Charakterisierung von Tell’s Knabe, Zeichung von Friedrich Pecht

Tell's Knabe, Charakter aus dem Schiller-Drama Wilhelm Tell, Zeichnung von Friedrich Pecht, 1859

Tell’s Knabe, Charakter aus dem Schiller-Drama Wilhelm Tell, Zeichnung von Friedrich Pecht, 1859

Charakterisierung von Tell’s Knabe

aus der „Schiller-Galerie“, 1859



Wie wir den „Tell“ als das unsterbliche Hohelied der Freiheit zu betrachten haben, als das schönste und vollendetste Vermächtnis, das der scheidende Genius seiner Nation hinterlassen, so kann man die ungeheuere Macht und Wirkung desselben aus der Art ermessen, wie diese Nation dasselbe aufgenommen, wie sie diese Erbschaft ihres herrlichsten Sohnes angetreten hat. Man weiß die Antwort aus dem großartigen Kampfe gegen die Fremdherrschaft, der Abschüttelung der schmachvollen Ketten, in die sie durch die Schuld ihrer Führer und die eigene Schwäche geschlagen worden war. Wohl hat sich kein Dichter der Welt einer ähnlichen ungeheuern unmittelbaren Wirkung auf sein Volk zu rühmen als hier Schiller. Er zeigt uns wie kein anderer, dass es das Vorrecht der genialen Naturen ist, die Denkungsart, ja selbst den Charakter ihrer Nation zu formen, und so mittelbar selbst ihre Geschichte zu bilden. Oder welchen Deutschen erfüllte es nicht mit gerechtem Stolze auf den Dichter wie auf das Volk, das ihn geboren, wenn er Deutschland betrachtet, wie es Schiller fand, und dann das Jahr 1813 selbst als das Echo der Gesänge unsers großen Barden, als das schönste Denkmal sieht, das wir ihm errichten konnten!

So alles durchdringend ist aber auch der männliche Geist der Freiheit, des kühnen Mutes, des Widerstandes gegen die Gewalt in dem Drama, dass er uns aus allem entgegenspricht, selbst aus dem Knaben Wälty atmet uns schon der verwegene Sinn der Löwenbrut entgegen. Die erste Lehre, die wir den Vater dem Buben geben hören: „Ein rechter Schütze hilft sich selbst!“ ist freilich nicht danach, Muttersöhnchen zu erziehen, sowenig als die Maxime:

Sie sollen alles lernen. Wer durchs Leben
Sich frisch will schlagen, muss zu Schutz und Trutz
Gerüstet sein.

Der Mut ist zur guten Hälfte Folge der Erziehung, und Tell weiß ihn, wie man sieht, zu pflegen, er muss aber zur andern Hälfte wie der Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit schon angeboren sein; bei Wälty ist letzteres der Fall wie jenes, denn die erste Frage, die er bei Erweiterung seiner geographischen Kenntnisse durch den Vater und seinen Berichten von den Segnungen der Ebene und ihren Bewohnern tut‚ ist die:

Wohnen sie
Nicht frei, wie du, auf ihrem eignen Erbe? —

und als das verneint wird, schwankt er nicht in seiner Wald:

Vater, es wird mir eng im weiten Land:
Da wohn’ ich lieber unter den Lavinen.

Noch rascher ist der Junge aber mit dem Gedanken des Widerstandes bei der Hand; als der Vater verhaftet wird, begnügt er sich nicht mit Klagen, sondern ruft:

Herbei‚ ihr Männer, gute Leute, helft!
Gewalt! Gewalt! Sie fuhren ihn gefangen.

Der Trotz gegen die Gefahr ist seine stärkste Empfindung; selbst als er alles um sich zittern sieht:

Großvater, knie nicht vor dem falschen Mann!
Sagt, wo ich hinstehn soll. Ich fürcht’ mich nicht.

Er will vor allen Dingen nicht gebunden sein:

Mich binden!
Nein, ich will nicht gebunden sein. Ich will
Still halten, wie ein Lamm, und auch nicht athmen.
Wenn ihr mich bindet, nein, so kann ich’s nicht,
So werd’ ich toben gegen meine Bande!

