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Charakterisierung Ferdinand aus Schillers »Kabale und Liebe«

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Ferdinand Walter ist ein junger Mann in den ersten Zwanzigern, eine stattliche Erscheinung, die auf Frauen Eindruck macht. Von Luise wird er warm und innig, von Lady Milford mit feuriger Leidenschaft geliebt und von Sophie bewundert. Wie sein Vater hat er studiert. Aber ihm ist die Wissenschaft nicht „die tüchtige Kuh gewesen, die ihn mit Futter versorgt, sondern die hohe, himmlische Göttin“. Sein Studium verfolgte er mit Fleiß. Sein Geist ist mit erhabenen Idealen erfüllt. Sein Vater, der Präsident von Walter, nennt ihn deshalb einen „Romankopf“. Die Grundsätze, die Ferdinand aus Akademien mitgebracht hat, hält sein Vater die fantastischen Träumereien von Seelengröße und persönlichem Adel für höchst unpraktisch.

Ferdinand weiß, dass er ein Edelmann ist. Aber er hat darüber nicht vergessen, dass er Mensch ist. Ferdinand ist zugleich ein deutscher Jüngling, der sich schon in seiner Sprache vorteilhaft von seiner Umgebung unterscheidet. Auf französische Floskeln verzichtet er nur zu gern. Zudem besitzt er Ehrgeiz, denn nur was ihm abenteuerlich ist, vermag ihn zu reizen. Dazu bietet ihm seine Stellung aber keine Gelegenheit mehr. Schon im Alter von 20 Jahren hat er den Rang eines Majors erreicht. Eine militärische Karriere aber keinen Reiz für ihn. Bei seinen Begriffen von natürlichen Recht, bei seinem Streben nach persönlicher Freiheit kann es ihm keine Befriedigung gewähren, einfach den Befehlen von Ranghöheren zu gehorchen. Ferdinand möchte sich nicht gehemmt sehen, nicht ein Opfer seines Standes werden.

In diesem Punkt ist auch sein Vater geneigt nachzugeben. Ferdinand soll die Uniform ausziehen und ins Ministerium wechseln. Aber soll sich Ferdinand hier in Akten vergraben? Auch das sagt ihm nicht zu. Dies umso mehr, als er die ganze bürokratische Wirtschaft kennt, denn sein Vater hat ihn in die Geheimnisse seines Regierungssystems eingeweiht. Dessen krumme Wege sind Ferdinand ein Greuel. Sein Vater hat ihn zum Mitwisser seiner Schandtaten gemacht. Einem Mitschuldigen gleich quälen sie Ferdinand, die er als Sohn verschweigen muss. So ist ein Zwiespalt in seinem Gemüt entstanden, nach dessen Ausgleich er sich sehnt.

Da er seiner Umgebung nicht entfliehen kann, sucht er sich einen Zufluchtsort für seine stillen Stunden. Er will Musik treiben, um den edlen Empfindungen seines Herzens zu genügen. Er wählt die Flöte, deren weicher Klänge seine melancholischen Temperament am meisten zusagen. Auf diese Weise kommt er in Millers Haus. Hier, wo er Ruhe gesucht hat, findet er Luise.

Es kann nicht ausbleiben, dass sie ihn auf dem Fortepiano begleitet. Die Harmonie der Töne führt auch bald ihre Herzen zusammen. Jetzt ist es natürlich ganz um seine Ruhe geschehen. Was hilft dem das Glück der Liebe, der sich ihr nicht mit voller Seele hingeben kann! Er kennt die Gefahren, die seiner Verbindung mit einem Bürgermädchen drohen. Statt aber seiner Umgebung zu entfliehen, mit den ihm im Wege stehenden Verhältnissen zu brechen, den lockenden Aussichten auf Beförderung zu entsagen, betrachtet er sich vielmehr als einen Tugendhelden, der das Recht hat, der ganzen verderblichen Welt Trotz zu bieten. Wie wäre Ferdinand auch im Stande, besonnen zu handeln, da er in seiner Liebe selbst überspannt und fantastisch ist? Dass seine Geliebte ihm die ganze Welt ist, beweist, dass seine Berufspflichten ihm nicht bedeutungsvoll genug sind, dass er der Forderungen, die das Vaterland an ihn zu stellen hat, wenigstens für jetzt vergessen kann.

Bei Naturen, die so leidenschaftlich lieben, ist die Eifersucht leicht zu wecken. Das weiß sein Vater sehr wohl. Darum gelingt ihm auch sein Anschlag auf die blinde Leidenschaft des Sohnes. Ferdinand denkt gar nicht daran, dass ein Mensch wie der Hofmarschall von Kalb sich seiner Luise gegenüber unmöglich zum Nebenbuhler eignet.

Was Ferdinand wirklich fehlt, ist Ergebung und Selbstverleugnung. Von der Ansicht ausgehen, dass Gott (V, 3) seltsam mit dem Menschen spiele, ist er bemüht, sich sein Unglück so schwarz wie möglich auszumalen. Er geht sogar so weit, den Himmel unmittelbar herauszufordern, indem er seinen Vater töten und ihn selbst vor den Richterstuhl Gottes führen möchte. Wer so geneigt ist, sich der göttlichen Gerechtigkeit entgegen zu stellen, der stellt sich auch bald über sie und ist im Stande (IV, 4), mit dem Himmel Recht zu sprechen. Verletzung der Sohnespflicht, ungerechtfertigtes Misstrauen gegen die geliebte Luise, pochen auf seine Zukunft und trotziges Widerstreben gegen die Wege des Schicksals – das ist seine Schuld. Und darum stürzt er schließlich nicht nur sich, sondern auch andere ins Verderben.