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Die Braut von Messina – 2. Akt, 5. Auftritt

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Donna Isabella steht zwischen Don Manuel und Don Cesar.

Isabella.
Nun endlich ist mir der erwünschte Tag,
Der langersehnte, festliche, erschienen –
Vereint seh‘ ich die Herzen meiner Kinder,
Wie ich die Hände leicht zusammenfüge,
Und im vertrauten Kreis zum erstenmal
Kann sich das Herz der Mutter freudig öffnen.
Fern ist der fremden Zeugen rohe Schaar,
Die zwischen uns sich kampfgerüstet stellte –
Der Waffen Klang erschreckt mein Ohr nicht mehr,
Und wie der Eulen nachtgewohnte Brut
Von der zerstörten Brandstatt, wo sie lang
Mit altverjährtem Eigenthum genistet,
Auffliegt in düsterm Schwarm, den Tag verdunkelnd,
Wenn sich die lang vertriebenen Bewohner
Heimkehrend nahen mit der Freude Schall,
Den neuen Bau lebendig zu beginnen:
So flieht der alte Haß mit seinem nächtlichen
Gefolge, dem hohläugigten Verdacht,
Der schellen Mißgunst und dem bleichen Neide,
Aus diesen Thoren murrend zu der Hölle,
Und mit dem Frieden zieht geselliges
Vertraun und holde Eintracht lächelnd ein. (Sie hält inne.)
– Doch nicht genug, daß dieser heut’ge Tag
Jedem von beiden einen Bruder schenkt,
Auch eine Schwester hat er euch geboren.
– Ihr staunt? Ihr seht mich mir Verwundrung an?
Ja, meine Söhne! Es ist Zeit, daß ich
Das Siegel breche und das Siegel löse
Von einem lang verschlossenen Geheimniß.
– Auch eine Tochter hat‘ ich Eurem Vater
Geboren – eine jüngre Schwester lebt
Euch noch – Ihr sollt noch heute sie umarmen.

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Don Cesar.
Was sagst du, Mutter? Eine Schwester lebt uns,
Und nie vernahmen wir von dieser Schwester!

Don Manuel.
Wohl hörten wir in früher Kinderzeit,
Daß eine Schwester uns geboren worden;
Doch in der Wiege schon, so ging die Sage,
Nahm sie der Tod hinweg.

Isabella.
Die Sage lügt!
Sie lebt!

Don Cesar.
Sie lebt, und du verschwiegest uns?

Isabella.
Von meinem Schweigen geb‘ ich Rechenschaft.
Hört, was gesäet ward in frührer Zeit
Und jetzt zur frohen Ernte reifen soll.
– Ihr wart noch zarte Knaben, aber schon
Entzweite euch der jammervolle Zwist,
Der ewig nie mehr wiederkehren möge,
Und häufte Gram auf eurer Eltern Herz.
Da wurde eurem Vater eines Tages
Ein seltsam wunderbarer Traum. Ihm däuchte,
Er säh‘ aus seinem hochzeitlichen Bette
Zwei Lorbeerbäume wachsen, ihr Gezweig
Dicht in einander flechtend – zwischen beiden
Wuchs eine Lilie empor – Sie ward
Zur Flamme, die, der Bäume dicht Gezweig
Und das Gebälk ergreifend, prasseln aufschlug
Und, um sich wüthend, schnell das ganze Haus
In ungeheurer Feuerfluth verschlang.

Erschreckt von diesem seltsamen Gesichte,
Befragt‘ der Vater einen sternekundigen
Arabier, der sein Orakel war,
An dem sein Herz mehr hing, als mir gefiel,
Um die Bedeutung. Der Arabier
Erklärte: wenn mein Schooß von einer Tochter
Entbunden würde, tödten würde sie ihm
Die beiden Söhne und sein ganzer Stamm
Durch sie vergehn – Und ich ward Mutter einer Tochter;
Der Vater aber gab den grausamen
Befehl, die neugeborene alsbald
Ins Meer zu werfen. Ich vereitelte
Den blut’gen Vorsatz und erhielt die Tochter
Durch eines treuen Knechts verschwiegnen Dienst.

Don Cesar.
Gesegnet sei er, der dir hilfreich war!
O, nicht an Rath gebricht’s der Mutterliebe!

