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Phädra (Racine) – Fünfter Aufzug. Erster Auftritt.

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Hippolyt. Aricia. Ismene.

Aricia.
Du schweigst in dieser äußersten Gefahr?
Du lässest einen Vater, der dich liebt,
In seinem Wahn! O wenn dich meine Tränen
Nicht rühren, Grausamer! Wenn du so leicht
Dich drein ergibst, mich ewig zu verlieren,
Geh hin, verlass mich, trenne dich von mir,
Doch sichre wenigstens zuvor dein Leben!
Verteid’ge deine Ehre! Reinige dich
Von einem schändlichen Verdacht! Erzwing’s
Von deinem Vater, seinen blut’gen Wunsch
Zu widerrufen! Noch ist’s Zeit. Warum
Das Feld frei lassen deiner blut’gen Feindin?
Verständige den Theseus!

Hippolyt.
Hab’ ich’s nicht
Getan? Sollt’ ich die Schande seines Bettes
Enthüllen ohne Schonung, und die Stirn
Des Vaters mit unwürd’ger Röte färben?
Du allein durchrangst das grässliche Geheimnis;
Dir und den Göttern nur kann ich mich öffnen.
Dir konnt’ ich nicht verbergen, was ich gern
Mir selbst verbarg – Urteil’, ob ich dich liebe!
Jedoch bedenke, unter welchem Siegel
Ich dir’s vertraut! Vergiss, wenn’s möglich ist,
Was ich gesagt, und deine reinen Lippen
Beflecke nie die grässliche Geschichte!
Lass uns der Götter Billigkeit vertrauen;
Ihr eigner Vorteil ist’s, mir Recht zu schaffen.
Und früher oder später, sei gewiss,
Wird Phädra schmachvoll ihr Gebrechen büßen.
Hierin allein leg’ ich dir Schonung auf;
Frei folg’ ich meinem Zorn in allem andern.
Verlass die Knechtschaft, unter der du seufzest!
Wag’s, mir zu folgen! Teile meine Flucht!
Entreiß’ dich diesem unglücksel’gen Ort,
Wo die Unschuld eine schwere Giftluft atmet!
Jetzt, da mein Unfall allgemeinen Schrecken
Verbreitet, kannst du unbemerkt entkommen.
Die Mittel geb’ ich dir zur Flucht; du hast
Bis jetzt noch keine Wächter als die meinen.
Uns stehen mächtige Beschützer bei,
Argos* und Sparta reichen uns den Arm;
Komm! Bieten wir für unsre gute Sache
Die Hilfe deiner, meiner Freunde auf!
Ertragen wir es nicht, dass Phädra sich
Bereichre mit den Trümmern unsers Glücks,
Aus unserm Erb’ uns treibe, dich und mich,
Und ihren Sohn mit unserm Raube schmücke!
Komm, eilen wir! Der Augenblick ist günstig.
– Was fürchtest du? Du scheinst dich zu bedenken?
Dein Vorteil ja macht einzig mich so kühn,
Und lauter Eis bist du, da ich voll Glut?
Du fürchtest, dich dem Flüchtling zu gesellen?

Aricia.
O schönes Los, mich so verbannt zu sehn!
Geknüpft an dein Geschick, wie selig froh
Wollt’ ich von aller Welt vergessen leben!
Doch da so schönes Band uns nicht vereint,
Erlaubt’s die Ehre mir, mit dir zu fliehn?
Aus deines Vaters Macht kann ich mich wohl
Befrei’n, der strengsten Ehre unbeschadet:
Das heißt sich lieben Freunden nicht entreißen;
Flucht ist erlaubt, wenn man Tyrannen flieht.
Doch, Herr – du liebst mich – Furcht für meine Ehre –

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