HomeDie Horen1795 - Stück 3I. Das eigene Schicksal. [Gottfried Herder]

I. Das eigene Schicksal. [Gottfried Herder]

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Man hört so oft die Worte: „der Mensch hat doch ein eignes Schicksal“ „sein Schicksal verfolgt ihn; es hat ihn ereilet“ oder: „das ist nun einmal mein Schicksal; ich muß mich drein ergeben;“ man hört sogar diesen Ausdruck von Familien, Königreichen, von Ständen und Geschäften brauchen, daß es wohl der Mühe werth scheint, zu untersuchen, was diese Worte, an denen Trost und Schrecken, Furcht und Beruhigung, die kühnsten Unternehmungen, oder die starre Verzweifelung haftet, bedeuten. Wiederum sind die Ausdrücke: „jedermann baue sein Schicksal; man sei der Werkmeister seines Glücks;“ oder „unser Schicksal hänge von Dem und Jenem, es sei Mensch oder Umstand, ab“ daß auch diese, oft im gegenseitigen Sinne gebrauchten Worte der Untersuchung nicht unwerth scheinen. Überhaupt sind Redarten im Munde des Volks, sie mögen Irrthümer oder Wahrheit enthalten, nie unbeträchtlich. Und diese sind fast allen Nationen gemein; auch die cultivirtesten Völker des Alterthums sprachen von eignen Schicksal, von einer doppelten Fortuna, einem Glück- oder Unglückbringenden Genius und Dämon, einer Moira; und wer auf die Zauberkraft gemerkt hat, die dergleichen Worte in den grössesten Verlegenheiten, in den entscheidendsten Augenblicken des Lebens, oft zur Bildung und Mißbildung eines ganzen Charakters haben, dem wird die Frage: „was ist denn das eigne Schicksal? gewiss nicht unwichtig scheinen.

1. Jeder Mensch hat sein eignes Schicksal, weil jeder Mensch seine Art zu seyn und zu handeln hat. In diesem Verstande nemlich bedeutet Schicksal die natürliche Folge unsrer Handlungen, unsrer Art zu denken, zu sehen, zu wirken. Es ist gleichsam unser Abbild, der Schatte, der unsre geistige und moralische Existenz begleitet. Daß es einen solchen Zusammenhang der Dinge, mithin auch allgemeine, beständige, mit uns fortgehende Resultate unsrer Handlungen und Gedanken gebe, kann niemand leugnen: Denn, wie die alte Philosophie sagte, keine Wirkung ist ohne Ursache, keine Ursache ohne Wirkung. Wie wir gegen andre handeln, so handeln andre gegen uns; ja sie werden von uns gezwungen, also zu handeln. Wer den Ton in Dur angiebt, dem wird, früher oder später, in Dur geantwortet; es fodert dies der natürliche Anklang, ich möchte sagen, der Wiederhall unsrer Gedanken und Handlungsweise. Laß es z. B. seyn, daß eine Zeitlang der Starke gegen Schwächere übermüthig seine Kräfte gebrauche; diese nehmen ab, und die Wirkung, der Ton seines Verfahrens in seinem und andrer Gemüth ist geblieben. Er findet einen Stärkeren, der mit ihm gleichmäßig verfährt, oder ihm siebenfach vergilt; ihn findet sein Schicksal. Laß es seyn, daß der Gutherzige lange unterdrückt werde; mit der Zeit werden sich andre Gutherzige zu ihm sammeln, und ihre Kräfte mit den Seinigen vereinen. Er wird gerettet: denn auch seine Gutmüthigkeit stand im Buche der Zeit angeschrieben, und war nichts weniger, als verloren. So bei allen Gemüths-Charakteren, Tugenden und Lastern. Fleiß und Trägheit, Klugheit und Thorheit, Stolz und Niederträchtigkeit, die oft Ein und dieselbe Seele besitzen und wechselnd theilen, Menschen Hass und Menschengefälligkeit, Selbstsucht und Liebe, alle haben und finden ihr Schicksal. Früher oder später, nach der Stärke ihrer Kraft von innen, oder nach Umständen von aussen; die Nemesis ist da, sie erscheint, sie ereilet.

