HomeText: Wilhelm Tell2. AktWilhelm Tell – Text: 2. Aufzug, 1. Szene

Wilhelm Tell – Text: 2. Aufzug, 1. Szene

Bewertung:
(Stimmen: 43 Durchschnitt: 2.5)

Edelhof des Freiherrn von Attinghausen.

Ein gotischer Saal mit Wappenschildern und Helmen verziert. Der Freiherr, ein Greis von fünfundachtzig Jahren, von hoher edler Statur, an einem Stabe worauf ein Gemsenhorn, und in ein Pelzwams gekleidet. Kuoni und noch sechs Knechte stehen um ihn her mit Rechen und Sensen. Ulrich von Rudenz tritt ein in Ritterkleidung.

Rudenz:
Hier bin ich Oheim – Was ist Euer Wille?

Attinghausen:
Erlaubt, dass ich nach altem Hausgebrauch
Den Frühtrunk erst mit meinen Knechten teile.

Er trinkt aus einem Becher, der dann in der Reihe herumgeht.

Sonst war ich selber mit in Feld und Wald,
Mit meinem Auge ihren Fleiss regierend,
Wie sie mein Banner führte in der Schlacht,
Jetzt kann ich nichts mehr als den Schaffner machen,
Und kommt die warme Sonne nicht zu mir,
Ich kann sie nicht mehr suchen auf den Bergen.
Und so in enger stets und engerm Kreis,
Beweg ich mich dem engesten und letzten,
Wo alles Leben stillsteht, langsam zu,
Mein Schatte bin ich nur, bald nur mein Name.

Empfehlungen Lektüreschlüssel

Kuoni zu Rudenz mit dem Becher:
Ich bring’s Euch, Junker.

Da Rudenz zaudert den Becher zu nehmen:

Trinket frisch! Es geht
Aus einem Becher und aus einem Herzen.

Attinghausen:
Geht Kinder, und wenn’s Feierabend ist,
Dann reden wir auch von des Lands Geschäften.

Knechte gehen ab.
Attinghausen und Rudenz

Attinghausen:
Ich sehe dich gegürtet und gerüstet,
Du willst nach Altdorf in die Herrenburg?

Rudenz:
Ja Oheim, und ich darf nicht länger säumen –

Attinghausen setzt sich:
Hast du’s so eilig? Wie? Ist deiner Jugend
Die Zeit so karg gemessen, dass du sie
An deinem alten Oheim musst ersparen?

Rudenz:
Ich sehe, dass Ihr meiner nicht bedürft,
Ich bin ein Fremdling nur in diesem Hause.

Attinghausen hat ihn lange mit den Augen gemustert:
Ja leider bist du’s. Leider ist die Heimat
Zur Fremde dir geworden! – Uli! Uli!
Ich kenne dich nicht mehr. In Seide prangst du,
Die Pfauenfeder trägst du stolz zur Schau,
Und schlägst den Purpurmantel um die Schultern,
Den Landsmann blickst du mit Verachtung an,
Und schämst dich seiner traulichen Begrüssung.

Rudenz:
Die Ehr, die ihm gebührt, geb ich ihm gern,
Das Recht, das er sich nimmt, verweigr ich ihm.

Attinghausen:
Das ganze Land liegt unterm schweren Zorn
Des Königs – Jedes Biedermannes Herz
Ist kummervoll ob der tyrannischen Gewalt
Die wir erdulden – Dich allein rührt nicht
Der allgemeine Schmerz – Dich siehet man
Abtrünnig von den Deinen auf der Seite
Des Landesfeindes stehen, unsrer Not
Hohnsprechend nach der leichten Freude jagen,
Und buhlen um die Fürstengunst, indes
Dein Vaterland von schwerer Geissel blutet.

Rudenz:
Das Land ist schwer bedrängt – Warum, mein Oheim?
Wer ist’s, der es gestürzt in diese Not?
Es kostete ein einzig leichtes Wort,
Um augenblicks des Dranges los zu sein,
Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen.
Weh ihnen, die dem Volk die Augen halten,
Dass es dem wahren Besten widerstrebt.
Um eignen Vorteils willen hindern sie,
Dass die Waldstätte nicht zu Östreich schwören,
Wie ringsum alle Lande doch getan.
Wohl tut es ihnen, auf der Herrenbank
Zu sitzen mit dem Edelmann – den Kaiser
Will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben.

Dieser Beitrag besteht aus 4 Seiten: