freundschaft. Während meiner Krankheit habe ich die besten Zerstreuungen gehabt, und mein Zimmer war selten von Besuchern leer. Den Tag vorher, eh ich mich legte, wurden mir zu Gefallen die Räuber gegeben, und das Haus wimmelte von Zuschauern. Bei Dalberg speise ich öfters und bei Schwan – zwei Häusern, wo ausgesuchte Gesellschaft ist, und in dem ersten geht es fürstlich zu. Im Theater geh’ ich frei aus und ein wie in meinem eignen Hause. Sobald ich wieder ausgehen darf, werde ich einige neue Bekanntschaften von Stande machen, die mich kennen lernen wollen. Ich bin recht artig logiert. Ach, Beste, wenn Sie mich einmal überraschen sollten! In einigen Wochen erwarte ich meine Schwestern und werde sei vielleicht 4 Wochen hier behalten. Dafür müssen sie mir aber Hemden machen und Strümpfe stricken. – Kost, mit Wein und Kaffee, und Logis kommen mich das Vierteljahr auf 5 Karolin. Meine Equipage nimmt mir aber viel Geld weg, weil ich noch gar nicht auf den Winter eingerichtet bin. Diese Ausgabe macht, daß Sie mit diesem Brief noch kein Geld bekommen, hingegen ist die halbe Einnahme von meinem Fiesco, der auf den Karneval gespielt werden wird, Ihnen bestimmt, wie auch die halbe Einnahme von meiner Luise Millerin. Der verdrießliche Vorfall mit des Grünenbaumwirths Schimmel kommt mir recht ungeschickt, und eigentlich bin ich nichts zu zahlen verbunden, weil der Gaul hätte geöffnet werden sollen. Doch können Sie, um sich aus dem Handel zu ziehen, dem Kerl etwas versichern, das ich bezahlen will, aber sowenig als möglich. Ihre glückliche Kur mit des Flurschützen Kind war wirklich auch recht angemessen gut, und in der Noth waren die Mittel schon ganz recht. Diese gut gelungene That muß ihnen eine wahre, herzliche Seelenwonne gewesen sein. Könnte ich Ihnen doch zur Versorgung unsres lieben Wilhelms einmal Glück wünschen, meine Beste! Aber der schleichende Gang des Herzogs und Obrist Seegers hat mir niemals gefallen wollen. Am Ende müssen sie aber doch, und die wenigen Monate, die noch bis Dezember sind, wird Wilhelm doch aushalten können, da er schon dreimal so viele Jahre überstanden hat. Der guten Lotte empfehlen Sie mich milliontausendmal. Wär ich doch nur jetzt einen Tag bei Ihnen beiden! – Wie gern wollt’ ich mich aus allen meinen Verbindungen reißen! – Aber ein Zeitraum von 8 Monaten ist im ganzen ja nur eine Spanne, und wie bald mißt man diese nicht aus? Dann haben Sie mich wieder, meine Theuerste, und wenn es der Himmel will, besser und glücklicher. Freuen Sie sich mit mir nicht auf den herrlichen Augenblick, wenn wir uns wieder entgegenfliegen? Sehen Sie, diese Hoffnung macht mich auch schon in der Ferne froh, und ich genieße diese freudige Zukunft schon jetzt. Machen Sie sich diesen Winter doch ja recht viele Zerstreuungen, Ihre Ökonomie, Ihre Unterthanen, Ihre Kinder und meine Briefe sollen, denk’ ich, Stoff genug dazu seyn.
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Den 12. September.
Ich brach gestern hier ab, weil ein Brief von meiner Familie kam. Meine guten Eltern freuen sich außerordentlich, daß sie mich einigermaßen versorgt wissen und so nahe bei sich haben. Bald wird mich Mama und eine Schwester besuchen. – Gottlob, meine Beste, heute ist mein Fieberanfall das dritte Mal ausgeblieben, und ich fühle mich jede Stunde leichter. Das soll, hoffe ich, meine letzte Krankheit in Mannheim sein. Da ich nun einmal Bürger darin worden bin, so werde ich künftig unversehrt bleiben.
Ja, meine theure Freundin, ich habe eine Fluth von Geschäften vor mir, die ich mein ganzes Leben noch nicht gehabt habe. Das Jahr, das jetzt vor mir liegt, muß über mein ganzes Schicksal entscheiden. – Wir haben einmal von der Freimaurerei miteinander gesprochen. Vor einigen Tage hat mich ein reisender Maurer besucht, ein Mann von der ausgebreitetesten Kenntniß und einem großen verborgenen Einfluß, der mir gesagt, daß ich schon auf verschiedenen Freimaurerlisten stünde, und mich inständig gebeten hat, ihm jeden Schritt, den ich hierin thun würde, vorher mitzutheilen; er versichert mich auch, daß es für mich eine außerordentliche Aussicht sei. Dem sei, wie ihm wolle; ich werde jetzt anfangen, mit aller Anstrengung fleißig zu sein, und mich in mehreren Fächern versuchen. Verlassen Sie sich darauf, daß Sie mich etwas gescheiter wieder finden.
Dem guten Reinwald sagen Sie tausend schöne Sachen. Nah und ferne bin ich sein redlicher, treuer Freund, und auch ihn seh’ ich wieder. Ihrer lieben, guten Mine empfehlen Sie mich vielmal. Ich denke oft an das gute Schöpf; sie hat sich mir unvergeßlich gemacht. Wenn Sie an Wurmb schreiben, so erzählen Sie ihm die Ursache meiner Abwesenheit, und versichern Sie ihn meiner ewigen Achtung.
Der Verwalter Vogt wird hoffentlich schwer mit Geld beladen zurückgekommen sein. Könnte ich doch, wenn ich Bauerbach wieder sehe, schon den Grundstein zur neuen Kirche gelegt finden! Es bleibt dabei, daß ich etwas darein stifte. Dem guten Bibraischen Pfarrer machen Sie auch ein Compliment von mir, und bleiben sie ihm um meinetwillen gut. Alles, was mich in und um Bauerbach interessierte, soll herzlich gegrüßt sein. Die Judith und Bayers Leute lasse ich recht schön grüßen.
