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Schiller an Gottfried Körner, 10. Februar 1785

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Mannheim den 10. Februar [Donnerstag] 85.

Unterdessen, daß die halbe Stadt Mannheim sich im Schauspielhaus zusammendrängt, einem Auto da Fé über Natur und Dichtkunst – einer großen Opera – beizuwohnen, und sich an den Verzukungen dieser armen Delinquentinnen zu waiden, fliege ich zu Ihnen, meine Theuersten, und weiß, daß ich in diesem Augenblik der Glüklichere bin. Jezt erst fange ich an, meine Phantasie, die unruhige Vagabundin, wieder lieb zu gewinnen, die mich aus dem traurigen Einerlei meines hiesigen Auffenthalts so freundschaftlich weg, und zu Ihnen führt. Es ist kein Opfer, das ich Ihnen bringe, wenn die Erinnerung an Sie meinen ganzen Horizont um mich her zernichtet – es ist wirklicher Eigennuz, meine süßeste Erholung von meiner jezigen freudenlosen Existenz, daß meine Seele um Sie schweben darf. Augenblike, wie der gegenwärtige, wo alle meine Empfindungen in wollüstiges Trauern dahinschmelzen, wo ich in mich selbst zurüktrete, und von meiner eigenen Armut schwelge; solche Augenblike, wo meine Seele aus ihrer Hülle schwebt und mit freierem Fluge durch ihre Heimat Elisium wandert, sollen den Freunden meines Herzens geheiligt sein. Wenn Sie zuweilen, mitten unter den berauschenden Zerstreuungen Ihres Lebens von einer plözlichen Wehmut überrascht werden, die Sie nicht gleich erklären können, so wissen Sie von jezt an, daß in der Minute Schiller an Sie gedacht hat – dann hat sich mein Geist bei Ihnen gemeldet.

Dieser Eingang, fürchte ich, wird einer Schwärmerei gleicher sehen als meiner wahren Empfindung, und doch ist er ganz, ganz Stimmung meines Gefühls. Für Sie, meine besten, kann ich schlechterdings keine Schminke auftragen, diese armselige Zuflucht eines kalten Herzens kenne ich nicht. Seit Ihren lezten Briefen hat mich der Gedanke nicht mehr verlassen wollen: „Diese Menschen gehören Dir, diesen Menschen gehörset Du.“ – Urtheilen Sie deßwegen von meiner Freundschaft nicht zweideutiger, weil sie vielleicht die Miene der Uebereilung trägt. – Gewissen Menschen hat die Natur die langweilige Umzäunung der Mode niedergerissen. Edlere Seelen hängen an zarteren Seilen zusammen, die nicht selten unzertrennlich und ewig halten. Große Tonkünstler kennen sich oft an den ersten Akkorden, große Maler an dem nachlässigsten Pinselstrich – edle Menschen sehr oft an einer einzigen Aufwallung. Doch vernünfteln möchte ich über meine Empfindungen nicht gern. Ihre Briefe – und wir waren Freunde. Für sie spricht ihr erster freiwilliger Schritt, und dann Ihre edle Toleranz gegen mein Schweigen – für mich spreche, wenn Sie wollen, Karl Moor an der Donau. Wäre dann aber auch das noch zu wenig so könnten wir unsere 5 Köpfe zu Lavater tragen.

Wenn Sie mit einem Menschen vorlieb nehmen wollen, der große Dinge im Herzen herumgetragen und kleine gethan hat; der biß jezt nur aus seinen Thorheiten schließen kann, daß die Natur ein eigenes Project mit ihm vorhatte; der in seiner Liebe schreklich viel fordert und biß hieher noch nicht einmal weiß, wie viel er leisten kann; der aber etwas anderes mehr lieben kann als sich selbst, und keinen nagenderen Kummer hat, als daß er das so wenig ist, was er so gern seyn möchte – wenn Ihnen ein Mensch wie dieser lieb und theuer werden kann, so ist unsere Freundschaft ewig, denn ich bin dieser Mensch. Vielleicht, daß Sie Schillern noch ebenso gut sind, wie heute, wenn Ihre Achtung für den Dichter schon längst widerlegt seyn wird.

Werden Sie nach diesem Geständniß vorbereitet seyn, ein Zweites zu hören? O meine Besten, Ihre freiwillig mit entgegenkommende Liebe hat einen merkwürdigen Einfluß auf die wirkliche Lage meines Herzens gehabt. Ich habe einen so unglüklichen Hang zum Vergrößern, daß oft geringe Veranlassungen meine Hoffnung schwindelnd fortreissen, daß oft der kleinste Umstand mir ein Saamenkorn von etwas Unendlichem wird. Dieses nämliche fängt mir an mit Ihrer Freundschaft zu begegnen. Ihre liebevollen Geständnisse trafen mich in einer Epoche, wo ich das Bedürfniß eines Freundes lebhafter – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

