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Friedrich Schiller »Der Gang nach dem Eisenhammer« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

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Schillers Quelle und ihr Inhalt

Schiller fand die Geschichte in der Novellensammlung mit dem Titel Les Contemporaines von einem der fruchtbarsten französischen Moralisten der Zeit, von Rétif de la Bretonne. Die Novellensammlung war die Lektüre seiner belesenen Frau Charlotte. Frau von Stein, eine enge Vertraute von Schillers Frau Charlotte, schreibt am 9. September 1797, also kurz vor unserer Ballade, an Charlotte: „Heute kommen die verlangten Contemporaines, sechs Stücke, und sind noch welche da.“ Hierin fand sie in der 13. Novelle mit dem Titel La Fille-garson unsere Geschichte, die vom Gang zum Eisenhammer berichtet. Der „Zufall“, der Schiller den Stoff für diese Ballade zuführte, trägt also den Namen seiner eigenen Frau. Der Erzählung des Rétif blieb Schiller durchweg getreu. Nur änderte er die Namen seiner Personen.

Quelleninhalt

Bei Rétif heißt der sehr gottesfürchtige Diener Champagne. Seine Herrin ist eine Gräfin von K…, deren sehr reicher Gatte in der Gegend von Bannes oder Quimper Eisenhammer besitzt. Chamagne war immer sehr fleißig. Gegen seine Gräfin zeigte er sich so aufmerksam und sorgfältig, dass er fast jeden ihrer Wünsche erriet und meist, wenn sie ihm etwas befahl, erwidern konnte: Das, was sie befehlen, ist schon geschehen. Die Gräfin war darüber sehr verwundert, doch nie versiegten ihre Lobsprüche. Er war überdies ein schöner Bursche. Einer seiner Genossen, Bléro mit Namen, war durch alle die Lobsprüche der Gräfin so eifersüchtig geworden, dass er Champagne durch Verleumdungen beim Grafen in Ungnade bringen wollte. Er gab vor, Champagne liebe die Gräfin ohne ihr Wissen. Auch teilte er dem Grafen so manch scheinbaren Beweis mit, dass dieser ihm schließlich glaubte. Nur verlangte er, sich mit eigenen Augen von der Sache zu überzeugen. Da aber der boshafte Diener einmal seinen Verdacht erregt hatte, sah er in allem eine Bestätigung seines Argwohns. Da er das Leben eines ganz untergeordneten Menschen, der sich so schwer an ihm vergangen hat, für nichts Wert hielt, begab er sich zum Hochöfner eines seiner Eisenhammer, dem er auftrug, denjenigen gleich in den Ofen zu werfen, den er mit der Frage senden werde: „Habt Ihr getan, was der Graf Euch auftrug?“

Nun sind diese Art Leute die grausamsten, wildesten Geschöpfe. So war denn der Auftrag dem Hochöfner herzlich lieb. Aus Angst, den Auftrag allein nicht ausführen zu können, zog er einen gleich boshaften Kameraden hinzu.

Am folgenden Morgen ließ der Graf den Champagne durch Bléro seinen Feind zu sich rufen und sprach zu ihm: „Champagne, geh‘ zum Eisenhammer und frage den Hochöfner, ob er getan, was ich ihm gesagt habe.“ „Sehr wohl, Ihro hochgräfliche Gnaden!“, erwiderte Champagne und eilte, den Befehl auszuführen. Beim Weggehen aber fiel ihm ein: „Du könntest doch anfragen, ob die gnädige Dame nicht auch noch etwas zu befehlen hat?“ Also kehrte er zum Zimmer der Gräfin zurück. „Herrin, wisst, dass sich auf Befehl des gnädigen Herren nach dem Hammer muss“, sprach er, „und da ich der gnädigen Frau angehöre, wünschte ich zu wissen, ob dieselbe etwas zu befehlen hätte.“ „Nichts, Champagne“, erwiderte diese, „nur möchte ich, dass, wenn man gerade zur Messe läuten sollte, wohin ich wegen Unwohlseins nicht gehen kann, du sie hörtest und dann für mich und dich zugleich betetest.“ Das war es eben, was Champagne wünschte. Denn sonst hätte er bei der Ausführung des Auftrags seines Herren sich keinen Aufenthalt gestatten dürfen.

Kaum war er am Ende des Dorfes, als man zur Messe läutete. Nun war es Sommer und niemand anderes für den Messdienst anwesend als schwächliche Greise. Champagne bot sich an, hielt die Schenkelgefäße bereit, reinigte die Sakristei, und als der Priester gekommen war, antwortete er andächtig. Die Messe dauerte wohl eine dreiviertel Stunde. Danach stellte er alles wieder an Ort und Stelle, wie auch immer ein Sakristan getan haben würde. Dann eilte er zum Hammer, und unterwegs vollendete er die Gebete, die er für seine Herrin, seinen Herren und sich selbst in seinem Buch begonnen hatte.

Beim Hammer angekommen, fragte er den Hochöfner: „Habt ihr das getan, was Ihro hochgräflichen Gnaden gesagt haben?“ „Oh schon vor einer guten Weile“, erwiderte der Kerl mit lachendem Munde. „Davon kann nicht die Rede sein. Es ist so gut, als wäre er sein Lebtage nicht auf der Welt gewesen.“

Champagne eilte zu schnell zu seinem Herrn zurück. Sobald dieser ihn sah, geriet er in kein geringeres Erstaunen und erzürnte gewaltig. „Wo kommst du her, Elender?“, fragte er. „Vom Hammer, Ihro hochtreffliche Gnaden!“ „So hast du dich auf dem Wege aufgehalten?“ „Nicht weiter, gnädiger Herr als dass ich die gnädige Frau fragte, ob ich unterwegs für Sie etwas mit ausrichten könnte. Da befahl sie mir, die Messe zu hören und für sie mitzubeten, und das hab ich getan, und für sie auch. Denn ich dachte nicht, dass der Auftrag von Ihro hochgräflichen Gnaden so sehr dringend wäre.“ Bei diesen Worten fiel der Graf in tiefes Nachdenken, aber nachdem er Champagne gefragt hatte, was man ihm beim Hammer gesagt habe, ging es ihm auf, dass der eifersüchtige Diener wohl zuerst dort angekommen war und in den Ofen geworfen worden sei. Hierin erkannte er die Hand der Vorsehung. Er begab sich zur Gräfin und sprach zu ihr, indem er auf Champagne zeigte: „Verlasst Euch ganz auf den guten Diener! Denn heute habe ich erkannt, dass er ein Liebling Gottes ist.“ Und von diesem Tage an erhielt Champagne die ganze Verwaltung des Hauses. Er versah sein Amt immer redlich.

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