Isabella.
Der Mutterliebe mächt’ge Stimme nicht
Allein trieb mich, das Kindlein zu verschonen.
Auch mir ward eines Traumes seltsames
Orakel, als mein Schooß mit dieser Tochter
Gesegnet war: Ein Kind, wie Liebesgötter schön,
Sah ich im Grase spielen, und ein Löwe
Kam aus dem Wald, der in dem blut’gen Rachen
Die frisch gejagte Beute trug, und ließ
Sie schmeichelnd in den Schooß des Kindes fallen.
Und aus den Lüften schwang ein Adler sich
Herab, ein zitternd Reh in seinen Fängen,
Und legt es schmeichelnd in den Schooß des Kindes,
Und beide, Löw‘ und Adler, legen, fromm
Gepaart, sich zu des Kindes Füßen nieder.
– Des Traums Verständniß löste mir ein Mönch,
Ein gottgeliebter Mann, bei dem das Herz
Rath fand und Trost in jeder ird’schen Noth.
Der sprach: »Genesen würd‘ ich einer Tochter,
»Die mir der Söhne streitende Gemüther
»In heißer Liebesgluth vereinen würde.«
– Im Innersten bewahrt‘ ich mir dies Wort;
Dem Gott der Wahrheit mehr als dem der Lüge
Vertrauend, rettet‘ ich die Gott verheißne,
Des Segens Tochter, meiner Hoffnung Pfand,
Die mir des Friedens Werkzeug sollte sein,
Als euer Haß sich wachsend stets vermehrte.

Don Manuel (seinen Bruder umarmend).
Nicht mehr der Schwester braucht’s, der Liebe Band
Zu flechten, aber fester soll sie’s knüpfen.

Isabella.
So ließ ich an verborgner Stelle sie,
Von meinen Augen fern, geheimnißvoll
Durch fremde Hand erziehn – der Anblick selbst
Des lieben Angesichts, den heißerflehten,
Versagt‘ ich mir, den strengen Vater scheuend,
Der, von des Argwohns ruheloser Pein
Und finster grübelndem Verdacht genagt,
Auf allen Schritten mir die Späher pflanzte.

Don Cesar.
Drei Monde aber deckt den Vater schon
Das stille Grab – Was wehrte dir, o Mutter,
Die lang Verborgne an das Licht hervor
Zu ziehn und unsre Herzen zu erfreuen?

Isabella.
Was sonst, als euer unglücksel’ger Streit,
Der, unauslöschlich wüthend, auf dem Grab
Des kaum entseelten Vaters sich entflammte,
Nicht Raum noch Stätte der Versöhnung gab?
Konnt‘ ich die Schwester zwischen eure wild
Entblößten Schwerter stellen? Konntet ihr
In diesem Sturm die Mutterstimme hören?
Und sollt‘ ich sie, des Friedens theures Pfand,
Den letzten heil’gen Anker meiner Hoffnung,
An eures Hasses Wuth unzeitig wagen?
– Erst mußtet ihr’s ertragen, euch als Brüder
Zu sehn, eh‘ ich die Schwester zwischen euch
Als einen Friedensengel stellen konnte.
Jetzt kann ich’s, und ich führe sie euch zu.
Den alten Diener hab‘ ich ausgesendet,
Und stündlich harr‘ ich seiner Wiederkehr,
Der, ihrer stillen Zuflucht sie entreißend,
Zurück an meine mütterliche Brust
Sie führt und in die brüderlichen Arme.

Don Manuel.
Und sie ist nicht die Einz’ge, die du heut
In deine Mutterarme schließen wirst.
Es zieht die Freude ein durch alle Pforten,
Es füllt sich der verödete Palast
Und wird der Sitz der blühnden Anmuth werden.
– Vernimm, o Mutter, jetzt auch mein Geheimniß.
Eine Schwester gibst du mir – Ich will dafür
Dir eine zweite liebe Tochter schenken.
Ja, Mutter! Segne deinen Sohn! – Dies Herz,
Es hat gewählt; gefunden hab‘ ich sie,
Die mir durchs Leben soll Gefährtin sein.
Eh dieses Tages Sonne sinkt, führ‘ ich
Die Gattin dir Don Manuels zu Füßen.

Isabella.
An meine Brust will ich sie freudig schließen,
Die meinen Erstgebornen mir beglückt;
Auf ihren Pfaden soll die Freude sprießen,
Und jede Blume, die das Leben schmückt,
Und jedes Glück soll mir den Sohn belohnen,
Der mir die schönste reicht der Mutterkronen!