22. Februar. [Dienstag]

als jemals fühlte. (Hier bin ich neulich durch einen unvermuteten Besuch unterbrochen worden, und diese 12 Tage ist eine Revolution mit mir und in mir vorgegangen, die dem gegenwärtigen Briefe mehr Wichtigkeit gibt, als ich mir habe träumen lassen – die Epoche in meinem Leben macht.) Ich kann nicht mehr in Mannheim bleiben. In einer unnennbaren Bedrängniß meines Herzens schreibe ich Ihnen, meine Besten. Ich kann nicht mehr hier bleiben. Zwölf Tage habe ichs in meinem Herzen herumgetragen, wie den Entschluß aus der Welt zu gehen. Menschen, Verhältnisse, Erdreich und Himmel sind mir zuwider. Ich habe keine Seele hier, keine einzige, die die Leere meines Herzens füllte, keine Freundin, keinen Freund; und was mir vielleicht noch theuer seyn könnte, davon scheiden mich Konvenienz und Situationen. – Mit dem Theater hab ich meinen Contract aufgehoben; also die oekonomische Rüksicht meines hiesigen Aufenthalts bindet mich nicht mehr. Außerdem verlangt es meine gegenwärtige Connexion mit dem guten Herzog von Weimar, daß ich selbst dahin gehe und persönlich für mich negotiire, so armselig ich mich auch sonst bei solcherlei Geschäften benehme. Aber vor allem anderen lassen Sie michs frei heraussagen, meine Theuersten, und lächeln Sie auch meinetwegen über meine Schwächen – ich muß Leipzig und Sie besuchen. O meine Seele dürstet nach neuer Nahrung – nach besseren Menschen – nach Freundschaft, Anhänglichkeit und Liebe. Ich muss zu Ihnen, muß in ihrem nähern Umgang, in der innigsten Verkettung mit Ihnen mein eignes Herz wieder genießen lernen, und mein ganzes Daseyn in einen lebendigeren Schwung bringen. Meine poetische Ader stokt, wie mein Herz für meine bisherigen Zirkel vertroknete. Sie müssen sie wieder erwärmen. Bei Ihnen will ich, werde ich alles doppelt, dreifach wieder seyn, was ich ehemals gewesen bin, und mehr als das alles, o meine Besten, ich werde glüklich seyn. Ich wars noch nie. Weinen Sie um mich, daß ich ein solches Geständniß thun muß. Ich war noch nicht glücklich, denn Ruhm und Bewunderung und die ganze übrige Begleitung der Schriftstellerey wägen auch nicht einen Moment auf, den Freundschaft und Liebe bereiten – das Herz darbt dabei.

Werden Sie mich wohl aufnehmen?

Sehen Sie – ich muß es Ihnen gerade heraussagen, ich habe zu Mannheim schon feierlich aufgekündigt, und mich unwiderruflich erklärt, daß ich in 3-4 Wochen abreise, nach Leipzig zu gehen. Etwas großes, etwas unaussprechlich angenehmes muß mir da aufgehoben seyn; denn der Gedanke an meine Abreise macht mir Mannheim zu einem Kerker, und der hiesige Horizont ligt schwer und drükend auf mir, wie das Bewußtseyn eines Mordes – Leipzig erscheint meinen Träumen und Ahndungen wie der rosigte Morgen jenseits der waldigen Hügel. In meinem Leben erinnere ich mich keiner so innigen prophetischen Gewißheit, wie diese ist, daß ich in Leipzig glüklich seyn werde. Ich traue auf diese sonderbare Ahndung, so wenig ich sonst auf Visionen halte. Etwas freudiges wartet auf mich – doch warum Ahndung? Ich weiß ja, was auf mich wartet und wen ich da finde?

Ich solte Ihnen so unendlich viel sagen, das Ihnen einen Aufschluß über den Paraoxismus von Freude geben könnte, der mich bei dieser Aussicht befällt. Bis hieher haben Schiksale meine Entwürfe gehemmt. Mein Herz und meine Musen mußten zu gleicher Zeit der Nothwendigkeit unterliegen. Es braucht nichts als eine solche Revolution meines Schiksals, daß ich ein ganz anderer Mensch – daß ich anfange Dichter zu werden.

Der Dom Karlos, von dem Sie den 1sten Aufzug in der Thalia finden werden, bringe ich – in meinem Kopfe nemlich – zu Ihnen mit, in Ihrem Zirkel will ich froher und inniger in meine Laute greifen. Seien Sie meine begeisternde Musen, lassen Sie mich in Ihrem Schooße von diesem Lieblingskinde meines Geists entbunden werden.

