HomeCharakterisierungWilhelm TellCharakterisierung Hermann Gessler aus Schillers „Wilhelm Tell“

Charakterisierung Hermann Gessler aus Schillers „Wilhelm Tell“

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Der Kaiser hat Hermann Gessler in Uri eingesetzt, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Doch Gessler missbraucht seine Stellung als Landvogt. Dies zeigen schon seine Worte:  „Ich bin Regent an Kaisers statt.“ Als Landvogt verwaltet er für den Kaiser die im anvertrauten Landstriche. Zu seinen Aufgaben gehört das Festlegen und Einholen von Steuern, das Halten des Gerichts und die Bestrafung für Vergehen. Seine von ihm eingesetzten Diener wie der Kriegsknecht Frießhardt stehen dem Gessler an Stolz und Übermut nicht nach. Gessler aber ist selber ein Fürstenknecht, der Knecht des Kaisers. Selber duldet er keine freien Menschen, die Freiheit und das Selbstbewusstsein der Schweizer sind ihm verhasst. Diejenigen, die sich gegen Österreich stellen, spüren seine schonungslose, eiserne Hand. Er „regiert“ nicht nach Recht und Gesetz, vielmehr will er gut vor dem Kaiser dastehen, wozu ihm jedes Mittel gut genug erscheint. Willkür ist sein Gesetz. Seine Befehle entbehren der Vernunft. Schiller verleiht der „Macht“ des Vogts optisch Ausdruck, indem er ihn oft auf ein Pferd setzt. Das Aufstecken seines Hutes, dem die vorbeieilenden Waldstätter tief verbeugt ihre Referenz erteilen sollen als Referenz ihm und dem Kaiser gegenüber ist ein tyrannischer Akt. Auch von der Regierungskunst versteht er wenig. Wann es zu viel des „Guten“ ist, erkennt der Maßlose nicht.

Gessler, Charakter aus dem Schiller-Drama Wilhelm Tell, Zeichnung von Friedrich Pecht

Gessler, Charakter aus dem Schiller-Drama Wilhelm Tell, Zeichnung von Friedrich Pecht, 1859

Gessler ist auch feige, das macht ihn noch gefährlicher. Von seiner Feigheit zeugt eine Episode, die Tell seiner Frau und seinen Kindern vor dem Aufbruch nach Altdorf aufbricht. Einst war er Gessler allein im Gebirge begegnet. Die mächtige Gestalt Tells, der mit seinem Gewehr auf der Jagd war, hatte Gessler so beeindruckt, dass er bleich und kleinlaut wurde und beinahe auf die Knie sank. (III,1)

Dem sittlichen und würdigen Familienleben der Waldstätter bringt er kein Verständnis entgegen. Gessler selber ist unverheiratet. Berta von Bruneck deutet an, dass er Absichten auf sie habe (III, 2). Damit verbindet sich aber auch die Absicht Gesslers, sich den Besitz der Ritterfrau in den Waldstätten anzueignen. Er lässt sie sogar entführen und sperrt sie ein (V,1). Auch Wilhelm Tell macht Bemerkungen zu seinem Familienstand, während Gessler ihn vorführt (III,3): „Herr, ihr habt keine Kinder.“

Schiller verdichtet also den Charakter des Gessler zu einem tyrannischen Einzelwesen, zu einem, der keine Liebe gibt und keine Liebe empfängt. Vielmehr weidet sich Gessler in der Apfelschuss-Szene an der Angst eines Vaters um seinen Sohn, reizt ihn nach dem Apfelschuss zusätzlich und verhöhnt mit frechem, falschem Stolz all diejenigen, die für ihn und ihre Freiheit eintreten (III,3). Sein Wort ist ihm dabei nicht heilig. Nachdem Tell den Apfel getroffen hat, lässt Gessler ihn verhaften und will ihn fortbringen. Nicht nur seine Willkür zeigt sich hierin, auch seine Feigheit und seine Angst vor dem aufgebrachten, willensstarken Vater Tell, den er durch sein Tun zutiefst in Verteidigungsbereitschaft versetzt hat. Seine Furcht verdeckt er mit Arglist. So fragt er Tell, wem der zweite Pfeil gelte. Als dieser eine ausweichende Antwort gibt, versichert er dem Schweizer, dass er nicht nach seinem Leben trachtet. Eine Lüge, die sich sogleich herausstellt. Tells bestätigt ihm seinen Verdacht, dass der Pfeil ihm, Gessler, galt. Und Gessler lässt Tell in Gewahrsam nehmen und verschleppt ihn mit dem Schiff. Ziel ist seine Burg.

Unbarmherzig ist Gessler aber nicht nur gegenüber Tell, als Armgard ihn verzweifelt um Gnade für ihren eingesperrten Mann anfleht, ruft er:  „Fort! Schafft das freche Volk mir aus den Augen.“ In dem Augenblick, indem die Verhärtung seines Herzens ihren Gipfel erreicht und er droht, die hilflose Armgart und ihre Kinder mit seinem Pferd in den Staub zu treten, fällt er in der hohlen Gasse dem Schuss Tells zum Opfer. Für Tell ist es ein Akt der Verteidigung. Niemand erbarmt sich für den Sterbenden Gessler, niemand kommt ihm, der von einer Hochzeitsgesellschaft umringt ist, zu Hilfe.