Sein erster Zufluchtsort war Mannheim. Auf den Schutz des Freiherrn von Dalberg durfte er zählen. Der Buchhändler Schwan nahm ihn freundschaftlich in seinem Hause auf. Er selbst, ein kenntnisreicher, gebildeter Mann, und seine liebenswürdige Familie zeigten ihm in Achtung und Zuneigung, wie sehr sie sein Talent und seinen persönlichen Umgang zu würdigen wußten. Ein bestimmter Aufenthalt und eine Anstellung in Mannheim aber hatten ihre Schwierigkeiten, bevor man wußte, wie der Herzog von Württemberg das Verlassen seines Dienstes aufnehmen und ob ein entscheidender Schritt gegen ihn geschehen werde.
Schiller lebte abwechselnd in Oggersheim, einem Städtchen in der Nähe von Mannheim, auf kleinen Reisen in der Umgegend und nach Frankfurt, unter dem Namen Schmidt. Ein Freund, dem er sich immer dankbar verpflichtet hielt, Streicher, unterstützte ihn mit Geld, auf großmüthige Weise, da er selbst damals nicht reicht war. Gegen seine Mannheimer Beschützer scheint er seine Verlegenheiten derart nicht bestimmt ausgesprochen zu haben. Aus einer Art von Stolz wollte er sich lieber Freunden verpflichten, die sein Herz kannten und an seinen redlichen Willen glaubten, empfangene Dienstleistungen in günstigerer Lage zu erstatten. Nur an Dalberg, der sich ihm als teilnehmender, freundlich gesinnter Gönner bewährt hatte, wandte er sich einmal in der dringendsten Verlegenheit, gleich nach seiner Flucht; es ist die Bitte eines für den Augenblick Unbemittelten, aber nicht Mittellosen. Es wird mir ein Leichtes sein, schreibt er, beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu tilgen. In dieser Zeit, besonders während eines Aufenthalts von sieben Wochen in einem Wirtshaus in Oggersheim, arbeitete er den Fiesco aus, der ihn mit dem Theater in Mannheim in engere Verbindung setzen und seine dortige Niederlassung gründen sollte.
Ungeschicklichkeit in ökonomischen Einrichtungen, die aus Unbekanntschaft mit der Welt entsprang, Momente des jugendlichen Leichtsinns, zu denen das Leben mit der Theaterwelt lockte und die sich immer durch Reue und Schwermuth rächten, trübten die ganze Lage. Auf einer Wanderung nach Frankfurt am Main überfiel ihn das Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit mit tieferer Wehmuth. Sehr düstere Augenblicke, so erzählte er uns, brachte er auf der Sachsenhäuser Brücke zu.
Die reichen, lachenden Ufer des schönen Stromes luden zu Genuss und Freude, während Gram und Sorgen sein Herz beklemmten. In der volkreichen Handelsstadt, deren weitgreifender Verkehr an den Zusammenhang mit ganz Europa erinnerte, wo Reichthum und Überfluß, Behaglichkeit und sorgloses Leben wie wohl gebauten Häuser füllte und die Straßen durchschnitt, ergriff ihn sein isoliertes Dasein in bitterem Schmerz. Aus der Natur tönt dem Einsamen immer eine Stimme des Trostes; aber die Einsamkeit in der lebenvollen, genießenden Welt verödet den Geist, zumal wenn das Mittel zum Genuß fehlt, und die Herzen der Menschen, die vielleicht ein vertrauliches Wort zu Wohlwollen eröffnet hätte, dünken dem armen Einsamen eisern und verschlossen.
Aber Trost und Hoffnung bringt der gute Genius oft unerwartet; er verließ auch unsern Freund nicht. Als er traurig durch die Straßen wandelte, kam er an das Haus eines Buchhändlers, mit dem er einigen Verkehr hatte und der sich auch nicht abgeneigt bewiesen hatte, Unterhandlungen mit ihm anzuknüpfen. Unbekannt und still seinen Betrachtungen nachhängend, stand er im Buchladen, als er eine Stimme mit Lebhaftigkeit nach den Räubern fragen hörte. Es entspann sich ein Gespräch, woraus er vernahm, wie sehr die ersten Klänge seiner Muse die Welt in Bewegung gesetzt und wie viel man von seinem Genius erwarte. Muth und Selbstgefühl waren in ihm zurückgekehrt, und die Ahnung, die die Folgezeit so schön bewährte, dass sein Name die Bühnen Deutschlands und die aller gebildeten Nationen Europas füllen würde, trug ihn, gleich einer sanft einhüllenden Wolke, über die enge düstere Gegenwart hinweg.
In Mannheim verflochten ihn seine Verhältnisse immer mehr mit der Theaterwelt. Iffland, Beck, Böck, der durch den Tod früh der Kunst entrissen wurde, waren vormalige Mitglieder der Weimar’schen und Gotha’schen Bühnen, die unter Ekhof eine vorzügliche Ausbildung gewonnen hatten; aus ihnen ging Ifflands großes Talent hervor und begann schon als Stern erster Größe in der deutschen Schauspielkunst zu leuchten. Es war ein günstiges Geschick, das den großen Tragiker und den großen Schauspieler Zeitgenossen werden ließ. Ein Talent bot dem andern die Hand, und ein freundliches Verhältnis blieb im Leben und Wirken immer zwischen beiden lebendig. Becks Frau, eine der liebenwürdigsten Schauspielerinnen, die Schiller gern durch eine ihr ganz zusagende Rolle erheben wollte, bewog ihn, Kabale und Liebe auszuarbeiten, wo ihr Talent in der Rolle der Luise Millerin sich zum schönsten entfalten sollte.
Die Aufführung des Fiesco und die von Herrn von Dalberg für diesen Zweck nöthig erachteten Veränderungen scheinen mancherlei Schwierigkeiten und Häkeleien erzeugt zu haben, die Schiller empfindlich reizten. Die vielleicht zu hoch gespannten Erwartungen des Jünglings bleiben unbefriedigt; Verdrießlichkeit und Mißlaune trübten die ganze Lage. Obgleich von Seiten des Herzogs von Württemberg keine auf Feindseligkeit deutenden Schritte gegen Schiller geschahen, auch seine Familie gar keine Unannehmlichkeiten erfuhr, so war dennoch dies Schweigen selbst noch ängstlich und drohend. Immer blieb es ungewiß, ob man ihn nicht aus der benachbarten Pfalz zur Rückkehr nöthigen werde. Ein sicherer, verborgener Aufenthalt, wo er ruhig seine entworfenen Dichtungsplane ausführen könnte, wurde in ihm zum lebhaftesten Wunsch, zum dringenden Verlangen.
In der Carlsakademie hatte sich ein Verhältniß angeknüpft, welches Einfluß auf Schillers ganzes Leben gewann. Wilhelm von Wolzogen, der älteste Sohn eines durch Wissenschaft und Charakter ausgezeichneten Edelmanns in Franken, den der Tod seiner Familie zu früh entriß, und einer trefflichen Mutter, wurde mit drei Brüdern in demselben Institut erzogen. Da er einige Jahre jünger als Schiller war und beide in verschiedenen Lehrabtheilungen gebildet wurden, fanden sich während des akademischen Lebens wenige Berührungspunkte. Aber als Schillers Gedichte und die Räuber den Flug seines Genies ankündigten, fasste Wilhelm von Wolzogen eine herzliche Zuneigung zu dem jungen Dichter. Wie es in seiner eignen edlen Natur lag, alles Vorzügliche und Große anzuerkennen, zu leiben und dessen Gedeihen zu befördern, so nahm er auch innigen Anteil an Schillers Schicksal und empfahl ihn seiner Mutter. Diese, eine Frau von seltener Herzensgüte, scheute kein Opfer, wenn es dem Glück ihrer Freunde galt. Mit vier Söhnen und einer Tochter, denen sie im reichsten Sinn des Wortes Mutter war, in beschränkten Glücksumständen, lebte sie oft auf dem Familiengut, wo sie sich ein kleines Haus erkauft hatte, da bei der Erbabtheilung das Gut mit der Herrschaftswohnung dem älteren Bruder zugefallen war. Hülfreich und wohlthätig zu sein, war ihre Natur. Ihr lebendiges Herz und ein angeborner Sinn für alles Gute uns Schöne machten ihren Umgang anmuthig und wünschenswert und erwarben ihr überall Freunde. Die Gräfin von Hohenheim, nachmalige Herzogin von Württemberg, interessierte sich lebhaft für sie und ihrer Söhne Schicksal. Häufige Reisen nach Stuttgart erhielten dieses Verhältnis und verflochten sie in mancherlei andre Verbindungen. Schiller schloss sich mit wahrhaft kindlicher Liebe an diese gute Frau an; auch wurde sie blad mit seiner Familie bekannt, deren Sorge bei seiner Entfernung von Stuttgart ihr die innigste Theilnahme einflößte. Da Schillers Lage in Mannheim immer düsterer wurde und dringendes Verlangen nach einem andern Aufenthalt ihn ergriff, bot ihm die edelmütige Freundin eine Zuflucht auf ihrem Gute Bauerbach an, das, zum fränkischen Ritterkanton Röhn und Werra gehörend, in einem einsamen Waldtal lag, wo er, abgeschlossen von allen äußeren Verbindungen, verborgen leben könnte.
Während das Wohl ihrer eigenen Söhne in des Herzogs Hand lag, wagte sie viel, da sie einen von ihm Verfolgten in ihr Haus aufnahm; aber ihre großmüthige Freundschaft berechnete nicht; die eigne wohlwollende Gesinnung gab ihr Muth und das Vertrauen, daß man ihre gute Absicht am Ende anerkennen, wenigstens entschuldigen werde. Im Winter, zu Ende des Jahres 1782 kam Schiller in dem kleinen Dorfe Bauerbach an. Tiefer Schnee bedeckte die Gegend; es war spät am Abend, schon sank die Nacht auf das Thal; aus den einzelnen, zerstreuten Häusern flimmerte Licht, dem Wanderer eine Zuflucht versprechend. Einsamkeit und Freiheit, die ihm in der gegenwärtigen Lage das Wünschenswerteste schienen, lachten ihm freundlich entgegen. Das Dorf, unter den Ruinen des alten Schlosses Henneberg gelegen, war dicht mit düstern Fichtenwäldern umgeben, die von noch höheren Bergen rings umschlossen wurden. Die in unwirthlichen Bergen karge Natur, ganz das Gegentheil von der des reichen, fruchtbaren Schwabens, bot ihren Bewohnern nur durch strenge Arbeitsamkeit Unterhalt. Aber der Hauch der Freiheit war Schillern wohlthätig, und seine Phantasie gefiel sich in den Bildern der Einöde zwischen den schroffen Felsenabhängen, über denen die dunkeln Wälder hingen.
Es war ein Hauptzug in seinem Wesen, dass er sich gern mit Bildern eines engen einfachen Lebens beschäftigte. Plane zur Entfernung von der Welt lagen immer im Hintergrunde seines Gemüths. Es war, wie wenn dieses sich eine, wenn auch späte, Zuflucht sichern wollte. Innerer Reichthum der produktiven Phantasie und ein zartes, leicht verletzbares Gefühl, dessen Träume vom Großen und Schönen die Wirklichkeit nie erfüllen konnte, erklären diesen Zug, den er wohl mit vielen ausgezeichneten Menschen gemein hatte. Auch im Spätern Leben kehrte diese Sehnsucht nach ländlicher Einsamkeit oft wieder; er gedachte dieser Zeit, wo er sie zuerst genossen, immer mit besonderem Vergnügen und behielt eine Vorliebe für den Aufenthalt, der sie ihm dargeboten.
