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Friedrich Schiller »Die Kraniche des Ibykus« – Text, Inhaltsangabe, Interpretation

Bewertung:
(Stimmen: 98 Durchschnitt: 4.1)

Friedrich Schillers Ballade Die Kraniche des Ibykus ist ein Paradebeispiel für Schillers Gedankenlyrik. 1797 gedichtet, stellt sie die scheinbar übernatürliche Macht der Poesie und ihre Wirkung auf den Menschen in den Mittelpunkt. Der Dichter Ibykus, der auf seinem Weg nach Korinth heimtückisch ermordet wird, trägt den über ihn hinziehenden Kranichen die Sühnung seines Todes auf. Die Rache erfüllt sich im Theater, wo sich die Mörder durch das wundersame Erscheinen der Kraniche selbst verraten.

Text der Ballade

Die Kraniche des Ibykus

 Zum Kampf der Wagen und Gesänge1,
 Der auf Korinthus‘ Landesenge2
 Der Griechen Stämme froh vereint,
 Zog Ibykus, der Götterfreund.
5Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
 Der Lieder süßen Mund Apoll3,
 So wandert‘ er, an leichtem Stabe,
 Aus Rhegium4, des Gottes voll.

 Schon winkt auf hohem Bergesrücken
10Akrokorinth5 des Wandrers Blicken,
 Und in Poseidons Fichtenhain6
 Tritt er mit frommem Schauder ein.
 Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
 Von Kranichen begleiten ihn,
15Die fernhin nach des Südens Wärme
 In graulichtem Geschwader ziehn.

 »Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
 Die mir zur See Begleiter waren,
 Zum guten Zeichen nehm ich euch,
20Mein Los, es ist dem euren gleich.
 Von fernher kommen wir gezogen
 Und flehen um ein wirtlich Dach.
 Sei uns der Gastliche7 gewogen,
 Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!«

25Und munter fördert er die Schritte
 Und sieht sich in des Waldes Mitte,
 Da sperren, auf gedrangem8 Steg,
 Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
 Zum Kampfe muß er sich bereiten,
30Doch bald ermattet sinkt die Hand,
 Sie hat der Leier zarte Saiten,
 Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

 Er ruft die Menschen an, die Götter,
 Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
35Wie weit er auch die Stimme schickt,
 Nichts Lebendes wird hier erblickt.
 »So muß ich hier verlassen sterben,
 Auf fremdem Boden, unbeweint,
 Durch böser Buben Hand verderben,
40Wo auch kein Rächer mir erscheint!«

 Und schwer getroffen sinkt er nieder,
 Da rauscht der Kraniche Gefieder,
 Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
 Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
45»Von euch, ihr Kraniche dort oben!
 Wenn keine andre Stimme spricht,
 Sei meines Mordes Klag erhoben!«
 Er ruft es, und sein Auge bricht.

 Der nackte Leichnam wird gefunden,
50Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
 Erkennt der Gastfreund in Korinth
 Die Züge, die ihm teuer sind.
 »Und muß ich so dich wiederfinden,
 Und hoffte mit der Fichte Kranz9
55Des Sängers Schläfe zu umwinden,
 Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!«

 Und jammernd hörens alle Gäste,
 Versammelt bei Poseidons Feste,
 Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
60Verloren hat ihn jedes Herz.
 Und stürmend drängt sich zum Prytanen10
 Das Volk, es fodert seine Wut,
 Zu rächen des Erschlagnen Manen11,
 Zu sühnen mit des Mörders Blut.

65Doch wo die Spur, die aus der Menge,
 Der Völker flutendem Gedränge,
 Gelocket von der Spiele Pracht,
 Den schwarzen Täter kenntlich macht?
 Sinds Räuber, die ihn feig erschlagen?
70Tats neidisch ein verborgner Feind?
 Nur Helios12 vermags zu sagen,
 Der alles Irdische bescheint.

 Er geht vielleicht mit frechem Schritte
 Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
75Und während ihn die Rache sucht,
 Genießt er seines Frevels Frucht.
 Auf ihres eignen Tempels Schwelle
 Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
 Sich dreist in jene Menschenwelle,
80Die dort sich zum Theater drängt.

 Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
 Es brechen fast der Bühne Stützen13,
 Herbeigeströmt von fern und nah,
 Der Griechen Völker wartend da,
85Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
 Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
 In weiter stets geschweiftem Bogen
 Hinauf bis in des Himmels Blau14.

 Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
90Die gastlich hier zusammenkamen?
 Von Theseus‘ Stadt15, von Aulis Strand16,
 Von Phokis17, vom Spartanerland,
 Von Asiens entlegner Küste,
 Von allen Inseln kamen sie
95Und horchen von dem Schaugerüste
 Des Chores grauser Melodie,

 Der streng und ernst, nach alter Sitte,
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Hervortritt aus dem Hintergrund18,
100Umwandelnd des Theaters Rund19.
 So schreiten keine irdschen Weiber,
 Die zeugete kein sterblich Haus!
 Es steigt das Riesenmaß der Leiber
 Hoch über menschliches hinaus20.

105Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
 Sie schwingen in entfleischten Händen
 Der Fackel düsterrote Glut,
 In ihren Wangen fließt kein Blut.
 Und wo die Haare lieblich flattern,
110Um Menschenstirnen freundlich wehn,
 Da sieht man Schlangen hier und Nattern
 Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

 Und schauerlich gedreht im Kreise
 Beginnen sie des Hymnus21 Weise,
115Der durch das Herz zerreißend dringt,
 Die Bande um den Sünder schlingt.
 Besinnungraubend, herzbetörend
 Schallt der Erinnyen Gesang,
 Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
120Und duldet nicht der Leier Klang:

 »Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
 Bewahrt die kindlich reine Seele!
 Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
 Er wandelt frei des Lebens Bahn.
125Doch wehe, wehe, wer verstohlen
 Des Mordes schwere Tat vollbracht,
 Wir heften uns an seine Sohlen,
 Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

 Und glaubt er fliehend zu entspringen,
130Geflügelt sind wir da, die Schlingen
 Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
 Daß er zu Boden fallen muß.
 So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
 Versöhnen kann uns keine Reu,
135Ihn fort und fort bis zu den Schatten,
 Und geben ihn auch dort nicht frei.«

 So singend, tanzen sie den Reigen,
 Und Stille wie des Todes Schweigen
 Liegt überm ganzen Hause schwer,
140Als ob die Gottheit nahe wär.
 Und feierlich, nach alter Sitte
 Umwandelnd des Theaters Rund
 Mit langsam abgemeßnem Schritte,
 Verschwinden sie im Hintergrund.

145Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
 Noch zweifelnd jede Brust und bebet
 Und huldiget der furchtbarn Macht,
 Die richtend im Verborgnen wacht,
 Die unerforschlich, unergründet
150Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
 Dem tiefen Herzen sich verkündet,
 Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

 Da hört man auf den höchsten Stufen22
 Auf einmal eine Stimme rufen:
155»Sieh da! Sieh da, Timotheus,
 Die Kraniche des Ibykus!« –
 Und finster plötzlich wird der Himmel,
 Und über dem Theater hin
 Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
160Ein Kranichheer vorüberziehn.

 »Des Ibykus!« – Der teure Name
 Rührt jede Brust mit neuem Grame,
 Und, wie im Meere Well auf Well,
 So läufts von Mund zu Munde schnell:
165»Des Ibykus, den wir beweinen,
 Den eine Mörderhand erschlug!
 Was ists mit dem? Was kann er meinen?
 Was ists mit diesem Kranichzug?« –

 Und lauter immer wird die Frage,
170Und ahnend fliegts mit Blitzesschlage
 Durch alle Herzen. »Gebet acht!
 Das ist der Eumeniden Macht!
 Der fromme Dichter wird gerochen,
 Der Mörder bietet selbst sich dar!
175Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
 Und ihn, an dens gerichtet war.«

 Doch dem war kaum das Wort entfahren,
 Möcht ers im Busen gern bewahren;
 Umsonst, der schreckenbleiche Mund
180Macht schnell die Schuldbewußten kund.
 Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
 Die Szene23 wird zum Tribunal24,
 Und es gestehn die Bösewichter,
 Getroffen von der Rache Strahl.

