HomeText: WallensteinWallenstein – Entstehung des Dramas von Friedrich Schiller

Wallenstein – Entstehung des Dramas von Friedrich Schiller

Seite 2 von 3
Bewertung:
(Stimmen: 4 Durchschnitt: 5)

Noch einmal zwangen ihn wiederholt eine Erkrankung und zudem die Herausgabe der Horen und des Musenalmanachs (der Xenienalmanach) für das nächste Jahr, den entworfenen Plan zurückzulegen. Als die lästigen Redaktionsgeschäfte aber beendet waren, kam ihm eine neue Ermunterung durch Goethe. „Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien, so schrieb ihm dieser, müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur zu Beschämung aller Gegner in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln.“ Schiller, den jetzt nach neuer Tätigkeit dürstete, machte sich nun mit vollem Ernst seine dramatischen Pflichten klar, studierte einige Stücke von Sophokles und Shakespeare und schloss sich immer inniger an Goethe an. Als er aber im November daran ging, das bereits gesammelte Material durch das Studium neuer Quellen zu ergänzen und zu berichtigen, fand er den Stoff durchaus widerspenstig und klagte seinem Freund Körner, dass sein Stück formlos und endlos vor ihm daliege. „Je mehr ich meine Ideen über die Form des Werks rectificire,“ so schreibt er, „desto ungeheurer erscheint mit die Masse, die zu beherrschen ist, und wahrlich, ohne einen gewissen kühnen Glauben an mich selbst würde ich schwerlich fortfahren können.“ Außerdem klagt er darüber, dass es ihm schwer fällt, einen so fremden Gegenstand, wie ihm die lebendige und besonders die politische Welt sei, zu ergreifen. Dennoch konnte er schon am 18. November schreiben: „Es will mir ganz gut gelingen, meinen Stoff außer mir zu halten und nur den Gegenstand zu geben. Beinahe möchte ich sagen, das Sujet interessirt mich gar nicht, und ich habe nie eine solche Kälte für meinen Gegenstand mit einer solchen Wärme für die Arbeit in mir vereinigt.“ So konnte er denn, umso mehr als die Zeit der wissenschaftlichen Selbstverständigung für ihn vorüber war, im Dezember die Arbeit an der großen Tragödie beginnen, indem er einzelne Szenen der Exposition (d. h. der Piccolomini) ausführte. Nach Humboldts Rat und „eigener reifer Überlegung“ dichtete er jedoch erst in Prosa, die ihm vorläufig dem Stoff am meisten zuzusagen schien.

Das Jahr 1797 war in seinen ersten Monaten dem Fortgang der Arbeit wenig günstig. Wiederholte Krankheitsfälle und sein lebendiges Interesse für die Balladendichtung nahmen ihn vorwiegend in Anspruch. Indessen verlor er seinen Wallenstein aber keineswegs aus den Augen. Bereits am 4. April hat er ein „detaillirtes Scenarium“ entworfen, um sich die Übersicht der verschiedenen Momente und des Zusammenhangs gleichsam mechanisch vor Augen zu stellen. Außerdem macht er verschiedene kabbalistische und astrologische Studien, bei denen Körner helfen musste, der ihm Auszüge aus einigen Scharteken der Dresdener Bibliothek besorgte. Und wenn er aus solchen Quellen auch kein ernstliches Interesse für die „astrologische Fratze“ gewinnen konnte, war er dennoch nicht ohne Hoffnung, auch diesem Stoff eine gewisse dichterische Würde zu geben.

