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Phädra (Racine) – Zweiter Aufzug. Erster Auftritt.

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Aricia. Ismene.

Aricia.
Er will mich sehen? Hippolyt? Und hier?
Er sucht mich und will Abschied von mir nehmen?
Ist’s wahr, Isemene? Täuschest du dich nicht?

Ismene.
Das ist die erste Frucht von Theseus’ Tod.
Bald siehst du alle Herzen, die die Scheu
Vor ihm entfernt hielt, die entgegen fliegen.
Aricia hat endlich ihr Geschick
In ihrer Hand, und alles wird ihr huld’gen.

Aricia.
So wär’ es keine unverbürgte Sage,
Ich wäre frei und meines Feinds entledigt?

Ismene.
So ist’s. Dir kämpft das Glück nicht mehr entgegen;
Theseus ist dienen Brüdern nachgefolgt.

Aricia.
Weiß man, durch welch Geschick er umgekommen?

Ismene.
Man spricht Unglaubliches von seinem Tod.
Das Meer, sagt man, verschlang den Ungetreuen,
Da er aufs neue Weiberraub verübt;
Ja, ein Gerücht verbreitet sich durchs Land,
Er sei hinab gestiegen zu den Toten
Mit seinem Freund Pirithous, er habe
Die schwarzen Ufer und den Styr gesehen,
Und sich den Schatten lebend dargestellt;
Doch keine Wiederkehr sei ihm geworden
Vom traur’gen Strand, den man nur einmal sieht.

Aricia.
Ist’s glaublich, dass ein Mensch, ein Sterblicher.
Ins tiefe Haus der Toten lebend dringe?
Was für ein Zauber denn zog ihn hinab
An dieses allgefürchtete Gestade?

Ismene.
Theseus ist tot, Gebieterin! Du bist’s
Allein, die daran zweifelt. Den Verlust
Beseufzt Athen. Trözene hat bereits
Den Hippolyt als Herrscher schon erkannt.
Phädra, voll Angst für ihren Sohn, hält Rat
Hier im Palast mit den bestürzten Freunden.

Aricia.
Und glaubst du wohl, dass Hippolyt an mir
Großmüt’ger werde handeln, als sein Vater?
Dass er die Knechtschaft mir erleichtern werde,
Von meinem Los gerührt?

Ismene.
Ich glaub’ es, Fürstin.

Aricia.
Den stolzen Jüngling, kennst du ihn auch wohl?
Und schmeichelst dir, er werde mich beklagen,
Und ein Geschlecht, das er verachtet, ehren
In mir allein? Du siehst, wie er mich meidet.

Ismene.
Man spricht von seinem Stolze viel; doch hab’ ich
Den Stolzen gegenüber dir gesehn,
Sein Ruf, geseh’ ich, schärfte meine Neugier.
Doch schien er mir, als ich ihn wirklich sah,
Dem Ruf nicht zuzusagen. Sichtbar war’s,
Wie er bei deinem Anblick sich verwirrte,
Wie er umsonst die Augen niederschlug,
Die zärtlich schmachtend an den deinen hingen.
Gesteht sein Stolz nicht ein, dass er dich liebe,
Sein Auge spricht’s, wenn es sein Mund nicht sagt.

Aricia.
O Freundin, wie begierig lauscht mein Herz
Der holden Rede, die vielleicht mich täuscht!
Dies Herz, du kennst es, stets von Gram genährt
Und Tränen, einem grausamen Geschick
Zum Raub dahingegeben, sollt’ es sich
Der Liebe eitle Schmerzen noch erträumen?
Die Letzte bin ich übrig von dem Blut
Des hohen Königs, den die Erde zeugte,
Und ich allein entrann der Kriegeswut.
Sechs Brüder sah ich in der Blüte fallen,
Die Hoffnung meines fürstlichen Geschlechts,
Das Schwert vertilgte alle, und die Erde
Trank ungern ihrer Enkelsöhne Blut.
Du weißt, welch streng Gesetz der Griechen Söhnen
Seit jener Zeit verwehrt, um mich zu werben.
Man fürchtet, dass der Schwester Rachegeist
Der Brüder Asche neu beleben möchte.
Doch weißt du auch, wie dieses freie Herz
Die feige Vorsicht der Tyrannenfurcht
Verachtete. Der Liebe Feindin stets,
Wusst’ ich dem König Dank für eine Strenge,
Die meinem eignen Stolz zu Hilfe kam.
– Da hatt’ ich seinen Sohn noch nicht gesehn!
Nein, denke nicht, dass sein Wohlgestalt
Mein leicht betrognes Aug’ verführt, der Reiz,
Der ihn umgibt, den jeder an ihm preiset,
Die Gaben einer gütigen Natur,
Die er verschmäht und nicht zu kennen scheint.
Ganz andre herrlichere Gaben lieb’ ich,
Schätz’ ich an ihm! – Die hohen Tugenden
Des Vaters, aber frei von seinen Schwächen.
Den edeln Stolz der großen Seele lieb’ ich,
Der unter Amors Macht sich nie gebeugt.
Sei Phädra stolz auf ihres Theseus Liebe,
Mir gnügt die leichte Ehre nicht, ein Herz
Zu fesseln, welches Tausende gewannen.
Den Mut zu brechen, welchen nichts gebeugt,
Ein Herz zu rühren, welches nie gefühlt,
Den stolzen Mann als Siegerin zu fesseln,
Der nicht begreift, wie ihm geschieht, umsonst
Sich einem Joch entwindet, das er liebt,
Das lockt mich an und reizt mich. Mindern Ruhm
Bracht’ es, den großen Herkules zu rühren
Als Hippolyt – Viel öfter war der Held
Besiegt und leichtern Kampfes überwunden.
Doch ach! Wie heg’ ich solchen eiteln Sinn!
Zu sehr nur, fürcht’ ich, widersteht man mir,
Und bald vielleicht siehst du mich, tief gebeugt,
Den Stolz beweinen, den ich jetzt bewundre.
Er sollte lieben! Hippolyt! Ich hätte
Sein Herz zu rühren – –

Ismene.
Hör’ ihn selbst! Er kommt!