HomeText: Die Räuber5. AktDie Räuber – Text: 5. Akt, 2. Szene

Die Räuber – Text: 5. Akt, 2. Szene

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Der Schauplatz wie in der letzten Szene des vorigen Akts.
Der alte Moor auf einem Stein sitzend. Räuber Moor gegenüber. Räuber hin und her im Wald.

RÄUBER MOOR. Er kommt noch nicht? Schlägt mit dem Dolch auf einen Stein, daß es Funken gibt.

DER ALTE MOOR. Verzeihung sei seine Strafe – mein Rache verdoppelte Liebe.

RÄUBER MOOR. Nein, bei meiner grimmigen Seele. Das soll nicht sein. Ich wills nicht haben. Die große Schandtat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüberschleppen! – Wofür hab ich ihn dann umgebracht?

DER ALTE MOOR in Tränen ausbrechend. O mein Kind!

RÄUBER MOOR. Was? – Du weinst um ihn – an diesem Turme?

DER ALTE MOOR. Erbarmung! o Erbarmung! Heftig die Hände ringend. Itzt – itzt wird mein Kind gerichtet!

RÄUBER MOOR erschrocken. Welches?

DER ALTE MOOR. Ha! was ist das für eine Frage?

RÄUBER MOOR. Nichts! Nichts!

DER ALTE MOOR. Bist du kommen, Hohngelächter anzustimmen über meinem Jammer?

RÄUBER MOOR. Verrätrisches Gewissen! – Merket nicht auf meine Rede.

DER ALTE MOOR. Ja ich hab einen Sohn gequält, und ein Sohn mußte mich wieder quälen, das ist Gottes Finger – o mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst im Gewand des Friedens. Vergib mir. Oh vergib mir!

RÄUBER MOOR schnell. Er vergibt Euch. Betroffen. Wenn ers wert ist, Euer Sohn zu heißen – Er muß Euch vergeben.

DER ALTE MOOR. Ha! Er war zu herrlich für mich – Aber ich will ihm entgegen mit meinen Tränen, meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Knie will ich umfassen – rufen – laut rufen: Ich hab gesündigt im Himmel und vor dir. Ich bin nicht wert, daß du mich Vater nennst.

RÄUBER MOOR sehr gerührt. Er war Euch lieb Euer andrer Sohn?

DER ALTE MOOR. Du weißt es, o Himmel. Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen Sohnes betören? Ein gepriesener Vater ging ich einher unter den Vätern der Menschen. Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber – o der unglückseligen Stunde! – der böse Geist fuhr in das Herz meines zweiten, ich traute der Schlange – verloren meine Kinder beide. Verhüllt sich das Gesicht.

RÄUBER MOOR geht weit von ihm weg. Ewig verloren!

DER ALTE MOOR. Oh ich fühl es tief, was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem Munde: Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn, vergebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem Bette steht –

Räuber Moor reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht.

DER ALTE MOOR. Wärst du meines Karls Hand! – Aber er liegt fern im engen Hause, schläft schon den eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers – weh mir! Sterben in den Armen eines Fremdlings – Kein Sohn mehr – kein Sohn mehr, der mir die Augen zudrücken könnte –

RÄUBER MOOR in der heftigsten Bewegung. Itzt muß es sein – itzt verlaßt mich Zu den Räubern.! Und doch – Kann ich ihm denn seinen Sohn wieder schenken? – Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr schenken – Nein! Ich wills nicht tun.

DER ALTE MOOR. Wie Freund? Was hast du da gemurmelt?

RÄUBER MOOR. Dein Sohn – Ja alter Mann – Stammelnd. Dein Sohn – ist – ewig verloren.

DER ALTE MOOR. Ewig?

RÄUBER MOOR in der fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend. O nur diesmal – Laß meine Seele nicht matt werden – nur diesmal halte mich aufrecht.

DER ALTE MOOR. Ewig, sagst du?

RÄUBER MOOR. Frage nichts weiter. Ewig, sagt ich.

DER ALTE MOOR. Fremdling! Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Turme?

RÄUBER MOOR. Und wie? – Wenn ich jetzt seinen Segen weghaschte – haschte wie ein Dieb, und mich davon schlich mit der göttlichen Beute – Vatersegen, sagt man, geht niemals verloren.

DER ALTE MOOR. Auch mein Franz verloren? –

RÄUBER MOOR stürzt vor ihm nieder. Ich zerbrach die Riegel deines Turms – Gib mir deinen Segen!

DER ALTE MOOR mit Schmerz. Daß du den Sohn vertilgen mußtest, Retter des Vaters! – Siehe die Gottheit ermüdet nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer gehen schlafen mit unserm Groll. Legt seine Hand auf des Räubers Haupt. Sei so glücklich, als du dich erbarmest!

RÄUBER MOOR weichmütig, aufstehend. O – wo ist meine Mannheit? Meine Sehnen werden schlapp, der Dolch sinkt aus meinen Händen.

DER ALTE MOOR. Wie köstlich ists, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen, wie der Tau, der vom Hermon fällt auf die Berge Zion – Lern diese Wollust verdienen, junger Mann, und die Engel des Himmels werden sich sonnen in deiner Glorie. Deine Weisheit sei die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz – dein Herz sei das Herz der unschuldigen Kindheit.

RÄUBER MOOR. O einen Vorschmack dieser Wollust. Küsse mich, göttlicher Greis!

DER ALTE MOOR küßt ihn. Denk es sei Vaterskuß, so will ich denken, ich küsse meinen Sohn – Du kannst auch weinen?

RÄUBER MOOR. Ich dacht, es sei Vaterskuß! – Weh mir, wenn sie ihn jetzt brächten!

Schweizers Gefährten treten auf im stummen Trauerzug mit gesenkten Häuptern und verhüllten Gesichtern.

RÄUBER MOOR. Himmel! Tritt scheu zurück und sucht sich zu verbergen. Sie ziehen an ihm vorüber. Er sieht weg von ihnen. Tiefe Pause. Sie halten.

GRIMM mit gesenktem Ton. Mein Hauptmann. Räuber Moor antwortet nicht und tritt weiter zurück.

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