HomeBriefeBriefwechsel mit Gottfried KörnerSchiller an Gottfried Körner, 1. Dezember 1788

Schiller an Gottfried Körner, 1. Dezember 1788

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Weimar, 1. December [Montag] 1788.

Die Schilderung, die Du von Deinem hermaphroditischen, halb schriftstellerischen, halb dilettantischen Zustande machst, ist ordentlich kurzweilig-rührend, und insofern ich Dich deswegen nicht unglücklicher finde, hätte ich mehr Lust darüber zu lachen, als mich zu grämen. Die Unzufriedenheit, die Dir diese sogenannte Nichtsthuerei giebt, macht Dir Ehre und zeigt, wie sehr Dein Geist mit seiner Verbesserung beschäftigt ist. Jeder andere und nicht gerade der trägere Mensch würde sich in Deiner Lage gar nicht so mißfallen: denn das wirst Du mich nie überreden, daß bloße Betrachtung fremder Kunstwerke, wenn sie kritisch ist, nicht ebenso gut Thätigkeit sei, als die Hervorbringung war; mit weniger Anstrengung freilich und meinetwegen auch mit einer mäßigeren Belohnung, aber dafür auch mit weniger Einschränkung der Genüsse und mit weniger Mißmuth über die Schranken der Kraft oder des Stoffes verbunden, die dem Künstler seine Freude so oft verbittert. Was dieser an intensiver Wirksamkeit und an dem Grade des Genusses vor dem bloßen Betrachter voraus hat, gewinnt der letztere an Vielfältigkeit und Ausbreitung seines Geschmackskreises wieder.

Sonst finde ich, daß Du Dich sehr richtig beurtheilst. Der Grund Deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwang, den Dein Verstand Deiner Imagination auflegte. Ich muß hier einen Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichniß versinnlichen. Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu seyn, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Thoren schon zu scharf mustert. Eine Idee kann, isolirt betrachtet, sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich seyn, aber vielleicht wird sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig; vielleicht kann sie in einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: – alles dies kann der Verstand nicht beurtheilen, wenn er sie nicht so lange festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Verstand seine Wache von den Thoren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen. – Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen, vorübergehenden Wahnwitze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet, und dessen längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert.

Uebrigens könntest Du Dich, wie mir däucht, über die Entbehrung gerade dieses Genusses trösten, weil Deine Sphäre um so weiter wird. Wir Künstler arbeiten ja nur für Euch; mit Kenntniß seines Vortheils kann und darf keiner von uns wünschen, Euch anders zu machen. Aber auch ohne Eigennutz, wie oft habe ich Dich beneidet, und wie mancher andere würde es auch gethan haben. Ihr flattert von einer Schönen zur anderen, ohne eine einzige zu heirathen – und das Heirathen ist in Dingen des Geistes fast noch schlimmer, wenigstens führt es fast noch früher zu einer prosaischen Vertraulichkeit, als das Heirathen im eigentlichen Sinne. Bewahre Dir also überhaupt nur ein reges und kritisches Gefühl für das Schöne, so versiegen Deine Quellen des Vergnügens nie, oder derber zu reden, erhalten Dir einen gesunden Appetit und eine gute Verdauungskraft; die Tafel wird immer für Dich gedeckt seyn – und jeder von uns kann Dir, der wie ein Sultan schwelgt, nur ein einziges Gericht dazu liefern, welches zuzurichten er Jahre gebraucht hat. Ist die Rede von Schriftstellerei, die Dir einträglich werden soll, wozu brauchst Du Fruchtbarkeit? Zu dieser brauchst Du nichts, als die Gaben, die Du Dir zugestehst. Wähle zweckmäßig aus dem, was andere geliefert haben, und ordne es mit Scharfsinn, so hast Du immer Arbeit genug, und selbst dankbare, nützliche Arbeit. Um hier nur einer Gattung Erwähnung zu thun: Du hast einen ungerechten Widerwillen gegen ein Fach, worin Du sehr schätzbar seyn würdest. Das ist die Kritik. Selten, nur selten trifft sichs, daß in einem Kopfe kritische Strenge und eine gewisse kühne Toleranz, Achtung und Billigkeit gegen das Genie u. s. w. sich beisammenfinden, und das findet sich bei Dir. Wie, wenn Du wichtige Produkte aus mehreren Fächern der Literatur in einer angenehmen Einkleidung kritisch durchgingst, wie in den Literaturbriefen von Lessing, im Philosophen für die Welt u. s. w. geschehen ist. Sind es interessante Schriften, die Du beurtheilst, so werden solche Aufsätze jedem Journalisten willkommen seyn. Auch der Mercur steht Dir offen.

Dein Project mit der Fronde will ich zwar nicht niederschlagen, Gott bewahre mich! aber Dir nur sagen, daß wir diesmal in eine kleine Collision gerathen – und auch wieder nicht. Die Sache ist die: ich habe mir schon seit mehr als einem Jahre den Charakter des Retz, des Duc d’Orleans, der Anna und des Mazarin, für irgend ein Journal zurückgelegt, weil sich in allen grade soviel historisches und Charakter-Interesse, und auf der anderen Seite wieder soviel interessante modische Kleinigkeiten und Nebenzüge finden, daß eine leichte Darstellung Glück machen muß. Dein Zweck geht ganz von dem meinigen ab; Du willst die Fronde als eine politische Revolution im Ganzen betrachten. Doch hätte Dich diese Entdeckung späterhin vielleicht stutzig machen können; darum sage ich Dirs vorher; Dein Plan wird übrigens gar nicht dadurch gestört.

Dein Urtheil über meine Geschichte ist von dem meinigen wenig verschieden; aber warum beurtheilst Du Werke meines Fleißes wie Werke des Genies? Wo war ich in der Lage, ich, ein großes historisches Ganze mit einem reifen Blick zu umfassen? Aber Du solltest diese Periode bei einem anderen Schriftsteller lesen, Du würdest mir gewiß Verdienste darum zugestehen.

Mit dem Mercur wird es ungefähr so gehalten werden, wie Du meinst. Man wird ihn dieses 89ste Jahr an Gehalt zu verbessern suchen und dann ohne Geräusch mit dem neuen anfangen. Wieland schickte mir schon Aufsätze, um ihren Werth zu prüfen, und ein großes Gedicht habe ich auch bereits erspart. Im December, der jetzt heraus ist, ist der Beschluß meiner Briefe. Mein Gedicht schick ich Dir nächstens in Manuscript zu. Du solltest jetzt billig auf den Mercur subscribiren, da er gewiß eins der besten Journale wird.

Wegen Huber hast Du einen Feuerstrahl in mein Gewissen geworfen. Suche sein Herz zu bewegen, daß er mir mein langes Stillschweigen verzeihe. Wenn ich seiner Versöhnung gewiß bin und das Vergangene ganz in Vergessenheit senken darf, so will ich ihm frischweg schreiben.

S.