Ein halbes Jahr lebte Schiller so, größtentheils mit sich und der Natur, unbekannt und unerkannt von Seiten des Geistes, in den rauen Umgebungen. Ein einziger Freund in Meinungen, Reinwald, der in der Folge sein Schwager wurde, kannte die Lage des geheimnisvollen Fremdlings; dieser, als Bibliothekar, versorgte ihn mit Büchern und besuchte ihn auch zuweilen. Mit dem Verwalter des Gutes spielte er Schach und machte oft Spaciergänge mit ihm. Auf einer dieser Wanderungen durch die Wälder hatte er eine sonderbare Ahnung, die ihm immer merkwürdig blieb. Auf dem unwegsamen Pfad durch den Tannenwald, zwischen wildem Gestein, ergriff ihn das Gefühl, daß hier ein Toter begraben liege. Nach wenigen Momenten fing der ihm folgende Verwalter die Erzählung von einer Mordthat an, die auf diesem Platz vor Jahren an einem reisenden Fuhrmann verübt worden, dessen Leichnam hier eingescharrt sei.
In Bauerbach las er die Geschichte des Don Carlos von St. Real, die ihn sehr anzog. Er machte den Entwurf zu einer Tragödie, deren Gegenstand der unglückliche Prinz war, und arbeitete einige Scenen aus. Auch an Maria Stuart dachte er in dieser Zeit. Die Einsamkeit, in der Schiller lebte, die Entfernung äußerer Eindrücke waren ohne Zweifel zum Theil Ursache, daß er die Welt seiner Phantasie kräftiger faßte und reiner gestaltete. Was bei leichtem, fröhlichem Jugendsinn, in heiterer Umgebung sich vielleicht in einzelnen Lichtfunken zerstreut hätte, konzentrierte sich in Einsamkeit und Ernst zu einem mächtigen Bilde. Die Pläne seiner dramatischen Werke, unmittelbare Gaben des Genius, ruhten in seiner Seele, als ein sicherer erfreulicher Besitz. Was sich aus gewonnener Weltanschauung und Erkenntniß damit vereinigen ließ, lag in seinem treuen Gemüth und Gedächtniß aufbewahrt, was davon zu scheiden war, entfernte der Verstand, der sich früh als richtender Geschmack zeigte. Wie anmuthig ist’s, an der Wiege der Dichtungen zu stehen, die unser eignes geistiges Sein oft gestalteten, immer erheiterten und bereicherten! Ihr erstes Entstehen ist geheimnisvoll, wie alles Werden in der Natur; aber wie die umgebende Welt und die Zeit sie entfaltete, davon bleiben uns oft bezeichnende Spuren.
Wie das jugendliche Herz, bewegt von Haß und Liebe, schlägt, wie alle Lebensbilder vor der dichterischen Imagination bald als kolossale Nebelgestalten, bald im lichten, freundlichen Sonnenschimmer stehen, zeigen die Briefe, die Schiller von Bauerbach aus an seien mütterliche Freundin und deren Sohn schrieb und die wir am Ende dieses Abschnitts mittheilen werden. Jede Lauen des Tages, ja der Stunde, spricht sich in ihnen aus. Tiefes und reines Gefühl, das aus allem krausen Gewölk der Phantasie hervorbricht, und Billigkeit des Urtheils, das im Element des klaren Verstandes immer obwaltet, wird unsern Freund allen befreundeten und edeln Seelen nur näher bringen. Wie empfänglich er für den Genuß zarter Geselligkeit war, wie innigen Antheil er an dem Wohl der Familie nahm, der er eine Freistatt verdankte, wie das Schicksal aller seiner Umgebungen seinen freundlichen, echt humanen Sinn berührte, zeigen diese Briefe auf die liebenswürdigste Weise; und deshalb theilen wir sie samt allem Unbedeutenden, was sie auch enthalten mögen, mit.
Nur selten konnte Frau von Wolzogen, und nur auf kurze Zeit, mit Schiller in Bauerbach wohnen, da die Liebe zu ihren Söhnen sie oft nach Stuttgart zog, oder die Freundschaft für ihren Bruder nach Walldorf, bei Meinungen. Lebhaft genoß er diese flüchtigen Erscheinungen der Mutter und einer liebenswürdigen Tochter, und bedeutend und dauernd war der Einfluß, den diese so rein und gut gesinnte Frau auf sein Inneres und Aeußeres hatte. Nach Walldorf und Stuttgart sind die Briefe gerichtet.
Einige Briefe an Reinwald nach Meinungen wurden hinzugefügt, da der damalige Gang seines Geistes und besonders die erste Entstehung des Don Carlos sich darin kund tut.
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Bauerbach, den 4. Jänner 1783
Beste theuerste Freundin!
Ich bin ungewiß, ob ich diesen Brief bälder werde fortbringen können, als ich selbst zu Ihnen gekommen. Doch warum soll ich es nicht darauf wagen? Ich habe doch wenigstens den Gewinnst, desto lebhafter an Sie zu denken, wenn ich Ihnen schreibe.
Ich kam ganz wohlbehalten von Masfeld hier an. Aber meine Prophezeihung wurde wahr. Seit Ihrer Abwesenheit bin ich mir selbst gestohlen. Es geht uns mit großen lebhaften Entzückungen wie demjenigen, der lange in die Sonne gesehen. Sie steht noch vor ihm, wenn er das Auge längst davon weg gewandt. Es ist für jede geringere Strahlen verblindet. Aber ich werde mich wohl hüten, diese angenehme Täuschung auszulöschen.
Auf die Bekanntschaft Ihres Freundes freue ich mich wie auf einen zu machenden Fund.
Sie glauben nicht, wie nöthig es ist, daß ich edle Menschen finde. Diese müssen mich mit dem ganzen Geschlecht wieder versöhnen, mit welchem ich mich beinahe überworfen hätte.
Es ist ein Unglück, meine Beste, dass gutherzige Menschen so gern in das entgegen gesetzte Ende geworfen werden, den Menschenhaß, wenn einige unwürdige Charaktere ihre warmen Urtheile betrügen. Gerade so ging es mir. Ich hatte die halbe Welt mit der glühendsten Empfindung umfaßt, und am Ende fand ich, daß ich einen kalten Eisklumpen in den Armen hatte.
Ich geh also nicht über Meinungen, sondern gerade von Bauerbach nach Walldorf. Dem Wetter wird schlechterdings nicht nachgefragt. Es ist schon schlimm genug, daß die Geisterwelt so viele Plane zernichtet, die Körperwelt soll mir keine Freude meines Lebens verderben.
Den Brief an die H v. G bringe ich mit. Ebenso mein Versprechen, das ich der Henriette gethan.
Empfehlen Sie mich ihrem vortrefflichen Herr Bruder und versichern Sie ihn meiner vollkommensten Achtung. Ihrer liebenswürdigen Lotte machen Sie mein herzlichstes Kompliment und Herrn Pfarrer Sauerteig – den ich nicht anstehe, meinen Freund zu nennen; denn da wir uns beide in der Liebe gegen sie begegnen, so müssen wir nothwendig gleich bezogen sein.
Leben Sie so lang glücklich und vergnügt, meine Theuerste, und vergessen Sie nicht, daß drei Stunden von Ihnen jeden Augenblick an Sie gedacht wird von Ihrem zärtlichsten Freude
Schiller.
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Bauerbach, 10. Jänner 1783
Theuerste Freundin!
Ohne Zweifel werden Sie wegen dem Recidiv des übeln Wetters meinethalben besorgt gewesen sein; daher verliere ich keine Zeit, Ihnen von meiner glücklichen Ankunft zu Bauerbach Nachricht zu geben. Ich nahm den Weg über Dreißigacker und Masfeld, wobei ich eine gute halbe Stunde profitierte. Der Weg wäre erträglich gewesen, wenn mir Wind und Regen nicht zugesetzt hätten.
So kann ich also doch mit dem Schicksal zufrieden sein, weil ich Sie die kurze Zeit Ihres Hierseins doch recht genießen kann. Aber die Zeit eilt so schnell, meine Beste, und das nächste Mal, daß ich Sie sehe, kommt schon der Abschied wieder. Zwar kein Abschied auf lange – doch ein Abschied – welche Empfindungen man dabei zu erwarten hat, weiß ich aus der Erfahrung. Es ist schrecklich, ohne Menschen, ohne ein mitfühlende Seele zu leben; aber es ist auch ebenso schrecklich, sich an irgend ein Herz zu hängen, wo man, weil doch auf der Welt nichts Bestand hat, nothwendig einmal sich losreißen und verbluten muss.
Ich falle in eine finstere Laune und muss abbrechen. Also zu Anfang der nächsten Woche sehe ich Sie zu Meinigen gewiß? –
Ihren edlen, verehrungswerten Bruder versichern Sie meiner ganzen immerwährenden Achtung. Je mehr ich ihn kenne, desto schätzbarer wird er mir. Ihrer guten Lotte empfehlen Sie mich auch und – vergessen Sie niemals
Ihres aufrichtigsten Freundes
S.
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Folgender ostensible Brief an Wilhelm von Wolzogen, der die Nachforschungen nach Schillers Aufenthalt irre leiten sollte, hätte wahrscheinlich diesen Zweck verfehlt, wäre es dem Herzog Carl ernstlich darum zu thun gewesen, ihn aufzufinden:
Frankfurt a.M., 19. Juni 1783
Mein liebster Freund!
Mein Schicksal hat mich nun hieher geführt. Schon oft wollte ich dir schreiben; aber da ich unter so mißlichen Umständen lebe, so traue ich den Posten wegen meiner Briefe nicht, und noch viel weniger bei solchen Briefen, die in die Akademie gehen. Man hat euch vielerlei Gerüchte von mir vorgeschwatzt, wie mir Wieland bei seiner Durchreise durch Mannheim erzählt hat. Ich hätte die Bekanntschaft eines Engländers gemacht, der seine Großmuth an mir zeigen wollte; allein du weißt, daß der Mann, dem ich mich ganz überlassen soll, nicht von gemeinem Schlag sein darf. Schwatzte ich dir doch nicht immer, als wir noch beisammen waren, von meinen Schicksalen ungefähr so, wie sie nun geworden sind? Ich kann’s nicht mehr so leiden. Überall finde ich zwar immer manche treffliche Leute, und vielleicht könnte ich mich wohl noch an einem Orte niederlassen – aber ich muss fort, ich will nach Amerika, und dies soll mein Abschiedsbrief sein.
Ich kenne deine Freundschaft und weiß, du wirst mir mehrere Gründe anführen, die mich halten sollten – aber ich bleibe bei Sternes Grundsatz – wo man keinen Rath annehmen will, muss man auch nicht um Rath fragen.
Ich habe von einem hiesigen Handelshaus genauen Unterricht von meiner Reise bekommen. Aber, wirst du fragen, was drinnen tun? Das sollen Zeit und Umstände bestimmen. Ich habe meine Medicin nicht vernachlässigt – auch die Philosophie könnte ich dort vielleicht als Professor lehren – vielleicht auch politisch mich einlassen – vielleicht auch gar nichts von allem. Aber Trauerspiele werde ich deswegen nicht aufhören zu schreiben – du weißt, daß mein ganzes Ich daran hängt.
Wenn’s eine Gelegenheit gibt, sollst du Nachricht von mir aus Amerika haben, vielleicht schreib’ ich dir noch einmal aus den Niederlanden. Lebe wohl, theuerster Freund, und fahre fort, mich zu lieben, wie dich liebt
Dein ewig treuer Freund
Schiller.
