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Schiller »Der Ring des Polykrates« – Inhaltsangabe, Interpretation und Quelle

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Den „Ring des Polykrates“ dichtete Friedrich Schiller im Juni des Balladenjahres 1797. Die Unbeständigkeit des Glückes und die Idee, dass der Mensch von höheren Mächten abhängig ist, macht Schiller dieser Ballade zum Gegenstand. Dies ist ein Grundzug in Schillers sittlich-religiöser Weltanschauung. Damit machte Schiller eine abstrakte Idee zum Zentrum seiner Ballade, was sein Freund und Kritiker Gottfried Körner als „trocken“ bezeichnete. Ungeachtet dessen gehört die Ballade zu den bekanntesten Gedichten Schillers. Als Quelle diente ihm die von Herodot überlieferte Geschichte über König Polykrates von Samos.

Text der Ballade mit Erläuterungen

Der Ring des Polykrates

 Er1 stand auf seines Daches Zinnen,
 Er schaute mit vergnügten Sinnen
 Auf das beherrschte Samos hin.
 „Dies alles ist mir untertänig,“
5Begann er zu Ägyptens König,2
 „Gestehe, dass ich glücklich bin.“3

 „Du hast der Götter Gunst erfahren!
 Die vormals deinesgleichen4 waren,
 Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
10Doch Einer5 lebt noch, sich zu rächen;
 Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
 Solang des Feindes Auge wacht.“

 Und eh der König noch geendet,
 Da stellt sich, von Milet6 gesendet,
15Ein Bote dem Tyrannen dar:
 „Lass, Herr, des Opfers Düfte steigen,
 Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
 Bekränze dir dein festlich Haar!7

 Getroffen sank dein Feind vom Speere,
20Mich sendet mit der frohen Märe
 Dein treuer Feldherr Polydor –„
 Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
 Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
 Ein wohl bekanntes Haupt hervor.

25Der König tritt zurück mit Grauen.8
 „Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen“,
 Versetzt er mit besorgtem Blick.
 „Bedenk, auf ungetreuen Wellen,
 Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen,
30Schwimmt deiner Flotte9 zweifelnd Glück.“

 Und eh er noch das Wort gesprochen,10
 Hat ihn der Jubel unterbrochen,
 Der von der Reede jauchzend schallt.
 Mit fremden Schätzen reich beladen,
35Kehrt zu den heimischen Gestaden
 Der Schiffe mastenreicher Wald.

 Der königliche Gast erstaunet:
 „Dein Glück ist heute gut gelaunet,
 Doch fürchte seinen Unbestand!
40Der Kreter waffenkundge Scharen11
 Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
 Schon nahe sind sie diesem Strand.“

 Und eh ihm noch das Wort entfallen,
 Da sieht man’s12 von den Schiffen wallen,
45Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
 Von Feindesnot sind wir befreiet,
 Die Kreter13 hat der Sturm zerstreuet,
 Vorbei, geendet ist der Krieg!“

 Das hört der Gastfreund mit Entsetzen:14
50„Fürwahr, ich muss dich glücklich schätzen,
 Doch“, spricht er, „zittr‘ ich für dein Heil.
 Mir grauet vor der Götter Neide:
 Des Lebens ungemischte Freude
 Ward15 keinem Irdischen zuteil.

55Auch mir ist alles wohl geraten,
 Bei allen meinen Herrschertaten
 Begleitet16 mich des Himmels Huld;
 Doch hatt ich einen teuren Erben,
 Den nahm mir Gott, ich sah in sterben,
60Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.

 Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
 So flehe zu den Unsichtbaren,
 Dass sie zum Glück den Schmerz verleihn.
 Noch keinen sah ich fröhlich enden,
65Auf den mit immer vollen Händen
 Die Götter ihre Gaben streun.

 Und wenn’s die Götter nicht gewähren,
 So acht auf eines Freundes Lehren
 Und rufe selbst das Unglück her,
70Und was von allen deinen Schätzen
 Dein Herz am höchsten mag ergetzen,
 Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“

 Und jener spricht, von Furcht beweget:
 „Von allem, was die Insel heget,
75Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
 Ihn will ich den Erinnen17 weihen,
 Ob sie mein Glück mir dann verzeihen –“
 Und wirft das Kleinod in die Flut.

