HomeText: Wilhelm Tell3. AktWilhelm Tell – Text: 3. Aufzug, 1. Szene

Wilhelm Tell – Text: 3. Aufzug, 1. Szene

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Tell:
Es ist nicht lange her,
Da ging ich jagen durch die wilden Gründe
Des Schächentals auf menschenleerer Spur,
Und da ich einsam einen Felsensteig
Verfolgte, wo nicht auszuweichen war,
Denn über mir hing schroff die Felswand her,
Und unten rauschte fürchterlich der Schächen,

Die Knaben drängen sich rechts und links an ihn und sehen mit gespannter Neugier an ihm hinauf:

Da kam der Landvogt gegen mich daher,
Er ganz allein mit mir, der auch allein war,
Bloss Mensch zu Mensch und neben uns der Abgrund.
Und als der Herre mein ansichtig ward,
Und mich erkannte, den er kurz zuvor
Um kleiner Ursach willen schwer gebüsst,
Und sah mich mit dem stattlichen Gewehr
Dahergeschritten kommen, da verblasst‘ er,
Die Knie versagten ihm, ich sah es kommen,
Dass er jetzt an die Felswand würde sinken.
– Da jammerte mich sein, ich trat zu ihm
Bescheidentlich und sprach: »Ich bin’s, Herr Landvogt.«
Er aber konnte keinen armen Laut
Aus seinem Munde geben – Mit der Hand nur
Winkt‘ er mir schweigend, meines Wegs zu gehn,
Da ging ich fort, und sandt ihm sein Gefolge.

Hedwig:
Er hat vor dir gezittert – Wehe dir!
Dass du ihn schwach gesehn, vergibt er nie.

Tell:
Drum meid ich ihn, und er wird mich nicht suchen.

Hedwig:
Bleib heute nur dort weg. Geh lieber jagen.

Tell:
Was fällt dir ein?

Hedwig:
Mich ängstigt’s. Bleibe weg.

Tell:
Wie kannst du dich so ohne Ursach quälen?

Hedwig:
Weil’s keine Ursach hat – Tell, bleibe hier.

Tell:
Ich hab’s versprochen, liebes Weib, zu kommen.

Hedwig:
Musst du, so geh – Nur lasse mir den Knaben!

Walther:
Nein, Mütterchen. Ich gehe mit dem Vater.

Hedwig:
Wälti, verlassen willst du deine Mutter?

Walther:
Ich bring dir auch was Hübsches mit vom Ehni.

Geht mit dem Vater.

Wilhelm:
Mutter, ich bleibe bei dir!

Hedwig umarmt ihn:
Ja, du bist
Mein liebes Kind, du bleibst mir noch allein!

Sie geht an das Hoftor und folgt den Abgehenden lange mit den Augen.

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