Grüße Petersen, Azel, Abel und was sonst noch meinem Herzen theuer war.
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Folgender Brief an Frau von Wolzogen, im selben Sinne geschrieben, damit er gelesen würde, ist von Hannover aus datiert.
Hannover, 8. Jänner 1783
Werden Sie mich entschuldigen, beste Frau, daß ich Sie so viele Wochen ohne Nachrichten von meinem Schicksale ließ? Ich komme sehr ungern auf mich zu sprechen. Wenn mir wohl ist, begnüge ich mich damit, daß es so ist, und bin ich übel daran, so ist es doppelt nicht nöthig. Ich habe eine Hauptveränderung in meinen Planen gemacht, und da ich anfangs nach Berlin wollte, wende ich mich jetzt vielleicht gar nach England. Doch gewiß ist es noch nicht, so große Lust ich habe, die Neue Welt zu sehen. Wenn Nordamerika frei wird, so ist es ausgemacht, daß ich hingehe. In meinen Adern siedet etwas – ich möchte gern in dieser holperichten Welt einige Sprünge machen, von denen man erzählen soll. Schreiben Sie mir doch und lassen Sie mich hören, daß Sie meine Freundin noch sind. Ich habe vor einigen Wochen – aber Sie müssen es mir verzeihen – ein Gerücht ausgesprengt, daß ich nach Bauerbach sei. Ihnen kann es nicht schaden, aber mir nützen. Sehen Sie, fürs erste hätte ich alle meine Freunde für den Kopf gestoßen, wenn ich ihnen gestanden hätte, daß ich nicht nach Berlin gehen wolle, wozu sie mir, die Mannheimischen besonders, so edle Offerten gemacht. Fürs zweite wäre ich gern ohne Streichern gereist, der mich ohne Zweifel hätte begleiten wollen, wenn er meinen wahren Plan gewußt hätte. Zum dritten wäre ich gern inkognito gereist. Sobald man es aber zu Mannheim oder Frankfurt erfahren hätte, würde es jetzt überall bekannt sein, daß ich nach Hannover sei. Glaubt man aber, ich sei zu Bauerbach, so bin ich vor allen Entdeckungen sicher. Endlich und letztens bin ich vor überlästigen Briefen gesichert, wenn man meinen Aufenthalt zu Hannover nicht weiß. Nach Bauerbach kann man schreiben. Sie haben ja einen Verwalter dort? Nicht? – Der kann die Korrespondenz unterhalten.
Lassen Sie mich doch wissen, ob Ihr ältester Sohn aus der Akademie gekommen und wo er angestellt worden? Nicht wahr, zu Hohenheim? – Auch empfehlen Sie mich vielmals.
Sie haben mich in Ihrem letzten Brief gebeten, den Herzog in Schriften zu schonen, weil ich doch (meinen Sie) der Akademie viel zu verdanken hätte. Ich will nicht untersuchen, wie weit dem so ist, aber mein Wort haben Sie, daß ich den Herzog von Württemberg niemals verkleinern will. Im Gegentheil habe ich seine Partei gegen Ausländer (Franken und Hannoveraner besonders) schon hitzig genommen.
Von der Hauptmann Vischerin habe ich etwas gehört, das mir unangenehm ist. Ich schrieb ihr vor etlichen Monaten einen (etwas übereilten) Brief, der so beschaffen war, daß ihn niemand zu Gesicht bekommen durfte. Die Vischerin kommunicierte ihn einem gewissen Officier. Sie hätte mir lieber, weiß nicht was, tun können. Eine solche Indiskretion (das ist der gelindeste Name) thut weh, und ich dachte besser von ihr. Wie muß ich mich doch so oft in meine liebsten Personen betrügen! –
Nun leben Sie wohl, beste Wolzogen, und legen Sie den Brief (wenn Sie mich nicht auch schon vergessen haben und einer Antwort noch werth halten) bei meinen Eltern nieder. Ich sehe Sie vielleicht mein Lebtag nicht wieder; aber mein Herz ist bei Ihnen, und wenn Sie allein sind, so denken Sie bei sich selbst: ‚Jetzt denkt man einige 100 Stund weit an mich.’
Ewig Ihr treuster
Fr. Schiller.
p.p. Die Vischerin lassen Sie nichts merken. Es sollte mir doch weh tun, wenn sie wüßte, daß ich von Stuttgart aus – und von ihren ersten Freunden fast alles erfahre.
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Bauerbach, den 1. Februar 1783
Theuerste Freundin!
Gott sei Dank – eine Woche ohne Sie auf dem Rücken. Also von 14, die bevorstunden, eine vom Halse. Ich wünschte, daß die Zeit alle ihre Geschwindigkeit bis auf den Mai zusetzte, damit sie hernach desto abgematteter ginge.
Meine Wünsche und meine Tränen haben Sie begleitet, beste Freundin. Wo Sie auch sind, werden Sie solches Gefolge von mir bekommen. Die Freude über die Erfüllung Ihres und meines Wunsches, daß Ihre Lotte mit Ihnen darf, machte mir den Gedanken Ihrer Abreise etwas erträglicher, und ich weiß nicht, ob ich bei Ihrem Hierbleiben, wenn nämlich die Lotte nicht mitgedurft hätte, nicht ebenso traurig gewesen wäre, so viel ich selbsten dabei gewonnen hätte. –
Eben wanderte ein Brief an meine Eltern fort; doch hab’ ich, soviel ich von Ihnen sprechen mußte, kein Wort von Ihrem bisherigen Hierseyn und den fröhlichen Augenblicken unsres hiesigen Beieinanderseyns verloren. Sie selbst haben also das alles noch zu erzählen und werden vermutlich ein paar aufmerksame Zuhörer haben.
Neues weiß ich Ihnen nichts zu schreiben.
Das satyrische Gedicht, wovon Sie wissen, ist fertig; ich weiß aber nicht, wie es der H aufgenommen. – Man spricht hier zu Bauerbach, daß in einem Zimmer des Meininger Schlosses 30,000 fl. an Gold und Silber und einige Kisten von Tabaksdosen, und was weiß ich? – entdeckt worden. Gott bewahre aber, daß ich’s nachsagen sollte. Doch unmöglich wäre es nicht, und auf die diensttägige Fête wäre der Fund vortrefflich. – Die Tabaksdosen waren mir wichtig, und derjenige, der eine ganze Kiste davon sammelte, muß mich selbst übertroffen haben.
Liebste Freundin, heute haben wir einen so trefflichen Frühlingstag, daß mir die ganze Zukunft, die so angenehm vor mir liegt, zu Gedächtniß kommt. Wie werth müssen solche Tage alsdann sein, wenn sie ihre Farben von der Freundschaft entlehnen! Ich mache einen Ausflug auf den Berg und das Wäldchen. Vielleicht schieß’ ich einen Raubvogel.
Leben Sie also recht wohl, meine Freundin. Ihren Herrn Bruder versichern Sie meiner wahren Achtung, und daß ich bedaure, kein Doctor juris zu sein, um ihm mit Leib und Seele zu dienen. Viele Complimente an Fräulein Lotte. Ohne Aufhören
Ihr
Friderich Chevalier.
p.p. Noch eine Hauptsache, beste Wolzogen. Weil ich nach Mannheim die bewußte Lüge wegen meiner Abreise geschrieben habe, also nothwendig und mit dem nächsten eine Adresse nach einem andern Ort angeben muß, so fiel mir ein, ob nicht Sie in Bamberg durch Ihre oder Ihrer Freunde Bekanntschaften jemand ausfindig machen könnten, an den ich die Briefe, die von Mannheim an mich kommen, nach Bamberg schicken und durch den hernach an Reinwalden hieher adressieren lassen könnte. Es kommt auf einen Versuch an. Denken Sie nach.
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An Frau von Wolzogen (in Urach)
Bauerbach, den 27. März 1783
Die guten Nachrichten, theuerste Freundin, welche Sie mir von der Besserung meiner liebsten Mutter, von Ihrem und der Ihrigen Wohl und Ihres Wilhelms Erlösung gegeben, waren mir so erfreulich, als mir eine andre verdrießlich war. Sie schreiben mir, daß sich ein gewisser Herr nicht abhalten lasse, mit Ihnen nach Meiningen zu kommen. Die Gleichgültigkeit, womit Sie diesen Umstand berühren, setzte mich in die äußerste Befremdung und in die unangenehme Nothwendigkeit, Ihnen meine Besorgnisse wegen diesen Punkt umständlich mitzutheilen, welche ich Sie recht sehr zu beherzigen bitte.
Der Fall ist dieser. Wenn sich Herr von W. wirklich mit Ihnen in M. einfinden sollte, so ist es durchaus unmöglich, daß ich Ihre Ankunft erwarten kann. Lassen Sie sich diese Nachricht nicht bestürzen, liebste Freundin, und gönnen Sie mir ein ruhiges Gehör. Ganz M. weiß, daß sich ein Württemberger in Bauerbach aufhält, daß dieser ein sehr guter Freund von Ihnen ist, und daß er sich mit Schriften beschäftigt. Ganz M. vermuthet, daß dieser Ritter nicht der ist, für den er sich ausgibt; daß er vielleicht Verdruß in seinem Vaterland gehabt hat und darum seinen Namen verschweigen muß. Man war schon lange begierig, diesem verkappten Ritter auf die Spur zu kommen, man hat sogar wegen einiger Aeußerungen des vorigen Herzogs auf den Wahren gerathen.
Nehmen Sie nun dies alles zusammen, und lassen sie besagten Herrn nach M. kommen. Wird man nicht die erste Gelegenheit ergreifen, nach mir zu forschen? Zweifeln Sie, daß Herr von W., wenn ihm alle jene Umstände, mit meinem Exterieur verbunden, gesagt werden, den Augenblick auf mich fallen werde? Ich gebe es Ihnen zu bedenken, ob eine solche Person, die so, wie jener Herr, von unsrer beiderseitigen Freundschaft, meinen Verhältnissen zu meinem Vaterland und meinem ganzen Thun und Lassen unterrichtet ist, der mehr als tausend andre neugierig ist und vorzüglich neugierig auf meine Schicksale ist, ob eine solche Person, bei der ausgestreuten Erdichtung stehen bleiben werde? Ob Sie selbst Gewalt genug über sich haben, das Gegentheil auf seine zudringlichen Fragen mit unveränderter Stirne zu behaupten? – Ob er der Mann ist, der in das Geheimniß der Sache gezogen werden darf? Ich erkläre Ihnen entschlossen und offenherzig, daß ich das letztere niemalen zugeben werde. Ich will ihm durchaus nichts von seinem Werthe benehmen, denn er hat wirklich einige schätzbare Seiten – aber mein Freund wird er nicht mehr, oder gewisse zwei Personen müßten mir gleichgültig werden, die mir so theuer wie mein Leben sind. Weil ich also eine Entdeckung auf dieser Seite unmöglich Gefahr laufen kann, so muß ich einen Schritt thun, der mir von allen meines Lebens der schmerzlichste ist – ich muß Sie verlassen. Ich muß Sie zum letzten Mal gesehen haben. Es kostet mich viel, es Ihnen zu sagen. Ich will nicht bergen, daß ich dadurch manche schöne herrliche Hoffnung aufgeben muß, daß es vielleicht einen Riß in meinem ganzen künftigen Schicksal zurückläßt; aber die Beruhigung meiner Ehre gehet vor, und mein Stolz hat meiner Tugend schon so viele Dienste gethan, daß ich ihm auch eine Tugend preisgeben muß.
