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Schiller an Wilhelm v. Humboldt, 17. Februar 1803

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Weimar 17. Febr. [Donnerstag] 1803.

Lassen Sie mich, mein theurer Freund, meinen ersten Brief, den ich Ihnen nach Rom schreibe, nicht mit Entschuldigungen beginnen, die immer ein böses Zeichen sind. – Verzeihen Sie mein langes Stillschweigen und strafen Sie mich nicht durch das Ihrige. Es macht uns herzliche Freude, Sie nun in Rom leidlich etabliert zu sehen, es wird nach und nach schon werden, denn der Mensch und der Deutsche besonders bildet sich seine Welt, und was keine Bildung annimmt, lernt er ertragen. Denken Sie in Ihrem milden Clima an unseren eisernen Himmel; indem ich Ihnen schreibe, liegt alles von Schnee begraben und es sieht aus, als wenn es in Ewigkeit nicht wieder Sommer werden könnte – dennoch leben auch wir, ja wir tragen mitten im Winter Blumen und Früchte. Ich habe vor 18 Tagen meine Tragödie geendigt, eine Abschrift davon, die ich Ihnen in 14 Tagen absende, soll mein langes Stillschweigen ein wenig expiieren. Mein erster Versuch einer Tragödie in strenger Form, wird Ihnen Vergnügen machen, Sie werden daraus urtheilen, ob ich, als Zeitgenosse des Sophokles, auch einmal einen Preiß davon getragen haben möchte. Ich hab es nicht vergessen daß Sie mich den modernsten aller neueren Dichter genannt und mich also im größten Gegensatz mit allem was antik heißt gedacht haben. Es sollte mich also doppelt freuen wenn ich Ihnen das Geständniß abzwingen könnte, daß ich auch diesen fremden Geist mir zu eigen machen können. Ich will indeß nicht läugnen, daß mir ohne eine größere Bekanntschaft die ich indeß mit dem Aeschylus gemacht, diese Versetzung in die alte Zeit schwerer würde angekommen seyn. Vielleicht ist Ihnen nicht bekannt, daß eine Uebersetzung des Prometheus, der Sieben v, Theben, der Perser und der Eumeniden von Stolberg, noch in seiner beßern Zeit gemacht, jezt herausgekommen. Ich kann nicht läugnen, sie hat mir einen hohen Eindruck von Aeschylus gemacht, wieviel auch von seinem Geist mag verloren gegangen seyn. Jetzt höre ich, wird Jacobs in Gotha den ganzen Aeschylus in deutscher Uebersetzung liefern.

Es ist jezt ein so kläglicher Zustand in der ganzen Poesie der Deutschen und Ausländer, daß alle Liebe und aller Glaube dazu gehört, um noch an ein Weiterstreben zu denken und auf eine beßere Zeit zu hoffen. Die Schlegel- und Tieckische Schule erscheint immer hohler und frazenhafter, währenddaß sich ihre Antipoden immer platter und erbärmlicher zeigen und zwischen diesen beiden Formen schwankt nun das Publicum. An ein Zusammenhalten zu einem guten Zweck ist nicht zu denken, jeder steht für sich und muss sich seiner Haut wie im Naturstande wehren.

Es ist zu beklagen, daß Goethe sein Hinschlendern so überhand nehmen läßt und weil er abwechselnd alles treibt, sich auf nichts energisch concentriert. Er ist jezt ordentlich zu einem Mönch geworden und lebt in einer bloßen Beschaulichkeit, die zwar keine abgezogene ist aber doch nicht nach außen productiv wirkt. Seit einem vierteljahr hat er, ohne krank zu seyn, das Haus, ja nicht einmal die Stube verlassen. Von dem was er treibt wird er Ihnen selbst Nachricht gegeben haben. Wenn Goethe noch einen Glauben an die Möglichkeit von etwas Gutem und eine Consequenz in seinem Thun hätte, so könnte hier in Weimar noch manches realisiert werden, in der Kunst überhaupt und besonders im dramatischen. Es entstünde doch etwas, und die unselige Stockung würde sich geben. Allein kann ich nichts machen, oft treibt es mich, mich in der Welt nach einem andern Wohnort und Wirkungskreis umzusehen; wenn es nur irgendwo leidlich wäre, ich gienge fort. – Leider ist Italien und Rom besonders kein Land für mich, das physische des Zustandes würde mich drücken und das aesthetische Interesse mir keinen Ersatz geben, weil mir das Interesse und der Sinn für die bildenden Künste fehlt. Si selbst, mein Freund, würden es, ohne bestimmte Berufsgeschäfte, schwerlich lange in Italien aushalten.

Es ist eigen, wie wir seit dem Jahre 1794 u 95, wo wir in Jena zusammen philosophierten und uns durch eine Geistesreibung elektrisierten auseinander verschlagen worden sind. Jene Zeiten werden mir ewig unvergeßlich seyn, und ob ich mich gleich in dieser Zeit in die erfreulichere poetische Thätigkeit versetzt habe, und mich im ganzen auch körperlich gesünder fühle, so kann ich Ihnen doch versichern, theurer Freund, daß Sie mir fehlen und daß ich mich aus Mangel einer solchen Geistesberührung als damals zwischen uns war, um soviel älter geworden fühle.

3. März. Dieser Brief hat eine schwermüthige Stimmung, ich thäte vielleicht besser, ihn nicht abzusenden, aber er wird Ihnen doch mein Andenken zurückbringen und mich in Ihre Mitte versetzen. Lolo wird das weitere von unsern Zuständen schreiben. Sie werden gelacht haben, da Sie von unserer Standeserhöhung hörten; es war ein Einfall von unserem Herzog, und da es geschehen ist, so kann ichs um der Lolo und der Kinder willen mir auch gefallen lassen. Lolo ist jezt recht in ihrem Element, da sie mit ihrer Schleppe am Hofe herumschwänzelt.

Reinhardt habe ich ein paar Zeilen geschrieben, die ich ihm zuzustellen bitte, und bitte Sie, Grass in meinem Nahmen zu grüßen, auch Fernow, den ich mich sehr freue bald in unserer Nähe zu wißen.

Die gute Li möge mich nicht vergessen! Und Sie theurer Freund erhalten mir Ihre Liebe.

Sch.