Daß diese auf tausend Erfahrungen gestützte Wahrheit bezweifelt, daß sie irgend noch als Problem angesehen werden darf, zeugt nicht von der Blödheit unsers Verstandes, sondern von unserer blöderen Aufmerksamkeit in moralischen und menschlichen, als in andern physischen Dingen. Alle wissen wir, daß die Echo uns nur den Schall unsrer Worte zurückgiebt, daß, wie wir fragen, sie uns antworte. Niemand zweifelt daran, daß in eben dem Winkel, in welchem der Ball, die Kugel, das Hagelkorn, der Lichtstral anpralleten, sie auch abprallen; die Bewegungen der Kräfte im Stoß, im Druck, im Reiben u. f. sind von der Mathematik nach ihrem innern Gehalt, nach Zeit, nach Medien, nach Form und Inhalt der Gegenstände unter allgemeine Gesetze gebracht und berechnet. Wie? und in der geistigen, der moralischen Welt, im Reich der feinsten, der wirksamsten, der schnellesten Kräfte sollte es dergleichen Naturgesetze nicht, und überhaupt keinen Zusammenhang geben? Eben hier herrscht der feinste von allen; und ich glaube dem ersten Lehrer der christlichen Religion aus Einsicht und Erfahrung, daß wie wir geben, uns gegeben werde, daß, wie wir richten, auch wir unser Urtheil empfangen; daß das kleinste und grösseste Gute und Böse, seiner Art und Natur nach, vergolten werde in dieser und jener Welt. Dem eignen Schicksal entgehet niemand; oder die Kette der Natur müßte brechen; das Licht müßte nicht mehr leuchten, die Flamme nicht wärmen, der Schall nicht tönen; vorausgesetzt, daß menschliche Organe dieser Empfindungen fähig sind, und daß man Alles im grossen, unermäßlichen Zusammenhange betrachtet. Ich bin fest überzeugt, daß, je mehr unsre Aufmerksamkeit auf Dinge dieser Art gewandt, und unser reine Sinn für den Zusammenhang der geistigen und moralischen Welt, an deren Daseyn jetzt mancher zweifelt, geschärft würde, uns ein neues Licht hierüber aufgehen müßte.

Ehe uns dieses als Wissenschaft aufgeht, lasset uns in unserm Busen unser eigenes Schicksal als einen Apollo befragen. An welchem Unfall war nicht unser Unbenehmen, an welchem Unglück nicht unsre Thorheit schuld? Wir säeten frühe, was wir später erndten, und erndten werden. Auch fehlte uns zu diesem Verhältniß niemals in unserm Herzen der Exponent, der Weiser. Gehe, (sagt mein Blatt,) geliebter Leser, auf einem Spatziergange etwa, wenn du das Laub sprossen, die Blüthe treiben, die Bäume Frucht tragen, die Blätter fallen, oder das gesäete Korn unter dem Schnee begraben siehst, gehe die vornehmsten Auftritte deines Lebens durch, so rasch oder so langsam als du die Schritte zählest. Von der Art an, wie du in der Kindheit deine Wärterinn oder deine Eltern, deine Freunde und Gesellen, deine Lehrer und die Geliebte deiner Jugend behandelt, wie du nachher jede deiner Situationen, vollendet und unvollendet, missvergnügt oder befriedigt, beleidigend oder beleidigt verlassen hast, wie du jeden Augenblick nütztest, oder sorglos vorbeistreichen ließest, Menschen belogst oder großmüthig, edel, unschuldig, liebevoll warest: so, wird dir dein Herz sagen, ward und wird dir dein Schicksal. Vieles, wird es dir sagen, ist noch ungebüßt; vieles reift noch zur Ernte. So schaamroth du Jenem und Diesem vors Auge treten müßtest: so gewiss ist dies innre Auge in dir, und keine Treulosigkeit, keine Unachtsamkeit ist in die Lüfte verflogen. Den Ego, der sie beging, trägst du mit dir; das Buch der Zeiten ist in deinem Herzen; deinem Bewußtseyn kommen, oft an sehr unrechtem Ort und unerwartet, alte Schulden zurück; jeder falsche Wechsel, der andre kränkte und mürbe gemacht, kommt dir zur Rechnung. Die Zeit ist ein strenger Buchhalter, ein wahres Continuum der Dinge, das nichts übersieht, das nie belüget. Frage dein Herz, und es wird dir sagen, was gebüßt sey, oder was noch gebüßt werden müsse: denn dein Schicksal ist der Nachklang, das Resultat deines Charakters.

2. Das Schicksal scheint inconsequent mit uns zu handeln, weil wir selbst inconsequent sind. Es ist mächtig groß, weil wir selbst sehr klein sind.

Gewöhnlich, legt man dem Schicksal Inconsequenzen bei und nennet diese Zufall. Es giebt Zufälle in der Welt, und deren sind unendlich viele; um so mehrere treffen uns, je mehr uns alles Zufall ist, d. i. je weniger wir consequent handeln. Da wird uns zuletzt alles Zufall. Das Wort Schicksal deutet indessen ganz etwas anders an, eine Reihe, eine unwandelbare Ordnung, nach vestgestellten Grundsätzen, seyen diese in unserm oder in einem höheren und dem höchsten Gemüthe. Es wäre sehr anmaßend zu denken, daß in ungeheuren Inbegriff aller Dinge nirgend eine Consequenz sey, als die das schwache menschliche Gemüth hineindichtet.