 Und bei des nächsten Morgens Lichte,
80Da tritt mit fröhlichem Gesichte
 Ein Fischer vor den Fürsten hin:
 „Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
 Wie keiner noch ins Netz gegangen,
 Dir zum Geschenke bring ich ihn.“

85Und als der Koch den Fisch zerteilet,
 Kommt er bestürzt herbeigeeilet18
 Und ruft mit hocherstauntem Blick:
 „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
 Ihn fand ich in des Fisches Magen,
90O, ohne Grenzen ist dein Glück!“

 Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
 „So kann ich hier nicht ferner hausen,
 Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
 Die Götter wollen dein Verderben –
95Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
 Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.

  1. Polykrates ist gemeint, der sich im Jahre 532 v. Chr. zum Tyrannen von Samos aufwarf.
  2. Mit Ägyptens König Amasis stand Polykrates im Bund der Gastfreundschaft. Daher wird Amasis der Gast, der königliche Gast, der Gastfreund genannt.
  3. Polykrates hatte dem Amasis, wie über ein Menschenalter früher Krösus dem Solon, all seine Herrlichkeit gezeigt, und erwartete nun, indem er, gleich den Hausvater in der „Glocke“, von seines Palastes weitschauender Zinne mit Thronblick sein blühendes Glück überzählt. Ein anerkennendes Wort aus dem Munde des königlichen Gastes.
  4. Polykrates hatte sich nämlich aus niederem Stande zum Herrscher aufgeschwungen.
  5. Polykrates hatte anfangs die Herrschaft mit seinen beiden Brüdern geteilt, ließ aber dann den einen derselben, Pantagnotos, ermorden und vertrieb den anderen, Sylofon, aus Samos. Nach seiner Vertreibung suchte Sylofon dem Tyrannen überall Feinde zu erwecken. Ohne Zweifel ist er einer, der sich und seine Landsleute zu rächen denkt, und dessen „wohl bekanntes Haupt“ (Strophe 4 Verse 5, 6) mit Schrecken von Polykrates und Amsis erkannt wird.
  6. Miletos, eine berühmte und reiche Handelsstadt an der kleinasiatischen Küste, ungefähr 7 Meilen von Samos entfernt. Von den Lesbierern unterstützt, bekriegten die Melisier den Polykrates, wurden aber von diesem überwunden.
  7. Ältere Lesart: „dein festlich Haar.“
  8. Mit Grauen vor dem blutigen Bruderhaupt und noch mehr vor dem Leiter der Götter.
  9. Die Flotte ist wohl nicht eine Handelsflotte, sondern Kriegsflotte des Polykrates, die von dem siegreichen Zug gegen Milet mit reicher Beute beladen heimkehrt.
  10. Ehe Amasis noch das Wort ganz ausgesprochen hatte.
  11. Ältere Lesart: „Der Sparter nie besiegte Schaaren.“
  12. Man sieht es Wallen, nämlich die heimkehrenden Krieger und das sie begleitende Volk.
  13. Ältere Lesart: „Die Sparter …“
  14. Das Grauen des Königs steigert sich zum Entsetzen, weil ihm nach einem so augenfällig blinden Glücksfalle ein plötzlicher Sturz aus der Höhe unvermeidlich erscheint.
  15. Amasis spricht aus allgemeiner und eigener Erfahrung; daher „ward“ und nicht „wird“.
  16. Hat mich begleitet und begleitet mich noch jetzt.
  17. Die Erinnyen oder Erinnen sind hier nicht in der eigentlichen Bedeutung als die furchtbaren Rachegöttinnen zu verstehen, die die Verbrecher auf Erden und in der Unterwelt verfolgten und peinigten, sondern nur als die Vollstreckerrinnen der von den Göttern verhängt Prüfungen und Züchtigungen.
  18. Ältere Lesart: „Herbei der Koch erschrocken eilet.“
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