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Phädra (Racine) – Zweiter Aufzug. Fünfter Auftritt.

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Hippolyt. Phädra. Oenone.

Phädra (noch in der Tiefe des Theaters).
Er ist’s, Oenone – All’ mein Blut tritt mir
Ans Herz zurück – Vergessen hab’ ich alles,
Was ich ihm sagen will, da ich ihn sehe.

Oenone.
Bedenke deinen Sohn, der auf dich hofft.

Phädra (vortretend, zu Hippolyt).
Man sagt, o Herr, du willst uns schnell verlassen.
Ich komme, meine Tränen mit den deinen
Zu mischen; ich komme, meines Sohnes wegen
Dir meine bangen Sorgen zu gestehn.
Mein Sohn hat keinen Vater mehr, und nah’
Rückt schon der Tag, der ihm die Mutter raubt.
Von tausend Feinden seh’ ich ihn bedroht,
Herr, du allein kannst seine Kindheit schützen.
Doch ein geheimer Vorwurf quält mein Herz.
Ich fürchte, dass ich selbst dein Herz verhärtet;
Ich zittre, Herr, dass dein gerechter Zorn
An ihm die Schuld der Mutter möchte strafen.

Hippolyt.
Ich denke nicht so niedrig, Königin.

Phädra.
Wenn du mich hasstest, Herr, ich müsst’ es dulden.
Du sahest mich entbrannt auf dein Verderben,
In meinem Herzen konntest du nicht lesen.
Geschäftig war ich, deinen Hass zu reizen,
Dich konnt’ ich nirgends dulden, wo ich war,
Geheim und offen wirkt’ ich dir entgegen,
Nicht ruht’ ich, bis uns Meere selbst geschieden.
Selbst deinen Namen vor mir auszusprechen,
Verbot ich durch ein eigenes Gesetz.
Und dennoch – wenn an der Beleidigung
Sich Rache misst, wenn Hass nur Hass erwirbt,
War nie ein Weib noch deines Mitleids werter,
Und keines minder deines Hasses wert.

Hippolyt.
Es eifert jede Mutter für ihr Kind;
Dem Sohn der Fremden kann sie schwer vergeben.
Ich weiß das alles, Königin. War doch
Der Argwohn stets der zweiten Ehe Frucht!
Von jeder andern hätt’ ich gleichen Hass,
Vielleicht noch mehr Misshandlungen erfahren.

Phädra.
Ach, Herr! Wie sehr nahm mich der Himmel aus
Von dieser allgemeinen Sinnesart!
Wie ein ganz andres ist’s, was in mir tobet!

Hippolyt.
Lass, Königin, dich keine Sorge quälen!
Noch lebt vielleicht dein Gatte, und der Himmel
Schenkt unsern Tränen seine Wiederkehr.
Beschützt ihn doch der mächtige Neptun;
Zu solchem Helfer fleht man nicht vergebens.

Phädra.
Herr, zweimal sieht kein Mensch die Todesufer.
Theseus hat sie gesehn; drum hoffe nicht,
Dass ihn ein Gott uns wieder schenken werde,
Der karge Styr gibt seinen Raub nicht her.
– Tot wär’ er? Nein, er ist nicht tot! Er lebt
In dir! Noch immer glaub’ ich ihn vor Augen
Zu sehn! Ich spreche ja mit ihm! Mein Herz –
– Ach, ich vergesse mich! Herr, wider Willen
Reißt mich der Wahnsinn fort –

Hippolyt.
Ich seh’ erstaunt
Die wunderbare Wirkung deiner Liebe.
Theseus, obgleich im tiefen Grabe, lebt
Vor deinen Augen! Von der Leidenschaft
Zu ihm ist deine Seele ganz entzündet.

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