Gerade umgekehrt sehen wir die ungeheuerste Consequenz im Reich der Natur, und finden den Samen der Inconsequenz allein in uns; und finden zu eben der Zeit, daß diese Inconsequenz, als ein Attentat gegen die zusammenhangende Natur uns mächtig strafe. Kein Verbrechen solcher Art findet Verzeihung; weder durch Reue kann es gebüßt, noch durch Thränen versprochener Änderung weggeheuchelt werden. Und so lange die Menschen nicht die thörichte Vermessenheit aufgeben, „sie können dem Gange der Natur Troz bieten, und als überirrdische Wesen, die Gesetze derselben ändern,“ so lange verfolgt und ereilt sie billig ihr Schicksal.

Nicht der Mensch, keine Classe von Menschen, hat die Gesetze der Natur gestellt, unter ihnen ist er da, und Er muß ihnen gemäß leben. Kleinheit des Geistes also ist ein Attentat gegen die Majestät der Natur und muß als solche ihr Schicksal finden. Vom frechen Stolz gezeugt, von lüsterner Trägheit empfangen, von sinnloser Gewohnheit gesäugt und von Schmeichelei erzogen, was kann sie anders seyn und geben als was sie ist? Vernunft- und Gesetzlos könnte sie die Ordnung der Dinge ändern? Groß, so lange das Andre um sie her klein ist; stark, so lange man keine andre Stärke kennet, kann sie leicht in die narkotische Überzeugung gerathen, daß ausser ihr nichts groß und stark sey; ändern sich die Umstände, erwachen andre Kräfte, so ereilt die kleine Schwachheit ihr Schicksal.

Gleicherweise sträubt sich die Natur des Gesammten gegen den Egoismus: denn was ist ein Mensch, wenn er auch der weiseste, der stärkste, der kühnste wäre, gegen den Inbegriff der Dinge um ihn her, und gegen die Folge der Zeiten nach ihm? Welcher Mensch findet nicht seines gleichen? welches Talent erlebt nicht die Zeit, daß man seiner gnug habe? welche selbstsüchtige Macht muß nicht der Allmacht weichen, die um sie her ist? Sehet hier den vergrünten Baum, die veraltete hole Weide, dort den eingestürzten Berg, hier die abgemähete Flur, dort den zerfallenen Thurm, hier die verstummete Nachtigal und Lerche; alle sind, wozu sie die Natur, ihr Schicksal geordnet. Keine Nachtigal schlägt im Winter, und kein Palmbaum hat eine Cypresse zu seyn begehret.

Hier also liegt das sogenannte eigne Schicksal der Verfassungen, Stände und Reiche. Sofern sie ein mechanisches Gerüst sind, wer mag der Natur der Dinge widerstreben, daß Jedes nicht einmal als das was es ist erscheine? Die alte Treppe zerfällt; die alte Latte wird unbrauchbar; dies Dach schützet nicht mehr; jener Stuhl ist morsch und mürbe; was hat sie in solchen Sand gesetzt, als die Zeit und die Nachlässigkeit der Hände, die jenes Dach nicht besserten, diesen Stuhl nicht erneuten, die thaten, als ob das Schicksal ihnen dienen sollte, und sie durchaus nicht dem Schicksal dienten. Sie also waren inconsequent gegen die consequente Reihe der Dinge, gegen die zusammenhangende Kette von Wirkungen und Folgen. Sollen wir nun wünschen, daß Luft und Zeit gegen alles, nur nicht gegen diese arme hole Weide, gegen diese Treppe, gegen diesen morschen Stuhl sich als Luft und Zeit erweise? Sollen wir wünschen, daß der Argus mit tausend Augen sie nur gegen diese Gegenstände verschließe, mithin sein ganzes Geschäft des Wachens aufgebe? So nah uns diese Wünsche liegen, so werden wir ihnen entsagen, wenn wir bemerken, daß der Genius der Welt der zartesten Lieblingsneigung, die gegen sein Geschäft ist, nicht schonen könne: denn dies Geschäft ist nichts als zu zeigen, daß Jedes sey, was es ist, daß das Veraltete veraltet sey, daß das Todte nicht mehr lebe. Wenn Menschen dies nicht durch Vernunft begreifen wollen, lernen sie es durch Erfahrung.

