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Phädra (Racine) – Zweiter Aufzug. Fünfter Auftritt.

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Phädra.
Ja, Herr, ich schmachte, brenne für den Theseus.
Ich liebe Theseus, aber jenen nicht,
Wie ihn der schwarze Acheron* gesehn,
Den flatterhaften Buhler aller Weiber,
Den Frauenräuber, der hinunter stieg,
Des Schattenkönigs Bete zu entehren.
Ich seh’ ihn treu, ich seh’ ihn stolz, ja selbst
Ein wenig scheu – Ich seh’ ihn jung und schön
Und reizend alle Herzen sich gewinnen.
Wie man die Götter bildet, so wie ich
– Dich sehe! Deinen ganzen Anstand hatt’ er,
Dein Auge, deine Sprache selbst! So färbte
Die edle Röte seine Heldenwangen,
Als er nach Kreta kam, die Töchter Minos’
Mit Lieb’ entzündete – Wo warst du da?
Wie konnt’ er ohne Hippolyt die besten,
Die ersten Helden Griechenlands versammeln?
O dass du, damals noch zu zarten Alters,
Nicht in dem Schiff mit warst, das ihn gebracht!
Den Minotaurus hättest du getötet,
Trotz allen Krümmen seines Labyrinths.
Dir hätte meine Schwester jenen Faden
Gereicht, um aus dem Irrgang dich zu führen.
O nein, nein, ich kam ihr darin zuvor!
Mir hätt’s zuerst die Liebe eingegeben,
Ich, Herr, und keine andre zeigte dir
Den Pfad des Labyrinths. Wie hätt’ ich nicht
Für dieses liebe Haupt gewacht! Ein Faden
War der besorgten Liebe nicht genug;
Gefahr und Not hätt’ ich mit dir geteilt;
Ich selbst, ich wäre vor dir hergezogen;
Ins Labyrinth stieg ich hinab mit dir,
Mit dir war ich gerettet oder verloren.

Hippolyt.
Was hör’ ich, Götter! Wie? Vergissest du,
Dass Theseus dein Gemahl, dass er mein Vater –

Phädra.
Wie kannst du sagen, dass ich das vergaß?
Bewahrt’ ich meine Ehre denn so wenig?

Hippolyt.
Verzeihung, Königin. Schamrot gesteh’ ich,
Dass ich unschuld’ge Worte falsch gedeutet.
Nicht länger halt’ ich deinen Anblick aus.

(Will gehen.)

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