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Friedrich Schiller »Der Gang nach dem Eisenhammer« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

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In seiner Ballade Der Gang nach dem Eisenhammer (1797) bringt Schiller die fromme christliche Lebensart des Dieners Fridolin zum Ausdruck, über den Gott schützend seine Hand auszustrecken scheint. Der, der ihm eine Falle grub, fiel selbst hinein. Erstmals veröffentlicht wurde die Ballade im Musenalmanach auf das Jahr 1798 am Ende des Entstehungsjahres.

Text der Ballade

Der Gang nach dem Eisenhammer1

 Ein frommer Knecht war Fridolin
 Und in der Furcht des Herrn2
 Ergeben der Gebieterin,
 Der Gräfin von Savern3.
5Sie war so sanft, sie war so gut,
 Doch auch der Launen Übermut
 Hätt er geeifert zu erfüllen,
 Mit Freudigkeit, um Gottes willen.

 Früh von des Tages erstem Schein,
10Bis spät die Vesper4 schlug,
 Lebt‘ er nur ihrem Dienst allein,
 Tat nimmer sich genug.
 Und sprach die Dame: »Mach dirs leicht!«
 Da wurd ihm gleich das Auge feucht,
15Und meinte seiner Pflicht zu fehlen,
 Durft er sich nicht im Dienste quälen.

 Drum vor dem ganzen Dienertroß
 Die Gräfin ihn erhob,
 Aus ihrem schönen Munde floß
20Sein unerschöpftes Lob.
 Sie hielt ihn nicht als ihren Knecht,
 Es gab sein Herz ihm Kindesrecht,
 Ihr klares Auge mit Vergnügen
 Hing an den wohlgestalten Zügen.

25Darob entbrennt in Roberts5 Brust,
 Des Jägers, giftger Groll,
 Dem längst von böser Schadenlust
 Die schwarze Seele schwoll.
 Und trat zum Grafen, rasch zur Tat
30Und offen des Verführers Rat,
 Als einst vom Jagen heim sie kamen,
 Streut‘ ihm ins Herz des Argwohns Samen.

 »Wie seid Ihr glücklich, edler Graf«,
 Hub er voll Arglist an,
35»Euch raubet nicht den goldnen Schlaf
 Des Zweifels giftger Zahn.
 Denn Ihr besitzt ein edles Weib,
 Es gürtet Scham den keuschen Leib,
 Die fromme Treue zu berücken6,
40Wird nimmer dem Versucher glücken.«

 Da rollt der Graf die finstern Brau’n:
 »Was redst du mir, Gesell?
 Werd ich auf Weibestugend baun,
 Beweglich wie die Well?
45Leicht locket sie des Schmeichlers Mund,
 Mein Glaube steht auf festerm Grund,
 Vom Weib des Grafen von Saverne
 Bleibt, hoff ich, der Versucher ferne.«

 Der andre spricht: »So denkt Ihr recht.
50Nur Euren Spott verdient
 Der Tor, der, ein geborner Knecht,
 Ein solches sich erkühnt
 Und zu der Frau, die ihm gebeut7,
 Erhebt der Wünsche Lüsternheit.« –
55»Was?« fällt ihm jener ein und bebet,
 »Redst du von einem, der da lebet?«

 »Ja doch, was aller Mund erfüllt,
 Das bärg sich meinem Herrn?
 Doch, weil Ihrs denn mit Fleiß verhüllt,
60So unterdrück ichs gern.« –
 »Du bist des Todes, Bube, sprich!«
 Ruft jener streng und fürchterlich.
 »Wer hebt das Aug zu Kunigonden?«
 »Nun ja, ich spreche von dem Blonden.

65Er ist nicht häßlich von Gestalt«,
 Fährt er mit Arglist fort,
 Indems den Grafen heiß und kalt
 Durchrieselt bei dem Wort.
 »Ists möglich, Herr? Ihr saht es nie,
70Wie er nur Augen hat für sie?
 Bei Tafel Eurer selbst nicht achtet,
 An ihren Stuhl gefesselt schmachtet?

 Seht da die Verse, die er schrieb
 Und seine Glut gesteht –«
75»Gesteht!« – »Und sie um Gegenlieb,
 Der freche Bube! fleht.
 Die gnädge Gräfin, sanft und weich,
 Aus Mitleid wohl verbarg sies Euch,
 Mich reuet jetzt, daß mirs entfahren,
80Denn, Herr, was habt Ihr zu befahren8

 Da ritt in seines Zornes Wut
 Der Graf ins nahe Holz,
 Wo ihm in hoher Öfen Glut
 Die Eisenstufe schmolz.
85Hier nährten früh und spat9 den Brand
 Die Knechte mit geschäftger Hand,
 Der Funke sprüht, die Bälge blasen,
 Als gält es, Felsen zu verglasen10.