Man durchgehe den Compaß seines eignen kleinen Schicksals; das Meiste, das wir ihm zur Inconsequenz anrechneten, (das grosse Rad der Dinge ausgenommen, auf welches wir geflochten sind, und das wir nicht zu lenken vermögen,) rührte von unsrer eignen Inconsequnz her. Wir blieben unserm Beruf nicht treu; wir gingen aus unserm Charakter; da verfolgte, da ereilete uns das Schicksal; d. i. unsre Inconsequenz stieß gegen seine consequente Natur an und zerstieß sich die Stirn oder dem Faß den Boden. Wir fühlten, daß wir nicht so handeln sollten; wir handelten also, und es misslang; da sagen wir dann; „Jener Mensch ist mir immer ein fataler Mensch gewesen; ich fühlte, daß ich mit ihm nichts zu schaffen haben sollte, und widerstrebte meinem warnenden Dämon.“ Da nennen wir sogar den Ort, die Zeit, die Stunde fatal, sind gewohnt, den anschuldigsten Dingen Schuld beizumessen, und sie uns als Dienerinnen des Schicksals mit düstern Farben zu bezeichnen, blos und allein, weil sie uns an unsre Inconsequenz und Schwäche, an den gebrochenen Bund mit unserem Bewußtseyn, vor dem heiligen Altar unsres Herzens erinnern. Sollte man die Menge der Unglücklichen abhören, die nach ihrem eignem Bewußtseyn durch ihre Schuld unglücklich wurden, so würde sich immer das Bekenntniß wiederholen: „nur durch Schwäche, durch Ungehorsam gegen mich, durch Inconsequenz ward ich unglücklich.“ – Also

3. Vermeide Jeder, so viel er kann, der Sklave einer fremden Bestimmung zu werden, und baue sein eigenes Schicksal.

Am Loose eines Andern, der uns nahe ist, Antheil zu nehmen, ihm wo wir können mit Rath zu helfen, seine Last zu erleichtern, sein Glück zu fördern, gebietet uns allen Menschenliebe, oft Freundschaft, Pflicht und Tugend. Aber uns selbst, vielleicht auf Lebenslang, zu verlassen, um einem fremden Genius zu dienen, ihm mit Aufopferung unsrer selbst blind zu folgen, das verbietet uns unser Genius, der, wenn wir seine Warnung nicht achten, zu seiner Zeit dafür hart strafet. Es giebt imperatorische Menschen, die von der Natur dazu bestimmt zu seyn glauben, die Führer andrer zu seyn, in entscheidenden Augenblicken über ihr Schicksal zu gebieten und es mit einem Wink zu lenken. Wohl, wenn sie auch Herren dieses Schicksals wären, und ihre Macht sich bis in die Brust des Andern erstreckte, dessen Verhängniß aus ihrer Meinung sie zu bestimmen wagen. Da dies aber nicht ist, so bleibet dem, der andre für sich rathen, wählen, sorgen ließ, zuletzt nichts übrig, als entweder die von einem fremden Verstande verwickelten Fäden mit eignem Verstande, so gut er kann, aufzulösen, oder dem Wagen des andern, der über sein Schicksal gebot, demüthig zu folgen. Will er großmüthig ein Auge auf dich werfen, und mit den Zügeln, in denen du daherschleichst, seine Hand bemühen, so ists Gnade; wo nicht, so schreibe dirs selbst zu, wenn du dafür geachtet wirst, wofür du dich selbst achtetest, da du dich als eine unbedeutende Zahl der hohen Nummer beigeselltest. Versöhne deinen Genius, so viel du kannst und mache dich selbst geltend.

Es giebt Verbindungen in der Welt, da das Schicksal Eines Menschen durch Naturgesetze an das Schicksal des Andern geknüpft ist. So folgt das Weib dem Schicksal des Mannes, und es ist jederzeit etwas gefährlich, wenn Er dem Schicksal des Weibes folget. So sind Unmündige an den Rath und Willen, an den Stand und die Beihülfe ihrer Eltern und Vormünder geknüpft; bald aber lehrt der Vogel seine Jungen fliegen, und wenn sie den Flug erlernt haben, treibet der Adler sie selbst aus dem Neste. Durch Bande der Liebe und des Zutrauens sind Freunde verknüpft; es schlägt in ihnen Ein Herz; ihre gemeinschaftliche Seele sorgt für einander. Zeiten der Gefahr, Unternehmungen voll Muth und grosser Gesinnung erheben, stärken, verknüpfen die Seelen, jeder vergißt sein Ich, und wohnt in der Brust des Andern oder vielmehr am gemeinschaftlichen Ziele. Lebens-Verhältnisse einer langen Bekanntschaft, die süsse Gewohnheit einer daurenden Vertraulichkeit und Freundschaft, bringen stille Gemüther sehr nah und enge zusammen, daß der Eine dem Schicksal des Andern, wohl auch im Tode selbst folget. So wünschte Horaz mit seinem Mäcenas zugleich zu sterben; ihm ward sein Wunsch gewähret: er starb Ein Jahr nach ihm. Und so ists eine bekannte Sache, daß alte Freunde, liebende Ehegatten einander im Tode oft nachfolgen; der Eine Theil blieb verwaiset zurück, konnte und wollte keine andre Bande knüpfen; er folgte dem andern an der sanften Hand eines gemeinschaftlichen Schicksals.

