HomeBriefeAn Christophine SchillerSchiller an Christophine Schiller, 1. Januar 1784

Schiller an Christophine Schiller, 1. Januar 1784

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Mannheim am Neujahr [Donnerstag] 84.

Meine theuerste Schwester,

Ich bekomme gestern Deinen Brief, und da ich über meine Nachläßigkeit Dir zu antworten, etwas ernsthaft nachdenke, so mache ich mir die bittersten Vorwürfe von der Welt. – Glaube mir meine Beste, es ist keine Verschlimmerung meines Herzens – denn so sehr auch Schiksale den Karakter verändern können, so bin doch ich mir immerdar gleich geblieben – es ist ebenso wenig Mangel an Aufmerksamkeit und Wärme für Dich – denn Dein künftiges Loos hat schon oft meine einsamen Stunden beschäftigt, und wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen idealischen Träumen! – Es ist die entsezliche Zerstreuung, in der ich von Stunde zu Stunde herumgeworfen werde, es ist zugleich auch eine gewiße Beschämung, daß ich meine Entwürfe über das Glük der Meinigen und über Deins ins besondere, bis jezt so wenig habe zur Ausführung bringen können. Wie viel bleiben doch unsere Thaten unseren Hoffnungen schuldig! und wie oft spottet ein unerklärbares Verhängniß unseres besten Willens. –

Also unsere gute Mutter kränkelt noch immer? Sehr gern glaube ich es, daß ein schleichender Gram ihrer Gesundheit entgegenarbeitet, und daß Medikamente vielleicht gar nichts thun. Aber Du irrst Dich meine gute Schwester, wenn Du ihre Beßerung von meiner Gegenwart hoffst. Unsere liebe Mutter nährt sich gleichsam von beständiger Sorge. Wenn sie auf einer Seite keine mehr findet, so sucht sie sie mühsam auf einer anderen auf. Wie oft haben wir alle uns das ins Ohr gesagt! Ich bitte Dich auch, ihr es in meinem Nahmen zu wiederholen. Ich spreche ganz allein als Arzt – denn daß eine solche Gemüthsart das Schiksal selbst nicht verbeßern, daß sie mit einer Resignation auf die Vorsicht durchaus nicht bestehen könne, wird unser guter Vater ihr öfter und beßer gesagt haben.

Dein Zufall ficht mich wirklich nicht wenig an. Ich erinnere mich, daß Du ihn mehrmal gehabt hast, und bin der Meinung daß eine Lebensart mit starker Leibesbewegung, neben einer verdünnenden Diät ihn am besten hemmen werde. Nimm zuweilen eine Porzion Salpeter mit Weinstein und trink auf das Frühjahr die Molken.

Du äußerst in Deinem Briefe den Wunsch, mich auf der Solitude im Schooß der Meinigen zu sehen und wiederholst den ehemaligen Vorschlag des lieben Papas beim Herzog um meine freie Wiederkehr in meinem Vaterlande einzukommen. Ich kann Dir nichts darauf antworten, Liebste, als daß meine Ehre entsezlich leidet, wenn ich ohne Connexion mit einem andern Fürsten, ohne Karakter und dauernde Versorgung nach meiner einmal geschehenen gewaltsamen Entfernung aus Würtemberg mich wieder da bliken laße. Daß der Papa den Namen zu dieser Bitte hergiebt, nüzt mir wenig, denn jedermann würde doch mich als die Triebfeder anklagen, und jedermann wird, so lange ich nicht beweisen kann, daß ich den Herzog von Wirtemberg nicht mehr brauche, in dieser (mittelbar oder unmittelbar, das ist eins) erbettelten Wiederkehr ein Verlangen in Wirtemberg unterzukommen, vermuten. Schwester überdenke die Umstände aufmerksam, denn das Glük Deines Bruders kann durch eine Uebereilung in dieser Sache einen ewigen Stoß erleiden. Ein großer Theil von Teutschland weiß von meinen Verhältnißen gegen euren Herzog, und von der Art meiner Entfernung. Man hat sich für mich auf Unkosten des Herzogs intereßirt – Wie entsezlich würde die Achtung des Publikums (und diese entscheidet doch mein ganzes zukünftiges Glük) wie sehr würde meine Ehre durch den Verdacht sinken, daß ich diese Zurükkunft gesucht – Daß meine Umstände mich, meinen ehemaligen Schritt zu bereuen, gezwungen, daß ich die Versorgung, die mir in der großen Welt fehlgeschlagen, aufs neue in meinem Vaterland suche. Die offene, edle Kühnheit, die ich bei meiner gewaltsamen Entfernung gezeigt habe, würde den Namen einer kindischen Uebereilung, einer drummen Brutalität bekommen, wenn ich sie nicht behaupte. Liebe zu den Meinigen, Sehnsucht nach dem Vaterland entschuldiget vielleicht im Herzen eines oder des andern redlichen Manns, aber die Welt nimmt auf das keine Rüksicht. Uebrigens kann ich nicht verhindern, wenn der Papa es dennoch thut – nur dieses sage ich Dir Schwester, daß ich, im Fall es der Herzog erlauben würde, dennoch mich nicht bälder im Wirtembergischen bliken laße, als biß ich wenigstens einen Charakter habe, woran ich eifrig arbeiten will; im Fall er es aber nicht zugiebt, mich nicht werde enthalten können, den mir dadurch zugefügten Affront durch offenbare Sottisen gegen ihn zu rächen. Nunmehr weist Du genug, um vernünftig in dieser Sache zu rathen.

Schließlich wünsch ich Dir und Euch allen von ganzem Herzen ein glükliches Schiksal im 1784zigsten Jahr und gebe der Himmel, daß wir alle Fehler des vorigen in diesem wieder gut machen, geb es Gott, daß das Glük sein Versäumniß in den Vergangenen Jahren in dem jezigen hereinbringe.

Ewig Dein treuer Bruder

Fridrich S.