Auf Goethes Veranlassung studierte er nun auch zum ersten Mal die Poetik des Aristoteles, den er als „einen wahren Höllenrichter für Alle bezeichnet, die entweder an der äußeren Form sklavisch hängen, oder die über alle Form sich hinwegsetzen.“

Im Mai bezog Schiller sein Gartenhaus in Jena, wo er die erste Bearbeitung von Wallensteins Lager vornahm, das dem Stücke als Prolog vorausgeschickt werden sollte. Doch bald wurde seine Tätigkeit durch die Sorge für die Horen und den Musenalmanach des nächsten Jahres unterbrochen. Erst am 2. Oktober war er hiermit fertig und konnte sich nun seinem Drama wieder zuwenden, das er jedoch unvollendet in die Stadt nehmen musste. Da Wallensteins Lager in Versen abgefasst war, durfte natürlich das Stück selbst der metrischen Form nicht entbehren. Deshalb arbeitete er im November die fertigen Szenen in Jamben um, was ihm rasch von der Hand ging. Aber dadurch dehnte sich die Arbeit so in die Breite, dass der erste Akt allein den Umfang von drei Akten der Goethe’schen Iphigenie ausnahm.

Jetzt wurde es ihm auch klar, dass es unmöglich sei, die ganze Masse des gewaltigen Stoffes in den engen Rahmen einer einzigen Tragödie einzuschließen. Auch Goethe riet ihm am 2. Dezember 1797, lieber einen Zyklus von Stücken aufzustellen.

So konnte Schiller das Jahr 1798 mit den besten Hoffnungen beginnen, denn nicht nur sein Gesundheitszustand hatte sich bedeutend gebessert, sondern es gingen auch schon Anfragen nach dem neuen Stück von verschiedenen Theatern ein, so dass er mit Berlin, Hamburg und Frankfurt in Unterhandlung treten konnte. Iffland, der Direktor der Berliner Bühne, war sogar zu jedem beliebigen Honorar bereit, wenn Schiller ihm das Manuskript vor dem Beginn des Druckes überlassen würde.

Inzwischen es Frühling geworden. Schiller sucht wieder sein Gartenhaus auf. Er hatte sich die Liebesszenen zwischen Max und Thekla zurückgelegt. Die heitere, lyrische Stimmung der freundlichen Natur sollte seiner Dichtung zu Gute kommen. In solcher Stimmung konnte er über seine Arbeit an Körner schreiben: „Du wirst von dem Feuer und der Innigkeit meiner besten Jahre nichts darin vermissen und keine Rohheit aus jener Epoche mehr darin finden.“

Bereits im August konnte er Goethe die zwei letzten Akte der Piccolomini vorlesen und in dem folgenden Monat rückte die Arbeit bis zu Ende des zweiten Aktes von Wallensteins Tod vor. Nunmehr entschloss er sich zu der schon vor einem Jahr in Aussicht genommenen Teilung seiner Arbeit. Die Piccolomini, die damals noch zwei Akte von Wallensteins Tod enthielten, sollten jetzt bloß den Knoten knüpfen und enden, wo derselbe geschürzt ist, das dritte Stück sollte die tragischen Folgen geben und Wallensteins Lager als Lustspiel vorausgehen.

Inzwischen war der Architekt Thouret, später Professor an der Kunstschule in Stuttgart, nach Weimar berufen worden, um bei der Förderung des dortigen Schlossbaues tätig zu sein und gleichzeitig für eine bessere Einrichtung des alten Theaters zu sorgen. Bei dieser Gelegenheit kam auch Schiller für acht Tage nach Weimar herüber und wurde hier von Goethe und Meyer vereint aufgefordert, sein neues Trauerspiel für die Wiedereröffnung der restaurierten Bühne zurechtzumachen. Das war nun freilich in so kurzer Zeit nicht möglich. Aber er erklärte sich bereit, Wallensteins Lager, das eigentlich als Vorspiel für das Ganze hatte dienen sollen, zu vollenden. Damit es aber als ein selbständiges Ganzes dem Publikum vorgeführt werden konnte, war eine Umarbeitung und eine beträchtliche Erweiterung nötig. An diese machte sich Schiller gleich heran und brachte bei dieser Veranlassung auch die höchst ergötzliche Szene mit dem Kapuziner hinein.

Dieser Beitrag besteht aus 3 Seiten: