HomeText: Kabale und Liebe5. AktKabale und Liebe – 5. Akt, 7. Szene

Kabale und Liebe – 5. Akt, 7. Szene

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Ferdinand und Luise.

Sie kommt langsam mit dem Lichte zurück, setzt es nieder und stellt sich auf die entgegengesetzte Seite vom Major, das Gesicht auf den Boden geschlagen und nur zuweilen furchtsam und verstohlen nach ihm herüberschielend. Er steht auf der andern Seite und sieht starr vor sich hinaus.

Großes Stillschweigen, das diesen Auftritt ankündigen muß.

LUISE. Wollen Sie mich akkompagnieren, Herr von Walter, so mach ich einen Gang auf dem Fortepiano. Sie öffnet den Pantalon.

FERDINAND gibt ihr keine Antwort. Pause.

LUISE. Sie sind mir auch noch Revanche auf dem Schachbrett schuldig. Wollen wir eine Partie, Herr von Walter?

Eine neue Pause.

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LUISE. Herr von Walter, die Brieftasche, die ich Ihnen einmal zu sticken versprochen – Ich habe sie angefangen – Wollen Sie das Dessin nicht besehen?

Wieder eine Pause.

LUISE. O ich bin sehr elend!

FERDINAND in der bisherigen Stellung. Das könnte wahr sein.

LUISE. Meine Schuld ist es nicht, Herr von Walter, daß Sie so schlecht unterhalten werden.

FERDINAND lacht beleidigend vor sich hin. Denn was kannst du für meine blöde Bescheidenheit?

LUISE. Ich hab es ja wohl gewußt, daß wir jetzt nicht zusammen taugen. Ich erschrak auch gleich, ich bekenne es, als Sie meinen Vater verschickten – Herr von Walter, ich vermute, dieser Augenblick wird uns beiden gleich unerträglich sein – Wenn Sie mirs erlauben wollen, so geh ich und bitte einige von meinen Bekannten her.

FERDINAND. O ja doch, das tu. Ich will auch gleich gehn und von den meinigen bitten.

LUISE sieht ihn stutzend an. Herr von Walter?

FERDINAND sehr hämisch. Bei meiner Ehre! der gescheiteste Einfall, den ein Mensch in dieser Lage nur haben kann. Wir machen aus diesem verdrüßlichen Duett eine Lustbarkeit, und rächen uns mit Hilfe gewisser Galanterien an den Grillen der Liebe.

LUISE. Sie sind aufgeräumt, Herr von Walter?

FERDINAND. Ganz außerordentlich, um die Knaben auf dem Markt hinter mir her zu jagen! Nein! in Wahrheit, Luise. Dein Beispiel bekehrt mich – Du sollst meine Lehrerin sein. Toren sinds, die von ewiger Liebe schwatzen, ewiges Einerlei widersteht, Veränderung nur ist das Salz des Vergnügens – Topp, Luise! Ich bin dabei – Wir hüpfen von Roman zu Romane, wälzen uns von Schlamme zu Schlamm – Du dahin – Ich dorthin – Vielleicht, daß meine verlorene Ruhe sich in einem Bordell wiederfinden läßt – Vielleicht, daß wir dann nach dem lustigen Wettlauf, zwei modernde Gerippe, mit der angenehmsten Überraschung von der Welt zum zweitenmal aufeinanderstoßen, daß wir uns da an dem gemeinschaftlichen Familienzug, den kein Kind dieser Mutter verleugnet, wie in Komödien wiedererkennen, daß Ekel und Scham noch eine Harmonie veranstalten, die der zärtlichsten Liebe unmöglich gewesen ist.

LUISE. O Jüngling! Jüngling! Unglücklich bist du schon, willst du es auch noch verdienen?

FERDINAND ergrimmt durch die Zähne murmelnd. Unglücklich bin ich? Wer hat dir das gesagt? Weib, du bist zu schlecht, um selbst zu empfinden – womit kannst du eines andern Enpfindungen wägen? – Unglücklich, sagte sie? – Ha! dieses Wort könnte meine Wut aus dem Grabe rufen! – Unglücklich mußt ich werden, das wußte sie. Tod und Verdammnis! das wußte sie und hat mich dennoch verraten – Siehe, Schlange! Das war der einzige Fleck der Vergebung – Deine Aussage bricht dir den Hals – Bis jetzt konnt ich deinen Frevel mit deiner Einfalt beschönigen, in meiner Verachtung wärst du beinahe meiner Rache entsprungen. Indem er hastig das Glas ergreift. Also leichtsinnig warst du nicht – dumm warst du nicht – du warst nur ein Teufel. Er trinkt. Die Limonade ist matt wie deine Seele – Versuche!

LUISE. O Himmel! Nicht umsonst hab ich diesen Auftritt gefürchtet.

FERDINAND gebieterisch. Versuche!

Luise nimmt das Glas etwas unwillig und trinkt.
Ferdinand wendet sich, sobald sie das Glas an den Mund setzt, mit einer plötzlichen Erblassung weg und eilt nach dem hintersten Winkel des Zimmers.

LUISE. Die Limonade ist gut.

FERDINAND ohne sich umzukehren, von Schauer geschüttelt. Wohl bekomms!

LUISE nachdem sie es niedergesetzt. O wenn Sie wüßten, Walter, wie ungeheuer Sie meine Seele beleidigen.

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