 Des Wassers und des Feuers Kraft
90Verbündet sieht man hier,
 Das Mühlrad, von der Flut gerafft,
 Umwälzt sich für und für.
 Die Werke klappern Nacht und Tag,
 Im Takte pocht der Hämmer Schlag,
95Und bildsam von den mächtgen Streichen
 Muß selbst das Eisen sich erweichen.

 Und zweien Knechten winket er,
 Bedeutet11 sie und sagt:
 »Den ersten, den ich sende her,
100Und der euch also fragt:
 ›Habt ihr befolgt des Herren Wort?‹
 Den werft mir in die Hölle dort,
 Daß er zu Asche gleich vergehe
 Und ihn mein Aug nicht weiter sehe«.

105Des freut sich das entmenschte Paar
 Mit roher Henkerslust,
 Denn fühllos wie das Eisen war
 Das Herz in ihrer Brust.
 Und frischer mit der Bälge Hauch
110Erhitzen sie des Ofens Bauch
 Und schicken sich mit Mordverlangen,
 Das Todesopfer zu empfangen.

 Drauf Robert zum Gesellen spricht
 Mit falschem Heuchelschein:
115»Frisch auf, Gesell, und säume nicht,
 Der Herr begehret dein.«
 Der Herr, der spricht zu Fridolin:
 »Mußt gleich zum Eisenhammer hin,
 Und frage mir die Knechte dorten,
120Ob sie getan nach meinen Worten.«

 Und jener spricht: »Es soll geschehn«,
 Und macht sich flugs bereit.
 Doch sinnend bleibt er plötzlich stehn:
 »Ob sie mir nichts gebeut?«
125Und vor die Gräfin stellt er sich:
 »Hinaus zum Hammer schickt man mich,
 So sag, was kann ich dir verrichten?
 Denn dir gehören meine Pflichten.«

 Darauf die Dame von Savern
130Versetzt mit sanftem Ton:
 »Die heilge Messe hört ich gern,
 Doch liegt mir krank der Sohn.
 So gehe denn, mein Kind, und sprich
 In Andacht ein Gebet für mich,
135Und denkst du reuig deiner Sünden,
 So laß auch mich die Gnade finden.«

 Und froh der vielwillkommnen Pflicht
 Macht er im Flug sich auf,
 Hat noch des Dorfes Ende nicht
140Erreicht im schnellen Lauf,
 Da tönt ihm von dem Glockenstrang
 Hellschlagend des Geläutes Klang,
 Das alle Sünder, hochbegnadet,
 Zum Sakramente12 festlich ladet.

145»Dem lieben Gotte weich nicht aus,
 Findst du ihn auf dem Weg!« –
 Er sprichts und tritt ins Gotteshaus,
 Kein Laut ist hier noch reg.
 Denn um die Ernte wars, und heiß
150Im Felde glüht‘ der Schnitter Fleiß,
 Kein Chorgehilfe13 war erschienen,
 Die Messe kundig zu bedienen.

 Entschlossen ist er alsobald
 Und macht den Sakristan14.
155»Das«, spricht er, »ist kein Aufenthalt,
 Was fördert himmelan.«
 Die Stola15 und das Zingulum16
 Hängt er dem Priester dienend um,
 Bereitet hurtig die Gefäße17,
160Geheiliget zum Dienst der Messe.

 Und als er dies mit Fleiß getan,
 Tritt er als Ministrant18
 Dem Priester zum Altar voran,
 Das Meßbuch in der Hand,
165Und knieet rechts und knieet links
 Und ist gewärtig jedes Winks,
 Und als des Sanktus19 Worte kamen,
 Da schellt er dreimal bei dem Namen.

 Drauf als der Priester fromm sich neigt
170Und, zum Altar gewandt,
 Den Gott, den gegenwärtgen, zeigt
 In hocherhabner Hand,
 Da kündet es der Sakristan
 Mit hellem Glöcklein klingend an,
175Und alles kniet und schlägt die Brüste,
 Sich fromm bekreuzend vor dem Christe.

 So übt er jedes pünktlich20 aus
 Mit schnell gewandtem Sinn,
 Was Brauch ist in dem Gotteshaus,
180Er hat es alles inn,
 Und wird nicht müde bis zum Schluß,
 Bis beim Vobiscum Dominus21
 Der Priester zur Gemein sich wendet,
 Die heilge Handlung segnend endet.

