HomeText: Wilhelm Tell3. AktWilhelm Tell – Text: 3. Aufzug, 2. Szene

Wilhelm Tell – Text: 3. Aufzug, 2. Szene

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Berta:
Tät ich’s, mir wäre besser – Aber den
Verachtet sehen und verachtungswert,
Den man gern lieben möchte –

Rudenz:
Berta! Berta!
Ihr zeiget mir das höchste Himmelsglück,
Und stürzt mich tief in einem Augenblick.

Berta:
Nein, nein, das Edle ist nicht ganz erstickt
In Euch! Es schlummert nur, ich will es wecken,
Ihr müsst Gewalt ausüben an Euch selbst,
Die angestammte Tugend zu ertöten,
Doch wohl Euch, sie ist mächtiger als Ihr,
Und trotz Euch selber seid Ihr gut und edel!

Rudenz:
Ihr glaubt an mich! O Berta, alles lässt
Mich Eure Liebe sein und werden!

Berta:
Seid
Wozu die herrliche Natur Euch machte!
Erfüllt den Platz, wohin sie Euch gestellt,
Zu Eurem Volke steht und Eurem Lande,
Und kämpft für Euer heilig Recht.

Rudenz:
Weh mir!
Wie kann ich Euch erringen, Euch besitzen,
Wenn ich der Macht des Kaisers widerstrebe?
Ist’s der Verwandten mächt’ger Wille nicht,
Der über Eure Hand tyrannisch waltet?

Berta:
In den Waldstätten liegen meine Güter,
Und ist der Schweizer frei, so bin auch ich’s.

Rudenz:
Berta! welch einen Blick tut Ihr mir auf!

Berta:
Hofft nicht durch Östreichs Gunst mich zu erringen,
Nach meinem Erbe strecken sie die Hand,
Das will man mit dem grossen Erb vereinen.
Dieselbe Ländergier, die Eure Freiheit
Verschlingen will, sie drohet auch der meinen!
– O Freund, zum Opfer bin ich ausersehn,
Vielleicht um einen Günstling zu belohnen –
Dort wo die Falschheit und die Ränke wohnen,
Hin an den Kaiserhof will man mich ziehn,
Dort harren mein verhasster Ehe Ketten,
Die Liebe nur – die Eure kann mich retten!

Rudenz:
Ihr könntet Euch entschliessen, hier zu leben,
In meinem Vaterlande mein zu sein?
O Berta, all mein Sehnen in das Weite,
Was war es, als ein Streben nur nach Euch?
Euch sucht‘ ich einzig auf dem Weg des Ruhms,
Und all mein Ehrgeiz war nur meine Liebe.
Könnt Ihr mit mir Euch in dies stille Tal
Einschliessen und der Erde Glanz entsagen –
O dann ist meines Strebens Ziel gefunden,
Dann mag der Strom der wildbewegten Welt
Ans sichre Ufer dieser Berge schlagen –
Kein flüchtiges Verlangen hab ich mehr
Hinauszusenden in des Lebens Weiten –
Dann mögen diese Felsen um uns her
Die undurchdringlich feste Mauer breiten,
Und dies verschlossne sel’ge Tal allein
Zum Himmel offen und gelichtet sein!

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