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Friedrich Schiller »Breite und Tiefe« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

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Breite und Tiefe (1797) gehört zu den kleinen Gedichten Schillers, der hierhin den Gegensatz von theoretischer Erkenntnis und praktischem Handeln beschreibt.

Text des Gedichts

Breite und Tiefe

 Es glänzen viele in der Welt,
 Sie wissen von allem zu sagen,
 Und wo was reizet und wo was gefällt,
 Man kann es bei ihnen erfragen,
5Man dächte, hört man sie reden laut,
 Sie hätten wirklich erobert die Braut.

 Doch gehn sie aus der Welt ganz still,
 Ihr Leben war verloren.
 Wer etwas Treffliches leisten will,
10Hätt gern was Großes geboren,
 Der sammle still und unerschlafft
 Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.

 Der Stamm erhebt sich in die Luft
 Mit üppig prangenden Zweigen,
15Die Blätter glänzen und hauchen Duft,
 Doch können sie Früchte nicht zeugen,
 Der Kern allein im schmalen Raum
 Verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum.

Idee und Inhalt

Das Gedicht befasst sich mit dem praktischen Handeln des Menschen, auf sein „Leisten“. Anders als der theoretischen Erkenntnis der Welt fordert das praktische Handeln die Konzentration auf den kleinsten Punkt. Praktisches Handeln geht also in die Tiefe(, während der theoretischen Erkenntnis eine breite Betrachtung vorausgeht).

Zusammenfassung

Strophe 1: Viele machen sich durch vielseitige Kenntnis im Leben einen glänzenden Namen.

Strophe 2: Aber ihr Name schwindet mit ihnen, wogegen, wer etwas Tüchtiges schaffen will, seine Kraft auf einen Kernpunkt sammeln muss.

Strophe 3: Der kleine Kern, aus dem der ganze Baum sich entwickelt, ist ein Bild einer auf diese Weise zu gewinnenden mächtigen Wirkung.

Entstehung

Schillers Gedicht „Breite und Tiefe“ entstand vermutlich in den Tagen vor dem 27. April 1797, an dem er einige „Kleinigkeiten“ an Spener schickte. Erstmals veröffentlicht wurde es im Musenalmanach auf das Jahr 1798. Körner bezeichnet das Gedicht etwas sonderbar als eine Fabel und bezieht sich hierbei auf die Allegorie in Strophe 3, die ihre Moral in den vorangehenden Strophen vorausschickt. Die Kritik Körners richtet sich auf das seiner Meinung nach verfehlte Bild in Strophe 3: „Ohne Stamm und Blätter gab es doch noch weder Kern noch Früchte“, schrieb dieser. Wenn Schiller den Baumstamm mit Zweigen und Blättern erwähnt, so musste er bemerken, dass diese, wie stattlich sie auch sich erheben, nicht da sein würden ohne den kleinen im Boden verborgenen Kern, worin der ganze Baum verschollen ruht. Die Erwägung, „doch können sie Früchte nicht zeugen“, passt aber nicht. Sie soll einen Gegensatz zur Schönheit der Blätter bilden. Aber wird bei ihnen auf das Nichttragen von Früchten Gewicht gelegt, so kann man ja doch von den Zweigen des Stammes wohl sagen, dass sie immer wenn auch nur mittelbar, Früchte zeugen.

Versmaß und Reimform

Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit jeweils sechs Versen. Die Verse sind jambischer Natur. Anapäste ersetzen mitunter die Jamben. Die ersten vier Verse reimen als Kreuzreim, die beiden letzten Verse bilden einen Paarreim. Das gesamte Reimschema sieht also wie folgt aus: a-b-a-b-c-c. Die Reime a und c sind männlich (stumpf) reimende Verse, enden auf eine betonte Silbe. Die Verse von Reim b sind weiblicher (klingender) Natur, sie enden auf eine unbetonte Silbe.

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