Meine Sachen lasse ich alle dort, weil ich doch gewiß wieder komme. Die entlehnten Bücher schicken Sie aber Reinwald zu, daß er sie an ihre Besitzer zurückschaffe. Jetzt muß ich abbrechen, meine Liebe, sonst bekommen Sie diesen Brief um einen Posttag später. Sobald ich ganz gesund bin, erfahren Sie es. Nunmehr hunderttausend Lebewohl von Ihrem Sie ewig liebenden
Sch.
Unsrer Lotte schreibe ich im nächsten Brief ganz gewiß. Sagen Sie ihr das, und versichern Sie sie meiner ewigen Freundschaft. Jetzt wird Winkelmann vermuthlich bei Ihnen sein und kaum gedacht werden an den armen entfernten
S.
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Mannheim, den 1. Nov. 1783.
„Ich sehe in den Kalender und finde mit Schrecken, daß wir schon im November sind und Sie, meine Theuerste, den ganzen Oktober noch keinen Brief von mir haben. Eigentlich hätte ich Ihnen nichts Erhebliches zu schreiben gewußt, als daß ich schon 3 – 4 Wochen wieder ein Rezidiv von dem traurigen kalten Fieber auszustehen hatte und noch ausstehen muß. Geschäfte und neue Bekanntschaften, die außerhalb Mannheim meiner warteten, und überhaupt die böse Rhein- und Sumpfluft der Gegend haben mich zu keiner ganzen Besserung kommen lassen, und wahrscheinlich werde ich schwerlich vor dem eigentlichen Winter vollkommen gesund. Doch kann ich in den freien Stunden meine nöthigsten Geschäfte verrichten. – Neues ist für mich nichts vorgefallen, was mein Glück beträfe. Es bleibt alles bei den Nachrichten meines letzten Briefs, und ich bin übrigens zufrieden. Von Ihren lieben Kindern habe ich bis jetzt lauter Gutes erfahren. Von meinen Eltern erwarte ich täglich Briefe. Auch von Frau ***, der ich durch einen Landsmann von Ludwigsburg, der mich hier besuchte, ein Marktpräsent nebst einer Silhouette geschickt habe. Hier folgt auch eine für Sie, meine Beste, wenn mein Andenken anders noch so viel Werth in Ihrem Herzen hat, daß es neben den lieben Söhnen einen Platz in Ihrem Zimmer findet. (Doch ist auch der Herzog Georg drin.)
Ich glaube immer, Sie sind wirklich nicht in Bauerbach. Beinahe wollt’ ich wetten, Sie sind in Roßdorf oder Walldorf, oder gar in Wolkramshausen. Wo Sie auch sind, begleiten Sie meine zärtlichsten Wünsche, und Sie sollen überall glücklich sein. Der guten, lieben Lotte empfehlen Sie mich auf das wärmste und innigste. Reinwald grüßen Sie hunderttausend Mal und schärfen ihm ein, mir die bewußten Manuscripte fein gewiß zurück zu schicken. Allenfalls, wenn Sie mir je von meinen alten Lumpen noch etwas zu schicken haben, ginge das mit einer Gelegenheit. Verzeihen Sie mir diesmal meine Eilfertigkeit. Viel habe ich Ihnen nicht zu schreiben, und dann glauben Sie kaum, wie entsetzlich ich von Dalberg wegen Herannäherung des Karnevals belagert werde.
Trösten Sie sich, wenn Sie können, damit, daß Sie und meine Eltern diejenigen sind, denen vor andern Menschenkindern zehnmal geschrieben wird. Ich bin aus meinem bisherigen Logis gezogen. Meine Adresse ist also an Schwan. Ewig Ihr wärmster und innigster Freund und Sohn
F. S.“
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Mannheim, den 13. November 1783.
Meine vorigen Nachlässigkeiten zu verbessern und mich vorzüglich durch die wiederholte warme Versicherung meiner noch unverletzten Zärtlichkeit zu entsündigen, will ich Sie heute mit einem langen Briefe quälen. – Doch im Ernst, meine Beste, ich habe eben ein verdrießliches Geschäft geendigt und will mir jetzt in Ihrer Gesellschaft einen desto süßern Augenblick machen.
Mein böses kaltes Fieber scheint nunmehr nachlassen zu wollen; denn ich habe bereits drei Tage keinen Anfall gehabt. Ich lebe aber auch erbärmlich genug, um es vom Halse zu schütteln. Schon 14 Tage habe ich weder Fleisch noch Fleischbrühe gesehen. Wassersuppen heute, Wassersuppen morgen, und dieses geht so mittags und abends. Allenfalls gelbe Rüben, oder saure Kartoffeln, oder so etwas dazu. Fieberrinde esse ich wie Brot, und ich habe mir sie express von Frankfurt verschrieben. Ein guter Freund hat mir zu meinem Geburtstag 4 Bouteillen Burgunder geschickt; – davon wird zuweilen ein Gläschen mit herrlichem Erfolg getrunken; doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich mir äußerst wenig aus dem Wein mache, so wohlfeil und gut er hier zu haben ist. Mit mehr Vergnügen trinke ich Bier. Freuen Sie sich also, ich werde mich auf diese Art bald wieder ins Bauerbacher Leben gewöhnen.
Sobald ich gesund bin, wird überhaupt meine Kost sehr einfach eingerichtet.
