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Schiller »Der Handschuh« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

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In einem Brief vom 18. Juni 1797 bezeichnet Friedrich Schiller seine Ballade „Der Handschuh“ als ein kleines Nachstück zum Taucher. Dieses „Nachstück“ gehört zu den bekanntesten Balladen Schillers überhaupt, die er selbst als Erzählung einordnete. Eine Anekdote in St. Foix Essay sur Paris hatte Schiller hierzu aufgemuntert. Unter der Überschrift „Rue des Lions, pres Saint-Paul“ teilt nämlich St. Foix in dem genannten Werk einen Vorfall mit, den Schiller in seiner Ballade aufgreift. Drei Tage nach der Ballade „Der Taucher“ hatte Schiller auch den Handschuh fertig, wobei sich der Handschuh mit einem ähnlichen Thema auseinandersetzt wie die andere Ballade. Das Besondere im Handschuh ist der schwungvolle Versbau Schillers.

Der Handschuh – Text mit Worterklärungen

Der Handschuh

 Vor seinem Löwengarten,
 Das Kampfspiel zu erwarten,
 Saß König Franz1,
 Und um ihn die Großen der Krone,
5Und rings auf hohem Balkone
 Die Damen in schönem Kranz.2

 Und wie er winkt mit dem Finger,
 Auf tut sich der weite Zwinger,
 Und hinein mit bedächtigem Schritt
10Ein Löwe tritt,
 Und sieht sich stumm
 Rings um,
 Mit langem Gähnen,
 Und schüttelt die Mähnen,
15Und streckt die Glieder,
 Und legt sich nieder.

 Und der König winkt wieder,
 Da öffnet sich behend
 Ein zweites Tor,
20Daraus rennt
 Mit wildem Sprunge
 Ein Tiger hervor,
 Wie der den Löwen erschaut,
 Brüllt er laut,
25Schlägt mit dem Schweif
 Einen furchtbaren Reif,
 Und recket3 die Zunge,
 Und im Kreise scheu
 Umgeht er den Leu4
30Grimmig schnurrend;
 Drauf streckt er sich murrend
 Zur Seite nieder.

 Und der König winkt wieder,
 Da speit das doppelt geöffnete Haus
35Zwei Leoparden auf einmal aus,
 Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
 Auf das Tigertier,
 Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
 Und der Leu mit Gebrüll
40Richtet sich auf, da wird’s still,
 Und herum im Kreis,
 Von Mordsucht heiß,
 Lagern die greulichen Katzen.

 Da fällt von des Altans5 Rand
45Ein Handschuh von schöner Hand
 Zwischen den Tiger und den Leu’n
 Mitten hinein.

 Und zu Ritter Delorges spottenderweis
 Wendet sich Fräulein Kunigund:
50»Herr Ritter, ist Eure Liebe so heiß,
 Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,
 Ei, so hebt mir den Handschuh auf.«

 Und der Ritter in schnellem Lauf
 Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
55Mit festem Schritte,
 Und aus der Ungeheuer Mitte
 Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

 Und mit Erstaunen und mit Grauen
 Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,
60Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
 Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
 Aber mit zärtlichem Liebesblick –
 Er verheißt ihm sein nahes Glück –
 Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
65Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
 „Den Dank, Dame, begehr ich nicht“,6
 Und verlässt sie zur selben Stunde.

  1. Franz I., König von Frankreich (1515-1547), liebte glänzende Lustbarkeiten und kostspielige Feste, und hatte seine besondere Freude an Tierkämpfen und Löwengärten.
  2. Ludwig XII. hatte als erster Monarch die adeligen Frauen an den Hof gezogen, und schon unter seinem Nachfolger Franz I. wurde der französische Hof der Mittelpunkt des Landes.
  3. Der Vers lautete ursprünglich: „Und leckt sich die Zunge.“ Als aber Goethe dem Freund schrieb: „Bei ihrem Handschuh hat man den Zweifel erregt, ob man sagen könne, ein Thier lecke sich die Zunge; ich habe wirklich darauf nicht bestimmt zu antworten gewußt“ – wandelte Schiller „leckt sich“ in „recket“ um.
  4. Leu ist ein poetischer Ausdruck für Löwe.
  5. Ein Altan ist ein abgestützter Austritt an einem Gebäude, auch als Söller bezeichnet.
  6. So schrieb Schiller den Vers ursprünglich nieder, gab ihm jedoch beim Abdruck des Gedichtes im Musenalmanach von 1798 folgende Form: „Und der Ritter sich tief verneigend spricht:“. Körner billigte er die Änderung und schrieb: „dass du den Schluss des Handschuhs geändert hast, ist, däucht mich, ein Gewinn, theils wegen des Rittercostüms, theils weil dadurch die letzte Zeile mehr gehoben wird.“ Später hatte der Dichter wieder andere Ansichten, und stellte, seiner Quelle folgend, aus der er geschöpft hatte, die ursprüngliche Fassung des Verses wieder her.
Dieser Beitrag besteht aus 4 Seiten:

Kommentare

  1. Ich bemerke dass sehr viele, Inhaltsangaben und andere Sachen die in der Schule verlangt sind, verlangen. Ich finde es einbisschen komisch dass deutsche Schüler nicht eine Inhaltsangabe einer Ballade, schreiben können, obwohl sie die Wörter mühelos verstehen. Ich lerne in einer deutschen Schule in Rumänien und als Hausaufgabe für morgen muss ich auch die Inhaltsangabe der Ballade schreiben, und ich hab die Ballade gelesen und dann die Inhaltsangabe geschrieben, ohne von den anderen Hilfe zu verlangen, ohne den anderen zu sagen, dass wenn ich nicht Hilfe bekomme, werde ich eine fünf bekommen…

    ( Entschuldigung für die Ausdrücksfehler. Ich glaube dass ihr was ich meine kapiert.)

    1. Pascal. Wir machen keine Hausaufgaben für Schüler hier, wenn du aber schon im Internet unterwegs bist, dann schaue einfach einmal, was denn Spannungswörter sind, und dann findest du die auch ganz leicht in diesem Text.

  2. Kann jemand von euch mir. Helfenund eine inhaltsangabe von der Hand Schuh
    Bitte sonst bekommen ich eine fünf in deutsch und das will ich nicht

    1. Vielleicht wäre es angebracht, mal zu lesen, denn auf dieser Seite ist ja eine Inhaltsangabe vorhanden. Und selbst bis in den Kommentaren ist so einiges Wertvolles enthalten!

  3. Ich würde mich freuen, wenn mir jemand helfen könnte, ein Plädoyer für Kunigunde zu erstellen. Fällt mir, bzw. meiner Tochter ziemlich schwer. Lieben Dank für die Hilfe! Cornelia

    1. Das sollte nicht schwer fallen, wenn man von ihrer Kultur ausgeht. Dazu müssen wir unsere moralischen Maßstäbe, unsere bürgerlichen Maßstäbe beiseite schieben (wenn man sie noch hat). Als Fräulein, als Fürstentochter, kommt sie aus einem Umfeld, in dem kaum anderes vorgelebt wird. Man spottet miteinander, man spottet übereinander, man spottet voreinander. Das gehört zum Gerangel um seinen Rang dazu, auch, dass man nach unten tritt und nach oben Speichel leckt. Wer aus dem Hofstaat, denkt wohl daran, Delorges würde sein Ehre, seine Würde, so viel höher stellen als die Beziehung zu Kunigunde? Hätte auch nur einer daran geglaubt? Sind sie nicht alle da, um ihre Sinneslust zu befriedigen? Wollten sie sich nicht an einem Tierkampf erlaben? Wie enttäuscht mussten sie alle wohl gewesen sein, als der Löwe das blutrünstige Spiel unterband? Hätte auch nur einer ein Stückchen Ehre im Leib, so wie wir das verstehen, hätte er nicht Einhalt geboten? Und Kunigunde, vielleicht hatte sie mit ihrer spöttischen Bitte eher eine spitzzüngige Erwiderung, ein Wortgefecht, erwartet, als dass er tatsächlich in die Arena steigt? Warum empfängt sie ihn nicht mit großer Scham, sondern mit verlockendem Liebesblick, als er aus der Arena heimkehrt? Delorges straft alle Lügen, als er den Liebeslohn zurückweist. Wer hätte das gedacht? Auf diese Weise, denke ich, nähert man sich, wenn man für Kunigunde sprechen will.

    1. Fragen stellen ist niemals doof! Aber man muss auch nicht gleich alles in Frage stellen! Die Überschrift dieses Beitrages ist jedenfalls nicht gelogen 😉

  4. Guten Abend
    Wer schrieb diese Interpretation zu „Der Handschuh“ und müssen Schulen dieser Interpretation folgen? Unsere Bezirkschule im Aargau sieht die Handlung als Mutprobe und das Kunigunde den Ritter lächerlich machen wollte. Muss eine solche Deutung akzeptiert werden? Dies würde auch eine schlechte Note für unsere Kinder bedeuten.
    Für eine schnelle Antwort wäre ich Ihnen sehr dankbar. Vielen Dank für Ihre Bemühungen.