Überlegen Sie, theure Freundin, ob die Sache noch zurückgetrieben werden kann, oder vielmehr, ob Sie es wünschen, sie zurückzutreiben. Es wäre eine unverzeihliche Eitelkeit von mir, wenn ich verlangen wollte, daß Sie um meinetwillen einen Menschen, der sich durch Bande der Verwandtschaft und Liebe an Sie attachiert hat, der Sie auch wirklich zu schätzen weiß, wegstoßen sollten. Nein, es wäre ein höchst ungerechtes Zumuthen, wenn ich prätendierte, daß Sie mir, der kein Verdienst um Sie hat, als Freundschaft, eine Person aufopfern sollten, die keinen Fehler hat, als daß ich Sie nicht liebe. Ich würde Ihre und Ihrer guten Lotte Ankunft in Bauerbach nicht ertragen können, wenn mir einfiele, daß ich Sie eines Freundes beraubte.
Ich bleibe Ihnen immer und unter allen Zufällen; aber dieser könnte Ursache finden, ein Mißtrauen in Sie zu setzen, wenn Sie ihn bei dieser Gelegenheit vernachlässigten. Also überlegen Sie es recht, beste Freundin; denn wenn Sie auch in mir denjenigen nicht finden sollten, den Sie suchten; wenn ich gewahr würde, dass sie es bereuten, mir zulieb so viel aufgeopfert zu haben, so wäre es um meine Ruhe geschehen. Ist der Fall unvermeidlich, so bitte ich Sie inständig, es mir beizeiten zu wissen zu tun, daß ich mich in Betracht meiner Barschaft darnach richten kann. An dieses letztere dürfen Sie sich stoßen, Freundin. Die Mannheimer verfolgen mich mit Anträgen um mein neues ungedrucktes Stück, und Dalberg hat auf eine verbindliche Art über seine Untreue Entschuldigung getan. Ich kann also zu Ausgang des Mais so viel Bargeld zusammenbringen, daß ich nach Berlin reisen und einiges Geräte anschaffen kann.
Dort werde ich bald Auskommen finden, und Adressen bekomme ich in Menge dahin. Hungers sterben werd ich zuverlässig nicht, und das Bewußtseyn, Ihre Ruhe befördert zu haben, wird mich auch glücklich machen. Also sein Sie über diesen Punkt gar nicht in Sorgen, und handeln Sie ganz frei. Können Sie es aber ohne Ihren und eines Menschen Nachtheil dahin bringen, daß ich bleiben kann, so machen Sie niemand größere Freude, als mir. Wollen Sie selbst, daß Sie die Gesellschaft dieses Herrn verlieren, so streuen Sie aus, dass Sie in 5 – 6 Monaten wieder nach Stuttgart kommen und ihn dann nebst Wilhelm mitnehmen wollen. Was Sie thun, meine Beste, schonen Sie sich und meinen Stolz.
Nunmehr leben Sie wohl. Tausend Grüße an die lieben Meinigen, an Ihre Lotte und Wilhelm. Ewig
Ihr Freund
S.
Hier ist alles in gutem Stand, außer daß der alte Flurschütz Kegel gestorben und unser junger Pfarrer sehr krank ist.
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An Rat Reinwald in Meinungen.
Bauerbach, den 21. Februar 1783
Sie werden denken, ich sei indes gestorben, oder ich habe Sie vergessen, weil ich Ihnen nicht eine Zeile schrieb. Das letztere kann wenigstens nur sein, wenn das erste ist, und dies ist ja nun nicht.
Ich höre zu meinem Leidwesen, daß Sie neulich einen Fehlgang um meinetwillen gemacht haben. Ich war schon am Anfang des Walds, als es mit Macht zu schneien anfing, und wandte aus keiner andern Ursache um, als weil ich gewiß glaubte, das Wetter würde Sie abschrecken. Mir selbst wär’ es ganz das nämliche gewesen, aber ich traute es Ihrer schwächern Natur nicht zu, und einen Fehlgang wollte ich um so weniger Gefahr laufen, weil ich mein Schauspiel gern expediert hätte. Sie haben also nur meine Mutmaßung, aber gewiß nicht meine Freundschaft beschämt. Setzen Sie nun den nächsten erträglichen Tag selbst aus, so will ich meine Versäumniß hereinbringen. Liebster Freund, ich wünschte Sie oft – so oft in meine einsame grillenhafte Zelle herein und möchte oft meine tägliche Kost um eine menschliche Gesellschaft dahingeben.
Gelegenheitlich muß ich anmerken, daß ich nunmehr der Meinung bin, daßdas Genie wo nicht unterdrückt, doch entsetzlich zurückwachsen, zusammenschrumpfen kann, wenn ihm der Stoß von außen fehlt. Man sagt sonst, es helfe sich in allen Fällen selbst auf – ich glaub’ es nimmer. Wenn ich mich im weitesten Verstand zum Beispiel setzen kann, so beweist meine jetzige Seelenlage das Gegentheil. Mühsam und wirklich oft wider allen Dank muß ich eine Laune, eine dichterische Stimmung hervorarbeiten, die mich in zehn Minuten bei einem guten denkenden Freunde sonst anwandelt. Oft auch bei einem vortrefflichen Buch oder im offenen Himmel. Es scheint, Gedanken lassen sich nur durch Gedanken locken, und unsre Geisteskräfte müssen wie die Saiten eines Instruments durch Geister gespielt werden. Wie groß muss das Originalgenie sein, das weder in seinem Himmelsstrich und Erdreich, noch in seinem gesellschaftlichen Kreis Aufmunterung findet und aus der Barbarei selbst hervorspringt.
Hören Sie. Wenn ich nicht vortheilhaft mit Weygand fahren sollte, so habe ich ziemlich Lust, es mit der Dessauischen Kasse zu probieren. Schreiben Sie mir nur das einzige, ob es bald gedruckt würde, wenn ich mich mit dieser einließe. Daß es nicht gleich bezahlt wird, weiß ich. Aber so vortheilhaft ich auch mit Buchhändlern handle, so glaube ich doch, treiben sich die Revenuen eines Buchs durch den Weg der Dessauischen Kasse noch höher.
Mündlich das mehrere. Lassen Sie mich doch wissen, sobald Sie abkommen können.
Ohne Veränderung Ihr
S.
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Bauerbach, den 27. März 1783
Ich setze mich nieder, mein langes Stillschweigen, das einen Mangel an Gelegenheit zur Ursache hatte, jetzt auf einmal hereinzubringen. Zwei Briefe waren schon auf den Weg zu Ihnen, und beide Male kamen ihre Überbringer wegen verschlimmertem Wetter zurück.
Mit Weygand bin ich fertig, wie Sie aus dem Einschluß abnehmen werden. Ob ich mit Dalberg zustande kommen kann, zweifle ich. Ich kenne ihn ziemlich, und meine Luise Millerin hat verschiedene Eigenschaften an sich, welche auf dem Theater nicht wohl passieren; z.B. die gotische Vermischung von Komischem und Tragischem, die allzu freie Darstellung einiger mächtigen Narrenarten und die zerstreuende Mannigfaltigkeit des Details. Eröffnen Sie mir Ihre Meinung darüber. Eh ich mich in einen Weygandartigen Handel mit Dalberg einlasse, will ich die Sache lieber gar nicht in Bewegung bringen.
Über ein neues Stück bin ich mit mir einig. Um meines langen Hin- und Herschwankens zwischen Imhof und Maria Stuart los zu sein, hab ich beide bis auf weitere Ordre zurückgelegt und arbeite nunmehr entschlossen und fest auf einem Don Carlos zu. Ich finde, dass diese Geschichte mehr Einheit und Interesse zum Grunde hat, als ich bisher geglaubt, und mir Gelegenheit zu starken Zeichnungen und erschütternden oder rührenden Situationen gibt. Der Charakter eines feurigen, großen und empfindenden Jünglings, der zugleich der Erbe einiger Kronen ist, – einer Königin, die durch den Zwang ihrer Empfindung, bei allen Vortheilen ihres Schicksals verunglückt, – eines eifersüchtigen Vaters und Gemahls – eines grausamen heuchlerischen Inquisitors und barbarischen Herzogs von Alba u.s.f. sollten mir, dächte ich, nicht wohl mißlingen. Dazu kommt, daß man einen Mangel an solchen deutschen Stücken hat, die große Staatspersonen behandeln – und das mannheimische Theater dieses Süjet von mir bearbeitet wünscht. Auch hier, lieber werther Mann, erwarte ich Ihren, mir immer wichtigen Rath – und weil Sie mich schon so weit verbunden haben, daß ich Ihnen die Vortheile und den Ruhm meiner jetzigen Beschäftigung hälftig verdanken muß, so entziehen Sie mir auch hiebei Ihre freundschaftliche Unterstützung nicht. Wenn ich eine spanische Geschichte mit Vortheil behandeln soll, so werde ich nothwendig mit dem Nationalcharakter, den Sitten und der Statistik des Volkes bekannt sein müssen. Sie, mein Freund, wissen am besten, aus welchen Quellen ich diese Kenntniß schöpfen kann, und werden ohne Zweifel auf der Bibliothek dergleichen Werke haben. Wenn Sie sich nun auf einen Augenblick in meine Lage versetzen und den Zustand der Unentschlossenheit und Unthätigkeit kennen, der mir besonders hier unerträglich ist, so weiß ich gewiß, daß Sie keine Zeit verlieren werden, die Ihren Freund in Geschäfte bringen und in Verfolgung seiner Arbeit erleichtern kann. Bälder, als ich mit Spaniens Sitten und Regierung bekannt bin, kann ich meinen Plan nicht vollenden und noch viel weniger eine Ausführung auf Geratewohl wagen. Daher hoffe ich, Sie werden meine Ungeduld wenigstens mit einigen dahin einschlagenden Werken befriedigen. Die Judith wird abends, eh sie abgeht, bei Ihnen anfragen und das, was Sie mir schicken wollen, abholen. Wenn Sie allenfalls Brantomes Geschichte Philipps II. besitzen, so theilen Sie mir solche auch mit. –
Es sollte mich doch befremden, wenn Sie auch noch jetzt meinen Fiesco nicht haben, und möchte ich wissen, ob er in der Gothaer Zeitung angekündigt worden.
Die Geschichte der Bastille hat mich sehr unterhalten, und ich glaube, daß sie sich in französischer Sprache mit vielem Vergnügen lesen läßt. Ich sende sie Ihnen mit dem nächsten Botengang zurück. Haben Sie unter der Hand ein gutes Buch zu meiner Belehrung und Unterhaltung entdeckt, so werden Sie ein dürres Erdreich begießen, wenn Sie mir solches communicieren.
Jetzt, bester Freund, fangen die herrlichen Zeiten bald an, worin die Schwalben auf unsern Himmel und Empfindungen in unsre Brust zurückkommen. Wie sehnlich erwarte ich sie! – Einsamkeit, Mißvergnügen über mein Schicksal, fehlgeschlagene Hoffnungen und vielleicht auch die veränderte Lebensart haben den Klang meines Gemüths, wenn ich so reden darf, verfälscht und das sonst reine Instrument meiner Empfindung verstimmt. Die Freundschaft und der Mai sollen es, hoff’ ich, aufs neue in Gang bringen. Ein Freund soll mich mit dem Menschengeschlecht, das sich mir auf einigen häßlichen Blößen gezeigt hat, wiederum aussöhnen und meine Muse halbwegs nach dem Cocytus wieder einholen. Aber ich verfalle in eine Melancholie und fürchte, Sie anzustecken.
Die Frau von Wolzogen und ihre Tochter empfehlen sich Ihnen. Präzise am 17. Mai verlassen sie Stuttgart.
Nun leben Sie wohl, lieber guter Mann, und lieben Sie mich, nicht mehr und nicht weniger, als ich Sie. Ewig der Ihrige
S.
Auf unsre nächste Zusammenkunft soll eine Scene von Don Carlos fertig sein, die Sie richten werden. NB. Das Gedicht!
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Bauerbach. Früh in der Gartenhütte
Am 14. April 1783
In diesem herrlichen Hauche des Morgens denk ich Sie, Freund – und meinen Carlos. Meine Seele fängt die Natur in einem entwölkten blankeren Spiegel auf, und ich glaube, meine Gedanken sind wahr. Prüfen Sie solche.
Ich stelle mir vor, – jede Dichtung ist nichts andres, als eine enthusiastische Freundschaft oder platonische Liebe zu einem Geschöpf unsers Kopfes. Ich will mich erklären.
Wir schaffen uns einen Charakter, wenn wir unsre Empfindungen und unsre historische Kenntnis von fremden in andre Mischungen bringen – bei den Guten das Plus oder Licht – bei Schlimmern das Minus oder den Schatten vorwalten lassen. Gleichwie aus einem einfachen weißen Strahl, je nachdem er auf Flächen fällt, tausend und wieder tausend Farben entstehen, so bin ich zu glauben geneigt, daß in unsrer Seele alle Charaktere nach ihren Urstoffen schlafen und durch Wirklichkeit und Natur oder künstliche Täuschung ein dauerndes oder nur illusorisches und augenblickliches Dasein gewinnen. Alle Geburten unsrer Phantasie wären also zuletzt nur wir selbst. Aber was ist Freundschaft oder platonische Liebe denn anders, als eine wollüstige Verwechslung der Wesen? Oder die Anschauung unsrer selbst in einem andern Glase? – Liebe, mein Freund, das große unfehlbare Band der empfindenden Schöpfung, ist zuletzt nur ein glücklicher Betrug. – Erschrecken, entglühen, zerschmelzen wir für das fremde, uns ewig nie eigen werdende Geschöpf? Gewiss nicht. Wir leiden jenes alles nur für uns, für das Ich, dessen Spiegel jenes Geschöpf ist. Ich nehme selbst Gott nicht aus. Gott, wie ich mir denke, leibt den Seraph so wenig als den Wurm, der ihn unwissend lobet. Er erblickt sich, sein großes unendliches Selbst, in der unendlichen Natur umhergestreut. – In der allgemeinen Summe der Kräfte berechnet er augenblicklich sich selbst – sein Bild sieht er aus der ganzen Ökonomie des Erschaffenen vollständig, wie aus einem Spiegel, zurückgeworfen und liebt sich in dem Abriß, das Bezeichnete in dem Zeichen. Wiederum findet er in jedem einzelnen Geschöpf (mehr oder weniger) Trümmer seines Wesens zerstreut. Dieses bildlich auszudrücken – So wie eine Leibnitz’sche Seele vielleicht eine Linie von der Gottheit hat, so hat die Seele der Mimosa nur einen einfachen Punkt, das Vermögen zu empfinden von ihr, und der höchste denkende Geist nach Gott – Doch Sie verstehen mich ja schon. Nach dieser Darstellung komme ich auf einen reineren Begriff der Liebe. Gleichwie keine Vollkommenheit einzeln existieren kann, sondern nur diesen Namen in einer gewissen Relation auf einen allgemeinen Zweck verdient, so kann keine denkende Seele sich in sich selbst zurückziehen und mit sich begnügen. Ein ewiges nothwendiges Bestreben, zu diesem Winkel den Bogen zu finden, den Bogen in einen Zirkel auszuführen, hieße nichts anders, als die zerstreuten Züge der Schönheit, die Glieder der Vollkommenheit in einen ganzen Leib aufzusammeln – das heißt mit andern Worten: Der ewige innere Hang, in das Nebengeschöpf überzugehen, dasselbe in sich hineinzuschlingen, es anzureißen, ist Liebe. Und sind nicht alle Erscheinungen der Freundschaft und Liebe – vom sanften Händedruck und Kusse bis zur innigsten Umarmung – so viele Aeußerungen eines zur Vermischung strebenden Wesens?
Jetzt wär’ ich auf dem Punkt, zu dem ich durch eine Krümmung gehen mußte. Wenn Freundschaft und platonische Liebe nur eine Verwechselung eines fremden Wesens mit dem unsrigen, nur eine heftige Begehrung seiner Eigenschaft sind, so sind beide gewissermaßen nur eine andre Wirkung der Dichtungskraft – oder besser: Das, was wir für einen Freund, und was wir für einen Helden unsrer Dichtung empfinden, ist eben das. In beiden Fällen führen wir uns durch neue Lagen und Bahnen, wir brechen uns auf andern Flächen, wir sehen uns unter andern Farben, wir leiden für uns unter andern Leibern. Können wir den Zustand eines Freunds feurig fühlen, so werden wir uns auch für unsre poetische Helden erwärmen. Aber die Folgerung, daß die Fähigkeit zur Freundschaft und platonischen Liebe sonach auch die Fähigkeit zur großen Dichtung nach sich ziehen müsse, würde sehr übereilt sein. – Denn ich kann einen großen Charakter durchaus fühlen, ohne ihn schaffen zu können. Das aber wäre bewiesen wahr, daß ein großer Dichter wenigstens die Kraft zur höchsten Freundschaft besitzen muß, wenn er sie auch nicht immer geäußert hat. – Das ist unstreitig wahr, daß wir die Freunde unsrer Helden sein müssen, wenn wir in ihnen zittern, aufwallen, weinen und verzweifeln sollen; daß wir sie als Menschen außer uns denken müssen, die uns ihre geheimsten Gefühle vertrauen und ihre Leiden und Freuden in unsern Busen ausschütten und entflammen wir Dichter am meisten, wenn wir selbst Furcht und Mitleid für unsern Helden gefühlt haben. Ein großer Philosoph, der mir nicht gleich beifallen will, hat gesagt, daß die Sympathie am gewissesten und stärksten durch Sympathie erweckt werde. Jetzt denke ich diesen Satz in seiner ganzen Deutlichkeit. Der Dichter muß weniger der Maler seines Helden – er muß mehr dessen Mädchen, dessen Busenfreund sein. Der Antheil des Liebenden fängt tausend seine Nuancen mehr als der scharfsichtigste Beobachter auf. Welchen wir lieben, dessen Gutes und Schlimmes, Glück und Unglück genießen wir in größern Dosen, als welchen wir nicht so lieben und noch so gut kennen. Darum rührte mich Julius von Tarent mehr als Lessings Aemilia, wenngleich Lessing unendlich besser als Leisewitz beobachtet. Er war der Aufseher seiner Helden, aber Leisewitz war ihr Freund. Der Dichter muß, wenn ich so sagen darf, sein eigner Leser und, wenn er ein Theatralischer ist, sein eignes Parterre und Publicum sein. – –
Ich habe Ihnen hier vieles und, wie ich beim Durchlesen finde, mit zu wenig Worten gesagt. Vielleicht führe ich solches ein andermal aus.
Nun eine kleine Anwendung auf meinen Carlos. Ich muss Ihnen gestehen, daß ich ihn gewissermaßen statt meines Mädchens habe. Ich trage ihn auf meinem Busen – ich schwärme mit ihm durch die Gegend um – um Bauerbach herum. Wenn er einst fertig ist, so werden Sie mich und Leisewitz an Don Carlos und Julius abmessen. – Nicht nach der Größe des Pinsels – sondern nach dem Feuer der Farben; nicht nach der Stärke auf dem Instrument – sondern nach dem Ton, in welchem wir spielen. Carlos hat, wenn ich mich des Maßes bedienen darf, von Shakespeares Hamlet die Seele, – Blut und Nerven von Leisewitz’ Julius – und den Puls von mir. – Außerdem will ich es mir in diesem Schauspiel zur Pflicht machen, in Darstellung der Inquisition die prostituierte Menschheit zu rächen und ihre Schandflecken fürchterlich an den Pranger zu stellen. Ich will – und sollte mein Carlos dadurch auch für das Theater verloren gehen – einer Menschenart, welche der Dolch der Tragödie bis jetzt nur gestreift hat, auf die Seele stoßen. Ich will – Gott bewahre, dass Sie mich nicht auslachen. – –
Ihr letzter Brief, mein Bester, hat Ihnen in meinem Herzen ein unvergeßliches Denkmal gesetzt. Sie sind der edle Mann, der mir so lange gefehlt hat, der es werth ist, daß er mich mit samt allen meinen Schwächen und zertrümmerten Tugenden besitze, denn er wird jene dulden und diese mit einer Träne ehren. Theurer Freund! Ich bin nicht, was ich gewiß hätte werden können. Ich hätte vielleicht groß werden können, aber das Schicksal stritte zu früh wider mich. Lieben und schätzen Sie mich wegen dem, was ich untern bessern Sternen geworden wäre, und ehren Sie die Absicht in mir, die die Vorsicht in mir verfehlt hat. Aber bleiben Sie mein!
S.
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An Frau von Wolzogen
Am 23. April 1783
Einen Schrecken hätte ich Ihnen also gemacht, meine Freundin? – Dafür haben auch Sie mich in Ihrem letzten Brief gedemüthigt, und mehr, als ich verdiene.
Sie räumen beinah alle meine Besorgnisse wegen der Ankunft des Herrn v. W.’s weg und setzen es dennoch auf Schrauben, ob ich wohl bleiben werde? Sie scheinen es möglich zu finden, daß ich überhaupt mein Glück auf Unkosten meines ehrlichen Namens und guten Gewissens, meinen tausend Verpflichtungen und Pflichten gegen Sie zum Trotz, hätte aufsuchen wollen, und möchten auf das bäldeste von mir wissen, was ich entschlossen sey, und was zu meinem Glück diene? Sie sagen mir also, nur mit andern Worten, daß Sie mich fähig halten, die treuloseste und undankbarste That auf der Welt zu thun. Ich will Ihnen das nicht zum Vorwurf gesagt haben, meine Beste. Weiß ich doch fest und gewiß, daß Sie mich lieben, wie keine Mutter mehr lieben kann. Aber glauben Sie mir doch endlich einmal, daß Sie keinen unwürdigen Sohn haben!
Also zuverlässig im Monat Mai, meine Liebe. Ich zähle darauf. Ihre Gegenwart ist niemand wichtiger, als mir. Aber auch überhaupt ist sie nothwendig, wie Sie jetzt hören werden. Ihr ganzes Bauerbach ist gegenwärtig in Unruhe, welche nur durch Ihre persönliche Autorität gestillt werden kann. Der ewige Groll der Gemeinde gegen den Verwalter äußert sich täglich mehr.
Neulich entstand ein Streit zwischen beiden Parteien wegen der Schafe. Vogt (der Verwalter) und Consorten verboten, das Vieh auf die Wiesen zu treiben. Der Wirth, Schnupp, Ziegenbein und Straub (dessen Frau vor einigen Tagen starb) prätendierten das Gegentheil. Die Gerichte sprachen zweimal für den Verwalter, und dem ungeachtet treiben die letzteren die Schafe auf die Wiesen; Ihre eignen nicht geschont. Ich kam zu einer Scene, die, so verdrießlich sie mir im Grunde war, den besten Maler verdient hätte. Vogt und Familie kommen mit Knütteln, die Schafe wegzutreiben, die andern wehren sich, man sagt sich Grobheiten, Wahrheiten u. dergl. Des Wirths Sohn hetzt den Hund an den Schulmeister, welcher, in Gefahr, Schläge zu kriegen, die Glocke ziehen ließ und das ganze Dorf aufforderte. Nun ist ihm durch den Gerichtshalter alle gewaltthätige Execution des Verbots untersagt und auf morgen ein Termin angesetzt. Meine Meinung ist (ich habe beide Parteien gehört), Sie soutenieren Ihren Schulzen, der doch immer Ihre Person vorstellen muß, gegen das respectswidrige Betragen der Nachbarn. Das müssen Sie tun, wenn Sie nur einen Befehl exequiert sehen wollen und die Ruhe erhalten werden soll. Die Gemeinde aber müssen Sie auch gegen diesen in Sicherheit setzen. Rein ist er nicht, wie Sie sehr wohl wissen, aber die Grobheit und Gewaltthätigkeit der andern ist auch unverantwortlich, und wie ich hörte, soll ein Confirmand, den Tag vor der Einsegnung, dem Verwalter zum Spott, hinter die Orgel hofiert haben in Mitte des Gottesdiensts. Geben Sie diesem positive Gewalt, aber behalten Sie sich vor, sein Verhalten zu untersuchen. Mehr, wenn Sie selbst kommen; ich habe über diesen Punkt noch einige Gedanken.
Reinwald und ich danken Ihnen beide für die Wohlthat, die Sie uns erwiesen, uns miteinander bekannt zu machen. Er ist mir äußerst werth, und ich glaube, ich bin es auch ihm.
Ihre Pfarrer zu Bibra, Vater und Sohn, kenne ich sehr gut, und beide lieben mich, wie ich sie, von Herzen. Den Jungen helfe ich Ihnen gewiß zum Vortheil bilden, sowie er mich in vielen, Ihnen auch sehr wichtigen Stücken befestigen soll. Kurz, zu meiner Zufriedenheit in B. fehlt mir nichts als Sie, meine Beste.
Sie schreiben mir nicht, ob Ihr Wilhelm aus der herzoglichen Carls-Akademie gekommen und wo er gegenwärtig ist. Empfehlen Sie mich ihm sehr, wie auch Fräulein Lotten, die mir doch schreiben möge, ob sie bald Schach gelernt hat? –
Die Meinigen grüßen und küssen Sie tausendmal; sie werden nun wohl meinen Brief haben. Mein Fiesco ist gedruckt und wird wohl bald in Stuttgart zu verkaufen sein, wenn die Ostermesse vorbei ist. Das ist mein zweitletzter Brief an Sie im Jahr 1783.
Ewig Ihr
Ritter.
Ich war unpäßlich, aber nicht krank. Ich ließ mir eine Ader schlagen.
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Bauerbach, den 8. Mai 1783
Theuerste Freundin!
Hoffentlich trifft Sie dieser Brief noch in Stuttgart. Da ich Ihnen nichts zu schreiben weiß, als daß ich, und was Ihnen ungefähr in der Gegen am Herzen liegt, gesund sind, und daß wir Ihrer Ankunft mit Sehnsucht entgegen sehen, so schreite ich sogleich zu Commissionen. Haben Sie die Güte und befördern den Einschluß durch einen Expressen nach der Solitude. Man soll meinen Shakespeare ohne Verzug vom L. Scharffenstein abholen und meine Räuber vom Akteur Haller, welche Sie dann mitzunehmen geruhen werden. Außerdem bitte ich Sie, einstweilen die Auslage für mich zu machen und nebst etlichen Buch Briefpostpapier, welches ich hierzuland nicht zu bekommen weiß, 2 oder 4 Pfund Marokkoschnupftabak, der mir schon 6 Monate nicht zu Nase gekommen, vom Kaufmann Merklin oder Bailing ausnehmen zu lassen. Wenn Sie können, lassen Sie sich – durch List – und durch den Weg meiner Schwester mein Porträt von Scharffenstein geben.
Fräulein Lotte ist, wie es zu Meinungen lautet, Braut mit H. von Pfaffenrath. Ich gratuliere also per Abschlag.
Ihrem lieben Wilhelm, dem Herrn Assessor, oder wie man sprechen muß, tausend Empfehlungen. Wenn Sie in Zukunft an ihn schreiben, werde ich schon meinen Theil auch einfließen lassen.
Meinen Fiesco werden Sie schon zu Gesichte bekommen haben, wenn anders mein Vater die Exemplare bekommen hat, die ich ihm assignierte. Wo nicht, so finden Sie ihn bei mir.
Morgen bekomme ich Visite von Reinwald, Herrn Hofprediger und seiner Frau, wo eine Zinshenne bluten wird.
Was ich Ihnen von Wichtigkeit zu sagen habe, kann warten, bis ich Sie von Angesicht zu Angesicht sehe. Dieser Brief ist, wenn Gott will, der letzte auf lange Zeit. – Im Neuen Testament hören die Opfer auf! – Ewig Ihr Freund
S.
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An Rat Reinwald in Meinungen.
B., den 22. Mai 1783
Der erste Augenblick, der wieder mein eigen ist, gehört Ihnen, theurer Freund. Heute kann ich einmal wieder Atem schöpfen, denn schon 9 – 10 Tage war ich mit lauter Kleinigkeiten überhäuft, die mich nicht zu mir selbst kommen ließen. Ich hatte es auf mich genommen, auf die Ankunft der Frau von Wolzogen Haus und Garten instand zu setzen, und weil ich im letztern eine neue Anlage machte, die auch mein Vergnügen befördern sollte, so mußte ich immer allerorten selbst sein. Meine Luise Millerin blieb liegen, und mit dieser müssen auch Sie, mein Guter, ein Schicksal theilen. Wärmer komme ich zu Ihnen, wie zu dieser, zurück.
Den Einzug der Frau von Wolzogen habe ich von den Unterthanen feierlich begehen lassen, welches Gelegenheit zu einem sehr angenehmen Abend gab. Von dem äußersten Ende des Orts ließ ich eine Alle von Maien bis zu ihrem Hause anlegen. Am Hof des Hauses war eine Ehrenpforte von Tannenzweigen errichtet, die auch Sie noch mit ansehen werden; denn bald, sehr bald müssen Sie kommen, mein Bester. Vom Hause ging es unter Schießen in die Kirche, die überall mit Maien voll gesteckt war. Wir hatten artige Musik mit Blasinstrumenten, und der Pfarrer von Bibra heilt eine Einzugsrede u.s.f. Ich würde Ihnen dergleichen Kleinigkeiten gar nicht schreiben, wenn ich es nicht etwas interessant fände, daß in dem barbarischen Bauerbach dergleichen geschehen ist.
Sonntags, mein Lieber, werden Sie schwerlich Geschäfte haben. Entschließen Sie sich, hieher zu kommen und einen vergnügten Tag auf dem Lande zu genießen. Sie werden mich zu Masfeld treffen und dann mit mir hieher spazieren.
Ich sehen mich nach Ihnen, guter, lieber Mann, und habe es nöthig, neue Glut und neuen Genuß in Ihren Armen zu sammeln. Meinen Fiesco habe ich neulich bei Ihnen liegen lassen. Haben Sie die Güte und geben ihn der Überbringerin mit. Bald wird man Kritiken darüber hören. Wir wollen doch suchen.
Jetzt leben Sie wohl, lieber Freund, und machen Sie mir doch ja Hoffnung, Sie bald zu sehen. Sie wissen ja, daß Sie im Buch meiner Glückseligkeit ein starkes Alphabet einnehmen.
Ewig Ihr Freund
S.
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An Wilhelm von Wolzogen.
B., den 25. Mai 1783
Über den vielen Zerstreuungen, welche die Ankunft Ihrer besten Mutter bei mir nothwendig machte, konnte ich Ihren Brief nicht früher beantworten. Ich kann es auch jetzt so vollkommen nicht, als ich wünschte, und behalte mir vieles auf bessere Muse vor.
Sie haben recht, theurer W., daß Sie mich um die Glückseligkeit, im Kreis Ihrer guten Mutter und Schwester leben zu dürfen, beneiden. Zwar thut es mir weh, daß ich da gewinnen mußte, wo Sie verloren; aber in kurzer Zeit werden auch Sie unsern vergnügten Cirkel vermehren, und ich zähle darauf, daß wir Sie festhalten werden. Hier zum ersten Mal habe ich es in seinem ganzen Umfange gefühlt, wie gar wenig Zurüstung es fordert, ganz glücklich zu sein. Ein großes, ein warmes Herz ist die ganze Anlage zur Seligkeit, und ein Freund ist ihre Vollendung. Seien Sie zufrieden, mein Lieber, daß Sie beides haben!
Sonderbar finde ich die Wege des Himmels auch hier. Acht Jahre mußten wir beieinander sein, uns gleichgültig sein. Jetzt sind wir getrennt und werden uns wichtig. Wer von uns beiden hätte auch nur von Ferne die verborgenen Fäden geahndet, die uns einmal so fest aneinander zwingen sollten und ewig. Aber vielleicht war dieses beiderseitige Ausweichen das Werk einer weisern Vorsicht. Wir sollten uns erst kennen, wenn wir beide verdienen gekannt zu sein. Beide noch unvollkommen, hatten wir zu früh und zu viele Schwächen aneinander beobachtet und wären nie füreinander erwärmt worden. Achtung nur ist der Freundschaft unfehlbares Band, und diese mußten wir noch erst beide erwerben. Durch zweierlei Wege sind wir nunmehr zu eben dem Ziel gelangt und finden uns hier mit Entzücken. Sie, mein Bester, haben den ersten Schritt getan, und ich erröte vor Ihnen. Immer verstand ich mich weniger darauf, Freunde zu erwerben, als die erworbenen festzuhalten.
Sie haben mir Ihre Lotte anvertraut, die ich ganz kenne. Ich danke Ihnen für diese große Probe Ihrer Liebe zu mir. Ich sehe daraus, daß Sie groß von mir denken müssen, denn jeder andre als ein edler empfindender Mann würde die schöne Seele Ihrer Schwester nicht zu lieben verdienen. Glauben sie meiner Versicherung, bester Freund, ich beneide Sie um diese liebenswürdige Schwester. Noch ganz wie aus den Händen des Schöpfers, unschuldig, die schönste, weichste, empfindsamste Seele, und noch kein Hauch des allgemeinen Verderbnisses am lauteren Spiegel ihres Gemüths – so kenn’ ich Ihre Lotte, und wehe demjenigen, der eine Wolke über diese schuldlose Seele zieht! – Rechnen Sie auf meine Sorgfalt für ihre Bildung, die ich nur darum beinahe fürchte zu unternehmen, weil der Schritt von Achtung und feurigem Antheil zu andern Empfindungen so schnell gethan ist.
Ihre Mutter hat mich zu einem Vertrauten in einer Sache gemacht, die das ganze Schicksal Ihrer Lotte entscheidet. Sie hat mir auch Ihre Denkungsart über diesen Punkt entdeckt. Einem so zärtlichen Bruder kann es nicht gleichgültig sein, auch eines Freundes Rath in einer so wichtigen Sache zu hören.