Zuverlässig hätte ich meine Schulden schon auf einen bestimmten Termin bezahlt, wenn ich nicht von den vier Monaten meines hiesigen Aufenthalts acht bis neun Wochen krank war, welches mich entsettzlich zurückgesetzt hat. Es schadet mir wenigstens über 30 Dukaten. Wenn mir aber Gott nur jetzt meine Gesundheit wieder schenkt, so will ich sie gewiß auf das edelste anwenden und mit Weisheit erhalten. Ich habe Dalberg schon bei Errichtung unsres Contraktes präveniert, daß ich den Sommer nicht in Mannheim zubringen würde, meiner Gesundheit wegen. Er war auch damit zufrieden, – und da ich zu Ende Aprils, höchstens Mais, meinen Vertrag mit ihm beinahe doppelt erfüllt haben werde, so kann ich ungehindert gehen. Verlängert sich mein Kontrakt noch auf ein Jahr, so komm ich zu Ende September nach Mannheim zurück. In der Zwischenzeit werden Sie so gnädig seyn, mich – nicht Flüchtling mehr, sondern Freund – in Bauerbach aufzunehmen. Beste Wolzogen, nehmen Sie das nicht als eine kahle Vertröstung oder Grille auf. Gott ist mein Zeuge, daß ich mich schon jetzt darauf freue, daß ich nur darum gern hier bin, um in besseren Umständen zu Ihnen zurückzukehren. Das wissen meine hiesigen Freunde auch sehr wohl und werden oft böse auf mich, daß ich so sehr das Heimweh nach Sachsen habe. Sollten Sie, meine Liebe, mich so wenig kennen, daß Sie mich einen Augenblick im Verdacht haben, als ob ich so sehr an der großen Welt hänge, wie Sie es nennen? Sie kennen meinen Charakter – wissen ganz meinen Hand zum einfachen, stillen Vergnügen und geräuschlosen Freuden. Sie werden mir auch hoffentlich einräumen, daß ich in den Vergnügungen und Verführungen dieser großen Welt kein Neuling mehr bin, daß ich ein wohl vorbereitetes Herz hineingebracht habe. – Ich will Ihnen aufrichtig zugestehen, daß zuweilen auch mich eine Trunkenheit umnebeln kann; aber sie wird gewiß bald verfliegen. Überdies halten Sie meine hiesigen Verbindungen für zu weitläufig, zu wichtig. Meine Bekanntschaften sind bis jetzt noch ziemlich eingeschränkt. Das Dalbergsche Haus und das Schwansche Haus sind die vorzüglichsten. Außer diesen vermenge ich mich mit niemand genau, und mit den Schauspielern lebe ich höflich und aufgemuntert, sonst äußerst zurückgezogen. Bök, der Beste an Kopf und Herz, ein wirklich solider Mann, ist derjenige, mit dem ich am vertrautesten umgehe. Sonsten besuchen mich viele Gelehrte und Künstler von hier; aber sie kommen und gehen, ich attachiere mich sehr delikat.
Von Frauenzimmern kann ich das nämliche sagen; – sie bedeuten hier sehr wenig, und die Schwanin ist beinahe die einzige, eine Schauspielerin ausgenommen, die eine vortreffliche Person ist. Diese und einige andre machen mir zuweilen eine angenehme Stunde; denn ich bekenne gern, daß mir das schöne Geschlecht von Seiten des Umgangs gar nicht zuwider ist. Die Witwe meines Freunds Meyer, dessen Tod ich hier erleben mußte, und ihre Schwester, ein hübsches Mädchen, beide Stuttgarterinnen, sind mir besonders in meiner Krankheit sehr lieb geworden. Die erstere kocht mir mein Krankenessen, den ganzen Tag um 3 Batzen. Sie hat von einer Besoldung von 1500 fl., da ihr Mann noch lebte, auf 300 fl. herabgehen müssen. Ein schwerer und harter Fall! – Die vielen Verbindlichkeiten, die ich dem Verstorbenen schuldig bin, haben mir es zu Pflicht gemacht, seiner Witwe wenigstens mit meiner Theilnehmung und Freundschaft zu dienen. Trunck, ein katholischer Geistlicher, dessen Verfolgung und Schicksal Sie im deutschen Museum gelesen, ist ein guter Freund von mir und hat mich während meiner Krankheit öfters besucht. Er ist ein lebendig herumgehender Beweis, wie viel Böses die Pfaffen zu stiften imstande sind. Die Staatsrätin von la Roche kenne ich sehr gut, und diese Bekanntschaft war eine der angenehmsten meines ganzen hiesigen Lebens. Sie setzte Schwan so lange zu, mich nach Speyer zu bringen, daß ich wirklich, für meine Gesundheit zu früh, vor ungefähr sechs Wochen ausging und mit ihm, seiner Tochter und Hofrat Lameys Tochter die Reise machte. Wir haben in großer Gesellschaft mit ihr zu Mittag gespeist, wo ich wenig Gelegenheit fand, sie recht zu genießen; doch fand ich gleich, was der Ruf von ihr ausbreitet, die sanfte, gute, geistvolle Frau, die zwischen fünfzig und sechzig alt ist und das Herz eines neunzehnjährigen Mädchens hat. Acht Tage darauf zieht mich ein Landsmann, M. Christmann von Ludwigsburg, wieder nach Speyer, wo ich sie eine Abendstunde lang ganz genoß und mit Bezauberung von ihr ging. Ich weiß und bin stolz darauf, daß sie mit mir zufrieden war. Bei ihr habe ich mir ebenso schätzbare Bekanntschaft gemacht: Baron von Hohenfeld, Domherr zu Speyer, der mit Herrn von la Roche in Diensten des Kurfürsten von Trier war und welcher, da der erstere wegen gewisser Umstände, die ihm Ehre machen, mit Ungnade seine Dimission bekam, seinem Freunde das Opfer brachte, seine Entlassung zugleich zu begehren, und die ihm angebotene lebenslängliche Pension unter der Bedingung ausschlug, daß sie Herrn von la Roche gegeben würde.
Dieser Herr von Hohenfeld, der jetzt die ganze la Rochische Familie in seinem Haus bei sich hat, worin er nur ein Zimmer und eine Kammer für sich behielt, ist der edelste Mann, den ich kennen lernte, und mein Freund. Ein solcher Mann kann mich mit dem ganzen menschlichen Geschlecht wieder aussöhnen, wenn ich auch um ihn herum 1000 Schurken wieder begegnen muß. – Es freut mich, daß Sie der la Roche geschrieben haben. In Zukunft lassen Sie mich die Mittelsperson sein, denn ich möchte gar gern zwei solche liebe, gute Menschen, wie Sie sind, miteinander –
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Am 14. November.
