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Schiller an den Herzog v. Augustenburg, 21. November 1793

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Ludwigsburg in Schwaben, am 21 Nov. [Donnerstag] 1793.

Durchlauchtigster Prinz!

Ehe ich die angefangene Materie verlasse, so verstatten Sie mir, was ich bisher blos theoretisch ausführte, auch historisch zu erweisen. Ich versetze mich in Gedanken in die Urwelt zurück, und folge der jugendlichen Menschheit auf ihren ersten Schritten zur Humanisierung.

Was war der Mensch, ehe die seelenbildende Kunst ihre Hand an ihn legte? Der trotzigste Egoist unter allen Thiergattungen, und bey aller Anlage zur Freiheit der abhängigste Sinnensklave. Er sorgte blos für sich selbst und schätzte nichts, als was seine rohen Begierden stillte. Die schöne Natur breitete umsonst ihre Herrlichkeit vor ihm aus. Er sah nichts in ihr als eine Beute, über welche seine Begehrlichkeit herstürzen konnte. Er betrachtete sie blos mit dem gierigen Blick eines Räubers, wenn sie ihm ihren Reichthum zur Schau ausstellte, und blos mit dem knechtischen Blick eines Missethäters, wenn sie in Gewittern, Erdbeben, Ueberschwemmungen ihre Größe und Macht blicken ließ. Ohne eine Wahl anzustellen, trachtete er blos nach unmittelbarer Befriedigung. Der Geschlechtstrieb war das einzige Band, das ihn an seine Gattinn fesselte, und die Befriedigung dieses Triebes die einzige Forderung, die er an sie machte. Bey seiner Bekleidung, seinen Geräthschaften, seiner Wohnung sah er blos auf das Nothwendige. Eine Höhle genügte ihm um ihn vor dem Grimm wilder Thiere und der Witterung zu schützen. Gebrach es an dieser, so machte er sich eine künstliche von Baumzweigen oder Steinen; so kümmerlich sie auch ausfallen mochte, der Noth war sie schön genug. So trotzig er sich gegen die Ohnmacht bewies, so verzagt war er gegen die Uebermacht. Alles, was er überwältigen konnte, nahm er als Eigenthum in Anspruch; alles, womit seine Stärke sich nicht zu messen wagte, war ihm ein feindliches Wesen, das gegen ihn bewaffnet war; so legte er in alles, was ihm vorkam, die mörderische Selbstsucht, die seine eigene Brust beseelte.

So elend erscheint uns die Menschheit auf ihrer untersten Stufe. So finden wir die alten Pelasger im Thucydides, und neuere Weltentdecker haben die Schilderung des Griechen bey vielen Völkern der Südsee und des nördlichen Asiens bestätigt gefunden.

Ich verlasse dieses niederschlagende Bild, um Ihnen, Gnädigster Prinz, ein fröhlicheres vorzuführen. Was war es für ein Phänomen, welches die anfangende Humanisierung bey diesen wilden Stämmen verkündigte? So viele historische Annalen wir auch zu Rath ziehen mögen, es ist bey allen Völkern dasselbe Phänomen: die Liebe zum Putz.

Der Wilde hört auf, sich mit dem Nothwendigen zu begnügen; er verlangt, daß es noch eine Eigenschaft mehr besitze, und zwar eine Eigenschaft, die nicht mehr seinen thierischen Trieb, sondern ein Bedürfniß von besserer Abkunft befriedigt. Diese Eigenschaft ist das Schöne. Freilich nur schön für seinen barbarischen Geschmack, aber hier kommt es ja nicht auf den Innhalt, sondern blos auf die Form des Urtheilens an, und mit dieser ist eine Veränderung vorgegangen. Es gründet sich nicht mehr auf die unmittelbare und materielle Empfindung, sondern auf die Reflexion, auf die freie Betrachtung. Auch das Häßliche, als schön beurtheilt, beweist schon die Thätigkeit eines freieren Vermögens, ein Wohlgefallen ohne Sinneninteresse, einen anfangenden, wenn gleich noch so grotesken Geschmack.

Das Schöne des Wilden ist immer das Seltsame, das Seltsame, das Schreiende, das Bunte. Er bildet groteske Figuren, liebt grelle Farben, und eine gellende Musik. Aber da diese Eigenschaften sein materielles Wohlseyn schlechterdings nicht verbessern können, so muß man annehmen, daß er sie auf seine Denkkraft bezieht, und sie nicht darum schätzt, weil er unmittelbar etwas angenehmes dabey erleidet, sondern weil sie ihn mittelbar, als Anlässe zur Thätigkeit, rühren. Sie gehören also in subjektivem Sinn allerdings zur Familie des Schönen, wie sehr sie auch, in objektiver Rücksicht, davon ausgeschlossen sind. Sie gefallen seinem innern Sinn, weil sie ihm eine Thätigkeit des Verstandes zu empfinden geben.

Jetzt fängt auch der Wilde an, auf den Eindruck Acht zu haben, den er auf andere macht. Er will gefallen. Schon diese einzige Regung macht ihn zum Menschen. Dieses Bedürfniß könnte er nicht haben, wenn er nicht angefangen hätte, aus dem engen Kreis der Nothwendigkeit heraus zu treten, und für den Werth der Dinge einen andern Maaßstab zu gebrauchen, als die Beziehung auf sinnlichen Genuß. Alles was er besitzt, muß jetzt neben dem Dienst, wozu es da ist, noch eine Forderung erfüllen. Es muß ausgezeichnet seyn und in die Augen fallen; denn so pflegt sich der erste Geschmack anzukündigen. Er, der auf der ersten Stufe vorlieb nahm, fängt an zu wählen, und was ihn bey dieser Wahl leitet, ist mehr werth als seine ganze vorige Existenz. Jetzt sucht sich der alte Germanier schönere Thierfelle, prächtigere Geweyhe, zierlichere Trinkgeschirre aus, und der Nordkaledonier läßt bey seinen Festen die buntesten Muscheln kreisen. Selbst die Waffen sollen jetzt nicht mehr bloße Gegenstände des Schreckens, sondern auch des Wohlgefallens seyn. Das rauhe Feldgeschrey fängt an, dem Takt zu gehorchen und sich zum Gesange zu biegen.

Nicht zufrieden, das Nothwendigere zu verschönern, macht sich der menschgewordene Wilde das Schöne, auch schon der bloßen Schönheit wegen, zum Zweck, und will gewisse Dinge, bloß um dieses Zwecks willen, haben. Er schmückt sich. Die Gegenstände seiner Begierde wachsen, die Zahl seiner Güter mehrt sich, bis die künstlichen Bedürfnisse die natürlichen übersteigen. Der bloße Nutzen ist schon eine zu enge Grenze für seine erweiterten Neigungen. Wie er seine Haare mit Federn, seinen Hals mit Korallen ziert, wie er sogar an seinem eigenen Körper künstelt, und zum Abscheulichen entstellt, ebenso führt er in sein gesellschaftliches Betragen und in seine Sitten Schnörkel und Verzierungen ein, und gefällt sich über die bloße Zweckmäßigkeit hinauszugehen, um den erwachten Trieb nach freiem Vergnügen zu befriedigen. Wie sehr auch alle diese ersten Versuche, als Entfernungen von der Einfalt der Natur, ins Abentheuerliche, Abgeschmackte und Widersinnige fallen, so sind sie doch eben deswegen, weil es Entfernungen von der Natur sind, Wirkungen eines freieren Bildungsvermögens, und daher, als die erste Anmeldung der Vernunftfreyheit, eines Grades von Achtung werth. Sie beweisen uns, daß der einzelne Mensch und das Volk, bey denen wir sie antreffen, die Epoche der gänzlichen Unmündigkeit und des bloßen Naturregiments überstanden haben; daß sie nicht mehr Wilde, sondern Barbaren sind; denn Wildheit ist ganz unentwickelte, Barbarey falsch entwickelte Menschheit.

An dem Verhältniß zwischen beiden Geschlechtern wird jetzt eine sehr vortheilhafte Veränderung sichtbar. Es ist nicht mehr der blinde Drang der Natur allein, was die Geschlechter einander näher bringt. Reize werden von dem Weibe, Verdienst von dem Manne gefordert, und die Schönheit ist der Tapferkeit Preiß. Freiheit äußert sich bey dem Geschäft des Instinkts, und da der Instinkt sonst ganz ohne Wahl handelt, so dient diese Freiheitsäußerung zum untrüglichen Beweis, daß etwas höheres als die Natur dabey thätig war.

