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Kabale und Liebe – 3. Akt, 6. Szene

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WURM. Auch Ihr Vater wünscht –

LUISE. Auch mein Vater? – Was ist das für ein Mittel?

WURM. Es ist Ihnen leicht.

LUISE. Ich kenne nichts Schwerers als die Schande.

WURM. Wenn Sie den Major wieder frei machen wollen?

LUISE. Von seiner Liebe? Spotten Sie meiner? – Das meiner Willkür zu überlassen, wozu ich gezwungen ward?

WURM. So ist es nicht gemeint, liebe Jungfer. Der Major muß zuerst und freiwillig zurücktreten.

LUISE. Er wird nicht.

WURM. So scheint es. Würde man denn wohl seine Zuflucht zu Ihnen nehmen, wenn nicht Sie allein dazu helfen könnten?

LUISE. Kann ich ihn zwingen, daß er mich hassen muß?

WURM. Wir wollen versuchen. Setzen Sie sich.

LUISE betreten. Mensch! Was brütest du?

WURM. Setzen Sie sich. Schreiben Sie! Hier ist Feder, Papier und Dinte.

LUISE setzt sich in höchster Beunruhigung. Was soll ich schreiben? An wen soll ich schreiben?

WURM. An den Henker Ihres Vaters.

LUISE. Ha! du verstehst dich darauf, Seelen auf die Folter zu schrauben. Ergreift eine Feder.

WURM diktiert. »Gnädiger Herr« –

LUISE schreibt mit zitternder Hand.

WURM. »Schon drei unerträgliche Tage sind vorüber – – sind vorüber – und wir sahen uns nicht«

LUISE stutzt, legt die Feder weg. An wen ist der Brief?

WURM. An den Henker Ihres Vaters.

LUISE. O mein Gott!

WURM. »Halten Sie sich deswegen an den Major – an den Major – der mich den ganzen Tag wie ein Argus hütet« –

LUISE springt auf. Büberei, wie noch keine erhört worden! An wen ist der Brief?

WURM. An den Henker Ihres Vaters.

LUISE die Hände ringend auf und nieder. Nein! Nein! Nein! Das ist tyrannisch, o Himmel! Strafe Menschen menschlich, wenn sie dich reizen, aber warum mich zwischen zwei Schröcknisse pressen? Warum zwischen Tod und Schande mich hin und her wiegen? Warum diesen blutsaugenden Teufel mir auf den Nacken setzen? – Macht, was Ihr wollt! Ich schreibe das nimmermehr.

WURM greift nach dem Hut. Wie Sie wollen, Mademoiselle. Das steht ganz in Ihrem Belieben.

LUISE. Belieben, sagen Sie? In meinem Belieben? – Geh, Barbar! hänge einen Unglücklichen über dem Abgrund der Hölle aus, bitt ihn um etwas, und lästre Gott und frag ihn, obs ihm beliebe? – O du weißt allzu gut, daß unser Herz an natürlichen Trieben so fest als an Ketten liegt – Nunmehr ist alles gleich. Diktieren Sie weiter. Ich denke nichts mehr. Ich weiche der überlistenden Hölle. Sie setzt sich zum zweitenmal.

WURM. »Den ganzen Tag wie ein Argus hütet« – Haben Sie das?

LUISE. Weiter! Weiter!

WURM. »Wir haben gestern den Präsidenten im Haus gehabt. Es war possierlich zu sehen, wie der gute Major um meine Ehre sich wehrte«

LUISE. O schön, schön! o herrlich! – Nur immer fort.

WURM. »Ich nahm meine Zuflucht zu einer Ohnmacht – zu einer Ohnmacht – daß ich nicht laut lachte.«

LUISE. O Himmel!

WURM. »Aber bald wird mir meine Maske unerträglich – unerträglich – Wenn ich nur loskommen könnte« –

LUISE hält inne, steht auf, geht auf und nieder, den Kopf gesenkt, als suchte sie was auf dem Boden; dann setzt sie sich wiederum, schreibt weiter. »Loskommen könnte« –

WURM. »Morgen hat er den Dienst – Passen Sie ab, wenn er von mir geht, und kommen an den bewußten Ort« – Haben Sie »bewußten«?

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