Der magische Nebel, in den das Gerücht gewönlich Schriftsteller einhüllt – Ihre glänzenden Ideale von mir, werden freilich ganz erstaunlich durch meine wirkliche Erscheinung verlieren. Sie werden einen ganz erbärmlichen Wundermann finden; aber gut blieben Sie mir gewiß. Innige Freundschaft, Zusammenschmelzung aller Gefühle, gegenseitige Verehrung und Liebe, Verwechselung und gänzlicher Umtausch des persönlichen Interesses sollen unser Beieinanderseyn zu einem Eingriff in Elisium machen. Ich würde unglüklich sein, wenn meine reizende Hoffnung nicht eine ähnliche in Ihnen entflammte, wenn hier unsere Empfindungen nicht eben so harmonisch zusammenflössen, als sie es sonst zu thun schienen.

Ich bin fest entschlossen, wenn die Umstände mich nur entfernt begünstigen, Leipzig zum Ziel meiner Existenz, zum beständigen Ort meines Auffenthalts zu machen. Ich hoffe, daß ich das zu Stand bringen kann; doch das Weitere ist für diesen Brief zu weitläufig, es sei auf mündliche Erklärungen aufgespart. Hinter die räzelhafte Deke der Zukunft kann der Mensch ohnehin nicht sehen. Ein Moment kann meinen jezigen Entwürfen ja eine ganz besondere – glükliche – Richtung geben. „Gesegnet sei der Zufall (sagt Ferdinand v. Walther), er hat größere Thaten gethan, als die klügelnde Vernunft und wird besser bestehen an jenem Tag, als der Wiz aller Weisen.“ – Alle schriftlichen Verbindungen, alle Träume der Phantasie – so ausschweifend sie oft sein mögen, sind doch immer nur bestandloses Schattenspiel gegen das Angesicht zu Angesicht. Ich fühle, wie theuer Sie mir jezt schon sind, aber ich weiß gewiß, daß dieses warme Gefühl für Sie durch unsere persönlichen Erkennungen und Berührungen unendlich entflammt werden wird. –

Ich habe unter den hiesigen Mädchen eine Minna und Dora gesucht, aber unser hiesiger Himmelsstrich versteht sich nicht auf solche Gesichter. Ich weiß nicht, was Sie dazu sagen werden – aber ich gestehe Ihnen, Ihre Bildnisse waren mir nicht neu, und doch schwöre ich Ihnen, daß ich mich auf kein ähnliches besinne – – ich würde der Eitelkeit nicht haben widerstehen können, Ihnen meine Zeichnung zu schiken, aber die größere Eitelkeit, daß vielleicht Dora mich zeichnen werde, hat mich zurückgehalten. Ums Himmelswillen aber, beurtheilen Sie mich nicht nach einem Kupferstich4, den man kürzlich von mir in die Welt gesetzt hat, – sonst können Sie zwar die Räuber, aber den Schiller nicht mehr begreifen; denn jener Kupferstich ist finster wie die Ewigkeit, und der Kupferstecher hat mir funfzehn Jahre mehr auf die Rechnung gesetzt, als ich mich erinnere gelebt zu haben. – Die Brieftasche von Mina habe ich neulich in Darmstadt eingeweiht, den 1sten Akt des Karlos, den ich bei Hofe vorlas, darin aufzubewahren, und eine unvergleichliche Fürstin die Frau Erbprinzessin, hat sie bewundert. Der Umstand ist Kleinigkeit; aber Dingen, worauf mein Herz einen Werth setzt, kann nichts so geringes begegnen, das nicht merkwürdig für mich wäre.

So viel ich Ihrer Geduld auch durch diesen kolossalischen Brief zumuthe, so muß ich doch noch einmal auf das Vorige zurückkommen. Also es ist ausgemacht, dass ich in 3-4 Wochen Mannheim verlasse. Ich gehe geradewegs nach Leipzig und (aus einigen hauptsächlichen Gründen) erst von da aus nach Weimar. Urtheilen Sie nun, wie unerträglich mir die Stunden seyn werden, die mich biß dahin noch zu Mannheim gefangen halten. Zum großen Glüke läßt mich die rheinische Thalia nicht zu Athem kommen. Unzälige Briefe liegen mir zur Beantwortung da, aber ich habe alle Laune verloren, biß ich in Leipzig bin – zuverlässig ist das Epoche meines Lebens.

Wie unaussprechlich viele Seligkeiten verspreche ich mir bei Ihnen, und wie sehr soll es mich beschäftigen, Ihrer Liebe, Ihrer Freundschaft und wo möglich Ihres Enthousiasmus für mich werth zu bleiben. Schreiben Sie mir doch bald; nehmen Sie mich nicht zum Muster in unsern Correspondenzen. Sobald als Sie entschlossen sind mich aufzunehmen (oder abzuweisen?) – schreiben Sie mir. Ich bin immer der gewinnende Theil, weil ein Brief mir vierfach bezahlt wird; aber bei Ihnen will ich nicht gewinnen, darum mußte dieser Brief viermal so groß seyn.

Auf einige andere Artikel schreibe ich morgen ganz gewiß an Huber.

Leben Sie recht wol, ewig geliebt von

Ihrem

Schiller.