HomeCharakterisierungWilhelm TellCharakterisierung von Attinghausen, Rudenz und Bruneck aus Schillers „Wilhelm Tell“

Charakterisierung von Attinghausen, Rudenz und Bruneck aus Schillers „Wilhelm Tell“

Bewertung:
(Stimmen: 12 Durchschnitt: 3.9)

Werner von Attinghausen

Die hervorragendste Gestalt unter den Adeligen ist der edle Bannerherr Werner von Attinghausen. Nach Tschudis Chronik war er bei der ersten Gesandtschaft zugegen, die die Waldstetter im April 1301 an König Albrecht sandten und er „allen anderen Schweizern durch die Würde des wohl erhaltenen Adels übertraf“. In unserem Drama repräsentiert Attinghausen den Teil des Adels, der sich mit dem Volk innerlich verbunden weiß, in Übereinstimmung mit demselben denkt und fühlt. Wir sehen ihn in patriarchalischer Einfachheit mit seinen Knechten den Frühtrunk teilen, ehe er sie an ihre Arbeit schickt. Sonst hat er seine Untertanen im Dienste des Kaisers in Schlachten angeführt und an ihrer Spitze tapfer gefochten. Jetzt schmachtet er mit ihnen gemeinsam unter dem Druck der Vögte.

Er, der sich des stolzen Bewusstseins erfreute, selbst Herr zu sein und keinem fremden Herrn zu dienen, sieht jetzt mit Schmerz, wie viele andere seines eigenen Standes dem Vaterland untreu werden. Attinghausen blickt mit Kummer auf seine Güter, die nach seinem Tode in fremde Hände übergehen sollen. Kein Wunder, dass die neue Zeit dem 85-jährigen Greis in keiner Weise behagen will. Seinem Ende geht er hoffnungslos entgegen. Durch seinen Tod ist es ihm zwar nicht vergönnt, die Sonne des neuen Freiheitstages zu erblicken, doch schaut er wenigstens in seine Morgenröte. Wilhelm Tells mutige Tat und das Bündnis von Fürst, Stauffacher und Melchtal auf dem Rütli, beides sie eröffnen ihm den Blick in eine glanzerfüllte Zukunft der Schweizer. Und so kann er, innerlich gestärkt und reichlich getröstet, in Frieden aus der Welt scheiden. Nur die Bekehrung seines Neffen Ulrich von Rudenz erlebt er nicht mehr.

Ulrich von Rudenz

Dem alten Attinghausen gegenüber steht Ulrich von Rudenz, dessen Neffe und einziger Erbe. Von dem Glanz des kaiserlichen Hofes geblendet, wo Rudenz in Turnieren Preise gewann, wo Kriegsruhm und Sieg ihm winken, ist er der einfachen Art und Sitte seines Landes untreu geworden. Rudenz trachtet nach höfischer Anerkennung und danach, einer glänzende Rolle am kaiserlichen Hof zu ergattern. Die Not des Landes geht Rudenz wenig zu Herzen, denn ihm gilt der Hohn der fremden Höflinge, die ihn als einen Ritter aus dem Bauernadel betrachten. Das erträgt er nicht.

Auch die Liebe hat Ulrich von Rudenz in das feindliche Lager gelockt. Berta von Bruneck ist seine Angebetete. Durch seine Anhänglichkeit an Österreich hofft er sie für sich zu gewinnen. Seine Liebe hat ihn auf die falsche Bahn getrieben, aber sie vermag ihn auch wieder auf die richtige Bahn zu geleiten und ihn innerlich umzuwandeln. So stellt er Landvogt Gessler wegen seiner Unmenschlichkeit gegenüber Wilhelm Tell öffentlich zur Rede. Die Reue Rudenz‘ kommt für den alten Attinghausen zu spät. Doch der Tod des Alten bringt ihn zu dem Gelöbnis, sich wieder seinem Volke zuzuwenden. Durch die Eroberung des Sarner Schlosses nimmt er an der Befreiung des Vaterlandes teil und befreit sogleich auch seine Geliebte Bertha von Bruneck.

Berta von Bruneck

Die vermittelnde Rolle zwischen den beiden Parteien des Adels, zwischen Attinghausen und Rudenz, hat Schiller der Berta von Bruneck zugeteilt. Obwohl Berta eine reiche Erbin ist, ist sie doch ihrem Land und ihrem Volk von Herzen zugetan und leidet mit unter dem allgemeinen Druck der Vögte. Dies umso mehr: denn man gestattet der Berta nicht, ihre Hand nach freier Wahl zu verschenken. Durch eine Vermählung mit dem verabscheuungswürdigen Landvogt Gessler sollen ihre Güter an Österreich gebracht werden. Dies ist der schändliche Plan, den man die in Freiheit geborene Adelige opfern will. Da sie den Absichten der Betrüger widerstrebt, wird sie heimlich entführt und im Schloss Sarnen gefangen gehalten.

Bertha von Bruneck, Charakter aus dem Schiller-Drama Wilhelm Tell, Zeichnung von Friedrich Pecht

Bertha von Bruneck, Charakter aus dem Schiller-Drama Wilhelm Tell, Zeichnung von Friedrich Pecht, 1859

Ulrich von Rudenz, der sich um ihre Liebe bewirbt, bringt Berta von Bruneck wieder auf den rechten Pfad. Rudenz hatte sich von seinem Volk abgewendet, suchte nach Ruhm und Anerkennung am Hofe des Kaisers und wollte auch auf diese Weise die Berta gewinnen. Doch dies war der falsche Weg. Nur durch die wiedergewonnene Liebe zu seinem Volk kann er die Liebe der Berta gewinnen.

Ulrich von Rudenz und Arnold von Melchthal erscheinen Berta hier als ihre Retter und befreien sie aus dem Schloss, in dem Gessler sie festhalten ließ. Somit ist Berta, wenn auch mit schwächeren Farben gezeichnet, doch ein glücklich ersonnenes Gegenstück der kraftvollen Gertrud Stauffacher. Wenn Gertrud ihren Mann zu tätigem Handeln ermutigt, führt Berta von Bruneck ihren Bewerber Rudenz durch die Bande der Liebe zu seiner Pflicht und Vaterlandsliebe zurück.

→ Die Entwicklung ihrer Liebesgeschichte in der Handlung (Zusammenfassung)