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»Die Jungfrau von Orleans« von Schiller – Inhaltsangabe und Erläuterung der Handlung

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Bewertung:
(Stimmen: 78 Durchschnitt: 4.3)

4. Akt

Der vierte Aufzug führt nun die Krisis oder Entscheidung herbei. Es fragt sich: Wird die irdisch-menschliche Natur in unserer Heldin siegen oder wird sie sich von ihrem Fall erheben, um ihrem hohen Ideal treu zu bleiben?

1. Szene

Johanna ist in Rheims. Die Vorbereitungen zur Krönung sind getroffen. Alle sind voll Freude. Nur die Jungfrau von Orleans ist unglücklich, denn es drückt sie ein schweres Schuldbewusstsein. Die edelsten Söhne ihres Vaterlandes hat sie verschmäht, nun fühlt sich ihr Herz zu einem Feind hingezogen. Muss sie sich jetzt nicht als Verräterin an der Sache erscheinen, der sie bisher so treu gedient hat? Muss sie sich nicht vor sich selbst erschrecken?

In einem rührenden Monolog, dessen elegischer Ausdruck durch die melodramatische Behandlung zu wunderbarem Effekt sich steigert, macht sie uns mit ihrer Seelenstimmung bekannt. Während die weicheren Empfindungen der Wehmut in dem musikalischen Versmaß der achtzeiligen Stanze uns an das Herz dringen, bricht bei der Selbstanklage die Heftigkeit ihrer inneren Erregung in lebhafter bewegten Jamben hervor. Die Tiefe ihres Schmerzes gelangt darauf in feierlich ernst und schwer einherschreitenden Trochäen zu ergreifendem Ausdruck. Es ist eine strenge Selbstprüfung, der sie sich unterzieht. Mit inniger Bewegung folgen wir den Gedanken, die sich untereinander verklagen und entschuldigen: Wir fühlen es mit ihr, wie selten unsere Kraft ausreicht, erhabenen Forderungen zu genügen, die die Erreichung einer idealen Lebensaufgabe an uns stellt.

Ihr Seelenzustand ist umso ergreifender, als sie nun auch in Konflikt mit der Außenwelt gerät. Am Ziel ihres Strebens, wo alles bereit ist, ihr zu huldigen, möchte sie selbst der Welt entfliehen. Und doch ist sie gerade jetzt am wenigsten zu entbehren, denn sie, „die all’ dies Herrliche vollendet“, sie soll dem Fest die Krone aufsetzen.

2. Szene

In diesem Moment trifft die Jungfrau von Orleans zunächst Agnes Sorel, die sich in dem Gefühl ihrer eigenen Unwürdigkeit vor ihr, der Schuld beladenen Johanna, niederwirft. Wie schwer muss sie den Gegensatz empfinden zwischen dem, was sie ist, und dem, was Andere von ihr halten. Jetzt erhebt Johanna die Sorel, die nie etwas höheres hat sein wollen, weit über sich.

3.–6. Szene

Und als nun auch die Ritter des Königs kommen, um Johanna zum Krönungszug abzuholen, kann sie die ihr dargebotene Fahne nicht freudig ergreifen. Sie erschrickt vor der Fahne und setzt durch ihre rätselhafte Selbstanklage auch ihre Bewunderer in Schrecken. So beteiligt sie sich mit schwerem Herzen am Krönungszug. Während alle ihr zujauchzen und sie glücklich preisen, schreitet sie selbst als eine tief Gedemütigte unter ihrer Fahne einher.

7.–8. Szene

Im tiefsten Herzen erschüttert, werden wir jetzt in die einfachsten Verhältnisse der realen Welt versetzt. Johannas Familie, die schon vor dem Krönungszug für einige Augenblicke die Szene betreten hatten (5. Szene), vor allen die heitere und glückliche Margot sowie die ernste und besorgte Louison nehmen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihre Schwester Johanna ist Gegenstand ihrer Unterhaltung. Bange Besorgnis mischt sich in das Gespräch ein. Besonders groß ist die Besorgnis bei Johannas Vater Thibaut, der, um ihre Seele zu retten, sie von ihrer Höhe herabstürzen will. Raimond will nicht begreifen, dass Thibaut das eigene Kind ins Verderben stürzen will, und kehrt ihm den Rücken in dem Gefühl, dass er Johanna aufs Neue verlieren wird.

9. Szene

In diesem Augenblick stürzt Johanna aus der Kirche. Sie ist im Inneren tief geängstigt und bekennt ihren Schwestern, dass sie sich eitel über sie erhoben hat. Sie möchte am liebsten mit ihnen sich wieder in die stille Einsamkeit der Heimat zurückziehen. Aber noch ist Johanna eine schwere Prüfung vorbehalten.

10. Szene

Der König tritt jetzt auf, dem Volk seinen Dank zu sagen. Vor allem gilt sein Dank aber ihr, der Jungfrau von Orleans, die ihm so wunderbar geholfen hatte. Mit dem Jubel des Volkes und mit schmetternden Fanfaren erneut begrüßt, richtet der König jetzt die Frage an Johanna, ob sie von irdischer Abkunft oder eine Heilige sei. Das muss dem Vater, der sie als eine vom Teufel Verführte betrachtet, wie eine Lästerung erscheinen.

11. und 12. Szene

Johannas Vater Thibaut tritt hervor und erhebt die schwersten Anklagen gegen seine eigene Tochter. Die Fragen, die er an die Tochter richtet, sind in verschiedenem Sinne zu deuten. Die Umstehenden müssen sie ganz anders auffassen als Johanna selbst, von deren Seelenzustand nur der Zuschauer eine Ahnung hat. Sie schweigt aus kindlicher Scheu, da sie sich öffentlich nicht gegen ihren Vater zu verteidigen wagt. Wie sollte sie auch dem Vater widersprechen, dessen Anklage ihr selbst noch unverständlich ist. Da sie sich innerlich nicht rechtfertigen kann, lässt sie alles ruhig über sich ergehen und nimmt freiwillig ein schweres Leiden auf sich, um eine kleine Schuld zu büßen. Jetzt kommt der Bischof mit dem Kreuz. Eine einfache Berührung dieses Kreuzes würde reichen, sie zu reinigen. Aber sie wagt es nicht.

Jetzt wenden sich alle von ihr ab bis auf den tapferen Dunois, der allen Zeichen zum Trotz an ihre Unschuld glaubt. Aber auch ihm will sie sich nicht anvertrauen. So hat sie mit allem irdischen Glanz gebrochen. Da der König selbst ihr sagen lässt, sie möge Rheims verlassen, ergreift sie willig die Hand des treuen Raimond und begibt sich auf die Flucht.

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