Don Cesar.
Verschwende, Mutter, deines Segens Fülle
Nicht an den einen erstgebornen Sohn!
Wenn Liebe Segen gibt, so bring‘ auch ich
Dir eine Tochter, solcher Mutter werth,
Die mich der Liebe neu Gefühl gelehrt.
Eh dieses Tages Sonne sinkt, führt auch
Don Cesar seine Gattin dir entgegen.

Don Manuel.
Allmächt’ge Liebe! Göttliche! Wohl nennt
Man dich mit Recht die Königin der Seelen!
Dir unterwirft sich jedes Element,
Du kannst das Feindlichstreitende vermählen;
Nichts lebt, was deine Hoheit nicht erkennt,
Und auch des Bruders wilden Sinn hast du
Besiegt, der unbezwungen stets geblieben. (Don Cesar umarmend.)
Jetzt glaub‘ ich an dein Herz und schließe dich
Mit Hoffnung an die brüderliche Brust;
Nicht zweifl‘ ich mehr an dir, denn du kannst lieben.

Isabella.
Dreimal gesegnet sei mir dieser Tag,
Der mir auf einmal jede bange Sorge
Vom schwer beladnen Busen hebt – Gegründet
Auf festen Säulen seh‘ ich mein Geschlecht,
Und in der Zeiten Unermeßlichkeit
Kann ich hinabsehn mit zufriednem Geist.
Noch gestern sah ich mich im Wittwenschleier,
Gleich einer Abgeschiednen, kinderlos,
In diesen öden Sälen ganz allein,
Und heute werden in der Jugend Glanz
Drei blühnde Töchter mir zur Seite stehen.
Die Mutter zeige sich, die glückliche,
Von allen Weibern, die geboren haben,
Die sich mit mir an Herrlichkeit vergleicht!
– Doch welcher Fürsten königliche Töchter
Erblühen denn an dieses Landes Grenzen,
Davon ich Kunde nie vernahm? – denn nicht
Unwürdig wählen konnten meine Söhne!

Don Manuel.
Nur heute, Mutter, fordre nicht, den Schleier
Hinwegzuheben, der mein Glück bedeckt.
Es kommt der Tag, der Alles lösen wird,
Am besten mag die Braut sich selbst verkünden,
Deß sei gewiß, du wirst sie würdig finden.

Isabella.
Des Vaters eignen Sinn und Geist erkenn‘ ich
In meinem erstgebornen Sohn! Der liebte
Von jeher, sich verborgen in sich selbst
Zu spinnen und den Rathschluß zu bewahren
Um unzugangbar fest verschlossenen Gemüth!
Gern mag ich dir die kurze Frist vergönnen;
Doch mein Sohn Cesar, deß bin ich gewiß,
Wird jetzt mir eine Königstochter nennen.

Don Cesar.
Nicht meine Weise ist’s, geheimnißvoll
Mich zu verhüllen, Mutter. Frei und offen,
Wie meine Stirne, trag‘ ich mein Gemüth;
Doch, was du jetzt von mir begehrst zu wissen,
Das, Mutter – laß mich’s redlich dir gestehn,
Hab‘ ich mich selbst noch nicht gefragt. Fragt man,
Woher der Sonne Himmelsfeuer flamme?
Die alle Welt verklärt, erklärt sich selbst,
Ihr Licht bezeugt, daß sie vom Lichte stamme.
Ins klare Auge sah ich meiner Braut,
Ins Herz des Herzens hab‘ ich ihr geschaut,
Am reinen Glanz will ich die Perle kennen;
Doch ihren Namen kann ich dir nicht nennen.

Isabella.
Wie, mein Sohn Cesar? Kläre mir das auf.
Zu gern dem ersten mächtigen Gefühl
Vertrautest du, wie einer Götterstimme.
Auf rascher Jugendthat erwart‘ ich dich,
Doch nicht auf thöricht kindischer – Laß hören,
Was deine Wahl gelenkt.

Don Cesar.
Wahl, meine Mutter?
Ist’s Wahl, wenn des Gestirnes Macht den Menschen
Ereilt in der verhängnißvollen Stunde?
Nicht, eine Braut zu suchen, ging ich aus,
Nicht wahrlich solches Eitle konnte mir
Zu Sinne kommen in dem Haus des Todes,
Denn dorten fand ich, die ich nicht gesucht.
Gleichgültig war und nichts bedeutend mir
Der Frauen leer geschwätziges Geschlecht,
Denn eine zweite sah ich nicht, wie dich,
Die ich gleich wie ein Götterbild verehre.
Es war des Vaters ernste Todtenfeier;
Im Volksgedräng verborgen, wohnten wir
Ihr bei, du weißt’s, in unbekannter Kleidung;
So hattest du’s mit Weisheit angeordnet,
Daß unsers Haders wild ausbrechende
Gewalt des Festes Würde nicht verletze.
– Mit schwarzem Flor behangen war das Schiff
Der Kirche, zwanzig Genien umstanden,
Mit Fackeln in den Händen, den Altar,
Vor dem der Todtensarg erhaben ruhte,
Mit weißbekreuztem Grabestuch bedeckt.
Und auf dem Grabtuch sahe man den Stab
Der Herrschaft liegen und die Fürstenkrone,
Den ritterlichen Schmuck der goldnen Sporen,
Das Schwert mit diamantenem Gehäng.
– Und Alles lag in stiller Andacht knieend,
Als ungesehen jetzt vom hohen Chor
Herab die Orgel anfing sich zu regen,
Und hundertstimmig der Gesang begann –
Und als der Chor noch fortklung, stieg der Sarg
Mit sammt dem Boden, der ihn trug, allmählich
Versinkend in die Unterwelt hinab,
Das Grabtuch aber überschleierte,
Weit ausgebreitet, die verborgne Mündung,
Und auf der Erde blieb der ird’sche Schmuck
Zurück, dem Niederfahrenden nicht folgend –
Doch auf den Seraphsflügeln des Gesangs
Schwang die befreite Seele sich nach oben,
Den Himmel suchend und den Schooß der Gnade.
– Dies alles, Mutter, ruf‘ ich dir, genau
Beschreibend, ins Gedächtniß jetzt zurück,
Daß du erkennest, ob zu jener Stunde
Ein weltlich Wünschen mir im Herzen war.
Und diesen festlich ernsten Augenblick
Erwählte sich der Lenker meines Lebens,
Mich zu berühren mit der Liebe Strahl.
Wie es geschah, frag‘ ich mich selbst vergebens.

Isabella.
Vollende dennoch! Laß mich Alles hören!

Don Cesar.
Woher sie kam, und wie sie sich zu mir
Gefunden, dieses frage nicht – Als ich
Die Augen wandte, stand sie mir zur Seite,
Und dunkel mächtig, wunderbar ergriff
Im tiefsten Innersten mich ihre Nähe.
Nicht ihres Wesens schöner Außenschein,
Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,
Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,
Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt –
Es war ihr tiefste und geheimstes Leben,
Was mich ergriff mit heiliger Gewalt,
Wie Zaubers Kräfte unbegreiflich weben –
Die Seelen schienen ohne Worteslaut
Sich ohne Mittel geistig zu berühren,
Als sich mein Athem mischte mit dem ihren;
Fremd war sie mir und innig doch vertraut,
Und klar auf einmal fühlt‘ ich’s in mir werden,
Die ist es oder Keine sonst auf Erden!

Don Manuel (mit Feuer einfallend).
Das ist der Liebe heil’ger Götterstrahl,
Der in die Seele schlägt und trifft und zündet,
Wenn sich Verwandtes zum Verwandten findet,
Da ist kein Widerstand und keine Wahl,
Es löst der Mensch nicht, was der Himmel bindet.
– Dem Bruder fall‘ ich bei, ich muß ihn loben,
Mein eigen Schicksal ist’s, was er erzählt,
Den Schleier hat er glücklich aufgehoben
Von dem Gefühl, das dunkel mich beseelt.

Isabella.
Den eignen freien Weg, ich seh‘ es wohl,
Will das Verhängniß gehn mit meinen Kindern.
Vom Berge stürzt der ungeheure Strom,
Wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,
Nicht des gemeßnen Pfades achtet er,
Den ihm die Klugheit vorbedächtig baut.
So unterwerf‘ ich mich – wie kann ich’s ändern? –
Der unregiersam stärkern Götterhand,
Die meines Hauses Schicksal dunkel spinnt.
Der Söhne Herz ist meiner Hoffnung Pfand,
Sie denken groß, wie sie geboren sind.