Stellen Sie sich vor, meine Beste, wie angenehm ich gestern in dem Fortschreiben unterbrochen wurde! – Man klopft an mein Zimmer. Herein! – Und herein treten – stellen Sie sich meinen fröhlichen Schrecken vor – Professor Abel und Batz, ein andrer Freund von mir. Beide haben, um der Stuttgarter Seuche zu entgehen, eine Reise nach Frankfurt getan, kommen hier durch und bleiben von gestern bis heute vor einer Viertelstunde bei mir. Wie herrlich mir in den Armen meiner Landsleute und innigen Freunde die Zeit floß! Wir konnten vor lauter Erzählen und Fragen kaum zu Atem kommen. Sie haben bei mir zu Mittag und zu Abend gegessen (sehen Sie! Ich bin schon ein Kerl, der Tafel hält), und bei dieser Gelegenheit waren meine Burgunder-Bouteillen wie vom Himmel gefallen. Um sie ein wenig herum zu führen, bin ich heute und gestern wieder ausgegangen. Schadet nichts, wenn ich jetzt auch später gesund werde; hab’ ich ja doch ein unbeschreiblich Vergnügen gehabt. Abel, der meinen Aufenthalt bei Ihnen weiß, sagt mir, daß einige Personen von Stuttgart darum wissen, daß aber das Gerücht nicht weiter gekommen und sich ganz verloren habe.
Der württembergischen Neuigkeiten sind gar keine, oder sehr wenige. Die Akademie ist eben noch das alte ewige Einerlei.(Nachdem hier ein schiefes Lebenverhältniß, in das ein Bekannter gerathen, der voll stolzer Ansprüche und Plane war, erzählt worden, fährt Schiller fort .)
Gottlob! So gibt es doch noch außer mir Narren, und größere. Ich wollte nur Pfarrer werden – und bleibe hangen am Theater! – Meine lieben Landsleute haben nur auf drei Tage Urlaub gehabt, sind schon zehn Tage aus und reisen in aller Eil beim erbärmlichsten Wetter fort. Denken Sie einmal, beide sind zu Pferd – Professor Abel mit Sporen in den Mannheimer Gassen; beide mit Hirschfänger und runden Hüten, wie Studenten von Jena! – Endlich wird doch Stuttgart gewiß, wo ich bin und wie mir’s geht! Herzlich lieb ist mir’s, daß das letzte zu meinem Vortheil beantwortet werden kann.
Einen andern Spaß hab’ ich auch erlebt. Den 19. des Monats ist der Namenstag der Kurfürstin, und hier werden die Namenstage und nicht die Geburtstage gefeiert. Man bittet mich, zur Feier desselben eine öffentliche poetische Rede zu machen, welche in Gegenwart der Kurfürstin und des Mannheimer Publicums auf dem Theater sollte abgelegt werden. Ich mache sie, und nach meiner verfluchten Gewohnheit satirisch und scharf. Heute schick’ ich sie Dalberg – er ist ganz davon bezaubert und entzückt, aber kein Mensch kann sie brauchen, denn sie ist mehr ein Pasquill als Lobrede auf die beiden kurfürstlichen Personen. Weil es jetzt zu spät ist, und man das Herz nicht hat, mir eine andre zuzumuten, wird die ganze Lumpenfête eingestellt. Dalberg aber tut es nicht anders; er will meine Rede drucken lassen.
Warum ich noch niemand von meiner Familie hier gehabt? Fragen Sie. Der wahre Grund sind die Unkosten auf beiden Seiten, die mir und meinen Eltern jetzt zu dieser Zeit schwer fallen würden. Ernstlich brauchten meine Mutter und Schwestern zu einer nur ein wenig anständigen Equipierung, weil hier in Mannheim entsetzlich viel Staat gemacht wird, und zu der Reise eine zu große Summe Geld. Ich, auf den die Unkosten ihres Aufenthalts (wenigstens 40 – 50 Gulden) fielen, habe gerade bisher die meisten Ausgaben gehabt und könnte das Geld ohne Schaden nicht auftreiben. Die Reise muß deswegen auf das Frühjahr verschoben werden. So seh’ ich alsdann zwei herrlichen Besuchen entgegen. Einer, der mir gemacht wird, und ein andrer, ebenso angenehmer, den ich mache.
Die liebe, gute Lotte hat immer noch keinen Brief von mir; – aber plötzlich werd’ ich mich einmal einstellen. Empfehlen Sie mich ihr auf das wärmste. Das nämliche gilt von der schriftstellerischen Tante. Reinwald erinnern Sie an die Manuscripte.
Sie selbst leben glücklich, wie Engel im Himmel, wenn meine Wünsche was gelten. – Behalten mich lieb – und glauben mit Zuversicht, ohne meine Versicherung, daß ich ewig bin Ihr
Schiller.“
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Mannheim, am neuen Jahr 1784.
„Was, um Gotteswillen! Ist Ihnen widerfahren, meine Freundin, daß Sie mir schon ganze Monate lang keine Spur Ihres Daseins mehr geben und meinen letzten, fünf Blatt langen Brief so ganz unbeantwortet lassen? – Da ich mir keine Veränderung Ihrer Denkungsart vorstellen kann, so muß ich nothwendig eine Krankheit anklagen; denn daß Ihr Brief oder der meinige liegen geblieben, ist ganz unwahrscheinlich. Ich beschwöre Sie, meine Beste, lassen Sie ich nicht länger in einer so traurigen Ungewißheit, die mir in meiner jetzigen Lage (denn noch bin ich nicht von Fieber frei) äußerst schwer auffällt.
Denken Sie sich in meine äußerst anstrengende Situation. – Um mit Anstand hier zu leben und die mir vorgesetzte Summe Geld zur Bezahlung meiner Schulden herauszuschlagen, – um zugleich die Ungeduld des Theaters und die Erwartungen des hiesigen Publicums zu befriedigen, habe ich unter meiner Krankheit mit dem Kopf arbeiten müssen und durch starke Portionen China meine wenigen Kräfte so hinhalten müssen, daß mir dieser Winter vielleicht auf zeitlebens einen Stoß versetzt. In zehn Tagen wird der Fiesco mit allem Aufwand bei Eröffnung des hiesigen Karnevals gegeben, und diese Lustbarkeiten dauern zwei Monate fort und werden mich ziemlich incommodieren, denn ich muß meine Stücke alle selbst anordnen. Sonsten bin ich mit meinen hiesigen Verhältnissen zufrieden, und ich genieße das ganze Vertrauen und die Achtung Dalbergs.
