HomeText: Wilhelm Tell5. AktWilhelm Tell – Text: 5. Aufzug, 2. Szene

Wilhelm Tell – Text: 5. Aufzug, 2. Szene

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Tell:
Was erschreckt dich, liebes Weib?

Hedwig:
Wie – wie kommst du mir wieder? – Diese Hand
– Darf ich sie fassen? – Diese Hand – O Gott!

Tell herzlich und mutig:
Hat euch verteidigt und das Land gerettet,
Ich darf sie frei hinauf zum Himmel heben.

Mönch macht eine rasche Bewegung, er erblickt ihn.

Wer ist der Bruder hier?

Hedwig:
Ach ich vergaß ihn!
Sprich du mit ihm, mir graut in seiner Nähe.

Mönch tritt näher:
Seid Ihr der Tell, durch den der Landvogt fiel?

Tell:
Der bin ich, ich verberg‘ es keinem Menschen.

Mönch:
Ihr seid der Tell! Ach es ist Gottes Hand,
Die unter Euer Dach mich hat geführt.

Tell misst ihn mit den Augen:
Ihr seid kein Mönch! Wer seid Ihr?

Mönch:
Ihr erschlugt
Den Landvogt, der Euch Böses tat – Auch ich
Hab‘ einen Feind erschlagen, der mir Recht
Versagte – Er war Euer Feind wie meiner –
Ich hab‘ das Land von ihm befreit.

Tell zurückfahrend:
Ihr seid –
Entsetzen! – Kinder! Kinder geht hinein.
Geh liebes Weib! Geh! Geh! – Unglücklicher,
Ihr wäret –

Hedwig:
Gott, wer ist es?

Tell:
Frage nicht!
Fort! Fort! Die Kinder dürfen es nicht hören.
Geh aus dem Hause – Weit hinweg – Du darfst
Nicht unter einem Dach mit diesem wohnen.

Hedwig:
Weh mir, was ist das? Kommt!

Geht mit den Kindern.

Tell zu dem Mönch:
Ihr seid der Herzog
Von Österreich – Ihr seid’s! Ihr habt den Kaiser
Erschlagen, Euern Ohm und Herrn.

Johannes Parricida:
Er war
Der Räuber meines Erbes.

Tell:
Euren Ohm
Erschlagen, Euern Kaiser! Und Euch trägt
Die Erde noch! Euch leuchtet noch die Sonne!

Parricida:
Tell hört mich, eh Ihr –

Tell:
Von dem Blute triefend
Des Vatermordes und des Kaisermords,
Wagst du zu treten in mein reines Haus,
Du wagst’s, dein Antlitz einem guten Menschen
Zu zeigen und das Gastrecht zu begehren?

Parricida:
Bei Euch hofft‘ ich Barmherzigkeit zu finden,
Auch Ihr nahmt Rach‘ an Euerm Feind.

Tell:
Unglücklicher!
Darfst du der Ehrsucht blut’ge Schuld vermengen
Mit der gerechten Notwehr eines Vaters?
Hast du der Kinder liebes Haupt verteidigt?
Des Herdes Heiligtum beschützt? das Schrecklichste,
Das Letzte von den Deinen abgewehrt?
– Zum Himmel heb‘ ich meine reinen Hände,
Verfluche dich und deine Tat – Gerächt
Hab ich die heilige Natur, die du
Geschändet – Nichts teil‘ ich mit dir – Gemordet
Hast du, ich hab mein Teuerstes verteidigt.

Parricida:
Ihr stoßt mich von Euch, trostlos, in Verzweiflung?

Tell:
Mich fasst ein Grausen, da ich mit dir rede.
Fort! Wandle deine fürchterliche Straße,
Lass rein die Hütte, wo die Unschuld wohnt.

Parricida wendet sich zu gehn:
So kann ich, und so will ich nicht mehr leben!

Tell:
Und doch erbarmt mich deiner – Gott des Himmels!
So jung, von solchem adelichen Stamm,
Der Enkel Rudolfs, meines Herrn und Kaisers,
Als Mörder flüchtig, hier an meiner Schwelle,
Des armen Mannes, flehend und verzweifelnd –

Verhüllt sich das Gesicht.

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