Auch der gesellschaftliche Umgang gewinnt ein ganz anderes Ansehen. Abhängiger von der guten Meinung anderer, weil er zu gefallen wünscht, muß der rohe Egoist den Ungestüm seiner Affekte bezähmen, und die Freiheit außer sich respektieren, weil er der Freiheit gefallen will. So lange er gegen andere nur in physischen Verhältnissen stehet, kann er nur ein Objekt des selbstsüchtigen Erhaltungstriebes, nie eines freien ästhetischen Urtheils seyn. Er muß also heraustreten aus dem feindseeligen kriegerischen Stand der Natur, und sich in einen Gegenstand der uneigennützigen und ruhigen Betrachtung verwandeln. Dies ist aber nur dadurch möglich, daß er selbst zur milden Erscheinung wird, daß er andern nicht als Feind gegenübersteht, daß er durch keine ungestüme Kraftäußerung ihre Selbstliebe aufschreckt, kurz, daß er andere nicht, gleich einem feindseeligen Gestirn, in den Wirbel seines Daseyns zieht, sondern sie, wie ein fernleuchtender Stern, als bloße liebliche Vorstellung beschäftigt.

Nirgends aber offenbart sich die wohlthätige Veränderung der Empfindungsart deutlicher, als in der heitern und lachenden Gestalt, welche, nach Erwachung des Schönheitstriebes, Religionen und Sitten annehmen. Furcht ist der Geist aller Gottesverehrung, ehe der Geschmack die Gemüther in Freiheit setzt. Es ist blos ihre Macht, wodurch sich Götter und Dämonen dem kindischen Alter der Menschheit verkündigen, und dem Sklaven der Bedürfnisse ist alles Mächtige zugleich schrecklich. Ein knechtisches Zagen ist seine Andacht, sein Gottesdienst ist finster und nicht selten fürchterlich. So wie aber der Sinn für Schönheit erwacht, und der verzagte Erhaltungstrieb nicht mehr ausschließend und allein den Maaßstab der Beurtheilung hergiebt, so verbessern sich auch die Vorstellungen von den Göttern, und der Mensch fängt an, in ein edleres Verhältniß zu denselben zu treten. Weil sie nicht mehr als bloße Naturkräfte auf ihn stürmen, so gewinnt er Raum, sie mit dem ruhigen Blick der Betrachtungen zu fixieren. Sie werfen die Gespensterlarven ab, womit sie seine Kindheit erschreckt hatten, und überraschen ihn mit einem veredelten Bilde seiner selbst. Das göttliche Ungeheuer des Morgenländers, das blos mit der blinden Stärke des Raubthiers die Welt verwaltete, zieth sich in der griechischen Phantasie in die freundliche Form der Menschheit zusammen, und selbst der Vater der Götter muß seine plumpe Titanenkraft mit Schönheit vertauschen, um den Geschmack eines feinern Volks zu gewinnen, den nur die Form, nicht mehr die bloße Materie, befriedigen kann.

So unterwirft sich der Schönheit stille Macht nach und nach die rohe Natur, initiert den Wilden zum Menschen, und lehrt ihn, auch schon in seinem physischen Sklavenstande seine dämonische Freiheit versuchen. Aber ihre wohlthätigen Wirkungen schränken sich nicht darauf ein, die Empfindungen zu vergeistigen, und dadurch die reine Geistigkeit von ferne vorzubereiten. Ihr Einfluß auf die letztere ist noch näher und unmittelbarer, denn selbst ins einer absolut freien Thätigkeit, im Geschäft der Erkenntniß und der Wahl, leistet sie dem Geist gegen die widerstrebende Sinnlichkeit Beystand, ob ihr gleich an diesen Geschäften selbst kein positiver Antheil gestattet werden kann.