Doch was schreib’ ich dergleichen? – Vielleicht haben Sie mich ganz vergessen, vielleicht sind Sie meine Freundin nicht mehr, – vielleicht – Gott bewahre mich! – Krank? – Ich bitte Sie bei allem, was Ihnen theuer ist, reißen Sie mich aus dieser entsetzlichen Unruhe; nur zwei Worte, und dann will ich Ihnen wieder genug antworten.
Also hören Sie! Nur eine kurze Versicherung: Ich bin Ihre Freundin wie vorher, und Sie machen einen fröhlichen Mann aus Ihrem zärtlichen
Schiller.
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An Wilhelm von Wolzogen.
Mannheim, den 18. Januar 1784.
Bester Freund! Daß Sie mir ja nicht wegen meinem langen Stillschweigen böse werden, davon Sie den wichtigsten Grund schon selbst errathen haben. Wahrhaftig, ich kann mir meinen Leichtsinn und meine Nachlässigkeit in Beantwortung der Briefe nicht vergeben, – und noch weniger abgewöhnen. Eltern und Freunde und Buchhändler klagen über mich. Glauben Sie indessen, mein Bester, daß diese Unrichtigkeit im Schreiben in gar keinem Zusammenhang mit meiner Freundschaft und meinem Herzen ist.
Wie sehnlich wünschte ich Ihr Schicksal zu Ihrem Vortheil entschieden! Wie ganz fühle ich Ihre Lage! – Es war auch die meinige. Sollten Sie aber am Ziele noch unterliegen? – Sie haben eine Meile zurückgelegt. Machen Sie immer auch diese Spanne noch. Es wird sich, es muß sich bald auflösen.
Ihre Neigungen, Jurist zu werden, hat insofern meinen vollkommensten Beifall, wenn Sie Ihrem jetzigen Fach nicht ganz ungetreu werden wollen. Die Verbindung der Jurisprudenz mit dem Studium der Finanzen berechtigt Sie zu den größten und fruchtbarsten Posten in einem Staat und öffnet Ihnen eine der glänzendesten Bahnen – aber, mein Lieber, werden Sie sich in diesem neuen, weitschichtigen Feld nicht zu sehr verlieren? Wird die nothwendige Beschäftigung mit den Elementen einer so trockenen Wissenschaft Ihrem nach thätigem Denken verlangenden Geist nicht unerträglich werden? Wird es Ihre Seelenkräfte nicht theilen? – Die Engländer werfen sich mit allen Geisteskräften auf einen oft eingeschränkten Theil einer Wissenschaft und Kunst und werden in diesem einzig und groß. – Es ist gefährlich, die Fläche zu weit auseinander zu breiten; denn sie wird in eben dem Grade dünner und schwächer. Indeß können Sie von Ihrem Talent und Ihrer Jugend mit Recht einen glücklichen Fortgang erwarten. Ich bin auch darin ganz Ihrer Meinung, daß Württemberg nicht nothwendig die Sphäre Ihrer Wirksamkeit sein müsse. Immer arbeiten sie über diese hinaus – doch werden Sie vielleicht einige Jahre mit Vortheil hier wirken. Man ficht anfänglich ja auch nur mit dem Rapier – und lernt damit Fertigkeit und Gewißheit auf dem ernsthafteren Degen.
An meiner sächsischen Reise auf den Sommer soll mich nichts als Krankheit und Tod hindern, – und diese, mein Bester, machen wir miteinander. – Dieser Zeitpunkt verspricht mir die seligsten Augenblicke. Aber sagen sie mir doch, Lieber, was muß geschehen seyn, daß Ihre Mama mir schon auf zwei große Briefe nicht mehr geantwortet hat, da sie doch immer in diesem Punkt mich beschämt hat? Morgen werde ich den dritten schreiben, und wenn dieser das nämliche Schicksal hat, so weiß ich nicht mehr, was ich denken soll. Briefe können nicht wohl liegen bleiben – ich muß eine Krankheit anklagen, da keine erkältete Freundschaft stattfinden kann. – Über diesen Punkt, liebster Freund, beruhigen Sie mich doch bald. Sie können Ihrer Mutter vielleicht feuriger lieben, – vielleicht auch nicht; aber mehr Ursache als ich können Sie nicht dazu haben.
Die vorige Woche hat man hier auf das prächtigste meinen Fiesco gegeben, und diesen Karneval über wird er noch zweimal wiederholt. Wirklich druckt man an meiner Luise Millerin, welche in höchstens 4 Wochen zu haben sein wird. Ich bin jetzt Mitglied der kurfürstlich deutschen Gelehrtengesellschaft und also mit Leib und Seele kurpfälzischer Unterthan. – Diese Kleinigkeiten interessierten Sie vielleicht nicht weniger, als mich, mein Bester, die Ihrigen.
Empfehlen Sie mich meinen Freunden in der Akademie, Professor Abel, Batz, Lempp, dem ich nächstens schreibe, und allen übrigen, die mich nicht ganz vergessen haben. Ewig der Ihrige.
Schiller.
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An Frau von Wolzogen.
Mannheim, den 11. Februar 1784.
Sie erwarten statt eines leeren Briefs wahrscheinlich etwas Besseres, aber nur in der Geschwindigkeit schreibe ich Ihnen, daß es mir ganz unmöglich ist, jetzt zu bezahlen. Das unglückliche Schicksal mit dem Wasser hat auch mittelbar auf mich den schlimmsten Einfluß gehabt, denn der Karneval ist ganz unfruchtbar und tot, weil kein Fremder hierher kam und Furcht und Mangel jedermann niederschlagen, so daß ich, ohne 100 Gulden zu verlieren, es nicht habe wagen können, bisher auf eine Theater-Einnahme meines Fiesco zu dringen. Sobald aber das Unglück nur in etwas gehoben ist, so geschieht es für mich mit desto mehr Nutzen. – Wenn es möglich ist, daß Israel bis Ostern wartet, so ist alles gut – wo nicht, so muß ich Geld auf Judenzins aufnehmen, um sie nicht stecken zu lassen. Schreiben sie mir das gleich, meine Beste, denn um alles in der Welt möchte ich Sie nicht in Verlegenheit setzen. Proponieren sie es Israel, ich gebe mein Ehrenwort, auf Ostern 8 Karolin zu schicken, weil ich bis dahin erst meine Theater-Einnahme aussetzen muß. Will er aber nicht, so muß ich Rath schaffen, es mag mich auch kosten, was es will. Auf Ostern hoffe ich auch den Wirth und den Schulmeister bezahlen zu können – wenigstens doch zu Ende Aprils. Sie glauben nicht, Liebe, wie kostbar dieser unglückliche Winter hier für mich worden ist – und gestern mußte ich 50 Gulden nach Stuttgart schicken, weil das unaufschieblich gewesen.