Ebenso wenig will er sich die Augen verbinden lassen. Das kleine Herz ist fest wie Stahl, und es entzückt uns, wenn er sagt:

Frisch, Vater, zeig’s, dass du ein Schütze bist!
Er glaubt dir’s nicht, er denkt uns zu verderben –
Dem Wüthrich zum Verdrusse schiess und triff!

Dass er nicht den Schein von Furcht gehabt hat, zeigt er uns nachher, wo die Angst um das geliebte Kind selbst seinen Vater übermannt, da ruft er bloß triumphierend:

Vater, hier ist der Apfel. — Wusst’ ich’s ja,
Du wurdest deinen Knaben nicht verletzen.

Es war natürlich, dass der Künstler den Jungen in diesem Moment auffasste, um den kleinen, blonden, freudestrahlenden Teufelskerl wiederzugeben, in dem die Gutmütigkeit und die Verwegenheit sich beständig so liebenswürdig streiten.

Der nimmer endende Kampf mit der Natur, in dem sich der Gebirgsbewohner fast unaufhörlich befindet, bildet denn freilich die Eigenschaften auch von früh an aus, die ihn zum Kampfe mit den Menschen am meisten befähigen: den kaltblütigen Muth, die Geistesgegenwart und den stolzen, unbeugsamen Trotz auf die eigene Kraft; immer auf sich gestellt fast in jedem Momente seines Lebens, sei es auf der steilen Alm als Hirt oder in den Felsen und Abgründen des Gebirgs als Jäger, sei es unter den Gewitterfluten des Sommers oder dem Donnern der Lawinen‚ dem Brausen der Schneestürme des schauerlichen Winters, — immer ist er im Angesicht der Gefahr. Da wächst denn freilich jener Sinn für Freiheit und Unabhängigkeit nicht nur, sondern auch jene Schnelligkeit des Blicks, jene scharfe Intelligenz, die allen Gebirgsbewohnern gemeinsam sind, und deren keimende Züge aus unserm Wälty schon ein so lebendiges Bild machen. Rasch bekommt der kleine Republikaner auch das stolze Bewusstsein seiner Tat, denn da die Mutter sagt: „Euer Vater ist’s‚ der’s Land gerettet“, so nimmt er sofort seinen Teil der Verdienste auch in Anspruch:

Und ich bin auch dabei gewesen, Mutter!
Mich muss man auch mit nennen. Vaters Pfeil
Ging mir am Leben hart vorbei, und ich
Hab’ nicht gezittert.

Gewiss ist das Bild des kernigen Jungen, wie es Schiller zeichnet, von einer Frische und Echtheit, er ist ein so naturwüchsiges Kind seiner rauen und doch so poetischen Heimat, dass durch seine Schilderung derselbe Hauch kräftiger, würziger Alpenluft zieht, den der Dichter durch das ganze Stück mit so unübertrefflicher Meisterschaft zu verbreiten gewusst hat. Diese starke lokale Färbung, die alles im „Teil“ tragt, die mit gleichem Glanz das Gemälde der Natur, das in so wunderbarer Pracht vor uns aufgerollt wird, wie die Menschen belebt, die sich von ihrem großartigen Hintergrund abheben, und sie so wahr, so energisch und glaubwürdig erscheinen und zugleich so eng miteinander verbunden, so durchaus voneinander bedingt sein lässt: sie ist wohl der höchste Reiz des Stücks, und der Dichter entfaltet in ihr eine Gabe realistischer Darstellung, die das idealisierende Pathos früherer Stücke an poetischem Werth weit übertreffen möchte. Die Macht, mit der er hier oft durch ein paar Striche ein Bild zu skizzieren und unsere Phantasie zur Vervollständigung desselben anzuregen weiß, ist so wunderbar, dass die deutsche Literatur schwerlich der Anschaulichkeit, der plastischen Kraft jener Naturschilderungen etwas Ähnliches von gleichem Werte an die Seite zu setzen oder Figuren von größerer Frische und Liebenswürdigkeit als die unsers Wälty aufzuweisen haben wird.