Die Erforschung der Wahrheit erfordert Abstraktion und strenge Gesetzmäßigkeit, wovor die Trägheit und Willkührlichkeit der Sinne zurückbebt. Anspannung der Denkkraft gehört dazu, um die Form, worin allein die Wahrheit enthalten ist, von der Materie zu scheiden. Um also die sinnlichen Vermögen, die sich immer nur an die Materie halten, für die reine Thätigkeit der Vernunft zu gewinnen und ihren Widerstand zu besiegen, ist es nöthig, Formen wieder in Materie umzusetzen, Ideen in Anschauungen zu kleiden, und durch die Operationen der thätigen Kraft die leidende zu affizieren. Nur auf diese Art kann auch bey dem reinen Erkenntnißgeschäfte der Sinnlichkeit ein Gewinn abfallen, und die Arbeit mit Genuß, die Anstrengung mit Abspannung, die Thätigkeit mit Leiden abwechseln.

Dieses leistet der Geschmack im Vortrag der Wahrheit. Bey dem Schönen fängt die Vernunft an, in das willkührliche Spiel der Phantasie ihre Gesetzmäßigkeit zu mischen. Bey dem Schönen fangen Phantasie und Empfindlichkeit an, einen edlern Stoff von der Vernunft zu empfangen, und bey der höhern Thätigkeit des Gemüths interessiert zu werden. Das Schöne dient also nicht blos dazu, die Sinne zur Denkkraft zu erheben, und Spiel in Ernst zu verwandeln, es hilft auch umgekehrt, die Denkkraft zu den Sinnen herabzuziehen und Ernst in Spiel zu verwandeln. Das erste dieser beiden Verdienste erwirbt sich der Geschmack um den empfindenden, das zweyte um den denkenden Theil der Welt.

Zum Denken wird der Mensch, wenn nicht starke Triebfedern seine natürliche Trägheit überwinden, bekanntlich nur durch den Reiz des Genusses eingeladen, und dieser Genuß muß unmittelbar aus seiner Thätigkeit selbst, nicht aus den Folgen derselben fließen. Diese erwarteten Folgen seiner Thätigkeit – sey es nun, daß sie wesentlich daraus fließen, wie die Einsicht aus dem nachdenken, oder daß sie sich zufällig damit verbinden, wie etwa der Lohn mit der Arbeit oder der Ruhm mit der Geschicklichkeit – können niemals zu allgemein wirksamen Antrieben dienen, weil es ja noch stets problematisch bleibt, ob wir eine Vorstellung davon haben, ob wir uns Hoffnung dazu machen, und ob wir einen Werth darauf legen. Und dann kann uns ein noch so großes Gut in der Erwartung, wenn es auch anlockend genug ist, uns zur Arbeit anzuspornen, doch die gegenwärtige Mühe der Anstrengung nicht verbergen, noch das Gefühl eines Zwanges ersparen. Um dieses Gefühl völlig aus dem Gemüth zu verbannen, muß der Genuß so schnell mit der Anspannung wechseln, daß das Bewußtseyn beyde Zustände kaum unterscheiden kann. Ein Meister in der guten Darstellung muß also die Geschicklichkeit besitzen, das Werk der Abstraktion augenblicklich in einen Stoff für die Phantasie zu verwandeln, Begriffe in Bilder umzusetzen, Schlüsse in Gefühle aufzulösen, und die strenge Gesetzmäßigkeit des Verstandes unter einem Schein von Willkühr zu verbergen.

In den wenigsten Fällen wirkt der Verstand logisch, nemlich mit deutlichem Bewußtseyn der Regeln und Principien, die ihn leiten; bei weitem in den mehresten Fällen wirkt er ästhetisch, und als eine Art von Takt, wie Ew. Durchl. schon aus dem Sprachgebrauch ersehen, der in allen Sprachen für diese Verstandesgattung den Ausdruck Gemeinsinn einführte.

Nicht als ob der Sinn jemals denken könnte; der Verstand wirkt hier ebenso gut, als bey dem schulgerechten Denker, nur daß die Regeln, nach denen er verfährt, nicht im Bewußtseyn festgehalten werden, und daß wir in einem solchen Fall nicht die Verstandesoperation selbst, nur ihre Wirkung auf unsern Zustand durch ein Gefühl der Lust oder Unlust erfahren. Ehe das Gemüth sich Zeit nimmt, sein eigener Zuschauer zu seyn, und von seinem Verfahren sich Rechenschaft zu geben, wird der innere Sinn affiziert, die Handlung geht in Leiden, der Gedanke in eine Empfindung über.

