HomeInhaltsangabeDas verschleierte Bild zu Sais (Gedicht)

Friedrich Schiller »Das verschleierte Bild zu Sais« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

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Inhalt und Idee

Die „Geheime Weisheit“ oder die Mysterien der Griechen war wohl nichts anderes als die Aufklärung über gewisse Mythen und Religionsbräuche, deren eigentlichen Sinn man aus politischen Rücksichten dem Volk verborgen zu halten für gut befand. Ein gewisser Grad von Bildung war durchaus erforderlich, um tiefere Wahrheiten in abstrakter Weise zu erfassen, während dieselben dem schwächeren Verstand nur in bildlicher Einkleidung nahegelegt werden können. Auf diese Weise verfährt auch die Parabel, indem sie das symbolisch vorträgt, was erst bei tieferer Erkenntnis intellektuell oder moralisch gefasst werden kann. So ließ man auch in den Eleusinischen Mysterien diejenigen, die in dieselben eingeweiht werden sollten, gewisse Grade durchlaufen, um sie nach Maßgabe ihrer eigenen Erkenntniskraft oder ihrer sittlichen Würdigkeit allmählich mit dem Geheimlehren bekannt machte.

Hieraus erhellt sich dann auch die Grundidee des Gedichtes: Alle tiefere Wahrheit muss erworben, errungen, erkämpft werden. Es ist der Weg des Lernens, den man beschreiten muss, um die Wahrheit zu erkennen. So heißt es auch in Goethes Faust: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Wahrheiten entblößen sich nur allmählich durch den Erwerb von Wissen als auch durch praktische Erfahrungen, durch ein gelebtes Leben. Dieses stufenweise Fortschreiten in unserer geistigen und sittlichen Entwicklung lässt sich nicht ungestraft überspringen, wir sollen eben „verklärt werden von einer Klarheit zu der andern“. Wer auf unrechtmäßigem Weg rascher zum Ziele gelangen will, der bringt sich um seinen inneren Frieden, wie unsere „Ureltern“ auch das Paradies verloren haben. Oder der Hochmut führt seinen Fall herbei, wie es auch die Sage von Faust darstellt, der den letzten Zweck des Lebens allein in der Erkenntnis zu finden vermeinte. Gewisse Dinge bleiben auch dem tiefsten Denker verborgen. Der letzten und höchsten Wahrheit darf er nichts anderes als seine Demut entgegenbringen. „Wer es fassen kann, der fasse es!“

Zusammenfassung / Inhaltsangabe Strophe für Strophe

Strophe 1: Ein Jüngling mit brennendem Wissensdurst kommt in den Tempel nach Sais, um die geheime Weisheit von den Priestern zu erlernen. Ihn dürstet, die ganze Wahrheit zu erfassen. Gleichfalls stellt er sein Missbehagen an der lückenhaften Erkenntnis der Wahrheit dar, während er mit einem Hierophanten durch den Tempel schreitet.

Strophe 2: Sie gelangen zu einem riesengroßen verschleierten Bild der Isis, das das Interesse des Jünglings weckt. Die Mitteilung des Hierophanten, der Schleier verberge die Wahrheit, regt die Leidenschaft des wissensdurstigen Jünglings gewaltig an.

Strophe 3: Wem sich wann der Schleier der Wahrheit enthüllt, bestimmt allein die Gottheit, belehrt der Hierophant. Selbst hat er nie gewagt, den Schleier zu heben, weil der Gott es so gebietet.

Strophe 4: Der Jüngling geht nach Hause, doch seine Wissbegier lässt ihn nicht schlafen. Er quält sich. Um Mitternacht schließlich geht er zum Tempel und begibt sich zum verschleierten Bild.

Strophe 5: Einsam im Rundbau des Tempels umgibt den Jüngling eine schaurige Atmosphäre. Der Mond wirft seinen Schein auf den Schleier und beleuchtet die ihm verborgene Gestalt.

Strophe 6: Ungewiss tritt der Jüngling zum Schleier. Zunächst zögert er und schreckt zurück. Eine innere Stimme ruft die Mahnung des Priesters in ihm wach. Doch in seinem Ringen mit sich selbst obsiegt schließlich seine Wissbegier. Seinen Entschluss ruft er laut heraus, den Schleier will er heben. Sein Echo schallt spottend durch den Raum.

Strophe 7: Der Jüngling hebt den Schleier. Was er gesehen hat, verriet er keinem. Am nächsten Morgen fand man ihn bewusstlos im Tempel am Fuße der Isis liegen. Er fristete fortan ein kurzes, freudloses Leben voller Kummer und Gram. Er warnte nur, dass der, der sich schuldig der Wahrheit bemächtigt, zum Verderben bestimmt sei.

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