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Schiller »Der Taucher« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation und Quelle

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Als Schiller im Juni 1797 mit Goethe in eine Art Wettstreit im Balladendichten eintritt, ist „Der Taucher“ die erste Ballade, die Schiller dichtet. Bestimmt war sie für die Veröffentlichung in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1798, dem sogenannten Balladen-Almanach. Im Zentrum dieser Ballade steht die Idee, dass man die Götter nicht in Versuchung bringen soll. Der Taucher, ein mutiger Knappe, stürzt sich zunächst aus Ehrsucht in das tosende Meer. Voller Ehrfucht vor den Gefahren der schrecklichen Untiefe kommt er glücklich wieder. Für die Liebe der Königstochter aber wagt er erneut den Sprung.

Text der Ballade mit Worterklärungen

Der Taucher

 »Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
 Zu tauchen in diesen Schlund?
 Einen goldnen Becher werf ich hinab,
 Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
5Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
 Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.«

 Der König spricht es und wirft von der Höh
 Der Klippe, die schroff und steil
 Hinaushängt in die unendliche See,
10Den Becher in der Charybde1 Geheul.
 »Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
 Zu tauchen in diese Tiefe nieder?«

 Und die Ritter, die Knappen um ihn her
 Vernehmens und schweigen still,
15Sehen hinab in das wilde Meer,
 Und keiner den Becher gewinnen will.
 Und der König zum drittenmal wieder fraget:
 »Ist keiner, der sich hinunterwaget?«

 Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
20Und ein Edelknecht, sanft und keck,
 Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
 Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
 Und alle die Männer umher und Frauen
 Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

25Und wie er tritt an des Felsen Hang
 Und blickt in den Schlund hinab,
 Die Wasser, die sie hinunterschlang,
 Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
 Und wie mit des fernen Donners Getose
30Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

 Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
 Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
 Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
 Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
35Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
 Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

 Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
 Und schwarz aus dem weißen Schaum
 Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
40Grundlos, als gings in den Höllenraum,
 Und reißend sieht man die brandenden Wogen
 Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

 Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
 Der Jüngling sich Gott befiehlt,
45Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
 Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
 Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
 Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

 Und stille wirds über dem Wasserschlund,
50In der Tiefe nur brauset es hohl,
 Und bebend hört man von Mund zu Mund:
 »Hochherziger Jüngling, fahre wohl!«
 Und hohler und hohler hört mans heulen,
 Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

55Und wärfst du die Krone selber hinein
 Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,
 Er soll sie tragen und König sein,
 Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
 Was die heulende Tiefe da unten verhehle,
60Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

 Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefaßt,
 Schoß gäh in die Tiefe hinab,
 Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast
 Hervor aus dem alles verschlingenden Grab. –
65Und heller und heller wie Sturmes Sausen
 Hört mans näher und immer näher brausen.

 Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
 Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
 Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
70Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
 Und wie mit des fernen Donners Getose
 Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

 Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß
 Da hebet sichs schwanenweiß,
75Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
 Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
 Und er ists, und hoch in seiner Linken
 Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

 Und atmete lang und atmete tief
80Und begrüßte das himmlische Licht.
 Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
 »Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht.
 Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
 Hat der Brave gerettet die lebende Seele.«

85Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
 Zu des Königs Füßen er sinkt,
 Den Becher reicht er ihm kniend dar,
 Und der König der lieblichen Tochter winkt,
 Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
90Und der Jüngling sich also zum König wandte:

 »Lang lebe der König! Es freue sich,
 Wer da atmet im rosigten Licht!
 Da unten aber ists fürchterlich,
 Und der Mensch versuche die Götter nicht
95Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
 Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

 Es riß mich hinunter blitzesschnell,
 Da stürzt’ mir aus felsigem Schacht
 Wildflutend entgegen ein reißender Quell,
100Mich packte des Doppelstroms wütende Macht,
 Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
 Trieb michs um, ich konnte nicht widerstehen.

 Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
 In der höchsten schrecklichen Not,
105Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
 Das erfaßt’ ich behend und entrann dem Tod,
 Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
 Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

 Denn unter mir lags noch, bergetief,
110In purpurner Finsternis da,
 Und obs hier dem Ohre gleich ewig schlief,
 Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
 Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
 Sich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.

115Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
 Zu scheußlichen Klumpen geballt,
 Der stachligte Roche2, der Klippenfisch,
 Des Hammers greuliche Ungestalt,
 Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
120Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

 Und da hing ich und wars mir mit Grausen bewußt,
 Von der menschlichen Hülfe so weit,
 Unter Larven die einzige fühlende Brust,
 Allein in der gräßlichen Einsamkeit,
125Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
 Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

 Und schaudernd dacht ichs, da krochs heran,
 Regte hundert Gelenke zugleich,
 Will schnappen nach mir; in des Schreckens Wahn
130Laß ich los der Koralle umklammerten Zweig,
 Gleich faßt mich der Strudel mit rasendem Toben,
 Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach oben.«

 Der König darob sich verwundert schier
 Und spricht: »Der Becher ist dein,
135Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
 Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
 Versuchst dus noch einmal und bringst mir Kunde,
 Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.«

 Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
140Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
 »Laßt, Vater, genug sein das grausame Spiel,
 Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
 Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
 So mögen die Ritter den Knappen beschämen.«

145Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
 In den Strudel ihn schleudert hinein:
 »Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
 So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
 Und sollst sie als Ehgemahl heut noch umarmen,
150Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.«

 Da ergreifts ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
 Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
 Und er siehet erröten die schöne Gestalt
 Und sieht sie erbleichen und sinken hin,
155Da treibts ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
 Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

 Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
 Sie verkündigt der donnernde Schall,
 Da bückt sichs hinunter mit liebendem Blick,
160Es kommen, es kommen die Wasser all,
 Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
 Den Jüngling bringt keines wieder.

  1. Die Charybdis war der Sage nach ein Meerungeheuer, eine Tochter des Neptun und der Erde, und wurde ihrer Unersättlichkeit wegen von Jupiter ins Meer gestürzt. Hier verschlang sie jedes Schiff, das sich ihr näherte. Dies war in der Meerenge von Messina geschehen, weshalb der dort befindliche Strudel im Altertum allgemein gefürchtet war. Gegenwärtig hält man eine Stelle am Eingang des Hafens von Messina für die Charybdis der Alten. Sie ist etwa 100 Schritt breit und wogt und wirbelt beständig, auch wenn das Meer sonst ganz ruhig ist. Mit der Charybdis zugleich wird gewöhnlich die Scylla genannt, d. h. eigentlich Hündin. Es ist ein einzeln stehender Felsen an der Küste von Kalabrien, mehrere Kilometer von Messina entfernt. Das Meer bricht sich hier mit einem heulenden Ton. Wenn der Wind und die eintretende Flutströmung einander entgegengesetzt sind, so ist die Fahrt an dieser Stelle sehr gefährlich.
  2. Gemeint ist der Stachelrochen.
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