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Kassandra – Ballade von Friedrich Schiller: Text, Inhaltsangabe, Interpretation

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(Stimmen: 74 Durchschnitt: 3.7)

Im Zentrum von Schillers Ballade »Kassandra« steht der griechische Mythos um die trojanische Hellseherin Kassandra. Schiller bedient sich dabei nur einem Teil des Mythos‘. Die 16-strophige Ballade vollendete Schiller Ende 1802, zuerst veröffentlicht wurde sie im »Taschenbuch für Damen«.

Zur Einführung

Kassandra ist die Tochter von Trojas König Priamos. Der Gott Apollo hat ihr die Gabe der Weissagung verliehen. Als jedoch Kassandra den Verführungen von Apollo widersteht, verflucht er sie. Den Weissagungen der schönen Kassandra und ihren Nachkommen soll fortan niemand mehr Glauben schenken. Im Trojanischen Krieg sah sie zwar die Hinterlist der Griechen und die Niederlage ihres Volkes voraus, doch niemand schenkte ihr Glauben und Troja ging unter. Schiller interessiert sich in der Ballade vor allem für das Unglück von Kassandra, die das Ende ihres Volkes vor Augen hat, und lässt viele Erzählungen aus dem Mythos beiseite.

Text der Ballade mit Worterklärungen

Kassandra

 Freude war in Trojas Hallen,
 Eh die hohe Feste fiel,
 Jubelhymnen hört man schallen
 In der Saiten goldnes Spiel.
5Alle Hände ruhen müde
 Von dem tränenvollen Streit,
 Weil der herrliche Pelide
 Priams1 schöne Tochter freit.

 Und geschmückt mit Lorbeerreisern,
10Festlich wallet Schar auf Schar
 Nach der Götter heilgen Häusern
 Zu des Thymbriers Altar2.
 Dumpferbrausend durch die Gassen
 Wälzt sich die bacchantsche Lust,
15Und in ihrem Schmerz verlassen
 War nur eine traurge Brust.

 Freudlos in der Freude Fülle,
 Ungesellig und allein,
 Wandelte Kassandra stille
20In Apollos Lorbeerhain.
 In des Waldes tiefste Gründe
 Flüchtete die Seherin,
 Und sie warf die Priesterbinde
 Zu der Erde zürnend hin:

25»Alles ist der Freude offen
 Alle Herzen sind beglückt,
 Und die alten Eltern hoffen,
 Und die Schwester steht geschmückt.
 Ich allein muß einsam trauern,
30Denn mich flieht der süße Wahn,
 Und geflügelt diesen Mauern
 Seh ich das Verderben nahn.

 Eine Fackel seh ich glühen,
 Aber nicht in Hymens Hand,
35Nach den Wolken seh ichs ziehen,
 Aber nicht wie Opferbrand.
 Feste seh ich froh bereiten,
 Doch im ahnungsvollen Geist
 Hör ich schon des Gottes Schreiten,
40Der sie jammervoll zerreißt.

 Und sie schelten meine Klagen,
 Und sie höhnen meinen Schmerz,
 Einsam in die Wüste tragen
 Muß ich mein gequältes Herz,
45Von den Glücklichen gemieden
 Und den Fröhlichen ein Spott!
 Schweres hast du mir beschieden,
 Pythischer3, du arger Gott!

 Dein Orakel zu verkünden,
50Warum warfest du mich hin
 In die Stadt der ewig Blinden
 Mit dem aufgeschloßnen Sinn?
 Warum gabst du mir zu sehen,
 Was ich doch nicht wenden kann?
55Das Verhängte muß geschehen,
 Das Gefürchtete muß nahn.

 Frommts, den Schleier aufzuheben,
 Wo das nahe Schrecknis droht?
 Nur der Irrtum ist das Leben,
60Und das Wissen ist der Tod.
 Nimm, o nimm die traurge Klarheit,
 Mir vom Aug den blutgen Schein,
 Schrecklich ist es, deiner Wahrheit
 Sterbliches Gefäß zu sein.

65Meine Blindheit gib mir wieder
 Und den fröhlich dunkeln Sinn,
 Nimmer sang ich freudge Lieder,
 Seit ich deine Stimme bin.
 Zukunft hast du mir gegeben,
70Doch du nahmst den Augenblick,
 Nahmst der Stunde fröhlich Leben,
 Nimm dein falsch Geschenk zurück!

 Nimmer mit dem Schmuck der Bräute
 Kränzt ich mir das duftge Haar,
75Seit ich deinem Dienst mich weihte
 An dem traurigen Altar.
 Meine Jugend war nur Weinen,
 Und ich kannte nur den Schmerz,
 Jede herbe Not der Meinen
80Schlug an mein empfindend Herz.

