HomeBriefeBriefwechsel mit Gottfried KörnerSchiller an Gottfried Körner, 17. März 1788

Schiller an Gottfried Körner, 17. März 1788

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Weimar, 17. März [Montag] 1788.

Frau von Kalb ist mit ihrem Manne jezt von hier abwesend, und wird erst zu Ende dieses Monats wiederzurückkommen. Sie hat eine Zusammenkunft mit ihrem Schwager auf einem ihrer Güter, und Bertuch ist dabei. Die Sache ist eines Processes wegen, den der Präsident K. führt.

Die Abwesenheit von Charlotten macht mich jezt manchmal zum Einsiedler, weil ich in den Abendstunden, d. h. nach acht Uhr, die fast allein meiner Erholung erlaubt sind, nicht zu jedermann mag oder kann. Das Wielandsche Haus und allenfalls noch eins sind jezt meine einzigen Zufluchtswinkel, die Clubbs ausgenommen; in die Komödie gerathe ich fast gar nicht mehr. Angenehm wird Dirs seyn zu hören, daß ich mich aus dem Schulstaub meines Geschichtswerks auf etliche Tage losgerüttelt und mich ins Gebiet der Dichtkunst wieder hineingeschwungen habe. Bei dieser Gelegenheit habe ich die Entdeckung gemacht, daß, ungeachtet der bisherigen Vernachlässigung, meine Muse noch nicht mit mir schmollt. Wieland rechnete auf mich bei dem neuen Mercurstücke, und da machte ich in der Angst – ein Gedicht. Du wirst es im März des Mercur finden und Vergnügen daran haben, denn es ist doch ziemlich das beste, das ich neuerdings hervorgebracht habe, und die Horazische Correctheit, welche Wieland ganz betroffen hat, wird Dir neu daran seyn. Ich schreibe Dir von dem Gegenstande nichts. Was wir sonst, wenn Du Dich noch gern darauf besinnen magst, miteinander getrieben haben, die Wortfeile, treibe ich jezt mit Wieland, und einem Epitheton zu Gefallen werden manche Billets hin und wieder gewechselt, am Ende aber bleibt immer das erste stehen.

Hast Du die Fortsetzung der niederländischen Rebellion im Februar des Mercur schon gelesen? Ich wäre neugierig, wie Du mit dieser zufrieden bist. Aus dem, was Du kürzlich der Frau von Kalb geschrieben hast, sehe ich, daß Du Dich mit meinem Abfall zur Geschichte noch nicht so recht aussöhnen willst. In der That habe ich Dir alle Gründe mitgetheilt, die mich dazu haben bestimmen können; wenn sie Dich nicht überzeugen, so muß es wohl in unserer verschiedenen Vorstellungsart liegen. Die Geschichte ist ein Feld, wo alle meine Kräfte in’s Spiel kommen, und wo ich doch nicht immer aus mir selbst schöpfen muß. Bedenke dieses, so wirst Du mir zugeben müssen, daß kein Fach so gut dazu taugt, meine ökonomische Schriftstellerei darauf zu gründen, sowie auch eine gewisse Art von Reputation; denn es giebt auch einen ökonomischen Ruhm. Uebrigens denke ja nicht, als ob es mir jemals im Ernst einfallen könnte, mich in diesem Fache zu begraben, oder ihm in meiner Neigung diejenige Stelle einzuräumen, die es, wie billig, in meiner Zeit hat. Auch sehe ich recht gut voraus, daß ich durch meine Arbeit in der Historie mir einen wesentlicheren Dienst leisten werde, als der Historie selbst, und dem Publicum einen angenehmeren, als einen gründlichen den Gelehrten.

Der Geisterseher, den ich eben jezt fortsetze, wird schlecht – schlecht, ich kann nicht helfen; es giebt wenige Beschäftigungen, die Correspondenz mit dem Fräulein von A. nicht ausgenommen, bei dem ich mir eines sündlichen Zeitaufwandes so bewußt war, als bei dieser Schmiererei. Aber bezahlt wird es nun einmal, und ich habe wirklich bei der ganzen Sache auf Göschens Vortheil gesehen.

Meine übrigen Angelegenheiten dürfen Dich gar nicht anfechten, und vor einer übereilten Heirath laß Dir vollends nicht bange seyn. Die Wielandsche Tochter ist so gut als versprochen; ich habs von dem Vater selbst, der freilich in gewissen Augenblicken andere Erwartungen gehabt haben möchte, die ich nicht erweckt, auch nicht unterhalten habe. Wieland hat ganz recht, daß er mit seinen Mädchen eilt und mit dem Ersten dem Besten Ernst macht, ohne zu warten, bis die Genies sich erklären. Bei fünf ledigen Töchtern darf einem wohl Angst werden, aber er hat zwei brave Bursche zu Schwiegersöhnen, die mir beide weit lieber sind als Reinhold.

Du schriebst Charlotten, daß Minna in einigen Monaten niederkommen wird. So etwas schreibst Du mir nun nicht! Mein Herz trägt sich mit den besten Hoffnungen für Euch! Aber um was ich Dich bitte, laß Minna diesmal nicht wieder stillen.

S.