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Charakterisierung der Luise Miller aus Schillers »Kabale und Liebe«

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Luise Miller ist eine schlanke, interessante Blondine, die soeben ihr 16. Jahr vollendet hat. Ursprünglich beabsichtigte Schiller, Luise zur Titelheldin zu machen, ehe er das Drama nach Ifflands Vorschlag auf „Kabale und Liebe“ umbenannte. Wie Ferdinand auf die Frauen, so macht Luise Miller Eindruck auf die Männer. Ferdinand liebt sie um ihrer schönen Seele willen. Sogar der alte Miller kann selbst im Zorn die rührend-komische Bemerkung nicht unterdrücken, dass er in ihrer blauen Vergissmeinnicht-Augen vernarrt ist. Obwohl eine arme Geigerstochter, hat sie doch eine Bildung erhalten, die über ihren Stand hinausgeht und ihr eine gewisse Berechtigung zu einer höheren Lebensstellung gibt. Sie ist befähigt, Bücher älteren Inhalts zu verstehen, spielt Klavier, selbst Schach spielt sie.

Luise Miller hat Ideen in sich aufgenommen, die sich unter Ferdinand Leitung ausgebildet und zu bestimmten Lebensanschauungen entwickelt haben. Aber es ist eine philosophische Richtung, der ein so jugendliches Wesen noch nicht ausreichend Geisteskraft entgegenbringt. Ferdinands Religionsbegriffe haben zwar Licht in ihrem Verstand gebracht, aber keines Weges haben sich diese in ihrem Herzen eingenistet. Wir erblicken daher in Luise nicht das naive Mädchen, das wir ihrem Stand und ihrem Alter nach erwarten sollten.

Lektüre und lebendige Hingebung haben sie früh reif gemacht. Neben ihrer sentimentalen Schwärmerei weiß sie sehr wohl, was weibliche Ehre zu bedeuten hat. Ebenso stolz ist sie auf ihre Tugend wie Ferdinand auf die seinige. In Luises schlagenden und treffenden Antworten erblickt Lady Milford einen Lehrer. Schiller benutzt seine Heldin auch, um durch ihren Mund die ernsteren sittlichen Wahrheiten zu verkünden. Sonst aber ist Luise ein reines Gemüt, das vor jedem Frevel erhaben ist. Frömmigkeit und Liebe sind die einzigen Empfindungen, die ihr Herz erfüllen – nur leider nicht in schöner Eintracht. „Der Himmel und Ferdinand reißen an ihrer Seele“.

Wie ihre Frömmigkeit die kindliche Unbefangenheit eingebüßt hat, so hat sie auch mit ihrer Liebe die Ruhe der Seele verloren. Es ist eine Liebe, die nicht glücklich macht: Sie wird mit banger Besorgnis für die Zukunft erfüllt. So erscheint Luise Miller gleich in ihrem ersten Auftreten nicht als eine Handelnde, sondern als die duldende Heldin. Sie lebt in steter Angst und fühlt, dass sie zum Opfer feindlicher Mächte bestimmt ist. Die einzige sichere Stütze findet sie in der Ehrfurcht zu ihrem Vater. Und gerade diese wird Luise zum Verhängnis. Ihrem Vater zuliebe will sie sich erhalten und allem entsagen. Dabei vergisst sie, dass die Offenbarung der Wahrheit eine höhere Pflicht ist als die Geheimhaltung eines erzwungenen Eides, den ihr ein Bösewicht abgerungen hat. Das ist ihre Schuld, die wir ihr gern verzeihen möchten, der sie aber dennoch unter den gegebenen Verhältnissen zum Opfer fallen muss.