  1. Zu den bei den feierlichen Kampfspielen der Griechen gebräuchlichen Preisübungen im Wettrennen, Werfen, Springen, Kämpfen und Ringen kamen später auch musikalische, dichterische und deklaratorische Wettkämpfe hinzu.
  2. Zum Unterschied von den olympischen, pythischen und nemäischen Spielen hießen die hier gemeinten Kampfspiele die isthmischen, weil sie auf dem Isthmus, der Landenge von Korinth, gefeiert wurden.
  3. Apollo war den Griechen der strahlende, in voller Schönheit und Jugend blühende Gott der dichterischen Begeisterung und des Saitenspiels.
  4. Rhegium war eine griechische Kolonie in Unteritalien. Auf die Überfahrt von Italien nach Griechenland wird Strophe 3, Vers 2 hingedeutet.
  5. Akrokorinth, die Burg von Korinth, lag auf einem steilen, 1500 Fuß hohen Felsen, den der Wanderer schon in weiter Ferne erblickte.
  6. In diesem Fichtenhain stand der Tempel des Poseidon (oder Neptun). Diesem Gott zu Ehren soll Theseus die isthmischen Spiele gegründet haben. Im Fichtenhain befanden sich auch die Kampfplätze der Spiele: ein Hippodrom für das Wettrennen mit Pferden, ein Stadion für den Wettlauf, ein Theater für die musischen Wettkämpfe und das Kraneion, ein ansehnliches Gymnasion,eine Erziehungsanstalt für Körper, Charakter und Intellekt.
  7. Ein Beiname von Zeus, der als Beschützer des Gastrechts angesehen wurde.
  8. Das Wort gedrange bedeutet im Oberdeutschen „eng“, zum Beispiel eine gedrange Stube, wo man eng aneinander gedrängt wohnt.
  9. Bei den isthmischen Spielen war der Preis der Sieger nicht ein Lorbeerkranz, sondern ein Fichtenkranz aus dem heiligen Hain Poseidons.
  10. Prytanen hießen in Korinth die höchsten Magistratspersonen.
  11. Die Manen sind entweder die Schutzgeister der Verstorbenen, denen es oblag, für die Ruhe derselben im Grab zu sorgen, oder die abgeschiedenen Seelen selbst.
  12. Helios ist der Gott der Sonne.
  13. In den ältesten Zeiten waren die Theater aus Holz gebaut. Bühne steht hier für Schaugerüst, Zuschauerraum.
  14. Die altgriechischen Theater hatten die etwas verlängerte Form eines halben Zirkels, waren oben offen und bestanden aus drei Abteilungen: der Bühne für die Schauspieler, der Orchestra für den Chor und dem eigentlichen Theater d.h. dem Raum für die Zuschauer. Die halbkreisförmige Orchestra (Kampfplatz) zwischen den Zuschauerraum und der Bühne bildete den untersten Raum, zu dem man rechts und links durch ungedeckte Seiteneingänge gelangte. Sie dienten zum Auftreten des Chores, der hier zwischen den Szenen Gesänge und marschähnliche Tänze ausführte, oder auch während der Aktion selbst zu teilweiser Mitwirkung zugezogen wurde. Um den Halbzirkel der Orchestra erhoben sich dann hinter und übereinander die Stufensitze der Zuschauer in immer weiter geschweiftem Bogen. Durch zwei breite Umgänge waren die Sitzreihen in Stockwerke oder Ränge unterteilt und diese wiederu durch strahlenförmige Treppen in keilförmige Abschnitte geteilt. Die Bühne schließlich, die die beiden Seiten des halben Zirkels durch eine gerade, rechtwinklige Mauer zu schließen schien, erreichte ungefähr die Höhe der ersten Sitzreihe und überragte in ihrer Länge nur wenig den Durchmesser der Orchestra, mit der sie durch angeschobene Treppen verbunden werden konnte.
  15. Nach Schillers eigenhändige Korrektur im Manuskript der geplanten, aber nicht verwirklichten Prachtausgabe seiner Werke ist zu lesen: „Von Kekrops Stadt“ d.h. von Athen.
  16. Durch Aulis Strand wird die Hafenstadt Böotien umschrieben, von der aus die Griechen nach Troja aufbrachen.
  17. Phokis ist eine mittelgriech. Landschaft, in der auch Delphi liegt.
  18. Der Chor trat aus den in Anm. 14 erwähnten Seiteneingängen. Das Hervortreten des Chores aus dem Hintergrund, wie das Verschwinden desselben im Hintergrund ist demnach eine Akkommodation an unsere Theaterpraxis.
  19. Des Theaters Rund ist der Raum der Orchestra (siehe Anm. 14).
  20. Aischylos, der erstmals in Griechenland eine stehende Bühne errichtete, war zugleich der Erfinder der Maske (Strophe 14 Vers 4 ff.) des langen, fliegenden Kleides (Strophe 14 Vers 1) und der hohen Schuhe oder Kothurne, worüber die Tragödien Spieler ein riesenhaftes Ansehen erhielten (Strophe 13 Vers 7 ff.).
  21. Das Erscheinen und der Gesang der Erinnyen, in der griech. Mythologie Rachegöttinnen, ist aus einer bestimmten Tragödie des Aischylos entlehnt, aus seinen „Eumeniden“, die die Entführung des Muttermörders Orestes zum Gegenstand haben. Die schauerlichen Attribute des Hymnus, dass er die Bande um den Sünder schlinge, dass er Besinnung raubend und Herz betörend, Mark verzehren über das Haupt des Frevlers schalle, dass er der Leier Klang nicht dulde, finden sich in Aischylos‘ Eumeniden.
  22. „Da ich den Mörder,“ erklärt sich hierüber Schiller selbst in einem Brief an Goethe, „oben sitzend annehme, wo das gemeine Volk seinen Sitz hat, so kann er erstlich die Kraniche früher sehen, ehe sie über der Mitte des Theaters schweben; dadurch gewinne ich, dass der Ausruf der wirklichen Erscheinung der Kraniche vorhergehen kann, worauf viel darauf ankommt, und dass also die wirkliche Erscheinung derselben bedeutender wird. Ich gewinne zweitens, dass er, wenn er oben ruft, besser gehört werden kann: denn nun ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass ihn das ganze Haus schreien hört, wenngleich nicht alle seine Worte verstehen.“ Nur die letzten Worte: „Die Kraniche des Ibykus“ hat man also deutlich vernommen, und darauf gründet sich die Schilderung des Eindrucks, den die Exklammation macht, in der erst später hinzugefügten 21. Strophe.
  23. Szene: Bühne
  24. Unter Tribunal ist der erhöhte Sitz römischer Richter und Tribunen zu verstehen.
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Kommentare

  1. Priams feste gesunken,Troja lag in Asche und Staub u
    NDR die Griechen vollbeladen mit dem Raub ,
    Saßen auf den hohen Schiffen

    Wohin gehört dieser gedichtsteil ?
    Freundlichen Gruß und danke
    D.Sasse

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