    Mit freundlichen Grüssen
    Ines haziraj

    1. Schule soll Schüler doch im Deutschunterricht bei der Auseinandersetzung mit der eigenen bzw. fremden Sprachkultur begleiten. Sie soll Schüler an alte und neue Texte heranführen, dass sie ein Bewusstsein dafür entwickeln. Wenn man aber die Diskussionsspielräume – wie bei diesem Beispiel – scheinbar auf die Schlagwörter „Mutprobe“ und „lächerlich machen wollen“ überaus oberflächlich verengt und nichts anderes – und erst recht nichts Komplexeres – als Antwort zulässt, dafür aber mit schlechten Noten droht, dann hat Schule hier wohl eine überaus altertümliche Bedeutung als Zuchtanstalt. Da fehlen dann nur noch die Stockhiebe auf die Finger. Was „zieht“ man da heran? Auswendiglerner und Nachbeter. Muss man die Deutung dieser Lehrer dann akzepieren? Ja, weil hier der Lehrer, kein Lehrer ist, sondern Gott. Und Gott sollte man tunlichst keinen Widerspruch leisten! Oder?

      Was die inhaltliche Frage angeht: Ich verweise auf die vertiefende Diskussion.

      1. Hallo Karl A.
        Vielen Dank für deinen Kommentar. Trotz deines spürbaren Aergers enthielt er gute Gedanken und sprach mir in vielen Punkten aus der Seele.
        Eigentlich war die Testsituation noch schlimmer als von mir beschrieben. Test Hörverstehen, d.h. die 14 Jährigen erhalten ein DINA 4 Blatt mit Fragen und können diese kurz lesen. Anschliessend hören sie 2x „Der Handschuh“ und müssen dann aus dem Gedächtnis die Ballade verstehen, interpretieren und die Fragen beantworten. Ein Unding, wenn man die Ballade vorher noch nie gehört hat. Entsprechend schlecht war der Klassendurchschnitt. Der Test zeigte, dass nicht einmal der Lehrer die einfachsten Teile der Ballade richtig kannte, so lies er die Antwort, es war ein Löwe und ein Tiger nicht als richtig gelten, sondern sprach von den Tigern und den Löwen. Für ihn war also nur der Plural richtig…Da fehlen mir einfach die Worte.
        Dennoch, diese Seiten inspirierten mich, mal wieder unsere alten Dichter zu lesen und wieder neu zu entdecken- meinen Schulzeit ist 35 Jahre her. Ich werde diesen Seiten sicher einige Zeit „treu“ bleiben.
        Vielen Dank für deine Wort.
        Ines

        1. Vielleicht reagierst du ein wenig empfindlich. Der Handschuh ist ja nun die Ausnahme unter den Balladen Schillers, sowohl im freien Rhythmus als auch in der Länge. Ich denke, von 14-Jährigen muss man heute verlangen können – und man verlangte das auch früher –, dass sie sich eine gewisse Anzahl von Eckpunkten einer Handlung merken und mit eigenen Worten wiedergeben. In diesem Punkt kann man einen Lehrer nun wirklich nicht „verteufeln“, nein, im Gegenteil. Ein durchschnittlicher Schüler, der behauptet, er könne sich nach mehrmaligem, konzentrierem Hören nicht an – ja nicht einmal – zwei Hände voll Fakten einer Abhandlung erinnern (und der Text hat nur rund 300 Wörter!), der also dies als „unmenschlich“ erachtet, erklärt sich selbst für Balla-balla. Entschuldigung! Wenn man etwas diskutieren muss, dann ist es die Kultur des Zuhörens, die durch unsere Massenmediennutzung arg hin zur Passivität beeinflusst wird. Du als Mutter weißt doch, was du meinst, wenn du sagst „Hör‘ mir doch mal zu“: Du beanspruchst ein Quantum ungeteilte Aufmerksamkeit für dich, Konzentration, und du wünschst, dass du verstanden wirst. Schillers Ballade ist eine dankbare Aufgabe für eine solche Einübung in der Schule: Sie bietet eine Geschichte, der Sprachrhythmus erhöht die Merkfähigkeit und sie bietet Charaktere, die anziehen oder abstoßen. Mache die gleiche Übung mit einem Text aus dem Bioogiebuch und du wirst verstehen, was ich meine.

Sag was oder frag was!