Ich kenne den H. von Wn. Einige Kleinigkeiten, die jetzt zu weitläufig und für Sie zu unwichtig wären, haben uns untereinander mißgestimmt; dennoch glauben Sie es meinem aufrichtigen, unbestochenen Herzen, er ist Ihrer Schwester nicht unwerth. Ein sehr guter und edler Mensch, der zwar gewisse Schwachheiten an sich hat, die ich ihm aber mehr zur Ehre als zur Schande rechnen möchte. Ich schätze ihn wahrhaftig, ob ich schon zur Zeit kein Freund von ihm heißen kann. Er liebt Ihre Lotte, und ich weiß, er liebt sie, wie ein edler Mann, und Ihre Lotte liebt ihn, wie das Mädchen, das zum ersten Male liebt. Mehr brauch ich Ihnen nicht zu sagen. Außerdem hat er andre Ressourcen, als sein Portepee, und ich bürge dafür, daß er sein Glück in der Welt machen kann. – Mehr davon, wenn ich Ihnen das nächste Mal schreibe. Indeß glauben sie Ihrem und Ihrer Lotte zärtlichsten Freund.
Sonst kann ich Ihnen von Ihrer besten Mutter und Lotten die angenehmsten Nachrichten geben. Der Einzug derselben in B. ward mit einigen Feierlichkeiten gehalten, die Ihnen die erstere vielleicht schon geschrieben hat. Auf ihren Geburtstag wünschte ich selbst etwas auszudenken; aber alles, wozu die Leute des Dorfes gebraucht werden müßten, dürfte zu schwer und zu weitläufig sein. Überhaupt liebt Ihre Mutter dergleichen laute Aeußerungen der Freude und des Attachements weniger, als den stillen einfachen Ausdruck, und ich lobe sie darum. Man denkt sich dabei so gern gewisse Festivitäten, die Sie so gut kennen als ich, und welche alle ihnen ähnliche für die Zukunft durch eine garstige Assoziation angesteckt haben. Wollen Sie indes etwas, das meine Muse ausführen kann? Mit Freuden steht Ihnen die Dame zu Diensten.
Nunmehr leben Sie wohl, und erlauben mir zum Schluße die Bitte, daß Herz Ihrer Lotte zu schonen und mit daran zu arbeiten, daß ihre Geschichte – oder soll ich sagen Roman? – Sich glücklich entwickle. Erlauben Sie mir auch, Sie, als Ihr wahrer und warmer Freund, mit Ihrer eignen gegenwärtigen Lage auszusöhnen und Sie inständig zu bitten, ruhig in die Zukunft zu sehen. Diesen Rath gibt Ihnen kalter, pedantischer Moralist, der das verdammt, was er selbst nicht hat – ein Jüngling spricht mit Ihnen – ein Jüngling, der ebenso oder noch ungestümer glüht, wie Sie, der alle Fehler der übereilenden Hitze gemacht hat und seinen starren Kopf oft genug zersplittert hat, um einem Freunde die Lehre zu geben, kaltes Blut erst zu fragen.
Ewig der Ihrige
F. Ritter.
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An Frau von Wolzogen (in Meiningen).
B., früh morgens am 28. Mai 1783
Alle guten Geister heute über Sie. Da sitz ich, reibe mir die Augen, will zu Ihnen und besinne mich, daß ich den Kaffee allein trinken muß – aber mein Herz ist zwischen Ihnen und unsrer Lotte und begleitet Sie bis ins Zimmer der Herzogin.
Heute, Freundin, wünsche ich Ihnen die Stimme eines Donners – die Festigkeit eines Felsen und die Verschlagenheit der Schlange im Paradies.
Denken Sie daran, daß Sie nichts als elende 100 Taler daran setzen, aber für sich und die Lotte und auch für mich alles zu gewinnen haben. Sagen Sie die ganze Pension ab, so will ich alle Jahr eine Tragödie mehr schreiben und auf den Titel setzen: Trauerspiel für die Lotte. Im Ernst, liebe Freundin, sehen Sie zu, daß Sie mit guter Art von der H. loskommen und die Lotte von der Amtmännin erlösen.
Ich erwarte Sie also 7 Uhr zu Masfeld bei der Pächterin; bis dahin lebe ich einen langen traurigen Tag. Das obere Wohnzimmer wird heut und morgen gebrückt, der Schreiner sagt, daß er unmöglich fertig werden könne. Außerdem fordert der Schneider drei Dutzend kleinere beinerne Knöpfe zu der Weste und Hosen, welche Sie so gnädig sein werden zu besorgen. Also um 7 Uhr präzise bei der Pächterin, und die Neuigkeit mit Ihnen, daß Lotte von der Amtmännin wegkommt.
Bis dahin Ihr hoffnungsvoller Freund
S.
Diese Blumen schicke ich der Lotte.
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B., Freitag abends, den 30. Mai.
Zwei Tage muss ich also noch durchwaten, ehe ich Sie sehe? Das ist schrecklich! Kaum freu ich mich ein wenig, daß der heutige sich beurlaubt, und nun stehen mir noch achtundvierzig Stunden bevor. Wär’ es nicht Ihrer Lotte zum besten, und wüßte ich nicht, daß Ihre Gegenwart diese ebenso glücklich macht, als mich – ebenso, sag’ ich, nicht glücklicher – glauben Sie, ich würde melancholisch, oder ich trotzte.
Ach, meine Beste, in einer gepressten Lage haben Sie mich verlassen. Nie war ich Ihrer liebevollen Ermunterung so bedürftig, als eben jetzt, und weit und breit ist niemand, der meiner zerstörten und wilden Phantasie zu Hilfe käme. Was werd’ ich, was kann ich zu meiner Zerstreuung tun? Ich weiß nichts, als Ihnen zu schreiben, aber ich fürchte mich selber in meinen Briefen. Entweder red ich darin zu wenig, oder mehr als Sie hören sollten und ich verantworten kann. Sehr gern schrieb ich an Ihre Lotte, aber ich scheue das Schicksal meines vorigen Briefes, und solche Briefe, als die Amtmännin lesen darf, muß mich ein andrer schreiben lehren.
Gottlob, daß indessen die Herzogin von Gotha so kurz mit Ihnen angebunden. Wären Sie doch recht sehr grob! Ich wollte Gott danken für Ihre Lotte, denn auf diese Art würden Sie, meine Freundin, ein übriges tun. Es bleibt dabei, ich schreibe eine Tragödie mehr, sobald die Herzogin ihre Pension zurücknimmt, und Lotte soll die Pränumeration davon haben.
Daß Ihnen das Hofleben ekelhaft vorkommt, hör’ ich sehr gern; aber es ist darum noch kein Compliment für mich, daß Sie sich aus demselbigen weg und nach Bauerbach sehnen. Man dürfte mich zwischen Spandau und einer Assemblee wählen lassen. Ich wüßte wohl, was geschähe; doch das bedeutet nicht viel, was allenfalls in meinem Kopfe geschähe.
Sie schreiben mir, ich sei erkannt, und schreiben dies so gelassen. Lieber hätt’ ich ein Aug verloren, als daß mich die Meininger kennen. Wüßte ich den, der mir diesen Dienst gethan hat, ich würd ihn hassen, und wäre er mein erster Freund. Helfen Sie mir doch ihn zu ergründen. Der Umstand verändert meinen Plan um ein Großes. Bin ich wirklich entdeckt, so kann ich nicht mehr inkognito bleiben, oder ich mache mich lächerlich. Ich muß unter meinen Namen in Gesellschaften gehen und den Dummköpfen, die so hoch aufgelauscht haben, Impertinenzen sagen. Es liegt mir an dem Respect, der meinem Namen gebührt, und diesen muß ich nothwendig behaupten.
Doch ich bin wohl ein Thor. Jetzt liegt mir auch an diesem nichts mehr. Es war eine Zeit, wo mich die Hoffnung eines unsterblichen Ruhms so gut, als eine Galanterie ein Frauenzimmer, gekitzelt hat. Jetzt gilt mir alles gleich, und ich schenke Ihnen meinen dichterischen Lorbeer in die nächste Boeuf à la mode und trete Ihnen meine tragische Muse zu einer Stallmagd ab, wenn Sie sich Vieh halten. Wie klein ist doch die höchste Größe eines Dichters gegen den Gedanken, glücklich zu leben! Ich möchte mit meiner Leonore sprechen:
„Laß uns fliehen – laß in den Staub uns werfen all diese prahlende Nichts. Laß in romantischen Fluren ganz der Freundschaft uns leben. Unsre Seelen, klar wie über uns das heitere Himmelblau, nehmen dann den schwarzen Hauch des Grams nicht mehr an. Unser Leben rinnt dann melodisch, wie die flötende Quelle, zum Schöpfer.“
Mit meinen vormaligen Planen ist es aus, beste Freundin, und wehe mir, wenn das auch von meinen jetzigen gelten soll! Daß ich bei Ihnen bleibe und womöglich begraben werde, versteht sich. Ich werde es auch wohl bleiben lassen, mich von Ihnen zu trennen, da mir drei Tage schon unerträglich sind. Nur das ist die Frage, wie ich bei Ihnen auf die Dauer meine Glückseligkeit gründen kann. Aber gründen will ich sie, oder nicht leben, und jetzt vergleiche ich mein Herz und meine Kraft mit der ungeheuersten Hinderniß, und ich weiß es, ich überwinde sie.
Ich überlese, was ich geschrieben habe. Es ist ein toller Brief. Aber Sie verzeihen mir ihn. Wenn ich mündlich ein Narr bin, so werde ich schriftlich wohl nicht viel Weiseres sein.
Noch etwas. Ein Junge von hier wollte zu Ihnen und Ihnen melden, daß ein Stuttgarter Herr in Meiningen angelangt und sich nach Ihnen erkundigt habe. Er sei mit vier Pferden gekommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es Pfaffenrath oder Winkelmann. Sollte der letztere es sein, so schicken Sie mir ein Expressen. Ich gehe nach Weimar.
Nunmehr leben Sie wohl. An Lotten tausend Empfehlungen. Auch an Reinwald ein Compliment. Den letztern bitten Sie, Ihnen den Messias zu verschaffen und Ossian.
Morgen mehr. Ich bin unwandelbar Ihr Freund bis in den Tod und womöglich noch weiter.
F. Schiller.
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Die leidenschaftliche Stimmung dieser letzten Briefe deutet auf eine Neigung für Charlotte von Wolzogen, welche Schillers Herz erfüllte, und die Idee, sich mit ihr zu verbinden.