185Da stellt er jedes wiederum
 In Ordnung säuberlich,
 Erst reinigt er das Heiligtum22,
 Und dann entfernt er sich
 Und eilt in des Gewissens Ruh
190Den Eisenhütten heiter zu,
 Spricht unterwegs, die Zahl zu füllen,
 Zwölf Paternoster23 noch im stillen.

 Und als er rauchen sieht den Schlot
 Und sieht die Knechte stehn,
195Da ruft er: »Was der Graf gebot,
 Ihr Knechte, ists geschehn?«
 Und grinzend zerren sie den Mund
 Und deuten in des Ofens Schlund:
 »Der ist besorgt und aufgehoben,
200Der Graf wird seine Diener loben.«

 Die Antwort bringt er seinem Herrn
 In schnellem Lauf zurück.
 Als der ihn kommen sieht von fern,
 Kaum traut er seinem Blick.
205»Unglücklicher! wo kommst du her?«
 »Vom Eisenhammer.« – »Nimmermehr!
 So hast du dich im Lauf verspätet?«
 »Herr, nur so lang, bis ich gebetet.

 Denn als von Eurem Angesicht
210Ich heute ging, verzeiht,
 Da fragt ich erst, nach meiner Pflicht,
 Bei der, die mir gebeut.
 Die Messe, Herr, befahl sie mir
 Zu hören, gern gehorcht ich ihr
215Und sprach der Rosenkränze24 viere
 Für Euer Heil und für das ihre.«

 In tiefes Staunen sinket hier
 Der Graf, entsetzet sich:
 »Und welche Antwort wurde dir
220Am Eisenhammer? Sprich!«
 »Herr, dunkel war der Rede Sinn,
 Zum Ofen wies man lachend hin:
 ›Der ist besorgt und aufgehoben,
 Der Graf wird seine Diener loben.‹«

225»Und Robert?« fällt der Graf ihm ein,
 Es überläuft ihn kalt,
 »Sollt er dir nicht begegnet sein?
 Ich sandt ihn doch zum Wald.«
 »Herr, nicht im Wald, nicht in der Flur
230Fand ich von Robert eine Spur.« –
 »Nun«, ruft der Graf und steht vernichtet,
 »Gott selbst im Himmel hat gerichtet!«

 Und gütig, wie er nie gepflegt,
 Nimmt er des Dieners Hand,
235Bringt ihn der Gattin, tiefbewegt,
 Die nichts davon verstand.
 »Dies Kind, kein Engel ist so rein,
 Laßts Eurer Huld empfohlen sein,
 Wie schlimm wir auch beraten waren,
240Mit dem ist Gott und seine Scharen.«

  1. Eisenhammer: Ein Eisenhammer ist Teil der Eisenhütte, Hammerwerk zur Weiterverarbeitung des Eisens.
  2. Furcht des Herrn: Fridolin war sehr gottesfürchtig.
  3. Savern: Ein Ort im Elsaß (Saverne). Der Name ist für den Reim wohl angepasst.
  4. Versper: Bei den Katholiken ein abendlicher, durch Glockenläuten angekündigter Gottesdienst.
  5. Robert: Der Name ist von Schiller frei gewählt worden.
  6. berücken: überlisten, täuschen
  7. gebeut: alte Flexionsform von gebieten
  8. befahren: mittelhochdt. befürchten
  9. spat: mittelhochdt. spät
  10. verglasen: verschmelzen
  11. bedeutet: erklärt
  12. Sakrament: Ein Ritus in der christlichen Kirche. Hierzu gehören u.a. Taufe, Ehe, Buße und Abendmahl
  13. Chorgehilfe: Gemeint ist wohl Messdiener.
  14. Sakristan: Der Küster, hier wohl eben den Messdiener.
  15. Stola: Sie gehört zum Gewand der Priester, eine Schärpe bzw. ein Streifen, vor der Brust getragen.
  16. Zingulum: Ein schmales weißes Band zur Befestigung der Stola.
  17. Gefäße mit Wasser und Wein für den Gottesdienst.
  18. Ministrant: Messdiener
  19. Sanktus: (lat.) heilig, ein dreimaliger Lobruf
  20. pünktlich: genau, sorgfältig, detailliert
  21. Vobiscum Dominus: Latein. Messtext: Der Herr sei mit euch!
  22. Heiligtum: gemeint ist wahrscheinlich der Altarraum
  23. Paternoster: Gebet, (lat.) das Vaterunser
  24. Rosenkränze: Gebetsreihung zur Verehrung der Mutter Maria.
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