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Phädra (Racine) – Vierter Aufzug. Zweiter Auftritt.

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Theseus. Hippolyt.

Theseus.
Da ist er! Götter! Dieser edle Anstand!
Welch Auge würde nicht davon getäuscht!
Darf auf der frechen Stirn des Ehebruchs
Die heilige Majestät der Tugend leuchten?
Wär’ es nicht billig, dass der Schalk im Herzen
Durch äußere Zeichen sich verkündete?

Hippolyt.
Herr, darf ich fragen, welch düstre Wolke
Dein königliches Angesicht umschattet?
Darfst du es deinem Sohne nicht vertrau’n?

Theseus.
Darfst du, Verräter, mir vors Auge treten?
Ungeheuer, das der Blitz zu lang verschont!
Unreiner Überrest des Raubgezüchts,
Von dem mein tapfrer Arm die Welt befreite!
Nachdem sich deine frevelhafte Glut
Bis zu des Vaters Bette selbst verwogen,
Zeigst du mir frech noch dein verhasstes Haupt?
Hier an dem Ort, der deine Schande sah,
Darfst du dich zeigen, und du wendest dich
Nicht fremden fernen Himmelsstrichen zu,
Wo meines Namens Schall nie hingedrungen?
Entflieh, Verräter! Reize nicht den Grimm,
Den ich mit Müh’ bezwinge – Schwer genug
Büß’ ich dafür mit ew’ger Schmach, dass ich
So frevelhaftem Sohn das Leben gab;
Nicht auch dein Tod soll mein Gedächtnis schänden
Und schwärzen meiner Taten Glanz – Entflieh!
Und willst du nicht, dass eine schnelle Rache
Dich den Frevlern, die ich strafte, beigeselle,
Gib Acht, dass dich das himmlische Gestirn,
Das uns erleuchtet, den verwegnen Fuß
Nie mehr in diese Gegen setzen sehe!
Entfliehe, sag’ ich, ohne Wiederkehr!
Reiß dich von dannen! Fort und reinige
Vom Gräuel deines Anblicks meine Staaten!
– Und du, Neptun, wenn je mein Arm dein Ufer
Von Raubgesindel säuberte, gedenk,
Wie du mir einst zu meiner Taten Lohn
Gelobt, mein erstes Wünschen zu erhören!
Nicht in dem Drang der langen Kerkernot
Erfleht’ ich dein unsterbliches Vermögen;
Ich geizte mit dem Wort, das du mir gabst;
Der dringenderen Not spart’ ich dich auf.
Jetzt fleh’ ich dich, Erschütterer der Erde,
Räch’ einen Vater, der verraten ist!
Hin geb’ ich diesen Frevler deinem Zorn.
Erstick’ in seinem Blut sein frech Gelüsten!
An deinem Grimm lass deine Huld mich kennen!

Hippolyt.
Phädra verklagt mich einer strafbar’n Liebe!
Dies Übermaß des Gräuls schlägt mich zu Boden.
So viele Schläge, unvorgesehn, auf einmal,
Zerschmettern mich und rauben mir die Sprache!

Theseus.
Verräter, dachtest du, es werde Phädra
In feiges Schweigen deine Schuld begraben,
So musstest du beim Fliehen nicht das Schwert,
Das dich verdammt, in ihren Händen lassen.
Du musstest, deinen Frevel ganz vollendend,
Mit einem Streich ihr Stimm’ und Leben rauben.

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