HomeText: Wilhelm TellEntstehung von Schillers „Wilhelm Tell“

Entstehung von Schillers „Wilhelm Tell“

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Goethe weilte im Spätsommer des Jahres 1797 bei seinem Freunde, dem Professor Heinrich Meyer, in Stäfa im Kanton Zürich. Hier befasste er sich auch mit der Natur und Geschichte der Schweiz. Dabei wurde er auch auf einen poetischen Stoff aufmerksam: die Fabel von Wilhelm Tell. Goethe war der Meinung, der Gegenstand werde sich episch behandeln lassen. Schiller teilt er seinen Plan brieflich mit. Schiller ermutigte Goethe, sein Vorhaben auszuführen. Aber ihn selbst reizte der Stoff ebenso. „Aus der bedeutenden Enge des gegebenen Stoffes“, erwiderte er Goethe, „wird da alles geistreiche Leben hervorgehen. Es wird daran liegen, dass man durch die Macht des jeden Rechts sehr beschränkt, und in dieser Beschränkung innig und intensiv gerührt und beschäftigt wird. Zugleich eröffnet sich aus diesem schönen Stoffe wieder ein Blick in eine gewisse Weite des Menschengeschlechts, wie zwischen hohen Bergen eine Durchsicht in freie Fernen sich auftut.“

In der Tat war Goethe neun Monate später mit einem Entwurf zu den ersten Gesängen beschäftigt. Er wollte in den Tell einen kräftigen Lastträger von kolossaler Gestalt darstellen, der, Tierfelle und sonstige Waren durch das Gebirge schleppend, ein reiner Naturmensch sei, der aber, nur mit seinem persönlichen Interessen beschäftigt, sich um politische Angelegenheiten weiter nicht kümmere. Gessler dagegen sollte einer jener behaglichen Tyrannen werden, die, ihren egoistischen Zwecke verfolgend, gelegentlich auch in einem Anfall humoristischer Laune sich zu Taten verleiten lassen, deren Folgen sie nicht weiter bedenken. Bei diesem Plan Goethes aber blieb es, denn da ihm das Material fehlte, ohne welches er nie anfing poetisch zu gestalten, wandte er sich vorläufig anderen Gegenständen zu, die ihm näher zur Hand lagen.

Inzwischen musste etwas von Goethes Absicht oder von der Korrespondenz beider Dichter an die Öffentlichkeit gedrungen sein. Im Jahre 1801 gingen von mehreren Theatern Anfragen ein, wie es mit Schillers Drama: „Wilhelm Tell“ stehe, ob man es bekommen könne. Man wusste, dass der Rat zu Bern eine Schrift „Guillaume Tell, une fable danoise“ öffentlich hatte verbrennen lassen, Johannes von Müllers Geschichte der Schweizer Eidgenossen war in aller Händen. Was lag also näher als dass man einen Gegenstand, der sich bereits ein allgemeines Interesse erworben hatte, auch auf der Theaterbühne zu sehen wünschte.

Da fiel Schiller Tschudi‘s lebensvoll geschriebenes Chronicon Helveticum in die Hände, in welchem er den längst besprochenen Stoff fast dramatisch zurecht gelegt vorfand. Jetzt fragte er bei Goethe an, ob dieser nichts dagegen habe, wenn er dem von ihm beabsichtigten Epos mit einem Drama zuvorkomme. Goethe war hierin einverstanden und trat das Sujet gern und förmlich an Schiller ab, da es den Reiz der Neuheit und unmittelbaren Anschauung für ihn verloren hatte. Somit ist Goethes bereitwilliges Überlassen des Stoffes keines Weges, als ein Geschenk Goethes zu betrachten. Schiller selbst bemerkt, dass er die Anregung allein Tschudi zu verdanken habe. Schon im September 1802 konnte er Goethe melden, dass der Stoff aus dem Historischen ins Poetische getreten sei. Aber noch war Schiller mit der Bearbeitung seiner „Braut von Messina“ beschäftigt.

Kaum hatte Schiller die Braut von Messina beendet, begab er sich im Juni 1803 in die Einsamkeit nach Jena, wo er in Goethes Zimmern wohnte und sein neues Drama begann. Im August 1803 rühmt er Humboldt die Volksmäßigkeit des Tell und schreibt ihm, dass er ganz damit beschäftigt sei. Dabei nennt er jedoch den Stoff als sehr widerstrebend. Im September bittet er Körner um Schriften über die Schweiz und sagt: „Wenn die Götter mmir günstig sind, das auszuführen, was ich im Kopf habe, soll es ein mächtiges Ding werden und die Bühnen Deutschlands erschüttern.“

An Goethe schickte Schiller sein vollendetes Manuskript am 19. Februar 1804 ab. Die lakonische Antwort war: „Das Werk ist vortrefflich geraten und hat mir einen schönen Abend verschafft“. Für Schiller war dies der erste Lohn, den er für sein Meisterwerk erntete. Nun wurden die Rollen ausgeteilt und das Einüben begann, denn das Stück sollte noch vor Ostern gegeben werden. Am 17. März 1804 fand diese erste Aufführung unter großem Beifall im Hoftheater in Weimar statt. „Der Apfel“, schrieb Zelter an Goethe, „schmeckt uns nicht schlecht, und die Kasse verspricht sich einen guten Handel.“ Und welche Theaterintendantur wüsste nicht, dass der Tell seit seinerzeit ein Kassenschlager geblieben ist.