Für diesen Takt nun muß der Redner und Schriftsteller von Geschmack sein Werk ausführen, wiewohl er sehr unrecht thun würde, es blos vermittelst eines solchen Takts zu erzeugen. Führt er es hingegen auch für den logischen Verstand aus, wie er es durch denselben erdachte, so legt er jedem seiner Leser oder Zuhörer die Arbeit des Hervorbringens auf, die er doch allein hätte übernehmen sollen; er verweilt sie länger, als es dem Sinn gefallen kann, bey dem zwangvollen Zustand der Abstraktion, indem er den weit beliebteren Zustand der Anschauung und Empfindung verzögert. Er übt also eine Art von Gewalt gegen sie aus und misfällt, weil er die Freiheit beleidigt.

Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, Gnädigster Prinz, daß diesem Gesetz des Geschmacks nur Vorstellungen unterworfen sind, die auf Unterhaltung und Ueberredung abzwecken, nicht aber solche Werke, welche der strengen Prüfung ausdrücklich hingegeben werden, und Ueberzeugung bewirken sollen. Diese letztern sind von allen Anforderungen des Geschmacks nicht nur freygesprochen, sondern es streitet sogar mit ihrem Zwecke, daß sie in ästhetischer Rücksicht vortrefflich sind; weil der Zustand des Genusses der Prüfung nicht günstig ist, und eine geschmackvolle Behandlung das logische Maschinenwerk versteckt, auf welches doch alle philosophische Ueberzeugung sich gründet. So würde Kants Kritik der Vernunft offenbar ein weniger vollkommenes Werk seyn, wenn sie mit mehr Geschmack geschrieben wäre. Ein solcher Schriftsteller wird aber auch vernünftiger weise nicht erwarten, daß er Leser interessire, die seinen Zweck nicht mit ihm theilen.

Wer hingegen allgemein gefallen will, den entschuldigt kein Stoff, er muß die Freiheit der Phantasie respektieren, er muß das logische Geräthe verbergen, wodurch er den Verstand seines Lesers lenkt. Wenn der dogmatische Vortrag in geraden Linien und harten Ecken mit mathematischer Steifigkeit fortschreitet, so windet sich der schöne Vortrag in einer freyen Wellenbewegung fort, ändert in jedem Punkt unmerklich seine Richtung, und kehrt ebenso unmerklich zu derselben zurück. Der dogmatische Lehrer, könnte man sagen, zwingt uns seine Begriffe auf, der sokratische lockt sie aus uns heraus, der Redner und Dichter giebt uns Gelegenheit, sie mit scheinbarer Freiheit aus uns selbst zu erzeugen.

So wie ein geschmackvoller Vortrag zum Denken einladet, und die Erkenntniß der Wahrheit befördern hilft, weil er selbst aus abstrakten Begriffen einen Stoff für die Sinnlichkeit bildet, so hilft der Geschmack auch selbst die Sittlichkeit des Handelns befördern, indem er die moralischen Vorschriften der Vernunft mit dem Interesse der Sinne in Uebereinstimmung bringt, und das Ideal der Tugend in ein Objekt der Neigung verwandelt.

Aber hier, Gnädigster Prinz, betrete ich einen Boden, wo es ebenso gefährlich als leicht ist, einen Mistritt zu thun, und wo ich mich also genöthigt sehe, einen langsameren Schritt zu nehmen. Es giebt der denkenden Köpfe sehr viele, welche von keinem Einfluß des Geschmacks auf die Sittlichkeit wissen wollen, und in diesem Gebiete weit mehr von ihm befürchten als hoffen. In den folgenden Briefen werde ich Gelegenheit haben, ihre Gründe zu prüfen.

Ich erlaube mir noch nur den Wunsch hinzuzusetzen, daß das Interesse Ew. Durchl. an diesen Unterhaltungen nicht in eben dem Grad sich vermindern möchte, als das meinige wächst, solche fortzusetzen.

Mit tiefster Devotion ersterbe ich
Eurer Hochfürstlichen Durchlaucht unterthänigster Diener
F. Schiller.