Was Natur und Liebe thut, wird Selbstsucht, Ehrgeitz, angebohrner oder gewohnter Befehlhaber-Geist nie vermögen. Diese trennen die Gemüther, statt sie zu verbinden; denn auch nach langer Täuschung kommt der Gefesselte auf den traurigen Erfahrungssatz zurück: „Du wirst nicht geliebt, nicht geachtet.“ Und da mangelnde Liebe und Achtung durch nichts ersetzt werden kann, so lösen sich manche mühsam-zusammengehaltene Verbindungen endlich in jenen Schuß einer Vorlesung über die Freundschaft auf: „meine Freunde, es giebt keine Freunde,“ als die das Herz, die Natur, und eine Lebenslange Erfahrung knüpfte.

Es gab Zeiten, da eine Menge Menschen mit ganzem und süssem Zutrauen ihr Schicksal an das Schicksal eines grossen Mannes, sogar seiner Familie knüpfte; ihn ließ sie für sich denken und wollen; sie vollbrachte seine Befehle, als wären diese von ihnen selbst gestellt und bekräftigt. Dies Zutrauen konnte nicht anders aufkommen und gedeihen, als dadurch, daß der grosse Hause sah: „er befinde sich bei diesem Zutrauen wohl; das Glück, die Würde, die Thätigkeit des grossen Mannes sey würklich sein besserer Genius, sein Schutzgeist. Sobald sich aber diese Verhältnisse änderten, oder gar verkehrten, so aß sichtbarer Weise das Glück des Führenden nicht eben oder immer das Glück des Geführten, ja jener sogar auf Kosten der Unglücklichen glücklich war: so mußte sich natürlich das Band dieses hingebenden Zutrauens schwächen; zumal wenn man von Seiten der Führer sich alle ersinnliche Mühe gab, dem Volk eindrücklich zu machen: „das Glück, die Macht, der Wille, die Würde, die Ergötzungen des Hirten sey eine separate Ökonomie und nicht das Schicksal der Heerde.“ – Seitdem wurden es eitle Schmeicheleien, wenn die Römer, bei dem Genius ihres Imperators, als bei ihrem Gesammt-Genius schwuren; sie wußten alle, daß der Geist eines Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, und ihrer Consorten dies nicht sey. Indessen blieben sie bei der Familia Julia, Flavia, und liessen zuletzt Soldaten den Mann wählen, an den das Schicksal des Reichs geknüpft seyn sollte. Wie in jedem Stande die Beßten nur die Wenigsten sind, so waren es auch unter den Imperatoren nur die Wenigsten, die ihren hohen Beruf, „Schicksalsgötter des Reichs zu seyn“ nicht nur kannten, sondern auch edel erfüllten. Auch als Imperatoren waren sie Beamte, Privatpersonen, auf denen die Last des Reichs ruhete, an die das Schicksal der Völker geknüpft war.

Ohne die mittleren Jahrhunderte zu durchgehen, wollen wir nur Eins bemerken, dies nämlich: daß Cultur, d. i. der wahre Geist der Aufklärung zwar das blinde Zutrauen schwäche und das alberne gar zerstöre; dagegen aber ihrer Natur nach das gegründete Zutrauen desto unverletzlicher mache, indem sie es zur Regel der Vernunft selbst erhebet. Je mehr der leere Wahn, der an unwesentlichen Dingen hing, schwindet, desto mehr lernt man dem Wesentlichen vertrauen und sich unter ein Schicksal, dessen Gesetze man erkannt hat, fügen. Alle Verirrungen des menschlichen Verstandes, alle Gräuelvolle Scenen, die von wilden oder verkappten Leidenschaften gespielt werden, aller verlarvte Betrug muß, wenn er in seiner Natur oder in Folgen erkannt wird, zuletzt auf Grundsätze der Wahrheit führen; und diese können in unserm Capitel keine andre seyn, als daß, soviel möglich, jeder Mensch die Macht, die Geschicklichkeit und Bequemlichkeit erhalte, unter Gesetzen des öffentlichen allgemeinen Wohls, sein Schicksal selbst zu leiten. Will ers einem andern vertrauen, so wirds ihm niemand wehren; er merke sich aber dabei Eine geprüfte Erfahrung, daß der, der uns viel Gutes erzeigt hat, oft wider seinen Willen uns auch Böses erzeigen könne, so daß zuweilen auch hier die Schaalen der Waage im Verfolg der Zeiten gleich schweben.

4. Das Leben des Menschen ist auf Lebenszeiten berechnet, so auch sein Schicksal. Eine Begebenheit ist auf Momente berechnet, so auch ihr Schicksal.

Über den Zusammenhang der menschlichen Lebensalter bedarf es keiner Dissertation; wir erkennen sie alle, und sehen ihren Bau auf einander. Wer im Frühlinge nicht säet, wird im Sommer nicht erndten, im Herbst und Winter nicht geniessen; er trage sein Schicksal. Wer als Greis thun will und nicht mehr zu thun vermag, was er als Jüngling mit Ehren thun dörfte, geräth an eine unrechte Hora; er trage sein Schicksal. Jedermann hat hierüber den Compaß in sich, der ihm sagt: „jetzt ist es Zeit; jetzt nicht mehr Zeit. Die Stund eist vorüber.“ Will er das Schicksal herausfodern, so wage ers auf seine eigene Kosten. In der Jugend darf man wagen; das Glück, sagt man, ist ein Weib; es gefällt sich an Etourderieen der Jugend. Wehe dem aber, der diese über den Punct bis zum Alter hinaus treibet! Wehe dem, der von allen Wagnissen jüngerer Jahre, in welchen das Glück ihm beistand, nichts als einen übeln Namen und ein Bewußtseyn lauter nichtiger, verfehlter Plane davon trägt. Er hat sich einen übeln Winter bereitet, und darf nicht eben mit Freude sagen: „das ist mein Schicksal.“

Von Schriftstellern und berühmten Männern braucht man den Ausdruck: „um diese Zeit hat er geblühet.“ Von berühmten und glücklichen Schönen sagt man ein Gleiches. Mancher blühete, wie der Feigenbaum früh, ehe noch seine Blätter da waren; die Blüthe ging bald vorüber. Mancher, wie der Mandelbaum spät und bei grauen Haaren; daher er auch seine Blüthe ins Grab nimmt. Der nüchterne Mann, der sich die Sophrosyne zur Freundin erwählte, weiß, wenn er blühen und nicht mehr blühen, wenn er Früchte bringen soll. Er will und mag seine Jugend nicht verlängern, nicht das Höchste seines Lebens zu einem noch höheren treiben; sondern bereitet sich, so lange es seyn kann, zu bestehen, und allgemach hinabzuschreiten. Die Göttinn Nüchternheit bewahrt ihn vor dem bösen Schicksal, sich selbst zu überleben. Er ändert seine Kleider nach der Jahrszeit, und erlebt zuweilen im Herbst eine verspätete Rose, oder nach ruhig durchlebtem Winter die ersten Veilchen eines neuen Frühlings.

Traurig ists aber, wenn eine schlechte Verfassung der Menschen den Greis wider seinen Willen zum Jünglinge, zu einem Brautwerber des Glücks, der Gunst und des Beifalls mit grauen Haaren macht, damit er und die Seinen nicht Hungers sterben. Hinter dem fünfzigsten Jahre sollte wohl kein würdiger Mann mehr betteln dörfen, wenn er dreissig derselben in nützlicher Arbeit hingebracht hat. Meistens hat sich in diesen dreissig Jahren, die Welt und Er selbst so verändert, daß er nicht mehr von vorn anfangen kann; so wenig es dem Strom, der dreissig Meilen fortfloß, zuzumuthen ist, daß er zur Quelle zurückkehre. Einen verdienten Mann im Alter seinem Schicksal zu überlassen, ist eine Undankbarkeit, von der auch die Wilden nichts wissen, bei denen das Alter geehrt ist, und der Jugend mit seinem geprüften Rathe dienet.

Jede Begebenheit endlich hat ihre Momente des Daseyns; vom Kleinsten fängt sie an, steigt langsam oder schnell zu einem Höchsten, von welchem sie wieder zum Minimum sinket. Wer diese Begebenheit veranlasst oder in sie wirkt und eingreift, oder ihr entgegen strebet, hat diese Momente ihres Schicksals zu bemerken. Manches Feuer läßt sich im Funken ersticken; wer aber, wenn die Flamme auflodert, blind in sie hineingreift, verbreitet sie eher, als daß er sie dämpfe. Was nicht gerettet werden kann, brenne; man sondre das Nächstgelegene von ihm ab, daß es an diesem fremden Schicksal nicht Theil nehme. Üble Barmherzigkeit, die den umherfliegenden Funken und Feuerballen Häuser und Kammern öfnet! In aller Geschichte waren Die Helden des Schicksals, die den Gang der Begebenheiten, die kritischen Tage der Krankheit, überhaupt die Reife der Dinge gesund zu beurtheilen wussten. In eignen Unternehmungen nutzten sie die Schwäche sowohl als die Stärke der Menschen, erweckten was in Trägheit schlief, veränderten durch neue oder neugebrauchte Hülfsmittel den Gang der alten Gewohnheit, brachten ihre Gegner aus der Fassung und wandten die Unglücksfälle selbst zum Glück an. Fremden Unternehmungen setzen sie sich am kräftigsten dadurch entgegen, daß sie solche entweder im Keim vernichteten oder den Apfel reifen ließen, bis er in ihren Schoos sank. Statt neuer Tafeln des Schicksals sicherten sie sich, und liessen jede Hora ihr Werk vollenden.

Sehr unterrichtend liessen sich diese Anmerkungen mit Beispielen der Geschichte belegen, und auf große oder kleine Veränderungen der Welt anwenden; wir wollen indeß lieber, den vorigen Grundsätzen gemäß, noch einige Schicksalsworte durchgehn, deren Misbrauch viel Böses stiftet.

Man spricht z. B. von glücklichen oder unglücklichen Menschen; „jene dörfen sich Alles erlauben und es gelingt; diese verfolgt auch bei den besten Unternehmungen ein Unhold, ihr unglückliches Schicksal.“

Der Ursprung dieser Benennungen fällt in die Augen. Es giebt, wie man sagt, glücklichgebohrne Menschen, denen Alles geräth, denen Alles wohl ansteht. Ihr Anblik gewinnt die Herzen, ihr Betragen schaft ihnen Freunde, ihre Zuthätigkeit zu Menschen bringt Menschen auf ihre Seite, ihre Behendigkeit, ihre Klugheit lässet sie nicht leicht einen Misgriff thun; dies Glück flößt ihnen Zutrauen zu sich, andern Zutrauen zu ihnen ein, es macht ihnen Muth – nur daß dieser Muth kein Übermuth werde! – Auch sie haben einen höchsten Punct, den sie nicht überschreiten dörfen; sonst sagt das alte Sprüchwort: „die hohen Steiger fallen gern; die guten Schwimmer ertrinken gern.“ Julius Cäsar, der diese Zuversicht zu sich in hohem Maas und doch nicht im Übermaas hatte, der mit so vieler Würde sprach: „fürchte dich nicht, du fährst den Cäsar“ und sich auch in den letzten Tagen, da er schon mistrauisch zu werden anfing, dennoch der Republik unentbehrlich und sicher glaubte, irrte sich an seinem Glück; er ward ermordet.

Der Gedanke, daß uns das Unglück verfolge, ist ein böser Dämon; er macht trübsinnig, scheu, verzagt, misstrauend, unzufrieden mit sich und andern, endlich kühn, verzweifelnd; er wird also seiner Natur nach unsres Unglücks Vater und Stifter. Frühe muß man diesen bösen Geist vertreiben, und einem jungen Mann nicht durch Worte sondern durch wohlbestandene Proben zeigen, daß er Glück habe. Ein Freund thut hier oft mehr als ein Lehrer; Pylades und Minerva heilten den jungen Orestes. In spätern Jahren kommt es bei diesem Gedanken darauf an, daß man sich frage: „weßhalb man unglücklich seyn müsse?“ Ists, weil alte Schulden auf uns liegen, so büße man diese und zahle sie ab; so lange leide man in der Stille. Oder weil man in sich eine ungesellige, widrige Denkart bemerkt; wohlan! so werde ein Arzt deiner selbst; in dir ist das Übel, und die Vorsehung wird (glaube es) auf tausend dir jetzt unbekannte Weisen deinen Bemühungen beistehn. Oder meinst du, du seyst für andre ein Unglückbringendes Wesen; forsche auch diesem schwarzen Gedanken nach, woher er komme? Versuche es, und widerlege ihn durch die That. Deine Proben werden glücklich seyn; Herzen werden dir entgegen kommen; du wirst überzeugt werden, daß du zum Glück daseyn könnest, weil du zu ihm daseyn sollst. Die Natur und dein Herz werden ja nichts Unmögliches als Pflicht von dir fodern.

Wenns Unglückbringende Menschen giebt, so sind es nicht diese trübsinnige, sondern jene kecke, stolze, freche Menschen, die sich dazu berufen glauben, alles zu ordnen, ihr Bildniß jedermann aufzuprägen. Verstanden und mißverstanden machen diese viele Verwirrung; sie rücken die Stühle von ihrem Ort, rücken Menschen aus ihrem Gedankenkreise, prägen diesen ihre Grundsätze ein, nach denen jene doch nicht handeln können, und verwüsten damit menschliche Gemüther. Gut, daß diese Dämonen, sie mögen offenbar oder verstohlen handeln, selten erscheinen; wenige von ihnen können auf Generationen Unglück verbreiten. Gegen sie aber sollten sich alle gesetzten Gemüther vereint wapnen.