Der Heiratsplan mit Hrn. von Winkelmann, auf den ein früherer Brief an Wilhelm von Wolzogen sich bezieht, hatte sich durch äußere Umstände und, wie es scheint, einige unzarte Aeußerungen aufgelöst, wie folgende Stelle aus einem Brief an diesen in einer Nachschrift zu einem Brief der Frau von Wolzogen zeigt:
„Wir haben Ihre liebe Schwester beinah vierzehn Tag bei uns gehabt und mit dem größten Vergnügen beobachtet, daß eine ansehnliche Provinz ihres Herzens dem bewußten Götzen noch nicht erb- und eigenthümlich gehört. Im Ernst, liebster Freund, Ihre gute Lotte ist so melancholisch nicht, als die Eigenliebe gewisse Personen zu bereden scheint. Dieses schreibe ich Ihnen, damit es Ihre eignen Besorgnisse, die ich nicht anders als billigen kann, zerstreue, und damit es Sie zugleich in den Stand setze, dem gewissenhaften Winkelmann, der Ihre Schwester nicht verlassen mag, eine beruhigende, tüchtige Antwort zu geben. Sie werden wohl wissen, worauf ich ziele, und werden mir auch den Grad des Unwillens nicht verdenken, den mir die Impertinenz jenes Herrn (der das Herz Ihrer Schwester noch erst verdienen lernen müßte) eingeflößt hat. Mehreres hat Ihnen vermuthlich die Mama geschrieben; denn ich schließe aus ihrer Aufwallung über Ihren letzten Brief, daß sie Ihnen ihr Herz ganz mag ausgeschüttet haben. Ich erwarte mit Ungeduld eine Antwort von Ihnen und wünsche aus Gründen, die ich Ihnen ein andermal schreiben will, daß ich Ihren nächsten Brief an mich die Lotte schon sehen lassen dürfte. Nun sind Sie (und vielleicht auch ich) der Parteilichkeit gegen W. verdächtig, welcher Vorwurf uns um so schmerzlicher fallen muß, je unwürdiger die Person ist, die uns denselben zugezogen hat. –“
Schiller war zu redlich und zartfühlend, um in seiner ungewissen Lage Wünsche auszusprechen, die das Glück des liebenswürdigen Mädchens nicht gründen konnten und denen ihre Familie entgegen sein mußte. So blieb das Verhältnis in Schweigen verhüllt. Nur halb im Scherz spricht er in einem folgenden Brief an die Mutter diese Idee aus. Lotte selbst scheint seine Neigung nicht bemerkt noch mit anderem als freundschaftlichen Gefühl erwidert zu haben. Sie war von ruhigem Charakter, in dem Besonnenheit und Empfindung im Gleichgewicht lagen. Nach einigen Jahren gab sie ihre Hand einem andern Manne und wurde nach ihrer ersten Niederkunft den Ihrigen durch den Tod entrissen.
Am Schluß der Schilderung des Aufenthalts in Bauerbach stehe hier ein Gedicht, das an ein Mädchen, welches im Hause der Frau von Wolzogen erzogen wurde, gerichtet ist. Daß Schiller selbst diesem durch Innigkeit und Wahrheit der Empfindung rührenden Gedichte keinen poetischen Werth zuschrieb, geht daraus hervor, daß er es nicht in die Sammlung seiner Gedichte aufgenommen.
Hochzeitgedicht
auf die Verbindung
Henriettens N. mit N. N.
Von einem Freunde der Braut.
1783
Zum ersten Mal – nach langer Muße –
Dir, gutes Kind, zum Hochzeitgruße,
Ergreif‘ ich meinen Dichterkiel.
Die Schäferstunde schlägt mir wieder –
Von Herzen strömen warme Lieder
Ins brachgelegne Saitenspiel.
Darf sich in deinen Jubeltagen
Auch ernste Weisheit zu dir wagen? –
Sie kommt aus deines Freundes Brust.
Die Weisheit ist der Freude Schwester;
Sie trennt sie nicht – sie knüpft sie fester
Und lächelt zu erlaubter Lust.
Wenn Tugenden den Kranz gewinnen,
Da will die Freudenträne rinnen,
Da denk‘ ich an die schönre Welt –
So selten lohnt das Glück dem Besten! –
Oft weint die Tugend an den Festen,
Die das gekrönte Laster hält.
Du, Mädchen, mit dem besten Herzen,
Du hast Gefühl für fremde Schmerzen,
Für fremde Wonne Sympathie –
Erröthe nicht! – Ich sahe Proben –
Und meine Leier – frag dort oben! –
Die stolze Leier schmeichelt nie.
Wie mühsam sucht durch Rang und Ahnen
Die leidende Natur sich Bahnen!
Gefühl erstickt in Ziererei.
Oft drücken ja, gleich Felsenbürden,
Mit Seelenruh bezahlte Würden
Der Großen kleines Herz entzwei!!! –
Dein Herz, das noch kein Neid getadelt,
Dein reines Herz hat dich geadelt,
Und Ehrfurcht zwingt die Tugend ab –
Ich fliege Pracht und Hof vorüber;
Bei einer Seele steh ich lieber,
Der die Empfindung – Ahnen gab.
Wer war der Engel deiner Jugend?
Wer rettete die junge Tugend? –
Hast du auch schon an sie gedacht?
Die Freundin, die dir Gott gegeben?
Ihr Adelbrief – ein schönes Leben!
(Den hass‘ ich, den sie mitgebracht).
Sie riß dich weg von Pöbelseelen –
Dein Brautgebet wird’s Gott erzählen! –
Du gingst ihr nach und wurdest gut.
Sie schuf dich zu des Gatten Wonne,
Erwärmte, gleich der Frühlingssonne,
Zur Tugend deinen jungen Muth.
Wie eilte sie mit Muttergüte
Zu Hilfe jeder jungen Blüte,
Bis Leben in die Wurzel floss!
Wie pflegte sie mit Flammeneifer
Des zarten Sprößlings, bis er reifer,
Ein stolzer Wuchs, zum Himmel schoß.
So eile denn zum Brautaltare!
Die Liebe zeigt dir goldne Jahre –
Mein warmer Segen eilt voran.
Du kennst der Gattin Schuldigkeiten!
Du hast ein Herz für ihre Freuden,
Und glücklich preis‘ ich deinen Mann.
Wie schön ist doch das Band der Liebe!
Sie knüpft uns, wie das Weltgetriebe,
Auf ewig an den Schöpfer an.
Wenn Augen sich in Augen stehlen,
Mit Tränen Tränen sich vermählen,
Ist schon der süße Bund getan.
Wie göttlich süß ist das Vergnügen,
Ans Herz des Gatten sich zu schmiegen,
Wie süß, sich seines Glücks zu freun
Wie süßer – sich für ihn zu quälen!
Auch Wehmuth kettet schöne Seelen,
Und wollustvoll ist diese Pein!
Du wirst mit liebevollem Eilen
Das Schicksal deines Mannes teilen,
Und schnell in seine Seele sehn.
Wie zärtlich wirst du jeden Träumen,
Die kaum in seinem Busen keimen,
Wie zärtlich rasch entgegen gehn?
Wenn unter drückenden Gewichten
Des Kummers und der Bürgerpflichten
Der müde Gatte niederfiel,
Wirst du mit einem holden Lächeln
Erfrischung ihm entgegen fächeln, –
Und spielend trägt er sie zum Ziel.
Wenn Schmerz in seinem Busen wütet
Und über ihm die Schwermuth brütet,
In seinem Herzen Stürme wehn,
Wirst du mit heiterem Gesichte
Erquickend, gleich dem Sonnenlichte,
Durch seines Grames Nebel sehn.
Wenn selbst der Wonne süße Bürde
Dem Einsamen zu lästig würde
(Auch Lust gesellt sich Helfer bei),
Wirst du die schönste Hälfte tragen,
Und erst dein Auge wird ihm sagen,
Wie groß des Glückes Fülle sei.
Ja, – darf ich über Jahre fliehen,
Den Schleier von der Zukunft ziehen? –
Ein neues Glück erwartet dein!!
Das größte, so der Mensch empfindet,
Das nur im Himmel Muster findet -:
Die Mutter eines Kindes zu sein!!! –
Die Mutter eines Kinds zu werden! –
Was droben süß ist und auf Erden,
Das Wonnewort schließt alles ein.
Das kleine Wesen – welch Vergnügen! –
Im mütterlichen Schoß zu wiegen!
Was kann im Himmel schöner sein?
Die Seligkeit – du wirst sie kennen,
Wenn stammelnd dich die Kinder nennen
Und herzlich dir entgegen fliehn –
Die bange Lust – – die süßen Qualen – –
Umsonst! Kein Jüngling kann sie malen –
Hier werf‘ ich meinen Pinsel hin.
Was Lieder nicht zu singen wagen,
Laß dir der Mütter beste sagen,
„Was einer Mutterfreude glich?“
Du hörtest ihre Seufzer hallen,
Du sahest ihre Tränen fallen.
Du liebst sie, darum lieb‘ ich dich.
Laß dir der Mütter beste sagen,
Wie himmlisch alle Pulse schlagen,
Wenn nur des Kindes Name klingt?
Wie selbst das Land sich schöner malet,
Wie heller selbst der Himmel strahlet,
Der über ihren Kindern hangt?
Wie süß der Gram um Kleinigkeiten? –
Wie süß die Angst: Es möchte leiden?
Die Träne, die sie still vergießt?
Di Ungeduld, ihm zuzufliegen?
Wie unerträglich das Vergnügen,
Das nicht das Kind auch mit genießt?
Die Herrscherin der Welt zu scheinen?
Die Wolllust, um ihr Kind zu weinen? –
Laß ihr die Wahl – was wird sie tun?
Die Krone wirft sie auf die Erde –
Und fliegt mit jauchzender Gebärde,
Und fliegt dem lieben Kinde zu.
Nun freu dich denn! – Du wirst’s genießen,
Das stille Glück, das viele missen, –
Was wünsch‘ ich dir? – Entweih es nie!
Die Freundin, die dein Herz gemildet,
Zur guten Mutter dich gebildet, –
Was wünsch ich dir? – Vergiß sie nie!
Vergiß sie nie – wenn deine Lieben
Im Kinderspiel sich um dich üben,
So führe sie der Besten zu.
Ihr sollen sie zu Füßen fallen,
Unschuldig ihr entgegenlallen:
„Die gute Mutter gabest du!“
Anregungen seiner Mannheimer Freunde riefen Schiller wieder dorthin. Der Herzog von Württemberg betrug sich fortwährend großsinnig, kränkte die Schiller’sche Familie auf keine Weise, und es schien entschieden, daß er die Entfernung seines Zöglings und Dieners nicht ahnden würde; ja, es war, als wollte er sie ganz ignorieren.
Wie viel auch die freundliche Einwirkung der Gräfin von Hohenheim zur Besänftigung des Herzogs beigetragen haben mochte, so hatte doch sicher sein Verstand und sein heller Blick in die Stimmung der Zeit keinen geringeren Antheil an diesem milden Verfahren. Das Gewicht der öffentlichen Meinung fing an, auf die Gemüther der Fürsten einzuwirken. Der große Friedrich, der seine Macht fest in der Ehrfurcht seines Volkes gewurzelt fühle, vergönnte Freiheit der Rede und Schrift. Joseph der Zweite wollte dies schöne Beispiel nachahmen. Mehrere edle Fürsten Deutschlands beschützten aus Neigung und Einsicht die Freimüthigkeit ihrer Gelehrten. Freisinnigkeit zu dulden, wurde ein Ehrenpunkt bei ihnen. Man schämte sich der Eingriffe despotischer Willkür in das Leben des Geistes. Die Zerstücklung in kleine Staaten, deren jeder in seiner innern Verfassung für sich bestand, öffnete dem Verfolgten eine Zuflucht in einem einsichtsvolleren Nachbarstatt, wenn er das Unglück hatte, einem anzugehören, wo noch dumpfe Finsternis herrschte und Furcht der Regierenden dieselbe zu erhalten bemüht war.
Die günstige Aussicht, seinen Fiesco auf die Bühne zu bringen, die sich Schiller durch Herrn von Dalbergs Mitteilung eröffnete, die Nothwendigkeit, seiner äußern Existenz eine sichere Basis unterzulegen, bewog ihn, den ihm so leib gewordenen einsamen Aufenthalt zu verlassen. Er sah diese Entfernung anfangs nur als eine Reise an, und Frau von Wolzogen, vielleicht in der Hoffnung, Schillers Verhältnisse in Württemberg wieder herzustellen, begünstigte diese Ansicht.
Der fortgesetzte Briefwechsel mit seiner mütterlichen Freundin gibt uns das treueste Bild von dieser Epoche seines Lebens.