 Fröhlich seh ich die Gespielen,
 Alles um mich lebt und liebt
 In der Jugend Lustgefühlen,
 Mir nur ist das Herz getrübt.
85Mir erscheint der Lenz4 vergebens,
 Der die Erde festlich schmückt,
 Wer erfreute sich des Lebens,
 Der in seine Tiefen blickt!

 Selig preis ich Polyxenen5
90In des Herzens trunkenem Wahn,
 Denn den besten der Hellenen6
 Hofft sie bräutlich zu umfahn.
 Stolz ist ihre Brust gehoben,
 Ihre Wonne faßt sie kaum,
95Nicht euch Himmlische dort oben
 Neidet sie in ihrem Traum.

 Und auch ich hab ihn gesehen,
 Den das Herz verlangend wählt,
 Seine schönen Blicke flehen,
100Von der Liebe Glut beseelt.
 Gerne möcht ich mit dem Gatten
 In die heimsche Wohnung ziehn,
 Doch es tritt ein stygscher7 Schatten
 Nächtlich zwischen mich und ihn.

105Ihre bleichen Larven alle
 Sendet mir Proserpina8,
 Wo ich wandre, wo ich walle,
 Stehen mir die Geister da.
 In der Jugend frohe Spiele
110Drängen sie sich grausend ein,
 Ein entsetzliches Gewühle,
 Nimmer kann ich fröhlich sein.

 Und den Mordstahl seh ich blinken
 Und das Mörderauge glühn,
115Nicht zur Rechten, nicht zur Linken
 Kann ich vor dem Schrecknis fliehn,
 Nicht die Blicke darf ich wenden,
 Wissend, schauend, unverwandt
 Muß ich mein Geschick vollenden,
120Fallend in dem fremden Land.« –

 Und noch hallen ihre Worte,
 Horch! da dringt verworrner Ton
 Fernher aus des Tempels Pforte,
 Tot lag Thetis‘ großer Sohn9!
125Eris schüttelt ihre Schlangen,
 Alle Götter fliehn davon,
 Und des Donners Wolken hangen
 Schwer herab auf Ilion10.

  1. Priamos ist der König von Troja und Vater von Kassandra, die hier als seine „schöne Tochter“ bezeichnet wird.
  2. Thymbra ist ein Ort nahe von Troja. Hier ist ein Tempel von Apollo, dem Gott des Lichts, der Künste und der Weissagung aus der griechischen Mythologie.
  3. Im Orakel von Delphi ist Pythia eine weissagende Hohepriesterin. Apollo als Gott der Weissagung trägt auch den Beinamen „phytischer Gott“.
  4. Lenz ist ein poetischer Ausdruck für Frühling.
  5. Polyxena ist die Schwester von Kassandra, ebenfalls eine Tochter von Priamos. Ihre Liebe gilt dem Griechen Achilles.
  6. Gemeint ist Achilles.
  7. Styx ist in der griechischen Mythologie der Fluss der Unterwelt.
  8. In der römischen Mythologie ist Proserpina die Herrscherin über die Toten und Königin der Unterwelt. In der griech. Mythologie ist sie identisch mit Persephone.
  9. Dabei handelt es sich um Achilles. Seine Mutter ist Thetis, eine Meernymphe (Nereide). Aus ihrer Verbindung mit Peleus ging Achilles hervor. Thetis tauchte ihn in den Styx und machte ihn hierdurch unverwundbar. Nur seine Ferse wurde nicht vom Styx-Wasser umspült und blieb verwundbar.
  10. Ilion ist ein anderer Name für Troja.
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Kommentare

  1. Fast perfekt,
    denn leider wird es niemanden geben, der dieses Gedicht so rezitieren kann, wie es die emotionale Tiefe dieser Ballade verlangt.
    Wenn man es perfekt auswendig kann, den Inhalt begriffen hat und sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darin begegnen und man dabei seine Empfindungen so mit der Handlung in Einklang bringt, dass man es perfekt rezitieren KÖNNTE, dann gehen die Worte in Tränen und Schluchzen unter und ein Vortrag wird unmöglich.

  2. Hallo,

    „……eine Meernymphe (Neiride)……

    Vermutlich kleiner Tippfehler >>>>>>>>>>> „(Nereiden)…. heißt es, glaube ich.

    Aber: ganz tolle Seite, diese, sonst schriebe ich nicht.

    Gruß
    Walter Sorich

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