Gestern kam die kurfürstliche Bestätigung meiner Aufnahme in die Teutsche Gesellschaft; dieses, meine Beste, ist ein großer Schritt zu meinem Etablissement, denn jetzt bleib ich.
Noch einmal, liebste Freundin, suchen Sie, daß Sie Israeln bis Ostern beruhigen. – Ist es aber nicht möglich, so will ich lieber Himmel und Erde bewegen, als Sie in Stich lassen. Schreiben Sie das bald Ihrem ewig treuen Freund
Schiller.
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Mannheim, den 26. Mai 1784.
Nunmehr, meine Beste, kann ich Ihnen mit freiem unbefangenem Herzen wieder schreiben, da Sie mich aufs neue Ihrer Freundschaft versichern und die meinige nicht zurückstoßen. Gewiß, meine Theuerste, nicht einen Augenblick haben sie aufgehört, mir das zu sein, was Sie mir immer waren – nur der Eigensinn meines Schicksals konnte mich in Lagen versetzen, worin ich gezwungen war, mein eignes Herz zu verleugnen. – Es ist vorbei – es soll wenigstens vorbei sein, und eine glücklichere Zukunft mache den Fehler der Vergangenheit wiederum gut.
Zur endlichen Erlösung und Versorgung Ihres Wilhelms wünsche ich Ihnen tausendmal Glück. Er hat lang darum bluten müssen und wird jetzt die Freuden der Freiheit desto lebhafter fühlen. Das Angenehmste an der Sache war mir, daß meine Furcht, er würde nach Hohenheim versetzt werden, ungegründet gewesen. Nun, hoffe ich, wird es doch eines von seinen ersten Geschäften sein, seine liebe Mutter und Schwester zu besuchen. – Natürlicherweise führt ihn dann, zwar nicht der nächste Weg, aber doch der Weg der Freundschaft über Mannheim; ich habe die Freude, meine Zärtlichkeit gegen die Mutter dem Sohn zu beweisen und Ihre unbegrenzte Liebe zu mir, Ihre vielen Aufopferungen für mich durch eine innige Freundschaft mit Ihrem Liebling in etwas wenigstens zu belohnen. Bringen Sie es ja dahin, meine Beste, daß Wilhelm hier durchreist – wer weiß, ob er mich dann nicht in einer Lage antrifft, die mir gestattet, ihn zu begleiten?
Ihren Aufenthalt in Ihrem einsamen Hüttchen beneide ich, und dieses umso mehr, da mich die sengende Hitze des hiesigen Klimas alles für meine Gesundheit befürchten läßt. Schon jetzt ist die Luft hier so glühend, wie sie nur unter der Linie seyn kann, und die Winde, statt abzukühlen, brennen, als wenn sie aus einem Backofen kämen. –
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Den 7. Juni.
Dieser angefangene Brief ist entsetzlich lang liegen geblieben. Neulich, wie ich im Schreiben begriffen war, lassen mich Fremde in den Pfälzer Hof bitten und bereden mich zu einer Reise nach Heidelberg. Ich komme mit meinem lieben Fieber zurück, und heute finde ich den angefangenen Brief an Sie unter meinen Papieren wieder. Ich will ihn also den Augenblick fortsetzen.
Vor einem Monat waren Herr und Frau von Kalb hier und machten mir durch ihre Gesellschaft einige sehr angenehme Tage. Die Frau besonders zeigt sehr viel Geist und gehört nicht zu den gewöhnlichen Frauenzimmerseelen. Sie ließen mich wenig von ihrer Seite, und ich hatte das Vergnügen, ihnen einiges Merkwürdige in Mannheim zu zeigen. Jetzt sind sie weiter nach Landau – haben aber versprochen, öftere Besuche hier abzulegen.
Gestern bekomme ich wieder Visitenkarten von Herrn v. Beulwitz und Frau v. Lengefeld, die aus der Schweiz zurückkommen. – Das Unglück aber traf es, daß ich eben nicht zu Hause bin, und kaum kam ich noch zeitig genug, Abschied von ihnen zu nehmen. Sie hoffen, durch Meinigen zu kommen, und werden Ihnen also ohne Zweifel in Bauerbach eine Überraschung machen. Unterdessen soll ich Ihnen tausend Empfehlungen schreiben. Sie glauben nicht, meine Beste, wie theuer mir alles ist, was von Ihnen spricht und nach Ihnen verlangt.