Man spricht oft von unglücklichen Familien; und warum sollte es deren nicht geben? Erben sich nicht falsche Grundsätze und Gedankenverwirrungen, böse Anlagen und Leidenschaften wie Seuchen und Gebrechen fort? und werden sie nicht oft durch Erziehung genähret? Die Geschichte zeigt uns Exempel derselben und giebt uns zugleich guten Rath an die Hand. Kannst du, so heile das Familien-Übel; und es wird eine gesunde Sprosse hervorblühn, die den Unglücksnamen hinwegnimmt, die vom bösen Dämon das Haus reinigt. Kannst du es nicht, so knüpfe, wenn der scheue Genius dich warnt, dein Schicksal nicht an das Schicksal des dir gefährlichscheinenden Hauses. Oft, singet Horaz,

– traf den Unschuldigen
Zusammt dem Schuldgen Jupiters Rächerstral.
Mit hinkendem, doch sicherm Tritte
Folgt dem Verbrecher die ernste Strafe.

Wenn es aber unglückliche Familien giebt; warum sollte es nicht auch glückliche geben? Es giebt deren, die Wahrheit, Verdienst und Geschichte ausgezeichnet haben; ihnen sich zugesellen, giebt Aufmunterung, Trost und Muth. Die Laren und Penaten, die Genien der Geschlechter sind heilige Götter; natürlich aber nur in dem Heiligthume, das ihrer werth ist.

Sonst ist überhaupt keine Menschenfeindliche Regel der Klugheit, sich vor denen zu hüten, die, (wie man sagt) das Schicksal ausgezeichnet hat. Wie man nicht gern und aufs Gerathewohl einen Dienstboten annimmt, der von seinen vorigen Herren mit oder ohne Grund weggejagt worden, wie man dem nicht eben am liebsten sein Geschäft anvertrauet, der wegen mißrathener Geschäfte berühmt ist, noch den zu seinem Rathgeber erwählen wird, dem bisher alle seine Plane verunglückten: so wird man immer auch behutsam seyn müssen, einem notorisch-Unglücklichen ein Geschäft zu überlassen, bei dem es auf Glück ankommt; und bei welchem Geschäft käme es, im rechten Sinne des Worts, darauf nicht an? Wer bürgt dir dafür, daß er an seinem Unglücke ganz unschuldig war? wer ist dir, bei seinem besten Willen, für dein Geschäft Bürge? Oder willst du die Probe machen, das Glück zu belehren, daß es gegen ihn unrecht gehabt habe? – Was hängt weniger mit uns zusammen, als unser Name? und doch zeigt die Geschichte, daß es Fälle giebt, wo man wohl thut, sogar unglücklich-geglaubten Namen auszuweichen. Wie oft hängt der Menschen Wahn an einem Wortschall! und wie vieles hängt nicht, bei Glück und Unglück, am Wahn der Menschen!

Im schönsten Sinne des Worts ist mein eignes Schicksal, das ich mir selbst durch Arbeitsamkeit, Mässigung, Gnügsamkeit, Verstand und Tugend erwerbe. „Wozu Jemand Lust und Liebe hat, das bekommt er sein Lebenlang gnug“ sagt das schöne deutsche Sprüchwort; es kommt also nur darauf an, daß man zum Rechten und Beßten Lieb’ und Lust habe, und es mit unablässigem Fleiß treibe. Früher oder später kommt man gewiss zum Ziele. Was einem Gott beschert, nimmt ihm St. Peter nicht; item: Gott begegnet manchem, wer ihn nur grüßen könnt – eine Reihe dergleichen sinnbildliche Redarten in unsrer alten Sprache sind von der treffendsten Wahrheit. Das Nicht zu viel! Maas ist zu allen Dingen gut! Rathen sie uns treuherzig an, und vom falschen Zutrauen, vom Umherlaufen, von der Allthuerei treuherzig ab. Das „vierzehn Handwerk, fünfzehn Unglück“ ist ein goldnes Wort; desgleichen: „du hast viel zu schaffen und wenig auszurichten.“ „Wer auf Gnad dient, den lohnt man mit Barmherzigkeit.“ „Wers kann, dem kommt es.“ „Recht findet sich“ u. f. Sey, wer du seyn sollt, und thue das Deine; so wird dich das Glück, dein gutes Schicksal ungesucht finden; die schärfste Waage deines, keines fremden Schicksals ist in dir.

Jetzt sollte ich noch vom eignen Schicksal ganzer Nationen reden, von dem in der Geschichte vortrefliche Sibyllenblätter enthalten sind; einer andern Hora können sie werden.

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