Daß ich in Frankfurt gewesen, wissen Sie vermuthlich durch Reinwald, von dem Sie auch noch andere Kleinigkeiten von mir hören können, oder bitten Sie ihn, Ihnen meinen letzten Brief zum Lesen zu geben. Ich kann nicht leugnen, daß mir die Zeit meines Hierseyns schon manches Angenehme und Schmeichelhafte widerfahren ist; aber es ging doch nie bis auf den Grund meines Herzens, und dieses blieb noch immer kalt und leer. Krankheit und Überhäufung von Geschäften gossen zu viel Bitteres in mein bisheriges Leben, und nie, nie werde ich jene frohen heiteren Augenblicke zurückrufen können, die ich die Zeit meines Aufenthalts in Bauerbach so reichlich genoß. Wenn ich jetzt ernsthaft über meine Schicksale nachdenke, so finde ich mich seltsam und sonderbar gerührt. Nie kann ich ohne Bewegung der Seele an den Spaziergang in Ihrem Wald zurückdenken, wo es beschlossen wurde, daß ich eine Zeit lang verreisen sollte. Wer hätte damals gedacht, daß ein ungefährer Gedanke so viel in meinem Schicksal verändern würde? – und doch hat dieser Gedanke vielleicht für mein ganzes Leben entschieden. War mein Aufenthalt in Bauerbach etwa nur eine schöne Laune meines Schicksals, die nie wieder kommen wird? War es ein Gebüsch, wo ich auf meiner Wanderung hangen blieb, um desto stärker wieder mitten in den Strom gerissen zu werden? – Noch liegt eine undurchdringliche Decke vor meiner Zukunft. – Ich kann nicht einen Augenblick sagen, wie lang mein hiesiger Aufenthalt dauern wird. Gegenwärtig wenigstens könnte ich ihn unmöglich abreißen, da mich tausenderlei Fäden binden und meine Verfassung mich gegenwärtig drängt, auf eine gewisse Zeit zu contrahieren. Daß ich aber, früher oder später, eine Reise zu Ihnen machen kann, bin ich vollkommen gewiß und überzeugt, und selbst der bedenkliche Artikel der Unkosten wird mir dann erleichtert werden, wenn meine Hoffnungen wahrsagen.
Vor einigen Tagen widerfährt mir die herrlichste Überraschung von der Welt. Ich bekomme Pakete aus Leipzig und finde von vier ganz fremden Personen Briefe voll Wärme und Leidenschaft für mich und meine Schriften. Zwei Frauenzimmer, sehr schöne Gesichter, waren darunter. Die eine hatte mir eine kostbare Brieftasche gestickt, die gewiß an Geschmack und Kunst eine der schönsten ist, die man sehen kann. Die andere hatte sich und die drei andern Personen gezeichnet, und alle Zeichner in Mannheim wundern sich über die Kunst. Ein dritter hatte ein Lied aus meinen Räubern in Musik gesetzt, um etwas zu tun, das mir angenehm wäre. Sehen Sie, meine Beste, so kommen zuweilen ganz unverhoffte Freuden für Ihren Freund, die desto schätzbarer sind, weil freier Wille und eine reine, von jeder Nebenabsicht reine, Empfindung und Sympathie der Seelen die Erfinderin ist. So ein Geschenk von ganz unbekannten Händen – durch nichts als die bloße reinste Achtung hervorgebracht – aus keinem andern Grund, als mir für einige vergnügte Stunden, die man bei Lesung meiner Produkte genoß, erkenntlich zu sein – ein solches Geschenk ist mir größere Belohnung als der laute Zusammenruf der Welt, die einzige süße Entschädigung für tausend trübe Minuten. – Und wenn ich das nun weiter verfolge und mir denke, daß in der Welt vielleicht mehr solche Cirkel sind, die mich unbekannt lieben und sich freuten, mich zu kennen, daß vielleicht in 100 und mehr Jahren – wenn auch mein Staub schon lange verweht ist – man mein Andenken segnet und mir noch im Grabe Tränen und Bewunderung zollt – dann, meine Theuerste, freue ich mich meines Dichterberufes und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten Verhängnis.
Sie werden lachen, liebste Freundin, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich mich schon eine Zeit lang mit dem Gedanken trage, zu heiraten. Nicht, als wenn ich hier schon gewählt hätte, im geringsten nicht, ich bin in diesem Punkte noch so frei, wie vorhin – aber eine öftere Überlegung, daß nichts in der Welt meinem Herzen die glückliche Ruhe und meinem Geist die zu Kopfarbeiten so nöthige Freiheit und stille leidenschaftslose Muße verschaffen könne, hat diesen Gedanken in mir hervorgebracht. Mein Herz sehnt sich nach Mittheilung und inniger Theilnahme. Die stillen Freuden des häuslichen Lebens würden, müßten mir Heiterkeit in meinen Geschäften geben und meine Seele von tausend wilden Affekten reinigen, die mich ewig herumzerren. Auch mein überzeugendes Bewußtsein, daß ich gewiß eine Frau glücklich machen würde, wenn anders innige Liebe und Antheil glücklich machen kann – dieses Bewußtsein hat mich schon oft zu dem Entschlusse hingerissen. Fände ich ein Mädchen, das meinem Herzen theuer genug wäre! Oder könnte ich Sie beim Wort nehmen und Ihr Sohn werden. Reich würde freilich Ihre Lotte nie – aber gewiß glücklich.
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Den 15. Juni.
Der Brief ist wieder ein paar Tage unterbrochen worden. Ich überlese ihn jetzt und erschrecke über meine törichte Hoffnung. – Doch, meine Beste, so viele närrische Einfälle, als Sie schon von mir hören mußten, werden auch diesen entschuldigen. Leben Sie wohl und empfehlen ich tausendmal Ihrer lieben Lotte; grüßen Sie auch die Tante – an Wilhelm will ich die nächste Woche schreiben. Wenn er mich nur hier überraschte! – Ich habe gehört, daß Herr von Winkelmann über Mannheim nach Meiningen gehen werde. Es sollte mich herzlich freuen, wenn er einige Tage bei mir zubringen wollte. Für Ihren Freund und auch für den meinigen kann ich doch nie zu viel thun. Tausendmal leben Sie wohl, meine Beste, und erinnern sich Ihres Ihnen ewig treuen Freundes
Friedrich Schiller.
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Mannheim, den 8. Oktober 1784.
Ihr Brief, meine Theuerste, und die Situation, in welcher ich mich mit Ihnen befinden muß, hat eine schreckliche Wirkung auf mich gemacht. Unglückliches Schicksal, das unsere Freundschaft so stören mußte, das mich zwingen mußte, in Ihren Augen etwas zu scheinen, was ich niemals gewesen bin und niemals werden kann, niederträchtig und undankbar. Urtheilen Sie selbst, meine Beste, wie weh es mir thun muß, auch nur einen Augenblick in der Liste derjenigen zu stehen, die an Ihnen zu Betrügern geworden sind. Gott ist mein Zeuge, daß ich es nicht verdiene. Aber jetzt ist es zu nichts nütze, so allgemein über unser Verhältnis zu reden. Nur das einzige überlegen Sie bei sich selbst, ob eben diese entsetzliche Beschämung, mit der ich an meine Wohltäterin denken muß, mein bisheriges Stillschweigen nicht einigermaßen – ich will nicht sagen, entschuldigt – doch wenigstens begreiflich macht.
Wie oft und gern wäre ich in den Bedrängnissen meines Herzens, in der Bedürfnis nach Freundschaft zu Ihnen, meine Theuerste, geflogen, wenn nicht eben die schreckliche Empfindung meiner Ohnmacht, Ihren Wunsch zu erfüllen und meine Schulden zu entrichten, mich wieder zurückgeworfen hätten. Der Gedanke an Sie, der mir jederzeit so viel Freude machte, wurde mir, durch die Erinnerung an mein Unvermögen, eine Quelle von Marter. Sobald Ihr Bild vor meine Seele kam, stand auch das ganze Bild meines Unglücks vor mir. Ich fürchtete mich, Ihnen zu schreiben, weil ich Ihnen nichts, immer nichts, als das ewige Haben-Sie-Geduld-mit-mir schreiben konnte.
Aber Ihr jetziger Brief fiel mir sehr auf die Seele. Ich sehe Sie leiden, das ist entsetzlich. Ich muß, ich will wahr und aufrichtig gegen Sie sein. Vielleicht beruhigt Sie das, und ich hoffe, das soll es.
Jetzt gleich kann ich Ihnen unmöglich etwas von meiner Schuld bezahlen. Es ist schrecklich, daß ich das sagen muß, aber schämen darf ich mich nicht, denn es ist Schicksal. Man ist nicht deswegen strafbar, weil man unglücklich ist. Ich bin fast das ganze verflossene Jahr krank gewesen. Ewig nagender Gram, Ungewissheit meiner Aussichten kämpfte gegen meine Wiedergenesung. Dieses allein ist Ursache, daß mein Plan so vereitelt ist. Wäre das nicht gewesen, Sie würden gewiß größtentheils bezahlt worden sein. Kann ich dafür, daß es so gehen mußte? Aber jetzt sind meine Entwürfe gemacht, und das mit reifer, vollkommener Überzeugung. Wenn ich jetzt auf meinem Weg nicht beunruhigt werden, so ist meine Zukunft gegründet. Ich komme in Ordnung und werde in den Stand gesetzt sein, auf den letzten Heller zu bezahlen. Nur jetzt muß ich Luft haben, bis meine Sachen im Gange sind; wenn ich jetzt gelähmt werde, so bin ich auf immer gelähmt.
In dieser Woche kündige ich ein Journal an, das ich auf Subskription herausgebe. Dazu sind mir von vielen Orten her die Hände geboten worden, und meine Hoffnungen sind die besten. Wenn ich 500 Subskribenten bekomme, welches kaum fehlen kann, da ich sehr gute Maßregeln dazu ergriffen habe, so bleiben mir nach Abzug aller Unkosten 1000 Gulden fixe Revenue. Außer diesem gehen meine Einnahmen von Stücken fort, und alles beruht auf meinem Fleiß und meiner Gesundheit.
Der Gedanke, Ihnen, meine Beste, aus der Bedrängnis zu helfen und Ihnen etwas von meiner unendlichen Verbindlichkeit abzutragen, wird meinen Eifer beleben – der Wunsch, endlich einmal in Ordnung und Ruhe mich zu fühlen, wird mich spornen, alle Kräfte meines Geistes aufzubieten. Meine Lebensart ist rangiert, und ich darf sagen, daß ich kein leichtsinniger Verschwender mehr bin. Eher will ich mir alles entziehen, als diejenige leiden lassen, der ich alles, alles schuldig bin. Ich gebe Ihnen also, feierlich und fest, die gewisse Erklärung, daß Sie von heute an bis zu Ende 1785 terminweis ganz bezahlt werden sollen. Zu dem Ende habe ich meine Schuld auf drei Wechsel eingerichtet, die ich nach den Zeiträumen, wie sie benannt sind, abtragen werde. Zählen Sie auf diese Versicherung. Ich weiß gewiß, daß Gott meine Gesundheit zu diesem edeln Zwecke fristen wird. Sie, als Edeldame, werden doch auf so lange Kredit gewinnen können. Das sind die Gläubiger in der ganzen Welt ihren Schuldnern schuldig, wenigstens ein Jahr, zwei Jahre über die Zeit zu warten, wenn sie nur dann gewiß befriedigt werden, und das sollen Sie, darauf bauen Sie.
Ich darf Ihnen die Versicherung geben, meine Beste, daß ich in keinem Stücke anders worden, als ich war – daß nur mein trauriges Verhältnis zu Ihnen, meine Empfindlichkeit, so viel schuldig zu sein und nichts abtragen zu können, mich bisher abhielt, mich mit Ihnen zu unterhalten. Sie waren meinem Herzen immer gleich wert und theuer und werden es ewig sein. Ich kann das nie werden, was Sie besorgen, aber Umstände und Schicksal können zuweilen die Außenseite unkenntlich machen. Entziehen Sie mir also Ihre Liebe nie. Sie sollen und werden mich noch ganz kennen lernen, und vielleicht lieben Sie mich dann mehr. Aber leben Sie zuweilen für Ihren Freund, der jetzt mehr als jemals Muth und Kräfte braucht, seinen Recht schaffenden Entschluß auszuführen.
Schreiben Sie mir bald, sehr bald, ob ich hoffen kann, Sie beruhigt zu haben. Wenn ich weiß, daß Sie mir vergeben – daß Sie auf meine Versicherung bauen und dadurch ruhiger sind, so sollen Sie an der Verdoppelung meiner Briefe finden, daß Sie mir unveränderlich theuer sind. Lassen Sie dieses Verhältnis, das nur noch Monate dauern kann, eine Freundschaft nicht stören, die so rein, so innig und unter Gottes Augen geschlossen war. Also nächstens erwarte ich einen Brief, und dann rechnen Sie darauf, daß ich die Antwort keinen Tag mehr verschiebe.
Ewig ohne Veränderung
Ihr Freund
Fried. Schiller.